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Steven Gerrard: „Unsere Fans sind ausgerastet“

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben.

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Steven Gerrard, seit einem Jahr sind Sie Trainer bei den Glasgow Rangers. Wie läuft es bis jetzt?

Die Rangers sind meine erste Station als Profitrainer. Davor war ich für die U18 in Liverpool verantwortlich, was eine sehr lehrreiche Zeit war. Aber jetzt ist das eine andere Welt, ich habe hier natürlich viel mehr Verantwortung. Die erste Saison war ein Traum. Schon der Empfang war gigantisch. Ich hätte nicht gedacht, hier mit so viel Herz und Sympathie aufgenommen zu werden. Für mich ist Glasgow eine große Chance. Als das Angebot der Rangers kam, musste ich nicht lange überlegen.

Wieso die Rangers? Sie hatten doch bestimmt auch andere Angebote.

Ich hatte drei oder vier Anfragen, als sich die Rangers meldeten. Ich habe stets betont: Ich unterschreibe nur, wenn ich absolut überzeugt bin. Das war bei den Rangers sofort der Fall. Dieser Verein hat eine unglaubliche Tradition und wird getragen von Emotionen. Das wollte ich erleben und ein Teil davon sein. Das Gesamtpaket der Rangers hat einfach gepasst.

Als Liverpool-Legende sind Sie leidenschaftliche Fans gewöhnt. Ist der Rangers-Anhang so gut, wie man ihm nachsagt?

Gleich beim ersten Testspiel habe ich die Kraft der Fans gespürt. Sie stehen hinter uns und sie sind definitiv der zwölfte Mann Daraus entsteht aber eine große Verantwortung und ein Riesendruck. Und man muss damit umgehen können, dass sie schnell ihren Unmut zeigen, wenn die Ergebnisse und Leistungen nicht stimmen. Die Spieler brauchen ein robustes Nervenkostüm. Wenn es läuft, ist die Stimmung aber unbeschreiblich und Gänsehaut ist garantiert.

Das Ende Ihrer aktiven Zeit ist noch nicht lange her. Wann wussten Sie, dass Sie Trainer werden wollten?

Ich habe mich einige Jahre mit dem Gedanken daran beschäftigt. Als ich dann in die Dreißiger kam und immer öfter feststellen musste, dass mein Körper die permanenten Strapazen nicht mehr aushält, wurden die Pläne konkreter.

Welche Ihrer Trainer haben Sie am meisten geprägt?

Mit Gérard Houllier und Rafael Benítez habe ich mehrere Jahre in Liverpool gearbeitet, und sie gehören zu den besten Trainern, die ich hatte. Mit Houllier holten wir 2001 den UEFA Cup, den europäischen Super Cup, den FA Cup und den Ligapokal, mit Benitez 2005 die Champions League. Nach jeder Trainingseinheit machte ich mir damals heimlich Notizen.

Was haben Sie aufgeschrieben?

Ich habe aufgeschrieben, was mir bei den Trainingseinheiten besonders gut gefallen hat, aber auch meine Eindrücke davon, wie Gérard und Rafa ihren Beruf betrachten. Ich habe immer gewusst, dass ich diese Notizen einmal gut gebrauchen könnte.

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Welche Ziele mit den Rangers haben Sie sich notiert?

Nachdem der Klub durch den Zwangsabstieg in den unteren Ligen spielen musste, spürt man hier eine gewisse Ungeduld. Die Leute wollen wieder ganz nach oben. Man muss aber Schritt für Schritt denken, um dauerhaft wieder konkurrenzfähig zu sein und dabei viel Geduld haben.

Die Messlatte ist der ewige Rivale Celtic, der zum achten Mal in Folge die schottische Meisterschaft gewonnen hat.

Das ist richtig. Jeder im Klub muss verstehen, dass wir hart dafür arbeiten müssen, um den Abstand zu Celtic zu verringern. In den vergangenen Jahren hatten sie gar keine Konkurrenz in der Meisterschaft. Dieser Konkurrent wollen wir wieder werden und befinden uns dabei auf einem sehr guten Weg.

Und wann greifen die Rangers in Europa wieder richtig an?

Das erste Ziel ist, unsere Identität wiederherzustellen. Diese besteht im Gewinnen und hat in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Meine Aufgabe besteht darin, uns kontinuierlich zu entwickeln und nie stillzustehen. Unsere Gegner müssen sofort sehen, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie uns gegenüberstehen. An dem Tag, an dem wir wieder in der Champions League sind, wird alles gut sein. Ich möchte diese magischen Nächte bald wieder erleben.

„Magische Nächte“ klingt fast ein wenig wehmütig. Woran denken Sie?

An das Champions-League-Finale 2005 natürlich. Das war zweifelsohne der schönste Tag in meinem Leben als Fußball-Profi. Weil ich leider nie mit Liverpool Meister geworden bin, war dieser Titel umso schöner. Istanbul war ein perfekter Rahmen. Was für eine Stadt! Was für eine Stimmung! Das Stadion und – ich erinnere mich genau – auch der Rasen waren perfekt. Das Spiel selbst war natürlich total verrückt. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich heute darüber spreche.

Der AC Mailand führte bekanntlich 3:0 zur Pause. Wie war die Stimmung in der Kabine?

Die Führung war auch in dieser Höhe absolut verdient. Milan hatte das Spiel dominiert. Wir haben uns dann in der Halbzeit in die Augen geschaut und alle wussten, dass wir nicht gut gespielt hatten und unseren Fans etwas schuldig waren.

Sie haben dann selbst mit dem Tor zum 1:3 zur Aufholjagd geblasen.

Der Schlüssel war aber die Unterstützung unserer Fans, die mit dem Anschlusstreffer wieder an uns glaubten und uns nach vorn peitschten. Es war der absolute Wahnsinn. Jeder von uns hat 15, 20 Prozent mehr aus sich herausgeholt. Nur zwei Minuten nach meinem Tor machte Vladimír Šmicer das 2:3 und unsere Fans sind ausgerastet. So eine Unterstützung hatte ich zuvor noch nie erlebt. Liverpool-Fans leben für ihren Klub, ich weiß das aus eigener Erfahrung.

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14 Jahre sind seither vergangen. Was bedeutet Ihnen dieses Endspiel?

Istanbul wird immer einen besonderen Platz in meinem Herz haben. Das war die schönste Nacht meiner Laufbahn und eine der schönsten in meinem Leben. Und es war mit Sicherheit das beste Champions-League-Finale der Geschichte.

In Glasgow sind Sie nicht nur Trainer, sondern auch Manager. Aus welchem Holz muss ein Spieler geschnitzt sein, damit Sie ihn verpflichten?

Es gibt den Spieler mit seinen fußballerischen Fähigkeiten und dann gibt es eine Persönlichkeit, die dahintersteckt. Wie tickt er? Wie ist er erzogen und ausgebildet worden? Kann er kämpfen? Kann er sich mit unserem Verein voll identifizieren?

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Ist es einfacher, gute Spieler zu bekommen, wenn man Steven Gerrard heißt?

Es besteht immer das Risiko, dass der Spieler sofort wieder auflegt. (lacht) Am Anfang war es extrem schwierig, namhafte Spieler zu holen, weil unser finanzieller Rahmen nicht viel hergibt. Mein Kader ist zwar relativ unerfahren, aber unglaublich hungrig. Wir haben vor allem Spieler geholt, die in ihren jeweiligen Vereinen kaum eine Rolle spielten und sich beweisen wollten. Die Rangers sind ein toller Klub, um sich wieder ins Rampenlicht zu spielen. Das wichtigste Kriterium für mich ist aber, dass ein Spieler eine hohe Eigenmotivation mitbringt.

Wie ist die Konkurrenz in der Liga?

Wir müssen sehr flexibel sein, weil die Teams sehr unterschiedliche Herangehensweisen haben. Manche spielen nur mit langen Bällen. Andere suchen ihr Heil in Standardsituationen. Und wieder andere wollen gar nicht mitspielen, sondern kämpfen nur und lauern auf zweite Bälle.

Wie war Ihr erstes Derby gegen Celtic?

Ich habe es genossen, auch wenn wir leider knapp verloren haben. Wir haben nicht genug an uns geglaubt, daraus müssen wir lernen. Für die meisten meiner Spieler war es auch ihr erstes Old Firm. Kurz vor Weihnachten haben wir den Spieß umgedreht und gegen Celtic gewonnen. Das war das Zeichen, dass wieder mit uns zu rechnen ist.

Illustration: Hüseyin Sandik

Ist die Stimmung vergleichbar mit dem Merseyside Derby gegen Everton?

Es ist relativ ähnlich und gleichzeitig ganz anders. Es gibt die religiöse und politische Komponente, die dafür sorgt, dass wir ein besonderes Derby haben. Es ist nicht einfach zu erklären. Man muss es einfach erleben, um es zu verstehen. Wenn das Derby angepfiffen wird, hört das Leben in Glasgow auf. Da fährt nicht mal mehr ein Auto.

Wie erklären Sie es sich, dass die Top- Klubs der englischen Premier League nur ausländische Trainer haben?

All diese Trainer sind extrem kompetent, und die Premier League besitzt die Strahlkraft und die finanziellen Mittel, sich die besten Coaches zu leisten. Man muss doch realistisch sein: Es gibt auf der Welt eben bessere Trainer als die englischen.

Eigentlich müssten Sie doch irgendwann den FC Liverpool übernehmen. Wann können wir denn damit rechnen?

Ich bin bei den Rangers wahnsinnig glücklich. Ich will für diesen Klub mein Bestes geben und unsere Ziele erreichen. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Jürgen Klopp macht einen hervorragenden Job in Liverpool und passt als Typ großartig zu diesem Klub. Für mich ist Liverpool ein besonderer Ort und vielleicht werde ich dort einmal anheuern. Wir werden sehen.

Interview: Alexis Menuge