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Sylvain Wiltord Kolumne: „Die Liebe von Arsene Wenger war grenzlos“

Sylvain Wiltord spielte vier Jahre unter Arsene Wenger beim FC Arsenal. Es war die erfolgreichste Zeit der Gunners unter Wenger. In seiner Gast-Kolumne blickt Wiltord zurück, erklärt, wie Wenger arbeitet und glaubt auch: Die Trainer-Legende wird einen neuen Klub übernehmen und wird dort erfolgreich.

Von Sylvain Wiltord

Arsene Wenger war Mister Arsenal. Seine 22 Jahre bei den Gunners sind Ausdruck von Treue, Nachhaltigkeit und Identifikation. Ich durfte dort von 2000 bis 2004 unter seiner Leitung spielen und empfinde das im Nachhinein als großes Privileg. Ich fand sehr schnell heraus, was Arsène auf allen Ebenen im Verein bewegt hatte. Am deutlichsten sichtbar war sein Wirken natürlich auf dem Platz.

Aus dem „Boring, Boring Arsenal“ der frühen 1990er machte er mit seiner Philosophie des „One-Touch-Football“ eine attraktiv, spektakulär und erfolgreich spielende Mannschaft. Das war sein Verdienst. Heute ist der FC Arsenal dafür bekannt und beliebt, auch wenn am Ende zu wenige Trophäen herausgesprungen sind.

Arsene Wenger hat den „full day“ eingeführt

Arsène hat die Ernährung der Spieler von A bis Z umgestellt und viel dafür getan, Verletzungen vorzubeugen und die Regeneration zu verbessern. Er hat den „full day“ auf dem Trainingsgelände eingeführt und dafür gesorgt, dass alle zusammen frühstücken und zu Mittag essen. Und mit „alle“ waren die Spieler gemeint, aber auch alle Betreuer, Trainer, Physiotherapeuten, Fitness-Coaches. Seine Intention war, den FC Arsenal zu einer großen Familie zu machen und das ist ihm auch mehr als gelungen.

Er hatte gleich mehrere Funktionen: Er war Trainer und Manager, aber auch gleichzeitig der Architekt des Klubs. Er hat durchgesetzt, dass ein großes und modernes Stadion gebaut wird, weil er erkannt hat, dass dies notwendig ist, um sich im Konzert der Großen behaupten zu können. Genauso zeichnete er für die Runderneuerung des Vereinsgeländes verantwortlich, das seitdem zu den schönsten in Europa zählt.

„Er wird bei seinem neuen Verein etwas bewegen“

Seine Liebe zu diesem Verein war grenzenlos. Irgendwie haben sich Arsenal und Arsène gesucht und gefunden. Er war jeden Tag auf dem Gelände, sogar wenn trainingsfrei war. Es war ihm unmöglich, dort nicht vorbeizuschauen. Er brauchte das, es war sozusagen seine Droge. Ich bin nicht überrascht, dass er so lange im Amt blieb.

Dagegen verblüfft es mich zu sehen, dass er anscheinend noch lange nicht satt ist. Er ist noch nicht in Rente gegangen, dafür hat er noch zu viel Feuer und Leidenschaft in sich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er einen neuen Verein übernehmen und dort auch etwas bewegen wird.

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Das Pech mit dem FC Bayern

In den letzten Jahren geriet er stark in die Kritik, weil Arsenal seit 2004 keinen großen Titel mehr erringen konnte. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er nicht immer alles gegeben hätte. Überhaupt kann man ihm wenig vorwerfen. Man muss bedenken, dass sich Arsenal durch den Bau des neuen Stadions auf dem Transfermarkt stark beschränken musste und dadurch etwas den Anschluss verlor.

Und dennoch qualifizierte man sich zuverlässig Jahr für Jahr für die Champions League. Arsenal kam zwar meist nicht über das Achtelfinale hinaus, doch muss man auch festhalten, dass die Gegner fast immer Barcelona oder Bayern München hießen. Sehr bitter war allerdings das Ausscheiden 2015, als man auf AS Monaco traf und von einer Pflichtaufgabe ausgegangen war. Das tat weh und war gleichzeitig schlecht fürs Image.

„Wenger hat nichts dem Zufall überlassen“

Ich werde vor allem die Spielzeit 2003/04 immer in bester Erinnerung behalten, als wir vom ersten bis zum letzten Spieltag ohne Niederlage blieben und damit Geschichte schrieben. Bei diesem Triumph hat Arsène eine essenzielle Rolle gespielt. Er hat uns auf jeden Gegner und jedes Spiel extrem professionell eingestellt. Das war schon großes Kino. Dass wir nie den Fokus verloren, auch als wir klar vorne lagen, war allein sein Verdienst.

Er hat einfach nichts dem Zufall überlassen. Er hatte auch mit Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Robert Pires, Patrick Vieira, Jens Lehmann, Ashley Cole, Kolo Touré, Cesc Fabregas, Freddie Ljungberg, José Antonio Reyes oder auch Nwankwo Kanu eine sehr ausgeglichene, erfahrene, aber gleichzeitig unfassbar hungrige Mannschaft.

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Ein echter Gentleman

Dank seiner Persönlichkeit, seiner Trainingsmethoden, seiner Liebe und Hingabe zum Beruf hat sich jeder Spieler bei ihm als Sportler, aber auch als Mensch prächtig entwickelt. Er war einfach klasse, sehr elegant, ein echter Gentleman eben, wie es nur noch wenige gibt. Auch ihm ist es zu verdanken, dass die Premier League heute die reichste Liga der Welt ist, weil er mitverantwortlich dafür war, dass diese Meisterschaft ihre Popularität weltweit immens steigern konnte.

Seine Duelle mit Sir Alex Ferguson oder José Mourinho waren stets voller Rivalität und Intensität. Arsène Wenger hat den englischen, aber auch den internationalen Fußball revolutioniert. Er hat die ganze Branche auf Vordermann gebracht. Er hat viel Vertrauen in junge Spieler gesetzt und war immer in der Lage, eine gesunde Mischung aus jungen und erfahrenen Profis zu finden.

Urlaub war ein Fremdwort

Er war einer der ersten Trainer überhaupt, der viel mit Videoanalysen arbeitete, sowohl bei der Vorbereitung auf den nächsten Gegner als auch in der Nachbetrachtung des eigenen Spiels. Er war den meisten anderen Trainern um Jahre voraus, weil er hervorragend antizipieren konnte, Entwicklungen und Trends frühzeitig erkannte und nutzte. 24 Stunden pro Tag investierte er in den Job. Er konnte nicht anders. Urlaub war für ihn ein Fremdwort.

Für mich gehört Arsene Wenger wie Ferguson zu den größten Trainern aller Zeiten. Dass er im Mai 2018 seinen Hut nahm, nötigte mir den größten Respekt ab. Ich war sehr berührt, als mich die Nachricht erreichte. Neben dem Weltmeistertitel für Frankreich war sein Abschied von Arsenal aus meiner Sicht das wichtigste Fußballereignis jenes Jahres.

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Mensur Suljović: Doppel 14 ins Glück

Mensur Suljović ist einer der Favoriten der Darts-WM in London. Der Österreicher (45) hat  einen steilen Aufstieg hinter sich gebracht. Er behauptete sich dabei gegen die junge Generation in einem Sport, in dem so viele Altmeister heute nicht mehr mithalten können. Aber Suljović hebt nicht ab, er kann den Erfolg einordnen. Er kennt die Schattenseiten des Profisports – und die des Lebens.

17. September 2017. Mensur Suljović atmet tief durch, nimmt sich Zeit. Er tritt an die Wurflinie, fixiert die 2,37 Meter entfernte Scheibe. Suljović hat beim Stand von 9:9 im Finale der Champions League of Darts noch 39 Punkte. Er wirft den ersten Dart in die 11, um sich 28 übrig zu lassen. Noch einmal sein Lieblingsdoppel 14 treffen und er führt mit 10:9, braucht dann nur noch ein Leg zum Sieg. Gleich der erste Pfeil trifft den acht Millimeter breiten äußeren Ring. Suljović ballt die Faust, schreit die Freude raus und verpasst der Luft eine Kopfnuss. So feiert die Nummer sieben der Welt gelungene Aktionen in wichtigen Momenten.

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Der Artikel erschien in der 14. Ausgabe von Socrates

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Dann explodiert der sonst so ruhige Mann, dessen Spitzname im Darts-Circuit „The Gentle“ (Der Sanfte) ist. An jenem 17. September 2017 gab es eine Menge Kopfnüsse von Mensur Suljović zu sehen. Denn an diesem Tag gewann er seinen ersten großen Titel bei der Professional Darts Corporation (PDC). Im walisischen Cardiff sicherte er sich die Trophäe bei der Champions League of Darts, dem Turnier, bei dem die besten acht Spieler der Weltrangliste gegeneinander antreten. „Das war der beste Tag meiner Karriere“, erzählt Mensur Suljović. „Ich wollte einfach nur die Gruppenphase überstehen. Mit dem Sieg hätte ich nie gerechnet.“ Für viele Fans und Experten war der Erfolg ebenso überraschend.  Aber er war eigentlich nur die logische Konsequenz einer kontinuierlichen Leistungssteigerung. Und Suljović will noch mehr. „Mein Ziel ist es, unter die Top Vier zu kommen und bei der WM das Halbfinale zu erreichen.“

„Nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme“

Als er sich im Finale der Champions League gegen den zweifachen Weltmeister Gary Anderson – wieder mit der Doppel 14 – das 11:9 und damit den Sieg holte, ging Suljović in die Knie, hielt sich die Fäuste vors Gesicht und kämpfte mit den Tränen. Dieser Triumph war der vorläufige Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte, die mit einer Flucht begonnen hat.

Mensur Suljović wächst mit drei Brüdern und einer Schwester in Tutin, im ehemaligen Jugoslawien (heute Serbien), auf. Einer seiner Brüder wird während des Balkankonflikts in die Armee einberufen. Die Familie hört danach einen Monat lang nichts von ihm. Das trifft besonders die Mutter, sie weint jeden Tag. Mensur hatte sich freiwillig für das Heer gemeldet – allerdings bevor der Krieg ausbrach. „Dann hat meine Familie beschlossen, dass ich auf keinen Fall zur Armee kann. Wir hätten nicht gewusst, ob ich lebend nach Hause komme. Außerdem wollte ich nicht gegen die eigenen Leute, vielleicht sogar Freunde kämpfen.“

Über Mazedonien und die Türkei flieht er mit seinen Brüdern nach Wien. In Österreich bauen sie sich eine neue Existenz auf. Einer von Suljovićs Brüdern eröffnet ein Kaffeehaus, in diesem lernt er durch den Kontakt zu den Gästen Deutsch. Und dort kommt „The Gentle“ auch erstmals mit Darts in Berührung, allerdings mit einem elektronischen Automaten, dem sogenannten E-Dart. Als für ein Doppel ein Spieler fehlt, springt er ein und agiert gleich so gut, dass ihm keiner glauben will, dass er das erste Mal Pfeile in der Hand hat. Der Ehrgeiz des damaligen Hobby-Basketballspielers ist geweckt, er trainiert teilweise zehn Stunden am Tag. Mensur Suljović hat seinen Sport gefunden.

Mensur litt unter „Dartitis“

Ende der Neunziger dominierte er die E-Dart-Szene, sammelte Welt- und Europameistertitel in Serie. Beim Steeldart betrat er 1999 erstmals die große Bühne, als er bei den Winmau World Masters das Achtelfinale erreichte. Aber bis zum Jahr 2006 spielte Suljović immer noch hauptsächlich E-Dart, das, anders als Steeldarts, nicht offiziell als Sport anerkannt ist. 2007 entschied „The Gentle“ sich, auf den anerkannten Sport umzusteigen. Steeldarts wird zu dieser Zeit immer populärer, die besten Spieler der Welt werden in der PDC mittlerweile reich.

In den ersten Jahren wollten sich die Erfolge nicht so richtig einstellen. Das lag auch daran, dass Mensur zu dieser Zeit an einem Dartsspezifischen, psychologischen Phänomen litt, der „Dartitis“. Geprägt wurde der Begriff durch Tony Woods, der ihn als Redaktionsleiter des World Dart Magazins 1981 erstmals verwendete. Auch wenn sich das mentale Problem bei jedem anders darstellt, gibt es eine große Gemeinsamkeit: Die Spieler haben Probleme, den Pfeil zum richtigen Zeitpunkt (oder teilweise überhaupt) loszulassen. Im Oxford English Dictionary steht zu Dartitis: „A state of nervousness which prevents a player from releasing a dart at the right moment when throwing.” Mensur Suljović erzählt, dass es für einen Dartspieler nichts Schlimmeres gibt. „Du weißt, was du kannst, aber du kannst es nicht bringen. Das tut so weh – im Herzen, im Kopf, überall.“

Viele Spieler haben ihre Pfeile wegen dieser psychischen Blockade im Regal verstauben lassen. Die meisten, die sie überwunden haben, mussten ihren Wurfstil abändern, einen Weg finden, den Kopf auszutricksen. So auch Suljović. Wenn er heute am Board steht, dreht er den Dart vor jedem einzelnen Wurf kurz mit dem Zeigefinger ein paar Mal in der Wurfhand. Das macht er so lange, bis er „ein gutes Gefühl“ hat. Diese zusätzliche Bewegung sorgt dafür, dass er zu den langsamsten Werfern am Oche (der Wurflinie) gehört. Auch deswegen war er lange nicht besonders populär bei den Zuschauern. Heute aber drehen Fans in aller Welt durch, wenn seine Einlaufmusik, Simply the Best von Tina Turner, durch die Lautsprecher der Halle dröhnt. Auch nach dem Überwinden der Dartitis gelang es „The Gentle“ zunächst nicht, in die Weltspitze vorzudringen.

Der Aufstieg

Er rangierte meist irgendwo zwischen Platz 40 und 60 in der Order of Merit, der Weltrangliste auf Basis des eingespielten Preisgelds. In diesen Regionen lassen sich die Kosten für die Reisen zu den Turnieren durch das gewonnene Preisgeld nicht abdecken. Und auch potente Sponsoren reißen sich nicht gerade um die Spieler, die bei den Major Turnieren früh rausfliegen oder gar nicht erst dabei sind. 2011 dachte Suljović darüber nach, aufzugeben und die Profi-Tour der PDC nicht mehr zu spielen. Er konnte sich seinen Traum eigentlich nicht mehr leisten. Aber der Österreicher versuchte es weiter, war noch nicht bereit, aufzugeben. 2014 feierte er dann mit dem Erreichen des Viertelfinals der UK Open, einem der wichtigsten Turniere des Jahres, sein bis dato bestes Ergebnis bei der PDC. Voller Selbstvertrauen nahm er sich für 2015 vor, noch einmal einen Angriff zu wagen, noch einen Versuch, in die Top 16 der Welt einzuziehen.

Im Juli 2016 hat er es geschafft. Durch das Erreichen des Achtelfinals beim World Matchplay steht Suljović erstmals unter den Top 16, die für den Großteil der Turniere auf der Profitour gesetzt sind. Drei Monate später gelingt ihm mit seinem ersten Turniersieg bei den International Darts Open in Riesa der endgültige Durchbruch. Ein paar Wochen danach steht er im Finale der Europameisterschaft im belgischen Hasselt, was ihn unter die Top Ten der Welt bringt. Im Viertelfinale besiegt er dort sein großes Idol Phil Taylor, den großen Mann des Sports und sechzehnfachen Weltmeister. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Das hat sich fast wie ein WM-Sieg angefühlt.“ Als einen der wichtigsten Bausteine für seinen Erfolg sieht Suljović seinen Mentaltrainer. Dieser habe ihm geholfen, in entscheidenden Momenten nicht nervös zu sein und das Publikum auszublenden.

„I play darts. This is Mensur, this is me“

„Ich hatte auf der Bühne immer wieder Probleme bei Führungen. Ich war oft klar vorne und hab dann noch verloren. Mein Mentaltrainer hat mir Wege aufgezeigt, um diese Probleme zu überwinden. Welche, das bleibt geheim.“ Der zweite Pfeiler seines Aufschwungs ist sein Trainingsfleiß, der dritte sein unbändiger Wille. Milliarden Darts habe er in seinem Leben geworfen, sagt er. „Mich begeistern Leute, die sehr diszipliniert sind und nie aufgeben – wie Thomas Muster. Der war wirklich ein Kämpfer. Man hat immer gesagt, er ist wie ein Deutscher. Er hat nie aufgegeben.“

Die Weltmeisterschaft im Alexandra Palace in London ist für alle Dartspieler und –fans das Highlight des Jahres. Jeden Turniertag werden 4.500, teils skurril verkleidete Fans ihre Helden und sich selbst frenetisch feiern. Im letzten Jahr schied Suljović überraschend bereits in Runde zwei aus. Dieses Jahr wäre eine ähnlich frühe Niederlage eine Sensation. Der erste deutschsprachige Spieler, der überhaupt ein PDC-Turnier gewinnen konnte, ist bei der WM auch die große Hoffnung der deutschen Fans. Einen Profi, der auf Suljovićs Niveau spielt, gibt es in Deutschland nicht. Mensur Suljović weiß, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Darts. Aber dennoch lebt er diesen Sport. Auch wenn er mal in Urlaub ist, muss er spielen. In einem TV-Interview mit der PDC sagte er: „I play darts. This is Mensur, this is me.“

Sven Scharf