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Luka Dončić: „Schaut in sein Gesicht“

Luka Dončić ist einer der besten Spieler der NBA. Der Nachfolger von Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks bricht Rekorde über Rekorde. Ein Aufstieg, der für Luka Bassin nicht überraschend kommt. Der Dončić-Kenner schreibt bei SOCRATES, wie s zum Aufstieg kam.

Von Luka Bassin

Ich will gar nichts beschönigen. Obwohl ich einen großen Teil meiner Karriere als Trainer von Jugendmannschaften arbeitete, brauchte ich zehn Jahre, um das besondere Talent von Luka Dončić zu bemerken. Luka trat in mein Leben, da konnte er aus eigener Kraft noch nicht einmal stehen. Als ich mit seinem Vater Saša in die Kleinstadt Škofja Loka wechselte, krabbelte Luka im Training immer den Bällen nach, dabei waren die fast größer als er selbst.

Dass er ein Star werden könnte, auf dessen Schultern ein NBA-Team seine Zukunft baut, kam mir damals nicht in den Sinn. Ein paar Jahre später beendete ich meine Karriere, ging aber immer noch zu Spielen in Domžale und Ljubljana, um meinen Kumpel Saša zu unterstützen. Luka war damals im Grundschulalter und stand oft am Spielfeldrand, immer mit einem Ball in den Händen.

Slowenien war zu klein für Luka Dončić

Ich werde nie vergessen, wie ich ihn erstmals in einem richtigen Spiel, fünf gegen fünf, auf dem Court gesehen habe. Das war 2008. Ich war damals Jugendtrainer bei Olimpija Ljubljana. An jenem Tag benutzten die Basketballschüler des Vereins die Sporthalle, als die Spieler der U 11 auf den Court kamen. Luka war zwei Jahre jünger als die meisten anderen, aber im Spiel merkte man davon überhaupt nichts. Seit diesem Tag sah ich ihn nicht mehr „nur“ als Sašas Sohn, sondern verfolgte seine Spiele.

2012 nahmen wir mit der U 13 von Olimpija an einem internationalen Turnier in Rom teil. Nachdem Luka im Finale 54 Punkte, 11 Rebounds und 10 Assists aufgelegt hatte, war mir klar: Slowenien ist zu klein für ihn. Real Madrid war auf ihn aufmerksam geworden und einigte sich mit seiner Familie auf eine Art Probezeit, um Luka ausgiebig beobachten zu können.

Der Wechsel zu Real Madrid

Er nahm im Trikot von Real an der „Minicopa Endesa“ teil, dem wichtigsten Turnier für U-14-Spieler in Spanien. Obwohl Luka einer der jüngsten Teilnehmer dort war, dominierte er die Veranstaltung. Mit seiner erstaunlichen Reife und Robustheit faszinierte er alle Beobachter. Jetzt war ich vollkommen sicher, dass er eine großartige Zukunft haben würde.

Dennoch gab es in Slowenien Diskussionen um seinen Umzug nach Madrid. Ich gehörte zu den Leuten, die sich Sorgen um ihn machten. Ich fürchtete, dass ihn die Anstrengungen, eine neue Sprache zu lernen und sich in einem fremden Land einleben zu müssen, in seiner Entwicklung behindern würden. Das war aber eine Fehleinschätzung. Es sollte sich zeigen, dass seine Familie mit seinem frühen Wechsel ins Ausland eine zwar mutige, aber vollkommen richtige Entscheidung getroffen hatte und Luka im vorzüglichen Fördersystem von Real Madrid bestens aufgehoben war.

Luka Bassin, Jahrgang 1971, begann nach seiner Spielerkarriere in verschiedenen Mannschaften Sloweniens als Trainer bei Jance STZ. Sowohl beim Hauptstadtklub Olimpija Ljubljana als auch auf nationaler Ebene coachte er unterschiedliche Altersklassen im Nachwuchsbereich. Sechs Spieler der Nationalmannschaft, die 2017 Europameister wurde, betreute er während ihrer Ausbildung. Zuletzt wechselte er von Olimpija Ljubljana zum Stadtrivalen Ilirija, wo er im Trainerstab von Lukas Vater Sasa Doncic tätig ist.
Luka Bassin
Basketball-Trainer

Luka Dončić: Die absolute Selbstsicherheit

Ich saß gebannt vor dem Fernseher, als er in seinem ersten Spiel in Spaniens Top-Liga ACB nach 15 Sekunden gegen Unicaja Málaga einen Dreier versenkte. Eine Sache hat ihn immer ausgezeichnet, eine bestimmte Haltung: Egal ob er in der Jugend gegen drei Jahre ältere Kinder spielte oder als 16-Jähriger in der stärksten Liga Europas debütierte, er trat immer mit der absoluten Selbstsicherheit auf. Er hat diesen Blick, den er wie einen unsichtbaren Harnisch trägt und mit dem er gegen jeden Zweifel gewappnet ist.

Im Laufe der Jahre hieß es immer wieder, Lukas Athletik sei nicht gut genug für das nächste Level und sein Shooting zu unzuverlässig. Ich liebe einen Ausspruch des ESPN-Experten Fran Fraschilla über Luka: „Es heißt, er sei etwas zu langsam, doch trotzdem ist er allen anderen immer zwei Schritte voraus.“

Er kultivierte seine signature moves

Inzwischen ist er mittendrin in der NBA und begeistert mit seinem Spiel. Er hat sogar schon zwei signature moves kultiviert, zumindest schwören die Texaner, dass sie noch nie solche Stepback-Dreier und Pass-Fakes unter dem Korb gesehen haben.

Seit seinen Anfängen als „Maskottchen“ bei Loka Kava hat er mich vieles gelehrt. Um zu sehen, was für ein außergewöhnlicher Spieler er ist, schauen Sie ihm am besten ins Gesicht. Das genügt, Sie werden schon sehen…

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Tony Parker im Interview: „Sie sagten, ich sei ungeeignet“

Tony Parker (37) hat nach 18 Jahren NBA aufgehört, als Legende diesseits und jenseits des großen Teiches. Am Ende war das Feuer für den Sport erloschen. Im Gespräch mit SOCRATES blickt der Franzose auf seine Karriere zurück, spricht über Nowitzki, Jordan und all die Projekte, denen er sich jetzt mit ganzer Kraft widmen will.

Tony Parker, Sie haben im Juni Ihr Karriereende verkündet. Wie ging es Ihnen damit?

Ich war mit mir im Reinen, es war die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt – und sie war wohlüberlegt. Ich blicke mit Stolz auf meine gesamte Karriere zurück. Egal ob ich meine Zeit in Paris, San Antonio, Charlotte oder der französischen Nationalmannschaft betrachte, es hat alles gepasst. Eigentlich habe ich meinen Traum jeden Tag gelebt. Ich habe sogar das Gefühl, dass es noch schöner war, als ich es mir je ausgemalt habe. Ich hätte nie gedacht, so viele Titel zu gewinnen und bis in die Top 50 der besten Scorer der Geschichte zu kommen. Ich habe mir nicht das Geringste vorzuwerfen. Ich habe immer alles gegeben und alle Ziele erreicht. Es klingt vielleicht komisch, aber meine Karriere war von A bis Z ein einziger Traum.

Das kann man sagen. Sie haben vier NBA-Meisterschaften gewonnen, waren Finals-MVP, All Star, Europameister und noch viel mehr. So etwas kann man ja nicht planen. Mit welchen Zielen sind Sie ursprünglich angetreten?

Ich wollte in die NBA, dort meine Chance nutzen und Frankreich gut vertreten. Nie im Leben habe ich daran gedacht, der beste französische Basketballer aller Zeiten zu werden. Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich oft als Legende bezeichnet, aber das war am Anfang gar nicht mein Ziel. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich so viele Jahre auf dem höchsten Niveau spielen konnte. Die Konstanz und das Durchhaltevermögen sind das Schwierigste. Es gefällt mir ganz gut, dass ich in Frankreich immer als Beispiel herangezogen werde, wenn es um Beständigkeit und Erfolg im Sport geht.

Das Interview erschien in Ausgabe #36: Jetzt nachbestellen

Zu jeder Karriere gehören Niederlagen. Welche tat am meisten weh?

Die in den Finals 2013 gegen Miami. Bis heute habe ich Schmerzen, sobald ich an dieses Endspiel erinnert werde, aber das ist völlig in Ordnung. Ich kann damit problemlos leben. Ich habe einige heftige Rückschläge erlebt, aber dadurch kann ich die Erfolge nur noch mehr genießen.

Was zeichnet Sie besonders aus?

Als ich anfing, sagten mir viele Leute, dass ich für Basketball alles andere als geeignet wäre. Ich sei entweder zu klein oder zu schmächtig oder beides zusammen. Das tat schon weh. Auf der anderen Seite habe ich daraus Kraft geschöpft. Viele Spieler waren körperlich stärker als ich, dafür war ich im Kopf bärenstark. Ich war jahrelang auf keiner Party, habe meinen Körper gepflegt und auf meine Ernährung geachtet. Ich habe auf vieles verzichtet und hart gearbeitet, doch es hat sich gelohnt.

Können Sie gut loslassen?

Ich denke, dass es viel einfacher wird, als viele glauben, weil mir zuletzt einfach die Motivation fehlte. Ich sehe keinen Grund mehr und keinen Sinn, noch eine weitere Saison dranzuhängen.  In 17 Jahren bei den San Antonio Spurs hatte ich stets das Gefühl, dass wir zu den Titelkandidaten zählten. In der vergangenen Spielzeit bei den Charlotte Hornets war das nicht der Fall. Wenn man jede Saison um den Titel spielt, ist man verwöhnt. Mir fehlten die Leidenschaft und der absolute Wille. Nun habe ich zahlreiche Projekte und neue Aufgaben, so dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mir Basketball fehlen wird.

Hat die Befürchtung eine Rolle gespielt, dass Sie den richtigen Zeitpunkt für das Karriereende verpassen könnten?

Es ist wichtig, mit sich im Reinen zu sein und sich nicht selbst in die Tasche zu lügen. Irgendwann ist es einfach vorbei. Ich habe genug Pokale gewonnen und genug Geld verdient. Es ist an der Zeit, für andere Platz zu machen.

Wie war es in Charlotte, dem Klub von Michael Jordan?

Wir begegneten uns nur selten, weil er sehr beschäftigt ist. Bei unserer Weihnachtsfeier und gelegentlich beim Training, tauschten wir uns aus, aber meist war er nicht zu sehen. Er hat ein paar Videos mit uns gedreht und kam dabei sehr natürlich und humorvoll rüber. Er war mein großes Idol und hat mich vor allem mit seiner professionellen Einstellung stets sehr beeindruckt. Ich bin stolz darauf, für seinen Klub gespielt zu haben, auch wenn es nur ein kurzes Abenteuer war.

Sie waren ewig bei den Spurs. Hätten Sie Ihre Karriere nicht lieber dort beendet und wie Dirk Nowitzki nur für einen einzigen Klub in der NBA gespielt?

Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Natürlich wäre es ein Traum gewesen, in San Antonio aufzuhören, aber ich hatte ohnehin schon eine traumhafte Karriere. In Charlotte konnte ich beweisen, dass ich immer noch konkurrenzfähig bin, das war mir durchaus wichtig. Bei der Gelegenheit möchte ich den Hut vor Dirk Nowitzkis gigantischer Karriere ziehen. Er war überragend. Er hat alles verdient, was er erreicht hat, weil er hart dafür gearbeitet hat.

Das geben wir gerne weiter. Sie sind bereits seit etlichen Jahren parallel als Geschäftsmann und Funktionär u.a. beim französischen Klub ASVEL Villeurbanne tätig und erfolgreich. Woher kam das Interesse für das Business?

Mir hat es immer gefallen, Dinge zu entwickeln und voranzutreiben. Mein Sport und sein Umfeld haben es mir ermöglicht, viele Kontakte mit Business-Leuten zu knüpfen und mich weiterzuentwickeln. Ich habe mir viel von den Profis abgeguckt, habe gelernt und dann meine eigenen Projekte gestartet.

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Haben Sie dabei auch die Schattenseiten kennengelernt?

Klar, es gibt in diesem Milieu unheimlich viele Leute, die nur das Ziel haben, einen Spieler auszunehmen. Deshalb ist es so wichtig, sich die richtigen Personen an seine Seite zu holen. Das müssen Leute sein, die die gleiche Vision haben und eine zumindest ähnliche Vorgehensweise. Ich will Leute für gemeinsame Projekte begeistern, das liegt mir sehr am Herzen. Dabei ist es völlig egal, ob es um Immobilien oder Finanzen geht.

Gibt es auch ein Vorbild für Sie in diesem Business-Bereich?

Michael Jordan war im Sport wahnsinnig erfolgreich und anschließend mit seiner Marke Air Jordan ebenfalls. Magic Johnson hat bewiesen, dass er es als Unternehmer draufhat; egal ob mit Starbucks, TGI Friday’s oder den Kinos. Ich würde gern seinen Weg gehen. Er ist für mich sicherlich ein Vorbild.

Machen Sie Fehler?

Selbstverständlich. Man lernt unheimlich viel, wenn man viel unternimmt und dabei sind Fehler völlig normal. Und aus den Fehlern wiederum kann man wahnsinnig viel lernen, um anschließend mit Schwierigkeiten, die unerwartet auftreten, besser umgehen zu können. Meine große Stärke besteht darin, dass ich gut trennen kann. Basketball ist Basketball und Business ist Business.

Es sieht nicht so aus, als müssten wir uns Sorgen machen, dass Sie sich langweilen könnten?

Auf keinen Fall. Ich habe verschiedene Projekte, bei denen ich mich voll einbringen will: als Präsident von Villeurbanne natürlich und dann bei meiner Filmproduktion. Dazu kommt meine Aufgabe als Botschafter für Bildung für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Ich freue mich riesig auf all diese Aufgaben und die kommenden Jahre. Und dann möchte ich auch unbedingt mehr Zeit für die Familie haben.

Sie und Ihre Ehefrau Axelle Francine haben zwei Söhne im Alter von drei und fünf Jahren. Was bekommen die denn schon von ihrem so beschäftigten Vater mit?

Noch verstehen sie natürlich nicht, was ich alles tue und was ich erreicht habe. Aber natürlich sind sie sehr neugierig und wenn mich Leute im Restaurant etwa um Fotos oder Autogramme bitten, dann fragen sie sich natürlich, was es damit auf sich hat. Sie sollen mich aber nicht als ehemaligen Basketball-Star erleben, sondern als normalen Vater. Das ist mir sehr wichtig. Ich will ein ganz normaler Vater sein.

Interview: Alexis Menuge

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Kobe Bryant: Der große Abschied

Kann man 20 Jahre Glanz in 48 Minuten pressen? Zum Beispiel im letzten Karrierespiel? Wenn sie Kobe Bryant heißen, ist alles möglich. US-Autor Roland Lazenby erinnert sich für Socrates an Kobes letztes Spiel.

Quin Snyder, Trainer der Utah Jazz, war schon als Mike Browns Assistenztrainer bei den L.A. Lakers beeindruckt von Kobe Bryant. Auch wenn Browns kurze Zeit bei den Lakers ein Reinfall war, hatte Snyder dort immerhin die Gelegenheit, Kobe Bryant etwas näher kennen zu lernen. Dieser war unnahbar, in seinen gesamten 20 Jahren bei den Lakers hielt er alle Mannschaftskollegen, mit denen er spielte, auf Abstand. Der ehemalige Lakers-Trainer Mike D’Antoni sagte einmal über ihn: „Wollen Sie die Wahrheit hören? Kobe ist ein großes Arschloch.“

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Es war also nicht gerade wahrscheinlich, dass Kobe sich für einen Assistenztrainer wie Snyder besonders interessieren würde. Aber es lag etwas zu Snyders Gunsten vor – er hatte College-Basketball an der Duke Universität bei Mike Krzyzewski gespielt. Für Bryant war Krzyzewski der Trainer schlechthin, seit er in der High School davon träumte, an der Duke zu spielen. Dazu kam es nicht, denn Bryants Familie konnte sich das nicht leisten und brauchte dringend Geld. Also nahm er ein heimliches Angebot von Adidas an und ging nicht zum College, sondern direkt in die NBA. Diese Entscheidung bereute er lange. Aber Duke hatte er immer toll gefunden – das ließ auch seine Leistung im Team USA bei den Olympischen Spielen 2008, trainiert von Krzyzewski, erkennen.

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Der Artikel erschien in der 3. Ausgabe von Socrates im Dezember 2016

Kobe Bryant war nicht mehr in Form

Bryant und Snyder freundeten sich schließlich an, worauf Snyder sehr stolz war. Aber nun gab es ein Problem – Snyders Team, Utah Jazz, sollte die letzte Mannschaft sein, gegen die Bryant in seiner NBA-Karriere spielen würde. Kobe Bryant war durch seine vielen Verletzungen in den letzten Jahren und das exzessive Training nicht mehr in Form. Fast seine ganze 20. Saison über spielte er so schlecht, dass Lakers-Spiele praktisch eine Zumutung für die Zuschauer wurden. Aber er trainierte für eine letzte große Überraschung bei seinem Abschiedsspiel. Das wollte er auf keinen Fall verpatzen, sondern es sollte eine letzte große Show werden, die in Erinnerung bleiben würde.

Während der Saison hatte er zwar wegen seines Alters schon ziemlich kämpfen müssen, aber wer weiß, vielleicht würde er ja sogar 30 oder 40 Punkte schaffen – in seinem 1346. Profispiel! Warum nicht? Früher war noch Michael Jordan sein Referenzpunkt, an dem er sich maß. Seine letzte Saison war zwar im Ergebnis nicht besonders erfolgreich, aber wenn er nun bei seinem letzten Spiel noch einmal an seine früheren Leistungen anknüpfen könnte, dann würde er den eigentlichen Endgegner aller Sportler besiegen: das Alter.

„Ich kann es nicht fassen“

„Ehrlich gesagt kann ich es nicht fassen“, sagte er nach dem Spiel. Auch Snyder und die Jazz konnten es nicht fassen: „Viele von uns standen unter Schock“, meinte Gordon Hayward von den Jazz später. Bryant hatte in seiner letzten Ansprache vor dem Spiel nur eine Forderung an seine jüngeren Team-Kollegen gehabt: „Ihr müsst alles geben. Das ist mir wichtig.“ So kam es aber nicht. Die Lakers lagen das ganze Spiel über zurück, bis zum letzten Viertel, in das sie mit einem 14-Punkte-Rückstand gingen. Doch dann drehte Bryant auf und lieferte ein nicht für möglich gehaltenes 60-Punkte-Spiel ab. Und das mit 37 Jahren. Das Beste: Sein letztes Abtauchen in „The Zone“ bescherte den Lakers einen 101:96-Comeback- Sieg, der die Fans im Freudentaumel toben ließ.

Die Zahlen des Spiels sprechen für sich. Im Schlussviertel drehte Bryant allein die Partie zugunsten der Lakers und erzielte 23 Punkte – die Jazz nur 21. Mit 17 Punkten in Folge führte er die Aufholjagd an. Obwohl die Saison 2015/16 eine mit vielen High-Scores gewesen war, hatte kein anderer NBA-Spieler ein 60-Punkte-Spiel geschafft. Davon gab es überhaupt nur 31 in der NBA seit 1963, wie der Journalist Howard Beck anmerkte. In den letzten elf Saisons gab es acht, und fünf davon schaffte Kobe Bryant.

„Wirf, wirf, wirf!“

Wilt Chamberlain war 1969 einst mit 32 Jahren der älteste Spieler, der je 60 Punkte in einem Spiel erreicht hatte (genauer gesagt 66), aber diesen Rang hat Bryant ihm nun mit 37 Jahren in seinem letzten Spiel abgelaufen. Bryant verwandelte 22 seiner 50 Wurfversuche (Karriere-Bestwert); von seinen 21 Dreier-Versuchen traf er allerdings nur sechs. Sogar er selbst wunderte sich über den eigenartigen Verlauf des Spiels: „Meine Mitspieler haben mich die ganze Zeit ermutigt und meinten immer: Wirf, wirf, wirf! Das war wie eine verkehrte Welt. Ich war auf einmal nicht mehr der Blöde, sondern der Held und es hieß nicht mehr Pass!, sondern Wirf! Das war echt merkwürdig.“

In derselben Nacht beschlossen die Golden State Warriors in Oakland ihre historische Saison mit 73 Siegen, den meisten in einer Saison überhaupt, besser als die 72 Siege der Chicago Bulls mit Michael Jordan 1996. Aber irgendwie schaffte es Bryant, den Warriors die Show zu stehlen.

An jenem Abend nutzte er seine letzte Gelegenheit, die Lakers-Fans daran zu erinnern, wofür sie ihn jahrelang so verehrt hatten. Aber das war nichts verglichen mit China, wo 110 Millionen das letzte Spiel des Mannes eingeschaltet hatten, den sie verehren wie Elvis. „Ich kann nicht glauben, dass 20 Jahre vergangen sind“, sagte er nach dem Spiel zu den Fans im Staples Center. Er hat seinen Traum wahrgemacht. Nachdem er angekündigt hatte, dass er nach seinem Ausstieg Autor und Produzent werden würde, hat er sich nun selbst einen Bilderbuch-Abschied geschrieben. „Was Besseres als das kann man sich nicht ausdenken“, sagte er. Dann hob er die Arme zum Publikum und sagte: „Mamba out.“ Schon kurz danach standen T-Shirts mit diesem Spruch auf seiner Webseite zum Verkauf.

„Er hat bestimmt noch mehr vor“

Snyders hatte vor dem vorletzten Spiel gegen die Lakers mit Bryant gesagt: „Wir haben uns im Sommer ab und zu geschrieben.“ Bezüglich des letzten Spiels meinte er: „Auch wenn wir verloren haben, war es toll, bei dem Spiel dabei gewesen zu sein, besonders für mich als sein Freund. Man will natürlich immer gewinnen. Aber ihn zu sehen… Ich habe das Video von den letzten vier Minuten mehrmals angeschaut, wo er elf Punkte in Folge macht. Das werde ich nie vergessen. Und wenn ich es vergessen sollte, wird er mich wahrscheinlich eh daran erinnern…“ Ein bisschen Rumblödeln gehört für beide dazu.

„Ich war sehr aufgeregt darüber, dass er sein Unternehmen gegründet und die Glocke geläutet hat“, sagte Snyder in Bezug auf Bryants Börsengang, „er hat bestimmt noch mehr vor.“

Kobe Bryant meinte vor kurzem, dass er es bis jetzt noch nicht vermisst hätte, in der NBA zu spielen. Das liegt bestimmt daran, dass er immer noch in Dauerschleife sein letztes Spiel anschaut.

Roland Lazenby