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Novak Djoković: Als Mensch gegen Götter

Er schien dazu verdammt, ein Dasein im Schatten von Roger Federer und Rafael Nadal zu fristen. Doch dann erfand Novak Djoković sich neu – und eroberte den Tennis-Thron.

„Lache, solange du atmest.“ Mit diesem Ratschlag empfängt Novak Djoković seine fast neun Millionen Twitter-Follower. Es passt zu dem Mann, der vor vielen Jahren den Spitznamen „Djoker“ bekam, unter anderem auch deswegen, weil er das Publikum mit punktgenauen Imitationen der großen Tennis-Stars so gern zum Lachen brachte.

Dieser kecke, jugendliche Übermut ist beim mittlerweile zweifachen Familienvater einer gewissen Reife gewichen, die mit genügend Lebenserfahrung fast schon zwangsläufig einhergeht. Hier und da blitzt er aber noch auf, Noles Drang, die Zuschauer zu unterhalten. Wie nach seinem Sieg bei den Australian Open 2019, als er den Akzent eines italienischen Journalisten so perfekt imitierte, dass sich alle Zeugen auf der Pressekonferenz bogen vor Lachen.

„Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Ein halbes Jahr später war es allerdings ein ungläubiges Gelächter, das Djoković heraufbeschwor. Er hatte gerade Roger Federer in einem kolossalen Fünfsatzmatch im Finale von Wimbledon bezwungen, ein Match, in dem er nicht nur den besten Rasenspieler aller Zeiten gegen sich hatte, sondern auch die 15.000 Zuschauer auf dem Centre Court, die ihren Liebling ein neuntes Mal zum Titel peitschen wollten.

Dennoch hatte Djoković am Ende triumphiert.

Trotz einer für seine Verhältnisse recht schwunglosen Leistung, trotz zweier Matchbälle gegen ihn, trotz der Tatsache, dass Federer in so ziemlich allen Statistiken teilweise deutlich vorne lag. Die wichtigen Punkte gingen an Djoković, und so gewann er drei Tiebreaks, darunter den zum 13:12 im fünften Satz. Wie er mit der einseitigen Unterstützung von den Rängen für den Gegner umgegangen sei, wurde er anschließend gefragt. Seine Antwort: „Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Niemand, selbst Djoković nicht, konnte den anwesenden Journalisten in diesem Moment ihr Auflachen verdenken, und so zuckte er nur mit den Schultern und lächelte nachsichtig: „Ich weiß, es hört sich albern an, aber es ist wirklich so. Ich versuche mich davon zu überzeugen.“ Der Unterschied im vielleicht dramatischsten Match der Wimbledon-Geschichte: ein fleischgewordener Simpsons-Witz. „Smithers, buhen die mich aus?“ – „Nein, die rufen nur Buh-urns!“

Der unbedingte Glaube an sich selbst

Eine amüsante Fußnote, die in den Tagen danach ihren Weg in zahllose Artikel fand, die allesamt dem Sieger Djoković huldigten. Und die allesamt nicht sonderlich gut aufgepasst hatten, denn die „Transmutation“, von der der alte und neue Wimbledon-Champ gesprochen hatte, war keineswegs neu. „Ich spielte ein Psychospielchen mit mir selbst: Sie schrien ‚Roger!‘ und ich stellte mir vor, sie schrien ‚Novak!‘“ Ein Zitat vom Tag nach dem US-Open-Finale 2015 – damals hatte Djoković Federer und das Arthur-Ashe-Publikum in vier Sätzen bezwungen. Es sind diese Matches, die Djoković den Ruf eines „mentalen Giganten“ eingebracht haben.

Matches, die er von Rechts wegen niemals hätte gewinnen dürfen. „Das war wahrscheinlich das mental härteste Match, das ich jemals gespielt habe“, sagte er nach dem fast fünf Stunden dauernden Wimbledon-Finale, und gab faszinierende Einblicke in sein Innenleben und seine Vorbereitung. „Ich spiele jedes Match in meinem Kopf durch, bevor ich auf den Court gehe, und versuche, mich selbst als Sieger zu sehen. Ich glaube, darin liegt Kraft“, erklärte er, und sprach über Willensstärke, ständig neues Fokussieren, über den unbedingten Glauben an sich selbst.

Der ungeliebte Eindringling

Ein Glaube, der ihm lange gefehlt hatte und den er sich hart erarbeiten musste. Novak Djoković ist ein überragender Tennisspieler. Sein Spiel von der Grundlinie ist makellos, er hat die Fähigkeit, jeden noch so aussichtslosen Ball zu erreichen und mit einem Winner zu kontern. Sein „Ausrutschen“ der Bälle auf Hartplatz ist legendär, sein Return der beste in der Geschichte des Herrentennis. Wie ein Supercomputer nutzt er die ersten Aufschlagspiele jeder Partie, um sein Spiel auf das des Gegners zu kalibrieren, kaum jemand hat so viele Möglichkeiten, sich das Gegenüber zurechtzulegen und die Schlinge dann zuzuziehen.

Aber Djoković hat nicht das Talent seiner beiden größten Kontrahenten. Wo Roger Federer und Rafael Nadal aus dem Tennis-Olymp herabgestiegen scheinen, der eine mit kühler Eleganz, der andere mit herkulischer Kraft, ist Novak bei all seinen Fähigkeiten „nur“ ein Mensch. Als er 2006 sein erstes ATP-Turnier gewann, hatten Roger und Rafa den Tennis Zirkus bereits unter sich aufgeteilt, die weltweite Fangemeinde inklusive.

Djoković war der ungeliebte Eindringling, jahrelang blieb er die dritte Kraft. Bis 2011 gewann er ein Grand Slam – Nadal stand da schon bei neun, Federer gar bei 16. Es gab nur eine Trumpfkarte, die ihm blieb: Auf dem Platz konnte er Federer und Nadal nicht bezwingen – doch im Kopf schon.

Nicht nur Fitnessstudio

Dafür musste er allerdings erst lernen, sich selbst zu besiegen. In seinem Buch Siegernahrung von 2013 schildert Djoković seinen Wandel vom Spaßmacher zum Asketen, man erfährt, wie er mit manischer Präzision jedes Fitzelchen Potenzial aus seinem Körper herauspresst. Viel wichtiger aber: Er lernte, seinen Respekt vor Federer und Nadal abzulegen, den eigenen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden.

Möglich machte dies jahrelanges mentales Training. Tag für Tag für Tag. Djoković setzt auf Meditation, auf ständige Visualisierung des Erfolgs: „Ich glaube fest daran, dass du die Dinge bekommst, die du dir vorstellst. So funktioniert das Leben einfach.“ Mindestens so viele Stunden wie auf dem Platz oder im Fitnessstudio müsse man in sich selbst investieren, in den eigenen Charakter, in die eigenen Fehler, sagte er einmal, sprach von ständigen inneren Kämpfen, die es auszufechten gilt.

Es ist ein holistischer Ansatz, der in seinen Interviews immer wieder durchscheint. Man mag ihn als krude Selbsthilfe belächeln, mit dem Verweis darauf, dass der spirituell stets wissbegierige Djoković damit schon in der einen oder anderen Sackgasse gelandet ist: Als er 2017 in einer Sinnkrise steckte, feuerte er sein gesamtes Team inklusive Erfolgstrainer Marián Vajda und nahm die Hilfe eines spanischen Gurus mit eher zweifelhaftem Ruf in Anspruch. Ein Jahr später kehrte Vajda zurück – und mit ihm der Erfolg.

„Du stehst hier nicht ohne Grund“

Oder man mag bewundern, mit welcher Konsequenz Djoković seine Erkenntnisse in die Tat umsetzt, und wie weit sie ihn gebracht haben. Als Siebenjähriger träumte er nicht einfach nur vom Sieg auf dem Heiligen Rasen, sondern bastelte sich eine Version der Wimbledon Trophäe dazu. 2011 hielt er endlich das Original in den Händen, 2019 folgte sein vielleicht größter Triumph, sein Meisterstück mentaler Stärke. Wie ihm das gelang? „Du musst dich immer wieder daran erinnern, dass du nicht ohne Grund hier stehst. Dass du besser bist als der Andere.“

Meditation, Visualisierung, Psychotricks. Derartigen Methoden scheint ein Federer längst entrückt zu sein – vielleicht auch deshalb, weil er vom Publikum geradezu überhöht wird. Schon 2006 sprach der Schriftsteller David Foster Wallace vom Schweizer als „religiöser Erfahrung“. Auch zu einem Nadal mag es nicht passen, dem Mallorquiner haftet in seinem Spiel und seinem Auftreten bis heute etwas unverbraucht Kindliches an.

Aber es passt zu Novak Djoković, dem Getriebenen, dem ständig Suchenden. Suchend nicht unbedingt nach Perfektion, vielmehr nach Einklang mit sich und der Welt. Wenn die Welt wieder normal ist, wird er sich erneut auf die Suche machen, nach neuen alten Titeln und – wie so oft – der bedingungslosen Verehrung des Publikums.

Wie der Imperator

Vielleicht das Einzige, was ihm noch fehlt. „Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich leide mit ihm“, sagte seine Mutter Dijana im Interview mit GQ. „Sie respektieren seinen Erfolg, aber wenn er gegen Federer spielt, feuern sie Federer an.“ Doch auch sie weiß: Womöglich hat diese Tatsache, das jahrelange Ankämpfen gegen die Federers, Nadals und ihre Fans, ihren Sohn noch stärker gemacht.

Der US-Journalist Brian Phillips drückte es nach Wimbledon so aus: „Wir halfen ihm dabei, Siegen zu lernen – weil wir wollten, dass er verliert.“ Djoković ist 33 (Stand: 22. Mai 2020), er hat noch einige Jahre vor sich: Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. „Wenn sie mich nicht respektieren, wie können sie mich dann jemals lieben?“, fragt Imperator Commodus in Ridley Scotts Gladiator.

Den Respekt hat sich Novak bereits erkämpft, die Liebe wird irgendwann folgen. Und wenn nicht, weiß er schließlich um eine andere Lösung. So oder so – am Ende rufen alle seinen Namen.

Stefan Petri

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Michael Stich: Die Abrechnung mit der Jugend

Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Michael Stich, auch dieses Jahr war wieder Wimbledon in aller Munde. Ist es das Größte, was Tennis zu bieten hat?

Zumindest ist es das Turnier mit der größten Tradition. Deswegen gilt es als das Lieblingsturnier vieler Spieler. Mein Favorit war jedoch das Turnier in Hamburg, weil es mein Heimatturnier war und daher mit vielen Emotionen verbunden.

Novak Djoković, Roger Federer und Rafael Nadal haben gezeigt, dass sie# auch 2019 eine Klasse für sich sind. Was sagen Sie zu diesen drei Außerirdischen?

Es sind herausragende Spieler, die Jahr für Jahr eine unglaubliche Konstanz zeigen, das steht völlig außer Frage. Aber ich sehe das inzwischen auch als Kritik an der jungen Generation, die nicht in der Lage ist, diesen drei Spielern Paroli zu bieten und den nächsten Schritt zu gehen. Es liegt mit Sicherheit an der fantastischen Qualität dieser drei Spieler, aber eben auch daran, dass die jungen Spieler von heute nicht genügend Ehrgeiz entwickelt haben, um eine realistische Chance zu haben.

Sind Djoković, Federer und Nadal dennoch die besten Spieler aller Zeiten?

Mit Vergleichen über die Epochen hinweg tue ich mich relativ schwer. War Rod Laver der Größte aller Zeiten oder doch Björn Borg? In meiner Zeit war Pete Sampras bärenstark, aber er hatte mit starker Konkurrenz zu kämpfen, so dass viele verschiedene Spieler die Grand Slams gewannen. In den vergangenen zwölf Jahren war das nicht wirklich der Fall, denn es gab nur fünf oder sechs verschiedene Grand-Slam-Sieger.

Haben Djoković, Federer und Nadal Tennis auf ein neues Level gehoben?

Nein, das finde ich nicht. Wir haben eine ganz andere Epoche. Tennis ist in der heutigen Zeit wesentlich athletischer, als es je zuvor war. Nichtsdestotrotz ist es eindimensionaler geworden. Es besitzt nicht mehr die Variabilität und Kreativität wie zu Zeiten von John McEnroe, Borg oder zu meiner Zeit. In der aktuellen Epoche ragen diese drei Spieler auf jeden Fall heraus. Ich würde mir aber wünschen, dass unser Sport kreativer wird und die Spieler flexibler agieren.

Wer war der stärkste Gegner, auf den Sie jemals getroffen sind?

Andre Agassi, ohne Wenn und Aber. Gegen ihn konnte ich kein einziges Mal gewinnen. Er ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe. Er hat einfach eine Begabung gehabt, die kein anderer Spieler hatte. Dabei hatte er durchaus auch ein paar Schwächen, aber er hat aus seinen Fähigkeiten unfassbar viel gemacht. Für mein Spiel war es nicht gut, auf ihn zu treffen.

Wer war der verrückteste Gegner?

So viele Verrückte gab es gar nicht zu meiner Zeit, aber McEnroe hatte schon einen Knall auf dem Court. Ich durfte noch gegen ihn und sogar mit ihm Doppel spielen. Ich schätze ihn sehr als Menschen, er ist ein toller Freund.

Sie sind aber auch mal kräftig aneinandergeraten.

Mit John habe ich mal auf dem Platz sehr gestritten. Das war das Jahr, als wir zusammen in Wimbledon im Doppel gewannen. Dieser Streit ereignete sich beim Turnier in Rosmalen. Es wurde so heftig, dass er in Wimbledon gar nicht mehr mit mir antreten wollte. Nach einem dringend notwendigen Vier-Augen-Gespräch haben wir uns aber zusammengerauft.

Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik
Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik

Welche Spieler haben Sie besonders geschätzt?

Nach der Karriere haben sich Freundschaften entwickelt wie etwa mit Richard Krajicek, Jim Courier und eben John McEnroe. Mit Ivan Lendl war es keine Freundschaft an sich, aber über all die Jahre wurde der Respekt immer größer. Wir haben uns immer besser verstanden und wir waren ja keine Konkurrenten mehr, so dass sich eine Art intellektuelles Verständnis entwickelt hat. Mit diesen Menschen tausche ich mich sehr gern aus.

Wen mochten Sie gar nicht?

Der Gegner, den ich am wenigsten auf dem Platz mochte, war Petr Korda. Erstens, weil er an einem guten Tag einfach unfassbares Tennis zeigte, zweitens, weil er sich auf dem Platz häufig nicht so nett verhalten hat.

„Agassi ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe."
Michael Stich

Wer war der Lustigste?

Henri Leconte. Vor allem war er dann lustig, wenn er am Verlieren war. Wenn er geführt hat, war er dagegen extrem seriös. Aber sobald er merkte, dass ihm das Match aus der Hand glitt, hat er immer durch Späße versucht, das zu kaschieren. Insofern war es nicht so einfach, gegen ihn zu bestehen.

Viele ehemalige Profis versuchen sich als Trainer. Warum Sie nicht?

Das war für mich nie wirklich ein Thema, weil ich schon am Ende meiner Spielerkarriere nicht mehr so gerne gereist bin. Zu Hause in Hamburg habe ich immer wieder mit jungen Spielern zusammengearbeitet und dabei versucht, mein Wissen und meine Erfahrung weiter zu geben, aber allein die Vorstellung, 25 Wochen im Jahr durch die Welt zu reisen, war nicht mein Ding.

Viele Menschen würden es als tollen Nebeneffekt sehen, die ganze Welt zu bereisen.

Wenn man das zehn Jahre lang gemacht hat – und es gibt auch etliche Spieler, die es ja fast 20 Jahre lang durchziehen –, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, da man nicht mehr reisen möchte. Heute reisen die Frauen oft mit, die Kinder und sogar die Hunde. Das hat sich geändert, zu unserer Zeit fing das gerade an.

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Sie haben 18 Einzeltitel gewonnen. Welchen haben Sie am meisten gefeiert?

Das war nicht etwa mein Sieg 1991 in Wimbledon, weil ich gleich am nächsten Morgen weiter zum Turnier nach Gstaad reisen musste, sondern 1993 in Hamburg am Rothenbaum. Natürlich ging es auch da gleich wieder weiter und die Beine waren schwer, aber diesen Sieg habe ich richtig ausgekostet.

Gab es einen Moment, als Sie sich unschlagbar fühlten?

Ja, beim Turnier in Queen’s 1993. Damals spielte ich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Anschließend bin ich nach Wimbledon gefahren und war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich nicht aufzuhalten wäre. Aber da hatte ich mich geirrt und es war bereits im Viertelfinale Schluss.

Sie konnten sich auch richtig ärgern. Gerne über sich selbst…

Die größte Wut auf mich hatte ich beim French-Open-Finale 1996, das ich verlor. Das war mit Sicherheit die größte Enttäuschung, weil ich ganz allein dafür verantwortlich war.

Das war 1996 gegen Jewgeni Kafelnikow. Anschließend hielten Sie eine Rede auf Französisch.

Das war eher eine spontane Aktion. Damals war ich der erste Ausländer, der bei einer Siegerehrung bei den French Open Französisch sprach. Es war mir einfach ein Bedürfnis.

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War das Ihre schmerzhafteste Niederlage?

Dieses Endspiel und das Davis-Cup-Halbfinale in Moskau gegen Russland 1995, als ich neun Matchbälle hintereinander vergab. Hätte man mir vorher gesagt, ich könnte neun Matchbälle am Stück vergeben, hätte ich wahrscheinlich sehr, sehr viel Geld darauf gewettet, dass mir das nie passieren würde.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Zeit als Spieler, die Sie bis heute nicht erzählt haben?

Ich hätte tatsächlich eine. Als ich das erste Mal bei den Australian Open mitspielte, befand ich mich in der Spieler-Kabine, wo sich die gesetzten Spieler aufhielten. Plötzlich stand Ivan Lendl vor mir und fragte mich, was ich denn an diesem Ort verloren hätte. Ich war ja nie wirklich kontaktscheu und hatte mir einfach einen Platz ausgesucht. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mich umziehen möchte. Darauf sagte er: „Bis du hier mal reindarfst, solltest du erst mal ein bisschen mehr erreichen.“ Damit war klar, dass ich in diesem Bereich nichts zu suchen hatte, aber bereits ein Jahr später durfte ich rein.

Interview: Alexis Menuge

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Novak Djokovic: Eindringling wider Willen

Tennis-Ass Novak Djokovic hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Der Wandel eines unkonventionellen Underdogs zum Weltstar…

Autor: Jörg Allmeroth

In der Welt des Tennis-Wanderzirkus war er schon alles. Er war der ewig Verletzte, das Weichei, der Spaßvogel, der Klassenclown, der scheinbar Unvollendete. Und dann auch der grandiose Djoker, der Meister der Konstanz, der einsamste Nummer-1-Spieler aller Zeiten, der Seriensieger, der Triumphator, der alle vier Grand-Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz hielt. Und ganz zuletzt, da war er auf einmal in der letzten seiner vielen Verwandlungen wieder der rätselhaft Schwächelnde, eine sportliche Sphinx, der Strauchelnde und Stolpernde aus höchsten Höhen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Nein, langweilig ist es einem wirklich nicht geworden mit diesem Novak Djokovic, mit einem Spieler, den einst seine Entdeckerin Jelena Genčić als „goldenes Kind“ bezeichnete. Mit einem, der den Wirren des Balkankrieges entfloh und später auszog, die Tenniswelt für sich zu erobern. Und der, als Eroberer der Macht von Roger Federer und Rafael Nadal, auch automatisch eine polarisierende Figur wurde. Wer das Wort Hassliebe im Zusammenhang mit dem Höchstbegabten aus Belgrad verwendet, meint wohl, dass es zwei schroff gegeneinander stehende Fraktionen gibt. Die eisernen Anhänger des Maestro Federer und des Matadors Nadal, die Djokovic immer als eine Art Eindringling in die duale Machtstruktur betrachteten. Und jene, die den aufstrebenden Djokovic als willkommene Bereicherung in der Führungsspitze sahen, als einen, der mit einer gewissen Langeweile dort droben auf dem Gipfel aufräumte.

Das Kuriose dabei ist: Djokovic möchte am liebsten genau so sein wie Federer und Nadal, wie diese beiden Übefiguren der Branche und herausragenden Botschafter ihres Sports. Vieles, sehr vieles, was Djokovic in den letzten Jahren tat und ließ, war einem übergeordneten Ziel geschuldet – ähnliche Liebe und Zuneigung des Publikums zu gewinnen wie die beiden alten Helden. Größer, bedeutender zu werden als das Tennis selbst. Ein sinn- und zweckloses Unterfangen? Djokovic lässt sich so gut wie nie auf dieses Thema ein, er lobt Federer und Nadal stets nur in höchsten Tönen und fordert auf, „dass nur andere über mich und meinen Status urteilen sollen“: „Ich bin nicht der Richter über Novak Djokovic“, sagt Djokovic.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Djokovic war nicht überzeugt von sich selbst

Vielleicht wird erst die Geschichte zeigen, wie Djokovic zu beurteilen ist. Seine persönliche Geschichte ist ja noch nicht auserzählt, er hat potenziell noch ein paar gute, möglicher Weise sogar beeindruckende Jahre vor sich. Was er bisher geschafft hat, ist imponierend genug – trotz aller Stör- und Nebengeräusche, die ihn immer wieder umgaben. Trotz mancher Anfeindungen in der Frühzeit seiner Laufbahn, in jener Epoche, in der er sich als Faxenmacher verdingte und an den Autoritäten kratzte, auch ohne die in Tenniskreisen gewohnte Etikette. Ein aufrührerisches Bürschchen war er schon damals, der junge Djokovic. Gerade mal 20, 21 Jahre alt, aber sich nicht zu schade, um schon auf den Centre Courts der Welt Leute wie Nadal, Roddick, Federer oder Frau Scharapowa zu verulken. Man kann die Mitschnitte dieser Djokovic-Auftritte heute noch bei YouTube bestaunen, etwa bei den New Yorker US Open, aber man staunt eben auch, wie sehr sie aus der Zeit gefallen sind – wie sehr Djokovic sich plötzlich auf allen Ebenen zu einem grundseriösen Professional verwandelte. Wie sehr er sich selbst Jux und Tollerei austrieb. „Irgendwann war das Ganze nur noch zwanghaft. Ich reiste zu einem Turnier, und früher oder später kam irgendein Moderator oder Platzansager und sagte: Mach doch mal den Nadal, mach doch mal die Scharapowa. Da dachte ich mir: Zeit, damit aufzuhören.“

Djokovic hatte mit manchen Sticheleien und Provokationen durchaus für Unruhe im Esta- blishment gesorgt, bei den hohen Herren aus der Schweiz und Spanien. Doch so sehr diese Nadelstich-Politik auch Erfolg hatte, ihm selbst, dem Emporkömmling, fehlte noch der letzte Glaube an eine Machtübernahme. Überzeugt war er nicht von sich selbst, nicht jedenfalls in den paar Matches, die über den Gehalt eines ganzen Jahres entscheiden – bei den Grand Slams im Halbfinale oder Endspiel: „Wenn ich auf den Platz ging gegen Roger und Rafa, dann war diese hundertprozentige, diese allerletzte Überzeugung nicht da. Ich hatte schlicht zu viel Respekt“, sagt Djokovic, „irgendwann erkannte ich, dass es tatsächlich nur an mir selbst liegt. Ich musste, das war die Notwendigkeit, mein ganzes Leben im Tennis auf den Kopf stellen.“

Das Beste sollte noch kommen

Djokovic veränderte sich so radikal wie kein zweiter Spieler in der modernen Tennis-Historie. Zwar auch neben dem Platz, da wurde er zum geschliffen parlierenden Diplomaten, der sich in mehreren Sprachen druckreif über Gott, die Welt und das Tennis ausließ. Aber vor allem auf dem Platz. Er, der zuvor pausenlos Lahme  und Lamentierer, der Spaßvogel ohne letzte sportliche Bedeutung, wurde zum verblüffenden Iron Man? Wenn man ihn in der Blüte seiner Berufszeit sah, mit den flinksten Beinen aller Spieler im Wanderzirkus, mit einer Ausdauer- und Willenskraft, die sogar Spieler wie Nadal übertraf, dann dachte man oft, es könne sich nicht um ein und denselben Spieler handeln. „In dieser Umbruchphase habe ich eigentlich alles verändert in meinem Leben, nur meine Frau, die ist zum Glück geblieben“, sagt Djokovic, „meine Schläge, meine Strategie auf dem Platz, meine Ernährung, mein Fitnesstraining – alles wurde neu. Und besser.“

Mit dem anderen Körpergefühl baute sich bei Djokovic auch langsam, aber unaufhaltsam, jenes Selbstbewusstsein auf, das nötig war, um zwei der Allzeitbesten seines Sports, Federer und Nadal, aus ihrer Wohlfühlzone zu stoßen – und sie schlussendlich auch von ihren angestammten Positionen 1 und 2 zu verdrängen. Der Djokovic des ersten Prunkjahres 2011 etwa war plötzlich nicht mehr nur auf Augenhöhe mit dem eleganten, selbstgewissen Maestro aus der Schweiz und mit dem kraftstrotzenden Muskelprotz aus Mallorca, sondern ein gutes Stück voraus. „Er hat das Spiel damals bereits auf einen unglaublichen Level gehoben“, sagt der australische Coach und Analytiker Darren Cahill, „das war ein Tennis, wie man es vorher noch nicht gesehen hatte.“ 

Freilich sollte das Beste noch kommen, später in seiner ungewöhnlichen Karriere. In der gemeinsamen Zeit mit dem Cheftrainer Boris Becker, in der Ära „Beckovic“, in drei Jahren der beispiellosen Siegesserien. „Er ist der absolute Souverän im Circuit gewesen“, sagt der Amerikaner John McEnroe, selbst einst die Führungs gur der Szene, „und er hat auch die Anerkennung bekommen, die er verdiente. Die, die ihn früher auspfiffen, bewunderten ihn plötzlich.“ Zwar war Djokovic nicht der bedingungslos Geliebte, auf einer Stufe mit Eurer sentimentalen Majestät Federer, aber doch eine Respektsperson – einer, der neben sportlicher Grandezza auch mit den richtigen Fairnessgesten und den passenden Worten überzeugte. Als Nummer 1 des Sports machte er eine gute, über die Jahre immer bessere Figur.

Wohin führt Djokovics Weg?

Auf den Centre Courts war sowieso nicht an ihm herumzudeuteln. Und zwar vor allem, weil er seine Brillanz nicht nur in blitzlichtartigen Momenten aufschimmern ließ, sondern in einer atemraubenden Konstanz über Wochen und Monate. „Du siehst seine Bilanz und denkst: Ist der Kerl verrückt? Ist das wahr?“, sagt Boris Becker, der sich schon vor seinem Amtsantritt gewundert hatte, „was aus dem mageren Bürschchen geworden ist, das dauernd verletzt war“. Nichts weniger als ein Mann, der seine Gegner mit einer uner- schütterlichen Zuversicht und Hartnäckigkeit aus dem Weg stieß, einer, der absolut keine Zweifel mehr kannte nach seiner rasend xen Transformation zum eisernen Fighter, zum nahezu Unantastbaren. 2015, im größten Traumjahr seiner Karriere, ließ sich die komplette Saison eigentlich auf zwei Worte verdichten: Novak Djokovic. „Es ist eigentlich unnormal, was ich da spiele“, sagte Djokovic damals, „aber es ist wunderschön.“

Die letzte Volte in seinem Berufsleben kam – ausgerechnet oder doch nicht ganz überraschend – in einem Moment der Vollendung. Viele Jahre war Djokovic vergeblich dem Titel im Stadion Roland Garros zu Paris nachgelaufen, im roten Sand platzten wiederholt seine Träume, den letzten noch fehlenden Major-Pokal zu gewinnen. Das selbstbewusste, eigensinnige Publikum pfiff lange auf ihn, feierte jene, die ihn aus allen Hoffnungen stürzten. Doch seine Siegeskampagne 2016 war von Sympathie begleitet – Djokovic hatte nach dem Eindruck der Fans genug und ausreichend hart gelitten, um sich nun den Beifall verdient zu haben. Schließlich, er war gerade Champion geworden, malte der Djoker ein großes Herz in die „terre battue“. Und wusste noch nicht, dass in diesem Triumph schon ein Stück der kommenden Mühsal angelegt war, eines doch heftigen Absturzes.

Der Mann, der eben noch alles im festen Griff gehabt hatte, der im ersten Halbjahr 2016 so gut wie kein wichtiges Spiel verlor, dieser Mann war jäh nur noch ein mattes Abbild seiner selbst. „Er wirkte auf einmal ausgelaugt, ohne klare Ziele. Er stellte sich die Frage: Wo soll es von hier aus für mich hingehen. Es war eine Sinnkrise, eine Motivationskrise“, sagt Beobachter Mats Wilander. Jedenfalls verlor Djokovic danach nicht nur wichtige Titel, sondern auch Platz 1 in der Welt. Der Außergewöhnliche wurde, vorübergehend allemal, wieder zum gewöhnlichen Pro – eingefangen von irdischer Schwerkraft. „Er hat auch nicht mehr so trainiert wie vorher. Da hat er einige Schwächen offenbart, war nicht mehr so mit dem Herzen bei der Sache“, sagt Becker, der das Team Djokovic zum Ende der vorigen Saison verließ. Dem deutschen Chefcoach hatte vor allem missfallen, dass sich Djokovic eher esoterischen Ideen und einer Figur wie dem Spanier Pepe Imaz zuwandte, einem früheren Spieler, der in Tenniskreisen auch der Kuschelguru genannt wurde.

Kuschelig war es zuletzt allerdings nicht mehr so sehr für Djokovic, wenn er auf einen der großen Tennisplätze marschierte. Zu besichtigen war da einer, dessen Spiel keine innere Harmonie mehr ausstrahlte, auch keine unverbrüchliche Zuversicht. Die Frage, wohin sein Weg führt, der Weg des wieder rätselhaften Djokers, ist eine der großen Fragen für dieses Jahr. Und für die Tennis-Zukunft überhaupt.