Schlagwortarchiv für: Socrates Magazin

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Rapinoe, de Bruyne, Stich: Der Ehrgeiz des Wandels

Spätestens seit der Fußball-WM der Frauen ist Megan Rapinoe das Gesicht des Wandels in der Gesellschaft. Sie zeigt Ehrgeiz und findet Gehör. Auch Kevin de Bruyne und Michael Stich mögen den Stillstand nicht. Sie sprechen darüber in der aktuellen Ausgabe.

Megan Rapinoe: Furchtlose Heldin

Dürfen Sportler politisch sein? Dürfen sie mündig sein? Ja, sie dürfen, aber dann riskieren sie, viel Geld zu verlieren und setzen vielleicht sogar ihre Karriere aufs Spiel. All das spielt für Megan Rapinoe keine Rolle. Sie ist spätestens seit der Frauen-Fußball-WM das Gesicht des Wandels – das Gesicht des Protests. Ihre Unversöhnlichkeit und Nichtkäuflichkeit verleihen Rapinoe einen besonderen Wert.

Inzwischen gibt es sogar Vergleiche mit Muhammad Ali. Ist sie die neue Ali des Sports? Sicher ist nur: Sie tut vielen Weh, aber der Gesellschaft richtig gut und öffnet Augen. Unser Autor Daghan Irak über eine furchtlose Heldin unserer Zeit. Dazu: Die Kolumne von Fußballerin Carinna Wenninger, die aus ihrer Sicht beschreibt, welche Rolle Rapinoe für die Frauen spielt.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Kevin de Bruyne im Exklusiv-Interview

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. Dafür, dass er bei Manchester City unter Pep Guardiola phasenweise sogar Wunder vollbringt, ist er sogar ziemlich bescheiden. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Michael Stich im Exklusiv-Interview

Federer, Djokovic und Nadal – der Hype ist riesengroß. Doch Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Klopp vs. Pep: The Hunted One

The Normal One war mal. Jürgen Klopp ist spätestens nach dem Champions-League-Titel mit dem FC Liverpool seinem alten Image entwachsen und wird jetzt gejagt. Vor allem von einem Mann, der es noch schafft, Klopp wehzutun: Pep Guardiola. Wie es um das Duell auf hohem Niveau steht… in dieser Ausgabe.

Toni Kroos: Außergewöhnlich normal

Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging, dass der Mann mit dem feinen Fuß doch mehr kann als nur ein bisschen talentiert zu sein. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.

Basketball-WM: Maxi Kleber im Interview

Die Ligen sind zu Ende, die Ferien sind zu Ende, jetzt ist es an der Zeit, die Besten der Welt zu entscheiden. Nach US-dominierten Meisterschaften haben wir dieses Jahr sehr viel mehr Favoriten, sehr viel höhere Spannung. Wenn Sie sich vor dem ersten Pfiff in China ein paar Notizen machen wollen, können Sie zuerst auf unser 2019 Basketball-Weltmeisterschaft- Special einen Blick werfen. Dazu: Wir sprachen mit Maxi Kleber.

Dies und vieles mehr in Socrates #35!
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Felix Magath: „Der Alte spinnt!“

An Felix Magath kleben viele Vorurteile, doch der 65 Jahre alte Fußballtrainer hält wenig davon. Er liebt seinen Sport und spricht darüber, wie er sich den Fußball vorstellt und wer ihn vom Rasenmähen abhält.

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Felix Magath, joggen Sie eigentlich?

Ich versuche, zweimal die Woche zu laufen. Wenn man fit genug ist, macht das den Kopf frei und sorgt für klare Gedanken.

Denken Sie dabei dann nur an Fußball?

Der Fußball ist weiterhin ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Natürlich kommt immer meine Familie an erster Stelle. Die Familie musste sehr oft hinter dem Fußball zurückstehen und hat mich dennoch ohne Klagen auf allen Stationen immer ganz toll unterstützt.

Spielen Sie noch Fußball?

Ich würde es gern, aber es ist schwierig, gleichwertige Partner zu finden. Ein Fußballspiel macht nur Spaß, wenn man Mit- und Gegenspieler hat, die in etwa auf dem gleichen Niveau stehen. Das wird vor allem dann deutlich, wenn Sie trotz taktisch und technisch guter Fähigkeiten gegen körperlich überlegene Gegenspieler antreten müssen. Dann werden Sie feststellen, Sie haben keinen Erfolg.

Was ist Erfolg heute?

Erfolg ist heute anscheinend, wenn man die ganze Saison schwache bis miserable Leistungen abliefert, in der Relegation aber fünf Minuten vor Abpfiff einen Freistoß bekommt und den verwandelt. Dann sind alle begeistert und feiern nur noch dieses Tor und den Schützen. Der Rest der Saison wird völlig vergessen. Der Spieler, der das Tor erzielte, kann vorher eine katastrophale Saison gespielt haben, ist dann aber sofort der Superstar.

Gibt es Ursachen für diese Entwicklung?

Selbstverständlich. Eine der Ursachen liegt natürlich in der Schaffung der Champions League.

Die Champions League?

Mit der Champions League wurde ein europäischer Wettbewerb erschaffen, der den teilnehmenden Mannschaften so viel Geld in die Kassen spült, mit dem sie von den anderen Mannschaften regelmäßig die besten Spieler wegkaufen können. Dadurch entfernen sich diese wenigen Topklubs mit ihrem Leistungsniveau immer weiter von den nicht in der Champions League vertretenden Mannschaften. Somit können sich nur noch Mannschaften mit einem finanzstarken Investor in der Spitze Europas etablieren und dort festsetzen. Auch deswegen ist der Fußball längst nicht mehr das soziale Spiel, welches er einst war.

Ist er asozialer geworden?

Das Wort asozial möchte ich nicht verwenden. Der soziale Aspekt ging in jedem Fall verloren. Was die Verbände FIFA und UEFA sowie der DFB initiieren, zielt hauptsächlich darauf ab, noch mehr Geld zu verdienen. Da verstehe ich die vielen Fans, die sich von der Kommerzialisierung überrumpelt fühlen und abwenden, weil sie die sportliche Herausforderung im Fußball längst zu oft vermissen müssen. Klaren Anspruch auf sportlichen Erfolg vermisse ich ebenfalls, auch in der Bundesliga.

Wo fällt Ihnen dieses besonders auf?

Schauen Sie sich zum Beispiel die Entwicklungen in Hannover und Nürnberg an. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich – ausgenommen ein paar Spieler – die Verantwortlichen gegen einen drohenden Abstieg gestemmt haben. Man hat sich schon lange vor Saisonende mit dem Abstieg angefreundet und gesagt: „Nächstes Jahr steigen wir eben wieder auf.“ Zu einem Zeitpunkt, als deren Situation noch nicht mal schlecht, geschweige denn hoffnungslos war. In Nürnberg hat man sich sogar dafür gelobt, in der Winterpause nicht eingekauft zu haben. Damit wurde ein Abstieg billigend in Kauf genommen.

Hat die Show den Sport verdrängt?

Nicht überall. Eintracht Frankfurt ist in der Bundesliga ein positives Beispiel. Aber auch bei anderen Sportarten, zum Beispiel Eishockey und Handball, ist sportlich etwas los. Der Wille zum Torabschluss, Emotionen und Zweikämpfe bestimmen das Spiel und begeistern die Zuschauer. Es macht Spaß, dabei zuzuschauen. Da passiert immer etwas, keiner spielt auf Ballbesitz, obwohl es viel einfacher wäre als im Fußball. Warum setzt man im Fußball also auf Ballbesitz? Es geht doch darum, Tore zu schießen oder sie zu verhindern und nicht darum, wie oft man den Ball in seinen eigenen Reihen herumschiebt. Man hat doch bei der letzten Fußball-WM gesehen, dass es nicht zwangsläufig zum Erfolg führt.

Eintracht Frankfurt hat in der Bundesliga und in Europa gezeigt, dass es auch anders gehen kann.

Richtig. Frankfurt, aber auch Dortmund spielen in der Liga auf Torerfolg, da schaue ich wirklich gerne zu und vergesse darüber schon mal, den Rasen zu mähen.

Ist es Zufall, dass Frankfurt und Dortmund als Positivbeispiele herhalten? In Frankfurt führt Fredi Bobic die Geschicke, in Dortmund hat man sich nach einer Talfahrt vor der letzten Saison weitere Fußballkompetenz in Sebastian Kehl und Matthias Sammer hinzugeholt.

Kein Zufall. Ich glaube schon, dass bei diesen beiden Klubs der Blick auf den Sport um einiges stärker ist als in anderen Vereinen. Denn oftmals bestimmen Entscheider ohne Fußballfachwissen das Geschehen in den Bundesligavereinen. Es geht mittlerweile in der Bundesliga nicht mehr ausschließlich um die sportliche Leistung, sondern darum, wie ich das, was passiert, in der Öffentlichkeit am besten kommunizieren kann.

Wie schwierig ist der Umstand, dass die Kompetenzen der Trainer eingeschränkt sind und diese unter den Vorgaben und Entscheidungen anderer Personen im Klub arbeiten müssen?

Da kann ich nur für mich antworten. Ich kann nicht beurteilen, wer in der Bundesliga in den dortigen Vereinen die finalen Entscheidungen trifft. Es ist von außen nicht immer klar erkenntlich. Während ich beim VfL Wolfsburg fast alles entscheiden konnte, hatte ich beim FC Bayern München nur sehr geringen Einfluss auf die Kaderzusammenstellung gehabt. Aber verantworten musste ich bei beiden Vereinen die sportliche Leistung der Mannschaft gleichermaßen allein.

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Wie sah Ihr Alltag in München aus?

Da gab es die Absprache mit Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, dass wir einen Transfer nur dann machen, wenn alle drei ihre Zustimmung geben. (lacht)

Wie sah die Praxis aus?

Ich sagte: „Ich hätte gerne den Spieler.“ Dann bekam ich von einem der beiden Genannten gesagt: „Felix, das ist nicht Bayern München.“ Dann wurde der Spieler eben nicht geholt. Dasselbe hätte ich natürlich machen können: Wenn einer der beiden einen Spieler vorgeschlagen hat, diesen theoretisch auch abzulehnen. Aber dann wäre ich zu gar keinem neuen Spieler gekommen. So wurde der Kader mehr von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zusammengestellt und bestimmt als von mir. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass ich in Wolfsburg lieber gleich die Entscheidungen allein getroffen und verantwortet habe.

Genau das hat auch für Kritik gesorgt.

Das kann man gern kritisieren. Ich bin kein Superman. Ich kann nicht alles jeden Tag selbst machen. Täglich, teilweise zweimal, auf dem Trainingsplatz stehen und noch ständig Kontakte zu Aufsichtsratsmitgliedern und anderen Verantwortlichen pflegen, ihnen erklären, was ich warum vorhabe. Aber dafür habe ich sportlich gute Entscheidungen getroffen und verantwortet.

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Wie ging es eigentlich los in Wolfsburg?

Zuerst einmal mit sehr vielen Flugkilometern. Als Wolfsburg Kontakt aufnahm, weilte ich nämlich mit meiner Familie bei meinem Vater auf Puerto Rico. Ende Mai kam dann ein Anruf aus Wolfsburg. Ich bin gleich am nächsten Tag über New York und London nach Braunschweig geflogen. Dort habe ich mich mit verschiedenen Aufsichtsratsmitgliedern zusammengesetzt und sehr schnell Einigung über die Zusammenarbeit erzielt. Daraufhin bin ich sofort wieder in die Karibik zu meiner Familie. An Urlaub war natürlich nicht mehr zu denken. Ich habe dort umgehend begonnen, die Mannschaft für die neue Saison zusammenzustellen. Um einen Kader für die Ende Juni anlaufende Vorbereitung zusammenzustellen, hatte ich nur zwei, drei Wochen Zeit. Wenn die erste Saisonhälfte auch etwas wackelig war, hatten wir schon am Ende der Saison mit dem fünften Tabellenplatz den VfL Wolfsburg in den internationalen Wettbewerb gebracht.

Einer Ihrer Nach-Nachfolger in Wolfsburg war Bruno Labbadia, der einen starken Job gemacht hat, aber den Verein verlassen hat, weil er mit Sportchef Jörg Schmadtke atmosphärische Störungen hatte.

Egal, welchen Erfolg ein Trainer hat, wenn der Manager andere Vorstellungen hat, sitzt dieser grundsätzlich am längeren Hebel und der Trainer muss weichen.

Klingt nicht fair. Würden Sie mit einem Sportdirektor arbeiten?

Seit es diesen Posten des Sportdirektors oder Sportmanagers gibt, seit ungefähr Mitte der 80er Jahre, ist dennoch vieles unklar geblieben. Wer entscheidet was? Wer macht was? Dieses Konstrukt funktioniert eben nicht immer. Ich persönlich habe nie ein Problem gehabt, nur den Trainerjob zu machen und mit einem Sportdirektor und einem Sportvorstand zu arbeiten. Aber dann sind diese drei nicht nur für den Erfolg, sondern auch gemeinsam für den Misserfolg verantwortlich.

Kritiker stellten die Behauptung auf: Magath geht es um Macht. Stimmt das?

Wenn ich Macht beansprucht hätte, wäre ich wohl sicher nicht von Stuttgart zu Bayern gegangen. Es war doch klar, dass ich in München nicht so viel Einfluss habe, nachdem ich beim VfB schon Sportdirektor war. Oder nehmen Sie Wolfsburg: Da hätte ich als Meistertrainer alles machen können, was ich will. Ich habe nie Macht gesucht, sondern stets die sportliche Herausforderung. Die Frage war immer: Was traue ich mir zu? Darin war ich immer sehr klar und deutlich: Ich traue es mir zu, mit Schalke Meister zu werden. Punkt.

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Was war los auf Schalke?

Als ich dort ankam, war Schalke Neunter und hatte 35 Millionen Euro minus gemacht. Wochenlang waren die Medien voll mit der Sorge, ob Schalke noch zahlungsfähig ist. Ich habe drei Spieler aus der eigenen Jugend beziehungsweise aus der Amateurmannschaft zu den Profis geholt. Sie wurden alle zu Stammspielern. Mit Christoph Moritz, der heute in Darmstadt spielt, mit Lukas Schmitz, der heute in Österreich spielt und Joel Matip, den ich aus der Jugend geholt habe und der heute beim FC Liverpool spielt, wurden wir deutscher Vizemeister.

Sie haben auch über Ihre Situation beim FC Bayern geredet. Das war 2004 bis 2007. Hat Niko Kovač heute mehr Einfluss?

Ich glaube nicht. Schauen Sie sich den Kader der abgelaufenen Saison an. Dass man den Kader nicht gravierend verändert hat, fand ich ziemlich optimistisch. Wenn es aber mit dieser Entscheidung nicht läuft, macht man dem Trainer die Vorwürfe. Eigentlich ist er nicht schuld daran, hat aber die dadurch entstandenen Probleme. Ich kann mich da an einen Fall beim VfB Stuttgart erinnern.

Erzählen Sie bitte.

Ich hatte dort einen Spieler namens Krassimir Balakow. Ein Weltklassemann. Er hatte seine Karriere beendet und wir brauchten einen Ersatz. Er war ein wichtiger Faktor unseres Spiels. Unser Finanzvorstand hat mir gesagt: „Eine Million Euro können Sie ausgeben.“ Das war ja schon damals im Profifußball sehr wenig Geld. Wie soll ich einen Weltklassespieler mit einer Million Euro ersetzen? Ein Ding der Unmöglichkeit, und trotzdem habe ich mich nicht an die Medien gewandt und geweint oder mich öffentlich beschwert.

Es kam dann der Schweizer Hakan Yakin vom FC Basel, der für den VfB Stuttgart neun Bundesliga-Spiele machte und dann wieder ging.

Mir war völlig klar, dass es ein Risiko ist, ihn zu verpflichten und er es vielleicht nicht schaffen würde, Balakow zu ersetzen. Das war wahrscheinlich mit einer Million Euro auch nicht möglich.

Das Bundesliga-Sondereheft: Jetzt im Handel!

Wir führten ein Interview mit Kingsley Coman. Er erzählte, dass er zu Gast bei Uli Hoeneß am Tegernsee war und bei einer Runde Kekse seine Situation bei Bayern besprochen wurde.

(lacht) Das ist das Schicksal jedes Trainers bei Bayern München. Der Vorstand sucht dort auch häufiger den Kontakt zu Spielern, ohne den Trainer darüber zu informieren. Sobald ein Spieler zum Aufsichtsrat, zum Präsidenten, zum Manager oder zum Sportdirektor gehen kann, schwächt das die Position des Trainers. Ich verstehe Uli Hoeneß ja sogar, dass er sich um den FC Bayern kümmert, weil er das alles aufgebaut hat, aber so macht er es dem Trainer natürlich nicht einfach, wenn er sich mit den Spielern trifft und vielleicht über den Trainer redet.

Bald soll Ihr Ex-Spieler Oliver Kahn beim FC Bayern Sportvorstand werden. Trauen Sie ihm den Job zu?

Oliver Kahn war immer Profi. Er ist sehr ehrgeizig und hatte immer den nötigen Siegeswillen. Er kennt die Strukturen einer Mannschaft und die Wirkungsweisen in einem Klub. Er weiß, wie es läuft. Aber wie er den Job machen wird, kann ich nicht beurteilen. Das wäre Kaffeesatzleserei.

Stoßen wir in eine neue Zeit vor, wie man Klubs führt?

Ich hatte es vorhin schon mal erwähnt: Heute geht es vor allem um die Beherrschung der Kommunikation und das Bild in der Öffentlichkeit. Es geht weniger darum, was sie konkret leisten. Das ist mittlerweile leider längst nicht mehr so wichtig.

Haben Sie sich über die Jahre verändert?

Viele Menschen haben Probleme mit Veränderungen. Ich musste mich aber in meinem Fußballerleben ständig verändern. Jeder wird sich wohl vorstellen können, dass man zum Beispiel in China nicht so erfolgreich arbeiten kann wie in der Bundesliga, ohne sich an die neuen Gegebenheiten und Lebensumstände anzupassen.

Sind Sie stolz darauf, von der „alten Schule“ zu sein?

Ich bin stolz darauf, was ich bis heute geleistet habe. Man kann nachlesen, was ich erreicht habe. Es gibt eben keine modernen oder unmodernen Trainer, sondern nur die nicht erfolgreichen oder eben erfolgreichen Trainer.

Ihnen wird ja viel nachgesagt, aber Emotionen zu zeigen, gehört nicht dazu. Nehmen Sie Entlassungen eigentlich emotional mit?

Nein. Mittlerweile nicht mehr. Die erste Entlassung beim HSV war natürlich schlimm und hat mich auch sehr getroffen. Diese Erfahrung hat mich verändert und dann stärker gemacht, mir sehr geholfen, nur noch nach vorne zu schauen. Die späteren Entlassungen bei den Bayern oder auf Schalke haben mich nicht mehr sonderlich belastet. Ich bin Profi.

Ihre Spieler kennen Sie als harten Hund. Unser ehemaliger Kolumnist Andreas Görlitz hat uns erzählt: Unter Magath gab’s keine Info, wann am nächsten Training ist. Dafür haben Sie aber dann alles mitgemacht und das hat den Spielern imponiert.

Ein Spieler, der einen siebenstelligen Betrag verdient, muss seinem Arbeitgeber Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Ich habe keine Trainingspläne herausgegeben, weil sie sich auf ihren Job konzentrieren sollen und nicht auf ihre Freizeitgestaltung. Geben sie einen Trainingsplan raus: Dienstagsvormittag ist Training und dann wieder am Mittwochnachmittag. Der Spieler fährt Barcelona, Paris, London, macht einen Werbetermin oder ein Fotoshooting, abends geht’s dann noch irgendwo hin. Er fliegt am nächsten Tag um 14 Uhr zurück und kommt direkt zum Training. Dann sagt er nach der Trainingseinheit: „Boah, der Alte spinnt. Hat der wieder hart trainiert heute.“ Das ist nicht meine Vorstellung von Professionalität.

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Ist es für Sie das größte Kompliment, wenn ein Spieler sagt: „Unter Magath war ich am fittesten.“

Fitness ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Aber stolz war ich, dass wir mit unserer Arbeit im Trainerteam auf allen Stationen sehr wenige Verletzungsprobleme hatten. Weh getan hat mir, dass Andreas Görlitz und Patrick Helmes sich während eines Spiels jeweils mit einem Kreuzbandriss schwer verletzt hatten.

Sie waren 2014 beim FC Fulham. Haben Sie das gemacht, um einmal Premier League Luft zu schnuppern?

Schon als junger Trainer war ich mal in England, um mir das alles genau anzuschauen. Ich habe mir das Training in Liverpool bei den Reds, bei Manchester United und bei Arsenal in London angesehen. Mit Arsène Wenger habe ich dann auch gut zu Abend gegessen. Nach einer Woche bin ich aber nach Hause gefahren und habe mir gesagt: ‚Und jetzt?‘ Training und Abläufe waren super, aber nicht anders, als ich es schon gekannt habe. Da habe ich mir gesagt: ‚Sei du selbst, schaue nicht nach anderen. Gehe deinen eigenen Weg.‘ Das ist dann auch authentischer gegenüber den Spielern, wenn du das machst, wofür du stehst.

Hat das Essen mit Wenger wenigstens geschmeckt?

Ausgezeichnet. Frau Wenger hat wunderbar gekocht.

Und Fulham und die Premier League?

Schon als Jugendlicher wollte ich mal im Ausland leben. England und die Premier League haben mich dann natürlich ungemein gereizt. Auch wenn Fulham mir kein optimales Angebot unterbreitet hatte, war ich zu heiß auf den Traum Premier League und habe die mir durchaus bewussten Gefahren dieser Konstellation verdrängt. Ich war nämlich nach zwei Transferperioden schon der dritte Trainer in der laufenden Saison. Die Mannschaft hatte zu viele alte Spieler, die längst über ihren Zenit hinaus waren. Da war einfach nichts mehr zu machen. Trotzdem war es für mich privat eine wunderbare Zeit in London. Die Stadt, das Leben in England und die Menschen dort habe ich sehr schätzen gelernt.

Als Fazit: Nun nie mehr Ausland oder doch noch ein neuer Anlauf?

Sicher würde ich auch wieder gerne im Ausland arbeiten. Mir geht es vordergründig nicht um die Beschäftigung, sondern vor allem um eine Herausforderung und eine neue Aufgabe. Wo ich den Eindruck habe und zu der Überzeugung gelange, auf Menschen und Verantwortliche zu treffen, die etwas bewegen und wirklich Erfolg haben wollen, da bringe ich mich und meine Erfahrung gerne ein und bin dabei. Ob national oder international ist egal.

Könnte der DFB Sie anrufen?

Das ist wohl eher Utopie. Ich bin immer sehr kritisch nicht nur mit mir selbst gewesen und sage offen meine Meinung – auch gegenüber dem DFB. In puncto Nachwuchsleistungszentren ist dies zum Beispiel der Fall. Es wurden Millionen dafür ausgegeben, um diese zu entwickeln. Jetzt werden in der Bundesliga Millionen ausgegeben, um junge Spieler aus dem Ausland zu holen. Sie glauben wohl nicht, dass man das beim DFB gerne hört oder liest. (lacht)

Joachim Löw stand ja auch in der Kritik.

Zu Recht, wenn er nach einer schlechten WM sagt, dass er Verantwortung übernimmt und dann sechs Wochen in den Urlaub geht. Solche Art „Verantwortung“ kann jeder übernehmen.

Die Nationalmannschaft ist bei der WM krachend gescheitert, die Klubs im Europapokal – bis auf Eintracht Frankfurt – ebenso. Wo steht denn der deutsche Fußball?

Der deutsche Fußball hat sich derzeit im Mittelmaß eingerichtet. Der FC Bayern kann sicher, sofern er genügend Geld in die Hand nimmt, international wieder mit den Besten mithalten. Auch Lucien Favre traue ich zu, den BVB so positiv weiterzuentwickeln, dass Dortmund auch international wieder etwas konkurrenzfähiger wird. Ansonsten macht mir die Eintracht aus Frankfurt sehr viel Freude. Ich hoffe, Fredi Bobic kann die Mannschaft weiterentwickeln.

Keine großen Endspiele mit deutscher Beteiligung in Aussicht?

Nach jetzigem Stand der Dinge sehe ich das in den nächsten vier Jahren nicht.

Abschließend eine persönliche Frage. Sie nahmen unlängst in München an einem Organspendelauf teil. Brauchen Sie ein Spenderorgan?

Glücklicherweise nicht. Ich möchte dabei helfen, wie viele engagierte Mitstreiter auch, mit meiner und der Popularität des Fußballs dieses Thema der Öffentlichkeit bewusster zu machen. Der engagierte Augsburger Klinikdirektor und Chirurg Prof. Matthias Anthuber hat mich für diese Thematik sensibilisiert. Derzeit stehen in Deutschland circa 10.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Jeden Tag sterben Menschen, weil für sie kein Spenderorgan gefunden wurde. Ein unhaltbarer Zustand. Es kann jederzeit jeden von uns treffen, Sie, mich, Menschen, die wir lieben aus unserem Familien- oder dem Freundes- und Bekanntenkreis. Jeder Einzelne von uns kann mit seiner individuellen Bereitschaft zur Organspende zu einem Lebensretter werden. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Deswegen engagiere ich mich.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Thomas Müller: Bayerns Sheldon Cooper

Zwar muss Thomas Müller seit Jahren neben der Toilette sitzen – dennoch fühlt er sich bei Bayern und in München zu Hause. Warum er da weiter Filme anschauen will und was in der Kabine passiert, erzählt er Socrates.

Das Interview erschien in Ausgabe #4

Das Interview erschien in Ausgabe #4

Thomas Müller, ein Sprichwort besagt: Wer sich überall zu Hause fühlt, ist nirgends daheim. Finden Sie sich darin wieder?

Ich fühle mich auch wohl, wenn ich unterwegs bin. Aufgrund meines Berufs war ich ja schon viel unterwegs auf dem Planeten und bin überall zurechtgekommen. Aber ja, es gibt diesen Platz, an dem ich daheim bin. Hier in Bayern ist es einfach schön.

Haben Sie Ihre Heimat durch die vielen Reisen noch mehr zu schätzen gelernt?

Die Frage ist, ob es immer nur an der geografischen Lage liegt, wo man daheim ist. Klar, man hat eine Verbindung zu dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Aber der Wohnort kann durch einen Umzug ja auch wechseln. Der zentrale Anker ist die Familie. Das ist ja eigentlich das wahre Gefühl von Heimat – dass die Menschen, die einem am wichtigsten sind, um einen herum sind.

Die Menschen beim FC Bayern scheinen dann wie eine Familie für Sie zu sein.

Seit ich zehn Jahre alt bin fahre ich fast täglich an die Säbener Straße. Ich fühle mich beim FC Bayern daheim. Ich kenne alle handelnden Personen im Verein. Nicht nur diejenigen, die direkt um mich herum sind. Wenn ich mich am Trainingsgelände umschaue: Der Hattab Khalfallah, der die Balljungen betreut, der war schon mein Betreuer in der Jugend. Im Leistungszentrum kenne ich die Jugendtrainer, die Verantwortlichen. Man grüßt sich, man kennt sich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das woanders ist. Ich war bisher eben nur hier. Wenn wir über Heimat sprechen, dann kann ich auf den Fußball bezogen schon sagen: Der FC Bayern ist mein Wohnzimmer.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass Bequemlichkeit aufkommt?

Ich kann es mir nicht auf der Couch bequem machen, sondern habe was zu tun. Es macht schon Spaß, diesen Wettbewerb im vertrauten Wohnzimmer anzunehmen. Es macht Spaß daran zu arbeiten, dass der FC Bayern am Ende wieder ganz vorne steht.

Es kommen ja jährlich neue Darsteller in Ihr Wohnzimmer. Sehen Sie es als Aufgabe an, diese sich dort wohlfühlen zu lassen?

Ich sehe mich da schon auch neben dem Platz in der Verantwortung, meinen Teil dazu beizutragen, dass die Mannschaft funktioniert. Dass die Voraussetzungen gegeben sind, dass wir Ergebnisse liefern können. Und diese sind am besten, wenn sich jeder Spieler bei Bayern wohlfühlt.

Hat sich Ihr Blick darauf mit den Jahren verändert?

Es ist ja so: Wenn du jung bist, musst du erstmal schauen, dass du selbst funktionierst. Mittlerweile schaue ich vermehrt auf das Große und Ganze. Der Verein entwickelt ja auch eine gewisse Erwartungshaltung an einen. Jahr für Jahr steigt meine Verantwortung. Es muss Spieler in einem Team geben, die über den Tellerrand hinausschauen und sich auch darum scheren, dass der ganze Laden läuft. Das ist eine spannende Aufgabe.

Welche Rolle spielt dabei die Kabine?

Sie ist der zentrale Punkt auf dem Trainingsgelände. Die Kabine ist ein Ort, an dem sich viel Wichtiges abspielt. An dem man immer wieder zusammenkommt. Aber auch ein Ort, der einem ständigen Wandel unterlegen ist. Nicht nur während einer Saison, sondern über viele Saisons gesehen. Wenn man sieht: Wer kommt? Wer geht? Mit wem habe ich schon vor fünf Jahren zusammengespielt? Wie viele sind von denen noch da? Man lernt viele neue Persönlichkeiten kennen. Ich bin in dieser Situation bei Bayern der Sheldon Cooper – der hat bei der Big Bang Theory schon ewig seinen Platz auf dem Sofa. Und diesen Platz habe ich in der Kabine auch. Allerdings ist meiner schlechter gelegen – nämlich direkt neben der Toilette. Aber den Platz werde ich nicht mehr abgeben. Ich kann von dort aus gut handeln.

Handeln im Sinne eines bayerischen Integrators oder Imperators?

Integrator passt auf jeden Fall. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter einem Imperator?

Jemanden, der seine Männer in die Schlacht führt und kommandiert.

Es erinnert mich zu sehr an früher. Damals wurde immer der Eindruck vermittelt: Der Kapitän ist der Alleinherrscher. Das ist aber kein Spieler. Es ist ja schon längere Zeit so, dass Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird. Das Geschäft untereinander ist ein bisschen menschlicher geworden. Aber natürlich muss man auch mal Ansagen machen, wobei da nach wie vor der Kapitän der erste ist, der das veranstaltet und der dafür auch der richtige Mann ist. Grundsätzlich bin ich ein Typ, der versucht, dass die Leute um mich herum Spaß haben und sich wohlfühlen. Wenn ich sehe: „Da zwickt es!“, dann versuche ich so gut es geht positiv einzuwirken. Aber eines ist mir dabei wichtig.

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Bitte.

Es ist nicht so, dass ich mich rund um die Uhr mit den anderen Spielern beschäftige. Das dürfen wir nicht verwechseln. Man muss schon erstmal schauen, dass die Voraussetzungen für einen selbst gegeben sind, dass man seine Leistung bringen kann. Ich will jetzt nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich mich nicht mehr aufs Fußballspielen konzentriere. Aber es gibt eben diese Momente in der Kabine oder auch auf den vielen Reisen, in denen geredet wird und in denen man zwischenmenschlich in die richtige Richtung lenken kann. Es sind eher die kleinen Dinge, die später eine große Wirkung entfalten können.

Geht es in diesen Gesprächen auch um die Übermittlung der Siegermentalität des FC Bayern?

Die kannst du keinem einreden. Die musst du spüren. Jeden Tag. Ich spitze deswegen gerne junge Spieler im Training an, mache aus vermeintlich lockeren Spielchen Wettbewerbe, indem ich sage: Wer gewinnt, muss danach die Getränke für alle holen. Du musst gerade die jungen Spieler mit ins Boot holen. Das schafft Anreize.

Wettbewerb schafft Gewinner?

Was dabei ganz wichtig ist: Du musst vorleben, worauf es ankommt. Worauf es in dem Verein ankommt. Die Spieler, die neu kommen, die lesen überall dieses Mia san mia. Die müssen ja auch ein Gefühl dafür bekommen, was das eigentlich bedeutet. Die müssen das Gefühl bekommen, der FC Bayern ist nicht einfach ein Arbeitgeber. Sondern die müssen spüren: Hier war schon immer eine gewisse Siegermentalität vorhanden. Der Verein ist etwas Besonderes. Man steht immer unter Erfolgsdruck. Dem muss man erstmal gewachsen sein. Und es geht immer um die Performance auf dem Platz. Diese Siegermentalität kann ich mittlerweile gut vorleben.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Steven Gerrard: „Unsere Fans sind ausgerastet“

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben.

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Steven Gerrard, seit einem Jahr sind Sie Trainer bei den Glasgow Rangers. Wie läuft es bis jetzt?

Die Rangers sind meine erste Station als Profitrainer. Davor war ich für die U18 in Liverpool verantwortlich, was eine sehr lehrreiche Zeit war. Aber jetzt ist das eine andere Welt, ich habe hier natürlich viel mehr Verantwortung. Die erste Saison war ein Traum. Schon der Empfang war gigantisch. Ich hätte nicht gedacht, hier mit so viel Herz und Sympathie aufgenommen zu werden. Für mich ist Glasgow eine große Chance. Als das Angebot der Rangers kam, musste ich nicht lange überlegen.

Wieso die Rangers? Sie hatten doch bestimmt auch andere Angebote.

Ich hatte drei oder vier Anfragen, als sich die Rangers meldeten. Ich habe stets betont: Ich unterschreibe nur, wenn ich absolut überzeugt bin. Das war bei den Rangers sofort der Fall. Dieser Verein hat eine unglaubliche Tradition und wird getragen von Emotionen. Das wollte ich erleben und ein Teil davon sein. Das Gesamtpaket der Rangers hat einfach gepasst.

Als Liverpool-Legende sind Sie leidenschaftliche Fans gewöhnt. Ist der Rangers-Anhang so gut, wie man ihm nachsagt?

Gleich beim ersten Testspiel habe ich die Kraft der Fans gespürt. Sie stehen hinter uns und sie sind definitiv der zwölfte Mann Daraus entsteht aber eine große Verantwortung und ein Riesendruck. Und man muss damit umgehen können, dass sie schnell ihren Unmut zeigen, wenn die Ergebnisse und Leistungen nicht stimmen. Die Spieler brauchen ein robustes Nervenkostüm. Wenn es läuft, ist die Stimmung aber unbeschreiblich und Gänsehaut ist garantiert.

Das Ende Ihrer aktiven Zeit ist noch nicht lange her. Wann wussten Sie, dass Sie Trainer werden wollten?

Ich habe mich einige Jahre mit dem Gedanken daran beschäftigt. Als ich dann in die Dreißiger kam und immer öfter feststellen musste, dass mein Körper die permanenten Strapazen nicht mehr aushält, wurden die Pläne konkreter.

Welche Ihrer Trainer haben Sie am meisten geprägt?

Mit Gérard Houllier und Rafael Benítez habe ich mehrere Jahre in Liverpool gearbeitet, und sie gehören zu den besten Trainern, die ich hatte. Mit Houllier holten wir 2001 den UEFA Cup, den europäischen Super Cup, den FA Cup und den Ligapokal, mit Benitez 2005 die Champions League. Nach jeder Trainingseinheit machte ich mir damals heimlich Notizen.

Was haben Sie aufgeschrieben?

Ich habe aufgeschrieben, was mir bei den Trainingseinheiten besonders gut gefallen hat, aber auch meine Eindrücke davon, wie Gérard und Rafa ihren Beruf betrachten. Ich habe immer gewusst, dass ich diese Notizen einmal gut gebrauchen könnte.

Das Interview mit Steven Gerrard erschien in der Ausgabe #33: Jetzt im Shop nachbestellen

Welche Ziele mit den Rangers haben Sie sich notiert?

Nachdem der Klub durch den Zwangsabstieg in den unteren Ligen spielen musste, spürt man hier eine gewisse Ungeduld. Die Leute wollen wieder ganz nach oben. Man muss aber Schritt für Schritt denken, um dauerhaft wieder konkurrenzfähig zu sein und dabei viel Geduld haben.

Die Messlatte ist der ewige Rivale Celtic, der zum achten Mal in Folge die schottische Meisterschaft gewonnen hat.

Das ist richtig. Jeder im Klub muss verstehen, dass wir hart dafür arbeiten müssen, um den Abstand zu Celtic zu verringern. In den vergangenen Jahren hatten sie gar keine Konkurrenz in der Meisterschaft. Dieser Konkurrent wollen wir wieder werden und befinden uns dabei auf einem sehr guten Weg.

Und wann greifen die Rangers in Europa wieder richtig an?

Das erste Ziel ist, unsere Identität wiederherzustellen. Diese besteht im Gewinnen und hat in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Meine Aufgabe besteht darin, uns kontinuierlich zu entwickeln und nie stillzustehen. Unsere Gegner müssen sofort sehen, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie uns gegenüberstehen. An dem Tag, an dem wir wieder in der Champions League sind, wird alles gut sein. Ich möchte diese magischen Nächte bald wieder erleben.

„Magische Nächte“ klingt fast ein wenig wehmütig. Woran denken Sie?

An das Champions-League-Finale 2005 natürlich. Das war zweifelsohne der schönste Tag in meinem Leben als Fußball-Profi. Weil ich leider nie mit Liverpool Meister geworden bin, war dieser Titel umso schöner. Istanbul war ein perfekter Rahmen. Was für eine Stadt! Was für eine Stimmung! Das Stadion und – ich erinnere mich genau – auch der Rasen waren perfekt. Das Spiel selbst war natürlich total verrückt. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich heute darüber spreche.

Der AC Mailand führte bekanntlich 3:0 zur Pause. Wie war die Stimmung in der Kabine?

Die Führung war auch in dieser Höhe absolut verdient. Milan hatte das Spiel dominiert. Wir haben uns dann in der Halbzeit in die Augen geschaut und alle wussten, dass wir nicht gut gespielt hatten und unseren Fans etwas schuldig waren.

Sie haben dann selbst mit dem Tor zum 1:3 zur Aufholjagd geblasen.

Der Schlüssel war aber die Unterstützung unserer Fans, die mit dem Anschlusstreffer wieder an uns glaubten und uns nach vorn peitschten. Es war der absolute Wahnsinn. Jeder von uns hat 15, 20 Prozent mehr aus sich herausgeholt. Nur zwei Minuten nach meinem Tor machte Vladimír Šmicer das 2:3 und unsere Fans sind ausgerastet. So eine Unterstützung hatte ich zuvor noch nie erlebt. Liverpool-Fans leben für ihren Klub, ich weiß das aus eigener Erfahrung.

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14 Jahre sind seither vergangen. Was bedeutet Ihnen dieses Endspiel?

Istanbul wird immer einen besonderen Platz in meinem Herz haben. Das war die schönste Nacht meiner Laufbahn und eine der schönsten in meinem Leben. Und es war mit Sicherheit das beste Champions-League-Finale der Geschichte.

In Glasgow sind Sie nicht nur Trainer, sondern auch Manager. Aus welchem Holz muss ein Spieler geschnitzt sein, damit Sie ihn verpflichten?

Es gibt den Spieler mit seinen fußballerischen Fähigkeiten und dann gibt es eine Persönlichkeit, die dahintersteckt. Wie tickt er? Wie ist er erzogen und ausgebildet worden? Kann er kämpfen? Kann er sich mit unserem Verein voll identifizieren?

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Ist es einfacher, gute Spieler zu bekommen, wenn man Steven Gerrard heißt?

Es besteht immer das Risiko, dass der Spieler sofort wieder auflegt. (lacht) Am Anfang war es extrem schwierig, namhafte Spieler zu holen, weil unser finanzieller Rahmen nicht viel hergibt. Mein Kader ist zwar relativ unerfahren, aber unglaublich hungrig. Wir haben vor allem Spieler geholt, die in ihren jeweiligen Vereinen kaum eine Rolle spielten und sich beweisen wollten. Die Rangers sind ein toller Klub, um sich wieder ins Rampenlicht zu spielen. Das wichtigste Kriterium für mich ist aber, dass ein Spieler eine hohe Eigenmotivation mitbringt.

Wie ist die Konkurrenz in der Liga?

Wir müssen sehr flexibel sein, weil die Teams sehr unterschiedliche Herangehensweisen haben. Manche spielen nur mit langen Bällen. Andere suchen ihr Heil in Standardsituationen. Und wieder andere wollen gar nicht mitspielen, sondern kämpfen nur und lauern auf zweite Bälle.

Wie war Ihr erstes Derby gegen Celtic?

Ich habe es genossen, auch wenn wir leider knapp verloren haben. Wir haben nicht genug an uns geglaubt, daraus müssen wir lernen. Für die meisten meiner Spieler war es auch ihr erstes Old Firm. Kurz vor Weihnachten haben wir den Spieß umgedreht und gegen Celtic gewonnen. Das war das Zeichen, dass wieder mit uns zu rechnen ist.

Illustration: Hüseyin Sandik

Ist die Stimmung vergleichbar mit dem Merseyside Derby gegen Everton?

Es ist relativ ähnlich und gleichzeitig ganz anders. Es gibt die religiöse und politische Komponente, die dafür sorgt, dass wir ein besonderes Derby haben. Es ist nicht einfach zu erklären. Man muss es einfach erleben, um es zu verstehen. Wenn das Derby angepfiffen wird, hört das Leben in Glasgow auf. Da fährt nicht mal mehr ein Auto.

Wie erklären Sie es sich, dass die Top- Klubs der englischen Premier League nur ausländische Trainer haben?

All diese Trainer sind extrem kompetent, und die Premier League besitzt die Strahlkraft und die finanziellen Mittel, sich die besten Coaches zu leisten. Man muss doch realistisch sein: Es gibt auf der Welt eben bessere Trainer als die englischen.

Eigentlich müssten Sie doch irgendwann den FC Liverpool übernehmen. Wann können wir denn damit rechnen?

Ich bin bei den Rangers wahnsinnig glücklich. Ich will für diesen Klub mein Bestes geben und unsere Ziele erreichen. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Jürgen Klopp macht einen hervorragenden Job in Liverpool und passt als Typ großartig zu diesem Klub. Für mich ist Liverpool ein besonderer Ort und vielleicht werde ich dort einmal anheuern. Wir werden sehen.

Interview: Alexis Menuge

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Fritz von Thurn und Thaxis: Auf ewig Mensch

„Ich wurde gehasst“, sagt Fritz von Thurn und Taxis im Interview mit dem Socrates Magazin. Der Österreicher war dabei eigentlich immer er selbst und wurde so zu einer TV-Legende. Stolz ist er aber nur auf seine Frau.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Fritz von Thurn und Taxis, nach 46 Jahren als Kommentator und Moderator im TV-Geschäft: Empfinden Sie im Rückblick auf Ihre Karriere Stolz?

Stolz ist nicht das richtige Wort. Das kommt mir nicht so gut über die Lippen. Eher Zufriedenheit und Dankbarkeit. Stolz bin ich auf meine Frau Bea. Es geht eher um die Anerkennung. Jeder Mensch möchte für das, was er macht, Anerkennung erfahren. Aber dafür geliebt zu werden? Das ist mir zu hoch gegriffen.

Zu Ihrem Abschied vom Mikrofon gab es zahlreiche Geschenke.

Wenn einige Leute finden, dass das alles ganz in Ordnung war, was du gemacht hast in deinem Beruf, gibt einem das ein gutes Gefühl. Sven Haist, ein Kollege von Sky, der auch für die Süddeutsche Zeitung schreibt, hat sich die Mühe gemacht, Briefe von Weggefährten und Kollegen einzufordern und als Buch binden zu lassen. Von Beckenbauer, Hoeneß, Wasmeier, Kühnhackl und so weiter. Als ich das gelesen habe, sind mir vor Rührung die Tränen gekommen. Von Sky bekam ich auf der Abschiedsfeier: mich selbst. In Lebensgröße! 1,90 Meter hoch, angezogen. Mit Schnurrbart, mit allem Drum und Dran. Die Figur passte tatsächlich nicht ins Auto, wurde mir einen Tag später geliefert. Als es klingelt, rufe ich: ‚Wer ist da?‘ –‚Post!‘ – ‚Was haben Sie denn?‘ – ‚Einen Mann?!‘ – ‚Ah, ich weiß schon.‘

Wo steht das gute Stück heute?

Im Speisezimmer, rechts an der Tür, etwas versteckt. Wenn meine Frau und ich wegfahren, kümmern sich Nachbarn um Blumen und Briefkasten. Wir hatten nichts gesagt, die gute Dame ist beim ersten Mal Blumen gießen beinahe in Ohnmacht gefallen vor Schreck. Selbst ich erschrecke immer noch, wenn ich mich da sehe. Weil die Figur im Gesicht so blass ist, hat meine Frau sie geschminkt und ihr eine Kappe aufgesetzt.

Wenn sich der Stolz nicht auf das Erreichte bezieht, dann auf Erlebnisse oder Ereignisse?

Im Radio und Fernsehen habe ich im Grunde alles gemacht – als Kommentator und Moderator. Bei Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen war ich ein Mann der ersten Stunde. Gut, die Sportschau habe ich nicht moderiert. Aber ich war auf der ganzen Welt unterwegs, habe Magic Johnson bei einem NBA-Auswahlspiel getroffen, habe Wayne Gretzky kommentiert, hatte mit Franz Klammer zu tun – und, und, und. Das alles konnte ich nur so ausleben, weil ich die richtige Frau gefunden habe. Sie hat mir in über 40 Jahren Ehe immer den Rücken freigehalten.

Ist in all Ihren Berufsjahren eine gute Freundschaft entstanden?

Mein bester Freund ist meine Frau. Prinzipiell habe und hatte ich gute Kontakte zu Sportlern, aber nie über eine gewisse Linie hinaus. Keine Freundschaften – ganz nach Hanns Joachim Friedrichs, dem ehemaligen Tagesthemen-Moderator, der gesagt hat: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Anders gefragt: Gibt es bestimmte Momente in Ihrer Karriere, auf die Sie stolz sind?

Ich formuliere es mal so: Im Rückblick bin ich glücklich und dankbar, außergewöhnliche Momente miterlebt zu haben. Etwa 1972, während der Olympischen Spiele in München, als IOC-Präsident Avery Brundage nach dem Terroranschlag auf die israelische Mannschaft während der bedrückenden Trauerfeier diesen legendären Satz sagte: „The Games must go on!“ Damals live im Olympiastadion dabei zu sein, war für mich als junger Reporter ein echtes Gänsehauterlebnis, das bis heute nachwirkt. Der Brundage-Satz ist in seiner Wirkung vergleichbar mit dem Ausspruch von US-Präsident John F. Kennedy 1963 vor dem Rathaus Schöneberg: „Ich bin ein Berliner.“ Auch dieser Satz bleibt für immer stehen. Ich erinnere mich an viele solcher Momente wie der 1972 in München in meiner Laufbahn.

Sky schenkte TuT zum Abschied - ihn selbst

Sky schenkte TuT zum Abschied – ihn selbst

Welche noch?

Für Sky-Vorgänger Premiere übertrug ich 2002 in Seoul das WM-Eröffnungsspiel Frankreich gegen Senegal, der Titelverteidiger mit dem großen Zinédine Zidane gab sich die Ehre. Als ich eine halbe Stunde vor Anpfiff im Stadion saß und mich vorbereitet habe, dachte ich mir: Gleich wird die ganze Welt über Fernsehen und Radio hier in Seoul in dieser Arena zusammengeschaltet – und ich mittendrin. Das hat mich sehr bewegt. Ähnlich war es wenige Monate zuvor in Salt Lake City.

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Bei den Olympischen Winterspielen?

Richtig. Wenige Monate nach 9/11, nach den Terroranschlägen von New York 2001. Eigentlich war geplant, dass ich für die Premiere vor Ort im deutschen olympischen Haus moderieren sollte. Einen Monat vorher beschlich mich ein diffuses Bauchgefühl: Ich wollte nicht hin. Also habe ich mit Premiere-Sportchef Carsten Schmidt gesprochen. Er hat es akzeptiert, ich sollte stattdessen die Moderation aus der Heimatredaktion übernehmen. Am Ende habe ich mich entschieden, doch zu fliegen. Für die Eröffnungsfeier der Winterspiele war Gerd Szepanski als Kommentator eingeplant, er fiel jedoch kurzfristig aus. Also sprang ich für ihn ein. Dann sitze ich plötzlich in diesem kleinen Stadion in Salt Lake City, bei gefühlt minus 30 Grad. US-Präsident George W. Bush eröffnet die Spiele, Flugzeuge der Army donnern über die Arena. Das ging mir sehr nahe, weil ich ja eigentlich gar nicht hinfliegen wollte.

Für Ihre spezielle Art zu kommentieren, haben Sie viel Kritik einstecken müssen.

Weil ich polarisiere. Aber nur wenn du polarisierst, wirst du interessant und unverwechselbar und bleibst nicht beliebig. Manche Zuschauer haben mich gehasst. Immer noch. Ich habe nicht gelesen, was in den sozialen Medien alles über mich geschrieben wurde – das hat mich gerettet. Wenn du da diskreditiert und geschmäht wirst, zum Teil auf übelste Art und Weise, geht dir das schon nahe.

Andererseits entstand im letzten Jahr Ihres Schaffens die Gegenbewegung mit dem Hashtag #fritzlove.

Als klar war, dass ich aufhöre, wurde es plötzlich Liebe. Eine späte Liebe. Die Initialzündung waren die Diagramme, die der Kollege Cord Sauer für FUMS erstellt hat. Die waren einfach gut, richtig witzig.

Auf der Website fussballmachtspass.de wurde nach jedem Spiel ein „Best of“ Ihrer Sprüche am Mikrofon präsentiert.

Herrlich. Viele Kollegen haben mir gesagt, es wird nie wieder jemand so kommentieren wie du, nie mehr. Ich habe meine eigene Sprache Ich wollte eine schöne Mischung hinbekommen, weil sich der Fußball heutzutage zusehends verwissenschaftlicht. Das sieht man an den Trainern und schlägt sich auch mehr und mehr bei den Kommentatoren nieder. Von Szene zu Szene wird da jede Aktion ins kleinste Detail seziert. Dreierkette, Viererkette, Pressing, Gegenpressing. Ich habe auch analytisch kommentiert, aber meine Kritiker haben gesagt: Zu wenig! Ich wollte aber lieber Bilder sprechen lassen.

Ein Beispiel, bitte.

Gerne. Mein Lieblingsbeispiel: In Darmstadt wird vor jedem Spiel das Vereinslied gespielt, der Titel lautet: „Die Sonne scheint“. Sky-Sportchef Burkhard Weber wollte immer, dass wir Kommentatoren schweigen, wenn im Stadion die Vereinshymnen gespielt werden. Damit der Zuschauer die Atmosphäre fühlen kann. Also gut. Bei einem Heimspiel der Lilien war ich vor Ort, der Himmel komplett bewölkt. Als der Song verklingt, beginne ich zu kommentieren: „Die Sonne scheint, aber ich seh sie nicht.“ Dieses Zitat wurde in manchen Medien aus dem Zusammenhang gerissen und verkürzt auf: „Di Sonne scheint, ich seh sie nicht.“ Sofort haben einige Leute geschrieben: „Ist der TT wahnsinnig geworden?“ Andere meinten: „Oder ist er ein Philosoph?“

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Wie verfolgen Sie heute Fußball im Fernsehen?

Ich habe immer noch mein Sky-Abo, schaue aber jetzt weniger. Heute muss mich ein Spiel fesseln. Wenn nicht, lese ich nebenher Zeitung oder gehe lieber mit meiner Frau ins Kino. Wir haben jetzt viel mehr Zeit als früher. Die Entscheidung, aufzuhören, war richtig, ich trauere den alten Zeiten nicht nach. Ich bin müde, habe den Job 46 Jahre gemacht, ununterbrochen an der Front. Ich bin jetzt Rentner – alles ist gut. Aber ganz ohne Fußball geht es nicht.

Ein Selbstlob sei gestattet. Welches wäre dies in Ihrem Fall?

Mich selbst zu loben, ist eigentlich nicht meine Sache. Ich habe immer versucht, die Dinge menschlich zu lösen, ganz normal und bescheiden aufzutreten. Und ich habe immer gedacht, gutes Benehmen ist das Normalste der Welt – aber nein: ist es nicht. Weil ich zu gutmütig bin, weil ich die Härte nicht habe, wollte ich nie Chef werden. Als Chef musst du häufig unangenehme Entscheidungen treffen.

Interview: Patrick Strasser

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Bundesliga-Sonderheft: Die 90er sind zurück!

Die Bundesliga-Sonderheft für die Saison 2019/20 ist ab sofort im Handel! Und Socrates erscheint ausnahmsweise mal im Retro-Design, denn im Fokus steht die Bundesliga der 90er Jahre.

Bundesliga-Sonderheft: Die 90er!

Die Wahrnehmung oder die Erinnerung an die Vergangenheit ist bei jedem ein wenig anders. Die Lager von „Früher war alles besser“ und „Das kommt dir nur so vor“ sind gut vertreten. Wissenschaftler haben festgestellt, dass man Negatives aus der Vergangenheit gerne mal vergisst und so die positiven Erinnerungen überleben. Dies kann aber nicht der einzige Grund sein, dass wir uns beispielsweise gerne an die Neunziger erinnern.

Waren sie so schön, weil wir uns an das Schlechte nicht mehr erinnern können oder war es mehr? Sehnen wir uns nach Elementen vergangener Tage, weil wir am kollektiven Gedächtnisschwund leiden? Redet man mit Zeitgenossen, fällt immer wieder der Begriff „Ehrlichkeit“. Viele haben die Zeiten ehrlicher empfunden.  Social Media hat viel verändert. Die sozialen Medien werden überproportional genutzt und die Menschen sind geneigt, ihre beste Seite zu zeigen, Schwächen und Schwachstellen zu verbergen. Und leider funktioniert es auch.

Ehrlicher wirkte in den Neunzigern auch der Fußball. Die Typen, die heute überall verlangt werden, gab es einst zuhauf. Die Angst davor, für Aussagen und Ansagen medial an die Wand geklatscht zu werden, war nicht so immens wie heute. Man traute sich einfach mehr. Und das wirkte auf die Menschen ein. Und wirkt heute noch nach, wenn man sich positiv zurückerinnert. Wir haben in der Redaktion diskutiert, mit welcher Idee wir die Bundesliga-Saison angehen. 2017 haben wir die Trainer in den Fokus gestellt, 2018 die Entscheider. Wir haben mit vielen Trainern und Sportchefs gesprochen.

Doch diesmal ist die Vergangenheit dran. Die guten alten Tage verdienen es, einen Platz in SOCRATES zu finden. Wir blicken zurück auf die Neunziger, Verein für Verein, vergessen aber nicht, welche Auswirkungen diese auf heute haben.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Arjen Robben im Exklusiv-Interview

Als wir mit Arjen Robben über seine Zeit nach dem FC Bayenr sprachen, tendierte er schon sehr klar zum Karriereende und deutete das im Interview auch an. Inzwischen ist es klar, dass er nicht mehr weitermacht. Wir sprachen mit Robben über seine tolle Karriere, aber auch darüber, wie er in den Niederlanden die Bundesliga in den 90ern erlebt hat.

Olaf Thon im Exklusiv-Interview

Er war einer der besten Spieler der 90er Jahre, spielte für Schalke 04 und Bayern München und schrieb mit den Königsblauen gar Geschichte. Im Interview erzählt Thon, warum ihm die Trikots früher besser gefallen haben, wie sich die Spielerfrauen verändert haben und wie Rudi Assauer ihm zu einem besseren Vertrag beim FC Bayern verholfen hat.

Im Wandel der Zeit

Die 1990er waren schon ein verrücktes Jahrzehnt für den Fußball und im Besonderen für die Bundesliga. Die Kommerzialisierung ging so richtig los, es gab bahnbrechende Regeländerungen und gewaltige Umwälzungen durch Einflüsse von außen. Ein Rückblick.

Dies und vieles mehr in Socrates #34!
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Benjamin Henrichs: „Ich sehe das nicht als Rückschritt“

Benjamin Henrichs kehrte Bayer Leverkusen nach einer Ewigkeit den Rücken. In Monaco will er den nächsten Schritt in seiner Entwicklung machen. SOCRATES erzählt er, wie es bislang so läuft im Fürstentum.

Nach 17 Jahren bei Bayer Leverkusen haben Sie sich im letzten Sommer für einen Wechsel nach Monaco entschieden. Einfache Frage: warum?

Ich brauchte einfach eine Luftveränderung, vor allem weil ich in Leverkusen kein Stammspieler mehr war und mich nach mehr Einsatzzeit sehnte.

Unter Heiko Herrlich spielten Sie anders als unter Roger Schmidt keine große Rolle mehr. Haben Sie daraus etwas gelernt?

Extrem viel sogar. Ich habe versucht, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren, um mich nicht hängen zu lassen und um schnell wieder Anschluss zu finden. Es war nicht immer einfach, das gebe ich zu. Im Rückblick kann ich aber sagen, dass ich gestärkt aus der Situation hervorgegangen bin und daraus lernen konnte.

Verfolgen Sie weiter die Spiele von Leverkusen?

Ja, sicher. Immer wenn ich Zeit habe. Ich bin und bleibe ein großer Fan von Bayer. Ich habe auch noch regelmäßig Kontakt zu den meisten Spielern. Ich drücke den Jungs bei jedem Spiel die Daumen.

Das Interview erschien in Ausgabe #28: Hier klicken und Nachbestellen

Warum Monaco?

Die Monaco-Verantwortlichen waren sehr überzeugt von mir und haben sich sehr um mich bemüht. Das hat mir imponiert. Und wenn man die Chance bekommt, in der Champions League zu spielen und Spielzeit zu bekommen, dann sagt man einfach nicht nein. Ich wollte diese Chance einfach nutzen. Es wäre auch deshalb schwer gewesen abzusagen, weil die Monaco-Bosse so hartnäckig um mich warben. Das hat mich beeindruckt.

Und wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Ich bin sehr herzlich empfangen worden. Diego Benaglio hat mir sehr geholfen. Er spricht fließend Deutsch und Französisch und war mir gerade bei taktischen Anweisungen des Trainers eine große Hilfe. Ich versuche auch mehr und mehr Französisch zu sprechen, doch es wird noch ein wenig dauern, bis ich mich richtig unterhalten kann.

Von Leverkusen nach Monaco. Genießen Sie das Leben im Fürstentum?

Zunächst mal lebe ich jeden Tag meinen Traum, nämlich Fußball-Profi zu sein. Ich habe einen Beruf, um den mich viele beneiden. Dafür muss man dankbar sein. Das ist mir bewusst. In Monaco kann man durch die Straßen laufen, ohne groß angesprochen zu werden. Das ist schon eine schöne Sache. Aber nur ein paar Tage, nachdem ich bei Monaco unterschrieben hatte, erkannte mich ein Verkäufer in einem Möbelladen in Nizza. Danach war die Lieferung der Möbel kein Problem. Er nahm sich sogar an seinem freien Tag Zeit für mich, um die Ware zu liefern. (lacht) Ich wohne direkt in Monaco und die Landschaft ist einfach herrlich. Das genieße ich. Aber nicht falsch verstehen: Ich bin nicht hierher gewechselt, um Strandurlaub zu machen und die Sonne zu genießen, sondern um mich weiterzuentwickeln und ein paar Titel zu gewinnen.

Wie ist der Draht zu den Mitspielern?

Es gibt einige Top-Spieler wie Radamel Falcao, Djibril Sidibé oder Youri Tielemans. Auch Alexander Golowin ist eine Granate. Vorher kannte ich ihn noch nicht so gut, aber er ist ein fantastischer Kicker, ein super Dribbler und sehr intelligenter Spieler. Er ist jederzeit in der Lage, den Rhythmus und das Tempo zu wechseln. Er ist für jeden Gegenspieler schwer zu kontrollieren.

Von welchen Spielern gucken Sie sich etwas ab?

Ich spiele in Monaco Linksverteidiger und auch auf dieser Position ist Marcelo von Real Madrid einfach herausragend. Er ist ein kompletter Spieler, der sowohl defensiv als auch offensiv Weltklasse verkörpert. Ich versuche, mir einiges von ihm abzuschauen. Zu Beginn meiner Karriere spielte ich im Mittelfeld. Damals war Ronaldinho mein großes Vorbild. Von ihm habe ich geschwärmt, weil er so cool mit dem Ball umgehen konnte. Er war eine Augenweide. Am Ball konnte er einfach alles.

Was halten Sie von der Qualität der Ligue 1?

Ich verstehe mittlerweile besser, warum sichso viele Bundesliga-Klubs junge Talente in Frankreich angeln, wie es RB Leipzig, Mainz und Eintracht Frankfurt machen. Hier gibt es eine unglaubliche Zahl an Juwelen. Ismaïla Sarr von Stade Rennes zum Beispiel ist ein überragender Spieler, der schwer zu stoppen ist. Das macht sich auch in der französischen Nationalmannschaft bemerkbar, die völlig verdient Weltmeister geworden ist. Es gibt tolle Stadien in Frankreich; die Atmosphäre bei der AS Saint Etienne hat mich sofort an Mönchengladbach erinnert. Auch bei Racing Straßburg herrscht eine Stimmung wie in der Bundesliga.

Die Ausgabe #33 ist im Handel
Die Ausgabe #33 ist im Handel

Wo liegen die Unterschiede in der Spielweise?

In Frankreich wird mehr Wert auf Athletik und Physis gelegt. Die Bundesliga ist dagegen taktischer geprägt, Ordnung und Disziplin stehen mehr im Vordergrund.

Das Maß aller Dinge ist aber Paris Saint-Germain.

Definitiv. PSG in Frankreich ist wie der FC Bayern in der Bundesliga. Man braucht sich nur den Kader anzuschauen. Die Offensive mit Neymar, Edinson Cavani, Ángel Di María, Julian Draxler und Kylian Mbappé sucht in Europa ihresgleichen. PSG hat sicherlich das Zeug, die Champions League zu gewinnen.

Wie war’s gegen Mbappé zu spielen?

Was soll ich sagen? Er ist ein Phänomen. Seine Entwicklung ist verrückt. Was er im Gesamtpaket drauf hat, ist unfassbar. Er ist für eine unglaublich hohe Ablöse von Monaco nach Paris gewechselt, was ihn aber nicht im Geringsten zu belasten scheint. Das spricht für seine Reife und eine starke Persönlichkeit. Er spielt einfach Fußball und will Spaß haben.

Newsletter

Sie haben zuletzt für die U-21 gespielt. Empfinden Sie das als Rückschritt, nachdem Sie ja bereits bei der A-Nationalmannschaft von Jogi Löw waren?

Zunächst mal muss ich sagen, dass wir in der U-21 eine sehr gute und vielversprechende Spielergeneration haben. Es macht jedes Mal Spaß, dort zu spielen. Ich sehe das nicht als Rückschritt. Mir ist bewusst, dass die Konkurrenz auf jeder Position enorm ist und dass ich mich in Geduld üben muss.

Wann sehen wir Sie wieder in der Nationalmannschaft?

Mir hat es gutgetan, wieder ein paar Spiele bei der U-21 zu bestreiten. Da ich auch in Monaco von Anfang an spielte, habe ich innerhalb von sechs Wochen ungefähr so viel gespielt wie in Leverkusen in der gesamten vergangenen Spielzeit. Dass ich wieder in der U 21 eingesetzt wurde, war kein Zeichen dafür, dass ich an Qualität eingebüßt habe. Es zeigt mir, dass ich in meinem Klub regelmäßig spielen muss, um mir Hoffnungen auf eine Berufung für die A-Nationalmannschaft machen zu dürfen.

Wie haben Sie die WM in Russland erlebt?

Ich habe die deutschen Spiele mit ein paar Freunden zu Hause verfolgt. Die WM war ein Fiasko. Es war grauenhaft, dieses Abschneiden zu verfolgen und machtlos zu sein. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass Deutschland in der Gruppenphase scheitern könnte. Um ehrlich zu sein: Danach hatte ich keine große Lust mehr auf die WM. Ich habe mir nur noch das Endspiel zwischen Frankreich und Kroatien angeschaut.

Interview: Alexis Menuge

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Javi Martinez Kolumne #2: Einfach Javi sein

Javi Martínez besitzt ein Haus in den Pyrenäen. Die Gipfel in 3.000 Meter Höhe sind für ihn der perfekte Rückzugsort. Und zugleich der Platz, an dem der Bayern-Star wirklich er selbst sein kann.In seiner zweiten Kolumne schreibt er in SOCRATES, wo er wirklich er selbst sein kann.

Wie oft könnt ihr das? Einfach ihr selbst sein? Ohne im Beruf oder im Bekanntenkreis gewissen Erwartungen entsprechen zu müssen? Ich bin ganz ehrlich: Ich kann es nicht immer. Aber jetzt, in diesem Moment, in dem ich diese Kolumne verfasse, bin ich es. Ich schätze es, meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Sie in Worte zu fassen. Ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.

Ich liebe es, Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Mit ihnen gute Gespräche zu führen, mich mit ihnen über ihre Woche, ihre Ansichten und Erlebnisse auszutauschen. Zeit füreinander zu haben, ist mir wichtig.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #30: Jetzt nachbestellen

„Als Javi bewege ich mich anders“

Vielleicht klingt das außergewöhnlich für einen Fußballer: Aber mir gefällt es auch sehr, mit meiner Familie Brettspiele zu spielen. Wenn nun einige von euch sagen, ich sei ein einfacher Typ, kann ich dem nur zustimmen. Ich würde jedoch ergänzen, dass ich zudem ein sehr neugieriger Mensch bin, für den es großen Wert hat, fremde Länder zu bereisen und bisher unbekannte Speisen zu probieren. Ich möchte die Welt sehen und schmecken.

Durch den Fußball habe ich das Glück, schon in vielen Ecken unserer Erde gewesen zu sein. Aber eben zumeist in meiner Rolle als Profispieler Javi Martínez. Und nicht als Javi. Als Javi bewege ich mich anders. Als Javi brauche ich den Himmel mehr als ein Hotel. An einem freien Wochenende zieht es mich in die Berge.

Die Berge nehmen dich wortlos auf

Ich besitze ein Haus, das in den Pyrenäen liegt, genauer gesagt in Formigal auf rund 1.500 Meter Höhe. Es ist für mich der schönste Fleck in Spanien – mit einem atemberaubenden Blick über die Gebirgskette, die zwischen Frankreich und Spanien verläuft.

Die Berge haben etwas Spezielles. Wenn du dich hineinbegibst, werden sie zu deinem Partner. Sie nehmen dich wortlos auf und an. Deswegen liebe ich es auch, gelegentlich alleine zu wandern. Ich bin dann ganz für mich teilweise sieben Stunden am Berg unterwegs.

Wenn ich mich umschaue, sehe ich die grünen Bäume, das graue Felsmassiv und den blauen Himmel. Ich fühle mich geliebt in dieser Umgebung. Es gibt Sommertage, an denen ich bis an die Bergspitzen in knapp 3.000 Metern Höhe hinaufsteige und dort oben in einem Schlafsack übernachte. In meinem Rucksack habe ich dann ein Buch, etwas zu essen und zu trinken dabei.

Mehr benötige ich nicht.

Bei minus acht Grad auf dem Gipfel

Manchmal möchte ich abstreifen, dass ich ein erfolgreicher Fußballer beim FC Bayern bin. Dass ich viele Fans habe. Dass auf meinen Schultern viel Verantwortung liegt. In diesen Momenten möchte ich einfach nur relaxen, den Kopf ausschalten und alles um mich herum vergessen.

Das ist eine wichtige Regeneration für mich. Einmal erklomm ich sogar im Winter mit Freunden, die erfahrene Bergsteiger sind, die Gipfel in den Pyrenäen. Oben zeigte das Thermometer minus acht Grad. Wir bauten uns für die Nacht ein Iglu. Und als wir dann morgens aufwachten, war es wie in einem Traum: Beim Sonnenaufgang verwandelte sich der Schnee in ein weißes, glitzerndes, leuchtendes Meer.

Ich habe so etwas Schönes noch nie gesehen.

Die Handykameras reichen nicht aus

Es war eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Amazing. Zum Glück war ein professioneller Fotograf damals ebenfalls in den Bergen unterwegs. Er konnte mit seiner Kamera die einzigartigen Bilder festhalten.

Unsere Handykameras hätten dafür bei weitem nicht ausgereicht. Es war ein Ansporn für mich, der Fotografie mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Mittlerweile habe ich meine eigene hochwertige Kamera. Zweifelsohne: Die Fotografie hat mich gepackt, auch wenn ich auf diesem Gebiet noch ein Anfänger bin.

Nach der Karriere…

Und leider ist das Material sehr schwer, so dass ich es auf die langen und anstrengenden Bergtouren nicht mitnehmen kann. Aus diesem Grund überlege ich, in einem der nächsten Winter mal mit einem Schneemobil Richtung Gipfel zu fahren, um die Ausrüstung mit in die Höhe nehmen zu können und ähnliche Bilder anzufertigen.

Ja, das bin ich. Jemand, der einfach seinen Interessen und seinem Herzen folgt. Ohne dabei beobachtet oder bewertet zu werden. Das geht aus bekannten und benannten Gründen aktuell (zu) selten. Aber die Zeit wird kommen, dass ich viel mehr Javi sein werde, als ich es jetzt sein kann.

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Armin Klümper: Gott in Weiß

Jahrzehntelang dosierte, rezeptierte und verabreichte der Sportmediziner Armin Klümper Dopingmittel für Sportler der Bundesrepublik. Sein Ruf als loyaler Wunderheiler machte ihn alsbald für den Fußball interessant. Jetzt ist Klümper verstorben.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich John Hoberman mit der Soziologie des Dopings. Der renommierte Germanist und Dopingforscher publizierte in der Szene bahnbrechende Bücher, wie 2005 Testosterone Dreams – über synthetisches Testosteron als Alltagsdroge im Sport und der Gesellschaft in den USA.

Sein älteres Buch Mortal Engines (1994 in Deutschland erschienen) avancierte zu einem Standardwerk der Anti-Doping-Literatur. Ausgerechnet er, einer der größten Provakteure des über Jahrzehnte zu laschen amerikanischen Anti-Doping-Kampfes, hievte einst zwei deutsche Sportmediziner auf ein noch höheres, wenn auch aus Ironie erbautes Podest: „Deutschland ist das einzige Land, das nicht nur berühmte Sportler, sondern auch berühmte Sportärzte kreiert hat.“

Der Artikel erschien in Ausgabe #11: Jetzt nachbestellen

Die Doyens der Sportärzteschaft

Gemeint hat er Josef Keul und Armin Klümper, lange bevor eine unabhängige Kommission begann, die beängstigend ausgeprägte Dopingvergangenheit der Freiburger Universität im Auftrag der Uni selbst zu beleuchten.

Eben dort waren Keul und Klümper, wie sie die Süddeutsche Zeitung und deren Dopingexperte Thomas Kistner eins treffend taufte, die Doyens einer Doping praktizierenden Sportärzteschaft in der Bundesrepublik. Von Freiburg aus präparierten sie deutlich über die Grenzen des Erlaubten hinaus Athleten. Auch Minderjährigen wurden nachweislich verbotene Präparate verabreicht.

Mitverantwortlich für Weltrekorde und Medaillen

Schließlich war auch der Fußball irgendwann involviert. Zeitzeugen-Aussagen, Gerüchte, der Fall Birgit Dressel – Ansatzpunkte für das verbotene Handeln Klümpers gab es bereits lange. Seit Juni 2017 ist es aber amtlich, der letzte Bericht der längst nach ständigen Querelen aufgelösten Kommission wurde veröffentlicht. Jedoch publizierten nicht der von der Kommission übriggebliebene Sportwissenschaftler Andreas Singler und dessen Co-Autor Gerhard Treutlein, sondern die Uni Freiburg selbst. Singler befindet sich deswegen im rechtlichen Urheberstreit.

„Klümper hat dopingtaugliche Mittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg rezeptiert und verabreicht“, heißt es. „Er habe sich damit für Weltrekorde, Medaillen und viele Spitzenleistungen mitverantwortlich gezeichnet, die ohne Dopingmaßnahmen vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Leistungsentwicklung in der Regel nicht denkbar waren.“

Klümper, der Menschenfänger

Keuls größtes negatives Vermächtnis, dies wurde in einer älteren Veröffentlichung Singers deutlich, bestand aus dem Imagemanagement beim bundesdeutschen Doping. „Keul hat sich über Jahre hinweg durch seine wissentliche Duldung ums Doping verdient gemacht“, erklärte einst die Dopingaufklärerin Brigitte Berendonk. 2016 und 2017 dann lieferten die Gutachter Belege dafür, dass Keul, seit 1960 deutscher Olympiaarzt (ab 1980 Chefarzt), nachweislich vereinzelte Athleten dopte.

Dennoch war der aktivere der Beiden nicht der Internist Keul, sondern der Orthopäde Klümper. Ein Menschenfänger, ein Sportlerfänger. Der gebürtige Münsteraner (Jahrgang 1935) verstand es, nach Medizinstudium und Anfängen an der Uni, enge Bindungen zu seinen Sportler-Patienten aufzubauen. Bereits in den 1960er Jahren wurde er Verbandsarzt mehrerer Nationalverbände.

„Ich bin Helfer des Menschen“

Bis zum Ende des darauffolgenden Jahrzehnts war er einer der lautstärksten Befürworter der offiziellen Freigabe von Anabolika im Leistungssport – und verordnete auch anabole Steroide. Dennoch galt Klümper alsbald sportartübergreifend als Ausnahme-Arzt. „Aber“, so stellte Brigitte Berendonk damals fest, der „Verlust der professionellen Distanz des Arztes zum Patienten scheint Ursache seiner zunehmend aktiven Rolle auch beim Anabolikadoping vieler Athleten zu sein.“

„Ich bin als Arzt Helfer des Menschen, aber bevor ich einen Athleten in die Grauzone der Selbstmedikation entlasse, gebe ich ihm, ohne was er nicht auszukommen glaubt. Dann habe ich wenigstens die Dosierung der Muskelpille unter Kontrolle, was ein geringeres Risiko für negative Wirkungen bedeutet“, erklärte der Doktor 1977 gegenüber der Stuttgarter Zeitung.

Die Elite stand hinter ihm

Doch Klümper beugte sich Ende 1977 der gesellschaftlichen Diskussion. Der Deutsche Sportbund (DSB) und alle weiteren Entscheidungsträger lehnten Anabolika ab. Gleichzeitig soll Klümper die explizite Regeländerung durch das Parlament des Bundesverbandes verlangt haben. Klümper wurde Professor, er erhielt eine vom Staat und Land und der Stadt Freiburg finanzierte Sporttraumatologie.

Von dort aus machte er deutsche Olympioniken zu Medaillengewinnern – und wenn es mit der Finanzierung von leistungsspezifischen Maßnahmen mal hakte, verfasste die Leichtathletik-Elite einen bösen Brief, den Forderungen Klümpers nachzukommen, wie 1979. Damals unterschrieben unter anderen von den Hochsprung-Assen Ulrike Meyfarth und Carlo Trähnhardt.

Die Ausgabe #33 ist im Handel
Vettel, Gerrard und viele mehr im Exklusiv-Interview: Die Ausgabe #33 ist im Handel
Der Hexer

Für manche war der Arzt Hexer. Manche wussten nicht genau, was er ihnen alles verabreichte – oder wollten es nicht genau wissen. Mit manchen Athleten besprach er auf Nachfrage alles bis ins kleinste Detail. „Er war für mich schon einer, der beeindrucken konnte. Er hatte so einen Nimbus, nicht als Zauberer, aber so als sehr fähiger Sportarzt. Er hat ja morgens als Röntgenologe bis zwölf Uhr und dann bis abends um halb zwölf durchgearbeitet“, erklärte der ehemalige Diskuswerfer Hein-Direck Neu im dokumentierten Zeitzeugengespräch mit Singler.

Neu war einer der wenigen positiven Dopingfälle seiner Zeit. „Der war für uns nicht ein Magier, aber zumindest einer, der sich sehr ins Zeug gelegt hat für die Athleten. Man hat auch Vertrauen zu ihm gehabt, was er gemacht hat, hat man eigentlich erduldet und hat gehofft, dass es funktionierte. Und er hat auch, glaube ich, viele Leute wieder hingekriegt.“ Neu verstarb im April 2017.

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Es gab kein Rezept

Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Singler. Dokumente zeigen, wie fließend der Übergang zwischen sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping war. Ein Rezept oder eine Spritze erhielt er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfing, ist nicht bekannt.

Auf weiteren 24 Seiten ist systematische Manipulation beim VfB Stuttgart dokumentiert. 1979 sollte es um den Titel gehen. Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß und Hansi Müller bildeten dafür ein gutes Fundament. Und Anabolika, besorgt bei Klümper. Einem Singler- Gutachten zufolge bestellte ein VfB-Masseur damals Medikamente an der Uni Freiburg. Die Lieferung wurde über eine von Klümpers Stammapotheken abgewickelt.

Medikamentenlieferungen nach Stuttgart

Eine Sonderkommission des badenwürttembergischen Landeskriminalamtes hatte ab 1984 für zwei Strafverfahren besonderes Interesse an jenen Abrechnungen. Dort tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit. Bekannt ist mittlerweile, dass Müller und Förster Geld für Klümper sammelten.

Als es in diesem Verfahren um Abrechnungsbetrug ging, flossen auf das Spendenkonto übereinstimmenden Berichten zufolge auch Gelder von Uli Hoeneß, Paul Breitner und Karl Heinz Rummenigge. Der Arzt wurde zu 160.000 D-Mark Strafe verurteilt. Die Akten waren bis 2014 verschwunden. Die Zusammenhänge erschlossen sich erst in den vergangenen Jahren.

Der Tod der Birgit Dressel

Die Verwicklung des Bundesliga-Fußballs löste 2016 nachträglich ein heftiges Medienecho aus. Die Aufregung darüber und über Klümper ist heute längst vergangen. Im Radsport blieb der Aufschrei gegen jenen Klümper gänzlich aus. Obwohl ihm heute nachgewiesen werden kann, den kompletten Aufbau der deutschen Radfahrer etwa vor den olympischen Spielen 1976 mit Doping organisiert zu haben.

Die Angaben wurden dank der Freiburger Evaluierungskommission und weiterer Presserecherchen präzisiert. Dabei geht es sogar um Minderjährigen-Doping im Radsport. Tragischer Höhepunkt der Ära Klümper war der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987.

Laut einem Ermittlungsergebnis hat Klümper der damaligen EM-Vierten in den zwei Jahren vor ihrem Tod 400 Injektionen verabreicht. Rund 100 verschiedene Medikamente habe die Leichtathletin verwendet. Allein in der Wohnung von Dressel und Thomas Kohlbacher, ihrem Verlobten und Trainer, stellten Ermittler Dutzende Mittel sicher. Die „im höchsten Maße gesunde“ Birgit Dressel, wie sie Klümper gegenüber der Kripo bezeichnete, war laut Spiegel „in Wahrheit eine chronisch kranke, mit Hunderten von Arzneimitteln vollgepumpte junge Frau“. Sie starb nach tagelangem Martyrium an Multiorganversagen. Kohlbacher blieb unbehelligt, trainiert heute Mehrkampf-Juniorinnen in Mainz. Klümper schwieg.

Bis zu seinem Tod

Gefordert von vielen Athleten, stand er zwei Jahre nach Dressels Tod bereits wieder auf den Ärztelisten der Kaderathleten. 1990 verließ er die Universität Freiburg und leitete bis zu ihrer Insolvenz 1992 die Mooswald- Klinik. Anschließend überließ die Stadt Freiburg ihm erneut Räume, in denen er seine sporttraumatologische Spezialambulanz privat betreiben konnte.

2000 ging er mit Ehefrau und Tochter nach Südafrika. Durch eine Todesanzeige wurde nun bekannt, dass er am 23. Juni dort auch gestorben ist. Am Ende war er nicht mehr berühmt, nur noch berüchtigt.

Jannik Schneider

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Vettel, Gerrard, Jović: Männer mit Plan

Sebastian Vettel war noch nie Fahrer, der nur an das Hier und Jetzt denkt. Der Ferrari-Pilot macht sich daher auch Sorgen um die Sorgen der Formel 1. Sorgen hatte sich auch Luka Jovic gemacht. Doch das ist alles Vergangenheit. Gestern wie heute erfolgreich – das ist Steven Gerrard. Und er will damit nicht aufhören. Vettel, Gerrard, Jović: Drei Männer mit Plan auf dem Cover der Ausgabe #33.

Sebastian Vettel: Die Sorgen

Man muss keinen Hehl daraus machen: Sebastian Vettel erlebt im Cockpit von Ferrari eine schwierige Saison in der Formel 1. Die Konkurrenz fährt davon, die Hoffnung auf den Weltmeistertitel haben früh einen Dämpfer bekommen. Aber Sebastian Vettel denkt nicht nur an heute, sondern liebt die Formel und macht sich ernsthafte Sorgen.

Im exklusiven Interview mit SOCRATES spricht Vettel darüber, was ihm missfällt und mahnt, dass „die Formel 1 nicht zu weit gehen darf“. Er spricht aber auch über die Probleme bei seinem Rennstall und berichtet, seit wann man Probleme bei der Entwicklung des Autos hat.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Steven Gerrard im Exklusiv-Interview

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben. Gerrard nennt seine Trainer-Vorbilder und natürlich bricht er natürlich eine Lanze für Jürgen „The Normal One“ Klopp.

Luka Jović: Der Beste

Luka Jovic ist der Spieler der Saison. Da lassen wir nicht mit uns diskutieren. Sein Aufstieg ist atemberaubend, obgleich sein enormes Talent schon früh unübersehbar war. Die Geschichte hätte aber auch ganz anders laufen können, wenn Fredi Bobic und Niko Kovac nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wären.

Daniel Abt im Exklusiv-Inteview

Daniel Abt ist Rennfahrer, hat aber auch 250.000 Abonnenten auf YouTube. SOCRATES erzählt er, wie er mit Hass unter seinen Videos umgeht und warum sein Teamchef ihn nachts um halb fünf mit einem Döner erwischt hat.

Isabell Werth im Exklusiv-Interview

Isabell Werth ist die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten und allein mit sechs olympischen Goldmedaillen dekoriert. Ihre Begeisterung für den Sport und ihr Tatendrang sind dennoch ungebremst. Ein Gespräch über Pläne, Wertewandel und Diskussionskultur zwischen Pferd und Reiter.

Aito Garcia Reneses im Exklusiv-Interview

ALBA Berlins EuroCup-Traum endete im Finale gegen Valencia. Es war nicht das erste Mal, dass Aíto García Reneses ein Finale verlor. Der 72-jährige Trainer gehört aber nicht zu den Menschen, die sich lange mit Niederlagen aufhalten.

Dies und vieles mehr in Socrates #33!