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Lewan Kobiaschwili: Nie in der ersten Reihe

Lewan Kobiaschwili, als aktiver Fußballer gehörten Sie auf dem Platz zu den ruhigeren, introvertierten Zeitgenossen. Mussten Sie sich für Ihr Amt als Präsident des Georgischen Fußballverbandes sehr verändern oder hilft Ihnen diese Eigenschaft sogar?

Es ist definitiv ein Unterschied, als Funktionär in der Verantwortung zu stehen. Dennoch kam mir meine ruhige Art, mich immer auf meine Ziele als Fußballer zu konzentrieren und dabei trotzdem den unbedingten Willen zu zeigen, auch jetzt als Präsident zugute. Aber natürlich muss ich nun in den richtigen Momenten Dinge klar ansprechen und konsequent sein. Letztlich musste ich mich an das Gefühl, dass ich Dinge, anders als auf dem Platz, nicht mehr immer direkt beeinflussen kann, erst einmal gewöhnen. Denn die ganze Verantwortung trage ich ja trotzdem.

Sie spielen eine wichtige Rolle im Austausch zwischen Georgien und Deutschland – 2017 waren Sie Teil der Delegation samt des Präsidenten Ihres Landes beim Staatsbesuch in Berlin.

Es liegt mir sehr am Herzen, dass das Verhältnis und die Kommunikation bestmöglich funktionieren. Ich sitze ja ebenfalls im georgischen Parlament. Mit meiner Vorgeschichte ist es klar, dass ich immer präsent bin, wenn etwa deutsche Delegationen in Georgien zu Gast sind, was dieses Jahr öfter der Fall war.

Ihr ehemaliger Nationalmannschaftskollege Kachaber Kaladse wurde georgischer Energieminister und wurde danach zum Bürgermeister der Hauptstadt Tiflis gewählt worden. Stecken Ihre Landsleute besonderes Vertrauen in Ihre einstigen Fußballhelden?

Kachaber Kaladse hat seit seinem Start im Parlament 2012 eine unglaubliche Entwicklung genommen, ist unglaublich reif geworden und hat in seiner Rolle vieles zur Verbesserung der Energiepolitik unseres Landes beigetragen. Ohne diese Erfolge hätten ihn die Menschen von Tiflis nicht zum Bürgermeister gewählt. Das heißt nicht, dass jeder erfolgreiche Sportler für die Politik geeignet ist. Aber die Menschen respektieren, was wir für unser Land getan haben als sportliche Repräsentanten und unsere Lebensleistung: Ausdauer, voller Einsatz, Beharrlichkeit, der Glaube in die eigene Stärke, Verantwortung und harte Arbeit für dein eigenes Land.

Eigenschaften, die auch Politiker benötigen?

Genau, es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Erfolg im Sport und Erfolg in der Karriere jetzt als Politiker. Aber hinter beiden Laufbahnen steckt harte Arbeit.

Eines Ihrer wichtigsten Ziele bei Amtsantritt 2015 war eine Umstrukturierung der heimischen, unattraktiven Liga mitsamt ihrer Geldsorgen. Wie weit sind Sie?

Wir haben bereits eine große Reform umgesetzt. Sechzehn Mannschaften in der ersten Liga waren viel zu viel für unser Land. Jetzt sind es zehn in der ersten und zehn in der zweiten Liga. Es gibt einen Sechs-Jahres-Plan, der auch von der Regierung gestützt wird. Die Geldverteilung ist in diesem Zeitraum gleichmäßiger, sodass die Teams vor der Saison eine klare Budgetplanung und damit Planungssicherheit haben – auch langfristig. Nur so ist eine langfristige, strategische Ausrichtung möglich, gerade was die Strukturen in der wichtigen Jugendarbeit angeht.

Sie sprechen die Budgetsicherheit der Teams an. Georgien war in der Vergangenheit anfällig für Spielmanipulationen. Es heißt, Sie sind zu einem unter Verdacht stehenden Spiel persönlich hingeflogen und haben es abgesagt …

Das stimmt, diesen Fall kann ich bestätigen. Nachdem mir die Hinweise zugetragen wurden, bin ich persönlich hingefahren, habe die Verantwortung übernommen und das Spiel abgesagt – das war keine einfache Entscheidung. Das ist natürlich im Alltag nicht jedes Mal umzusetzen. Aber die Vereine haben das unterstützt. Langfristig hilft wirklich nur eine finanzielle Sicherheit der Klubs und damit auch der Spieler, um das zu verhindern. In der Vergangenheit gab es Fälle von nicht oder viel zu spät gezahlten Gehältern. In solchen unruhigen Umfeldern sind gewisse Spieler anfälliger für Betrug, wenn Sie hohe Summen für eine Manipulation angeboten bekommen. Das heißt noch lange nicht, dass ich dafür Verständnis aufbringe, im Gegenteil. Ich hoffe dennoch, dass wir diese Problematik mit der Ligareform gelöst haben. Klar ist aber auch: Spielmanpiulation ist ein globales Problem.

Mit exakt 100 Einsätzen sind Sie noch immer Rekordnationalspieler Ihres Landes. Bei Ihrem Rücktritt sagten Sie, es schmerze sehr, sich nie für ein großes Turnier qualifiziert zu haben.

Dieser verpasste Traum schmerzt auch immer noch, ich wollte das als Spieler immer unbedingt. Aber jetzt habe ich einen neun Traum, dass dem Team in meiner Zeit als Präsident eine Qualifikation gelingt.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Wenn man sich in Freiburg, auf Schalke und in Berlin nach Ihnen umhört, sind Sie ob Ihrer bescheidenen Art überall noch sehr gut in Erinnerung. Was war denn Ihr Erfolgsrezept?

Zunächst einmal freut es mich ungemein, wenn ich so etwas höre. Ich wollte nie in der ersten Reihe stehen und mich mit großen Worten präsentieren. Für mich lag die Priorität immer auf dem Platz. Dort eine gute Leistung abzuliefern, mit harter Arbeit. Und ich wollte immer auf Augenhöhe kommunizieren, mit jedem zurechtkommen, vom Präsidenten bis hin zum Fan. Letztlich bleibt ein Spieler immer dank seiner Leistung für das Team in Erinnerung. Das habe ich immer probiert und das ist dann vielleicht das entscheidende Rezept – ein Teamplayer zu sein.

Sie hatten später auch auf Schalke ein richtig gutes Team beisammen. Trotzdem hat es nicht zu einem großen Titel gereicht.

Ein bisschen traurig macht mich das schon. Wir hatten ein richtig starkes Team. Man muss sich ja nur mal ansehen, welche Karrieren etwa Mesut Özil und Manuel Neuer hingelegt haben. Es schmerzt, dass wir 2007 nicht Meister wurden, als wir am vorletzten Spieltag gegen Dortmund verloren und Stuttgart noch Meister wurde. Das war sportlich die schwerste Zeit. Wir hatten damals zweimal Bayern geschlagen. Wir hatten das Potenzial, das Teamgefüge und die Fans im Rücken und standen am Ende dennoch mit leeren Händen da.

Eine Saison zuvor sind Ihre drei Tore in der Champions League gegen Eindhoven in Erinnerung geblieben. War das das beste Spiel Ihrer Karriere?

Das Spiel werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen und dieses Match ist auch noch vielen Leuten in meiner Heimat in Erinnerung. Ich bin der einzige Georgier, der in einem Spiel in der Königsklasse dreimal traf. Dabei sind mir sonst nicht mal im Training drei Tore gelungen. (lacht)

Später in der Saison 2005/06 sind sie im damaligen UEFA Cup erst im Halbfinale am FC Sevilla gescheitert. War da mehr drin?

Das Halbfinale ist noch sehr präsent. Meiner Meinung nach gab es in diesem Wettbewerb damals nur zwei gute Teams – Sevilla und uns. Wir haben im Rückspiel in der Nachspielzeit ein Tor kassiert und Sevilla gewann dann das Finale klar. Dabei hatten wir eigentlich eine gute Leistung gezeigt – bitter.

Rudi Assauer hatte einst bekundet, Sie seien eine der besten Verpflichtungen der letzten Dekade gewesen. Haben Sie das Maximum aus Ihrer Karriere herausgeholt?

Nein, das würde ich niemals von mir selbst behaupten. Ich finde, dass es bei einer Karriere nach oben hin keine Grenze geben sollte. Meine Laufbahn hätte schlechter verlaufen können, es wäre aber auch noch mehr drin gewesen. Ich weiß aber, dass ich alles investiert habe, was damals drin war. Das stellt mich zufrieden.

Sie sind in ganz jungen Jahren über die russische Liga nach Freiburg gekommen. Versuchen Sie, Ihre Erfahrungswerte an junge georgische Talente weiterzugeben?

Ich spreche regelmäßig mit den Spielern in Georgien. Heute ist es aber schwerer, sich international durchzusetzen. Der Markt ist groß, die Spieler sind vielerorts gut ausgebildet. Hinzu kommt, dass viele junge Spieler zu früh, zu schnell zufrieden mit sich sind. Das blockiert eine Entwicklung. Ein großer Vorteil für mich war damals, dass ich im ruhigen Freiburg gelandet bin und mich in diesem Umfeld in Ruhe entwickeln konnte, auch mal ein schwaches Spiel abliefern durfte. Freiburg ist für junge Spieler ein Segen.

Bei Ihrer letzten Station gab es viele Aufs und Abs. Negativer Höhepunkt war Ihre Attacke auf Schiedsrichter Wolfgang Stark während der Tumulte beim Relegationsspiel der Hertha gegen Düsseldorf. War damals, 2012, ein Karriereende ob der fast sieben Monate dauernden Sperre denkbar?

Das war damals die schlimmste Zeit in meinem Leben. Es gab nur zwei Möglichkeiten: ein sofortiges Karriereende oder hartes Training, um ohne Spiele das Niveau zu halten. Ich habe mir damals dann gedacht: So ein Karriereende habe ich nicht verdient. Also habe ich nochmal alles investiert in der täglichen Trainingsarbeit, um nach der Sperre gute Leistungen zu bringen. Da bin ich Hertha BSC und den Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich danach noch schöne Spielzeiten hatte.

Interview: Jannik Schneider

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Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Von Nuri Sahin

(Die Kolumne erschien im April 2017 in der Ausgabe #6)

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.