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Tony Parker im Interview: „Sie sagten, ich sei ungeeignet“

Tony Parker (37) hat nach 18 Jahren NBA aufgehört, als Legende diesseits und jenseits des großen Teiches. Am Ende war das Feuer für den Sport erloschen. Im Gespräch mit SOCRATES blickt der Franzose auf seine Karriere zurück, spricht über Nowitzki, Jordan und all die Projekte, denen er sich jetzt mit ganzer Kraft widmen will.

Tony Parker, Sie haben im Juni Ihr Karriereende verkündet. Wie ging es Ihnen damit?

Ich war mit mir im Reinen, es war die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt – und sie war wohlüberlegt. Ich blicke mit Stolz auf meine gesamte Karriere zurück. Egal ob ich meine Zeit in Paris, San Antonio, Charlotte oder der französischen Nationalmannschaft betrachte, es hat alles gepasst. Eigentlich habe ich meinen Traum jeden Tag gelebt. Ich habe sogar das Gefühl, dass es noch schöner war, als ich es mir je ausgemalt habe. Ich hätte nie gedacht, so viele Titel zu gewinnen und bis in die Top 50 der besten Scorer der Geschichte zu kommen. Ich habe mir nicht das Geringste vorzuwerfen. Ich habe immer alles gegeben und alle Ziele erreicht. Es klingt vielleicht komisch, aber meine Karriere war von A bis Z ein einziger Traum.

Das kann man sagen. Sie haben vier NBA-Meisterschaften gewonnen, waren Finals-MVP, All Star, Europameister und noch viel mehr. So etwas kann man ja nicht planen. Mit welchen Zielen sind Sie ursprünglich angetreten?

Ich wollte in die NBA, dort meine Chance nutzen und Frankreich gut vertreten. Nie im Leben habe ich daran gedacht, der beste französische Basketballer aller Zeiten zu werden. Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich oft als Legende bezeichnet, aber das war am Anfang gar nicht mein Ziel. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich so viele Jahre auf dem höchsten Niveau spielen konnte. Die Konstanz und das Durchhaltevermögen sind das Schwierigste. Es gefällt mir ganz gut, dass ich in Frankreich immer als Beispiel herangezogen werde, wenn es um Beständigkeit und Erfolg im Sport geht.

Das Interview erschien in Ausgabe #36: Jetzt nachbestellen

Zu jeder Karriere gehören Niederlagen. Welche tat am meisten weh?

Die in den Finals 2013 gegen Miami. Bis heute habe ich Schmerzen, sobald ich an dieses Endspiel erinnert werde, aber das ist völlig in Ordnung. Ich kann damit problemlos leben. Ich habe einige heftige Rückschläge erlebt, aber dadurch kann ich die Erfolge nur noch mehr genießen.

Was zeichnet Sie besonders aus?

Als ich anfing, sagten mir viele Leute, dass ich für Basketball alles andere als geeignet wäre. Ich sei entweder zu klein oder zu schmächtig oder beides zusammen. Das tat schon weh. Auf der anderen Seite habe ich daraus Kraft geschöpft. Viele Spieler waren körperlich stärker als ich, dafür war ich im Kopf bärenstark. Ich war jahrelang auf keiner Party, habe meinen Körper gepflegt und auf meine Ernährung geachtet. Ich habe auf vieles verzichtet und hart gearbeitet, doch es hat sich gelohnt.

Können Sie gut loslassen?

Ich denke, dass es viel einfacher wird, als viele glauben, weil mir zuletzt einfach die Motivation fehlte. Ich sehe keinen Grund mehr und keinen Sinn, noch eine weitere Saison dranzuhängen.  In 17 Jahren bei den San Antonio Spurs hatte ich stets das Gefühl, dass wir zu den Titelkandidaten zählten. In der vergangenen Spielzeit bei den Charlotte Hornets war das nicht der Fall. Wenn man jede Saison um den Titel spielt, ist man verwöhnt. Mir fehlten die Leidenschaft und der absolute Wille. Nun habe ich zahlreiche Projekte und neue Aufgaben, so dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mir Basketball fehlen wird.

Hat die Befürchtung eine Rolle gespielt, dass Sie den richtigen Zeitpunkt für das Karriereende verpassen könnten?

Es ist wichtig, mit sich im Reinen zu sein und sich nicht selbst in die Tasche zu lügen. Irgendwann ist es einfach vorbei. Ich habe genug Pokale gewonnen und genug Geld verdient. Es ist an der Zeit, für andere Platz zu machen.

Wie war es in Charlotte, dem Klub von Michael Jordan?

Wir begegneten uns nur selten, weil er sehr beschäftigt ist. Bei unserer Weihnachtsfeier und gelegentlich beim Training, tauschten wir uns aus, aber meist war er nicht zu sehen. Er hat ein paar Videos mit uns gedreht und kam dabei sehr natürlich und humorvoll rüber. Er war mein großes Idol und hat mich vor allem mit seiner professionellen Einstellung stets sehr beeindruckt. Ich bin stolz darauf, für seinen Klub gespielt zu haben, auch wenn es nur ein kurzes Abenteuer war.

Sie waren ewig bei den Spurs. Hätten Sie Ihre Karriere nicht lieber dort beendet und wie Dirk Nowitzki nur für einen einzigen Klub in der NBA gespielt?

Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Natürlich wäre es ein Traum gewesen, in San Antonio aufzuhören, aber ich hatte ohnehin schon eine traumhafte Karriere. In Charlotte konnte ich beweisen, dass ich immer noch konkurrenzfähig bin, das war mir durchaus wichtig. Bei der Gelegenheit möchte ich den Hut vor Dirk Nowitzkis gigantischer Karriere ziehen. Er war überragend. Er hat alles verdient, was er erreicht hat, weil er hart dafür gearbeitet hat.

Das geben wir gerne weiter. Sie sind bereits seit etlichen Jahren parallel als Geschäftsmann und Funktionär u.a. beim französischen Klub ASVEL Villeurbanne tätig und erfolgreich. Woher kam das Interesse für das Business?

Mir hat es immer gefallen, Dinge zu entwickeln und voranzutreiben. Mein Sport und sein Umfeld haben es mir ermöglicht, viele Kontakte mit Business-Leuten zu knüpfen und mich weiterzuentwickeln. Ich habe mir viel von den Profis abgeguckt, habe gelernt und dann meine eigenen Projekte gestartet.

Der Socrates Newsletter

Haben Sie dabei auch die Schattenseiten kennengelernt?

Klar, es gibt in diesem Milieu unheimlich viele Leute, die nur das Ziel haben, einen Spieler auszunehmen. Deshalb ist es so wichtig, sich die richtigen Personen an seine Seite zu holen. Das müssen Leute sein, die die gleiche Vision haben und eine zumindest ähnliche Vorgehensweise. Ich will Leute für gemeinsame Projekte begeistern, das liegt mir sehr am Herzen. Dabei ist es völlig egal, ob es um Immobilien oder Finanzen geht.

Gibt es auch ein Vorbild für Sie in diesem Business-Bereich?

Michael Jordan war im Sport wahnsinnig erfolgreich und anschließend mit seiner Marke Air Jordan ebenfalls. Magic Johnson hat bewiesen, dass er es als Unternehmer draufhat; egal ob mit Starbucks, TGI Friday’s oder den Kinos. Ich würde gern seinen Weg gehen. Er ist für mich sicherlich ein Vorbild.

Machen Sie Fehler?

Selbstverständlich. Man lernt unheimlich viel, wenn man viel unternimmt und dabei sind Fehler völlig normal. Und aus den Fehlern wiederum kann man wahnsinnig viel lernen, um anschließend mit Schwierigkeiten, die unerwartet auftreten, besser umgehen zu können. Meine große Stärke besteht darin, dass ich gut trennen kann. Basketball ist Basketball und Business ist Business.

Es sieht nicht so aus, als müssten wir uns Sorgen machen, dass Sie sich langweilen könnten?

Auf keinen Fall. Ich habe verschiedene Projekte, bei denen ich mich voll einbringen will: als Präsident von Villeurbanne natürlich und dann bei meiner Filmproduktion. Dazu kommt meine Aufgabe als Botschafter für Bildung für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Ich freue mich riesig auf all diese Aufgaben und die kommenden Jahre. Und dann möchte ich auch unbedingt mehr Zeit für die Familie haben.

Sie und Ihre Ehefrau Axelle Francine haben zwei Söhne im Alter von drei und fünf Jahren. Was bekommen die denn schon von ihrem so beschäftigten Vater mit?

Noch verstehen sie natürlich nicht, was ich alles tue und was ich erreicht habe. Aber natürlich sind sie sehr neugierig und wenn mich Leute im Restaurant etwa um Fotos oder Autogramme bitten, dann fragen sie sich natürlich, was es damit auf sich hat. Sie sollen mich aber nicht als ehemaligen Basketball-Star erleben, sondern als normalen Vater. Das ist mir sehr wichtig. Ich will ein ganz normaler Vater sein.

Interview: Alexis Menuge

Zum Todestag von Robert Enke: Gebrochenes Tabu

Heute vor 10 Jahren starb Robert Enke. Sein Suizid versetzte eine sonst so stolze Sportwelt in Schockstarre. Doch sie scheint auch etwas gelernt zu haben. Autor Jannik Schneider auf Spurensuche.

„Der Tod von Lara hat uns so zusammengeschweißt, dass wir gedacht haben: ,Wir schaffen alles!‘. Wir dachten auch, mit Liebe geht das. Aber man schafft es eben doch nicht immer.“

Am 11. November 2009 sprach Teresa Enke jene bewegenden Worte, die um die Welt gehen sollten und längst nicht nur Menschen rund um den Profifußball in eine Schockstarre versetzen würden. Lediglich einige wenige Stunden nach dem wohl schlimmsten Schicksalsschlag nahm sie auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz Mut und Kraft zusammen, um der Öffentlichkeit zu erklären, was damals nicht zu erklären war. Dass ihr Mann, Robert Enke, Nationaltorhüter und langjähriger Publikumsliebling bei Hannover 96, Selbstmord begangen hatte. Weil er an einer schweren klinischen Depression erkrankt war, die ihn aus seiner Sicht in eine schier aussichtslose Situation manövriert hatte.

Der Suizid von Robert Enke jährt sich an diesem Sonntag zum zehnten Mal.

Nach Robert Enke: Wie konnte das passieren?

Teresa Enke schaffte es damals mit der größtmöglichen Empathie und ihren präzisen Aussagen, die vom behandelten Pyschiater untermauert wurden, dass die Menschen überhaupt ein erstes Gefühl für die Situation bekamen, eine erste Einordnung. Denn vielerorts, nicht nur in Enkes Wahlheimat Hannover, herrschte zunächst Ohnmacht und Hilflosigkeit im Umgang mit der Situation. Die Anhänger von Hannover 96 hatten ihr Idol verloren, Sport-Deutschland eine geschätzte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Die Frage, die sich alle stellten: Wie konnte sich ein erfolgreicher, unabhängiger Sportler das Leben nehmen?

Im Jahr 2009 war das Thema Depression keines. Es fand in der Öffentlichkeit so gut wie nicht statt. Im Leistungssport, im Profifußball war es ein Tabuthema. Viele taten Depressionen als Schwäche ab. Als Krankheit wurden Depressionen kaum anerkannt. Sensibilisierung fand wenig statt, auch weil das Thema schwer zu greifen war.

Jörg Neblung: „Psyche des Menschen ist unergründlich“

Dieser Artikel soll nicht suggerieren, dass die Krankheit heute, zehn Jahre später, enträtselt sei. Der Suizid von Robert Enke und die Entwicklung von Depressionen in der Gesellschaft im Allgemeinen und im Leistungssport im Speziellen ist noch immer ein sehr sensibles Thema. Man darf nicht ausschließlich auf das Schicksal Enkes schauen. Als Beispiel wird oft der Zugführer genannt, der Enkes Tod sah und nicht verhindern konnte. Es hilft aber, wenn man weiß, dass Enke krank war und niemand vorsätzlich schaden wollte.

Die Thematik komplett zu durchdringen ist schwer und muss auch nicht der Anspruch sein, sich damit zu beschäftigen und sich und andere zu sensibilisieren aber schon. Robert Enkes ehemaliger Berater, Jörg Neblung, formulierte es dieser Tage in einem Interview mit dem Sportportal SPOX.com subjektiv treffend: „Die Psyche des Menschen ist tief und für mich als Laien nach wie vor unergründlich. Wenn man Roberts Geschichte so hautnah mitbekommen hat, dann kann man sich nie sicher sein.“

„Depression ist eine Stoffwechselkrankung des Gehirns“

Worüber sich Experten heute einig sind und wofür sie kämpfen, ist, dass Depressionen eine Krankheit ist und als solche anerkannt wird – wie etwa ein Bandscheibenvorfall oder eine Lungenentzündung. „Depression ist eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns. Dort werden bestimmte biochemische Abläufe verändert“, erklärte der habilitierte Mediziner und vielfach ausgezeichnete Forscher Florian Holzboer anlässlich des zehnten Todestags in der NDR-Dokumentation „Auch Helden haben Depressionen“.

Dass diese Fehlfunktion im Gehirn als Krankheit anerkannt wird, ist essentiell für einen menschenwürdigen Umgang mit dem Thema. Es ist eine Krankheit, die man behandeln kann und nach deren Abschluss man zurückkehren kann und nach der man wieder lebensfroh und leistungsfähig sein kann. Das ist dem Umfeld von Enke besonders wichtig. Robert Enke selbst hatte das trotz der für ihn schwierigen Umstände bewiesen. Nach einer ersten schweren, klinischen Depression in seiner Zeit als noch junger Weltklassetorhüter beim FC Barcelona, während der er sich heimlich in Behandlung begab, schaffte er den Sprung zurück in einen lebensfrohen Alltag.

Die Angst

Er blieb fünf Jahre gesund. Selbst der Herztod seiner Tochter warf ihn, anders als die Öffentlichkeit später zunächst dachte, nicht mehr aus der Bahn als jeden anderen trauernden Vater auch. Teresa Enke, die ich vor zwei Jahren zu einem ausführlichen Interview treffen durfte, gab damals wie heute an, dass Robert Enke aus diesem Schicksalsschlag eine große Verantwortung für sich ziehen konnte.

Menschen mit einer medizinischen Veranlagung für eine Depression müssen aber akzeptieren, dass sie im Zweifel anfälliger für Depressionen sind. Enke erklärte damals im Interview, dass sie und ihr Mann ein schwerwiegendes Versteckspiel mit der Öffentlichkeit spielen mussten. Robert Enke glaubte, dass er diese Krankheit verstecken müsste, sonst würde er alles verlieren. Seine Anerkennung als einer der besten Torhüter, seinen Platz in der Nationalmannschaft, bei Hannover 96 und letztlich in der Gesellschaft. Weder seine Frau noch sein Berater und enger Vertrauter Neblung gelang es, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Leiden der Teresa Enke

Teresa Enke machte damals deutlich, dass sie einen einsamen Kampf führten – führen mussten. „Es gab damals einfach noch nicht diese Möglichkeiten und kein Netzwerk, das uns helfen konnte. Damals war in den Köpfen noch nicht so verankert, was psychische Erkrankungen überhaupt sind. Klar gab es vereinzelt Mentaltrainer, aber nicht beim FC Barcelona, bei Benfica oder in Hannover. Das fing erst so allmählich unter Jürgen Klinsmann in der Nationalmannschaft an, da aber mit einem leistungssportlichen Ansatz und nicht mit der Intention, Depressionen zu behandeln. Es war einfach schwierig. Wir waren komplett allein auf weiter Flur und mussten autodidaktisch vorgehen und überlegen, wie wir Hilfe bekommen können.“

Als die Depression im Sommer 2009 ein zweites Mal ausbrach, schoben die Enkes für die Öffentlichkeit einen mysteriösen Virus als Ausfallgrund vor. „Robert wollte unter keinen Umständen, dass es rauskommt. Also haben wir das vorgeschoben. Das Versteckspiel, das er spielen musste, das auch ich spielen musste, ging natürlich an die Nerven, denn bis auf ganz enge Freunde wusste niemand von seiner Depression. Er war oft niedergeschlagen. Ich habe dann versucht, banal ausgedrückt, ‚Quatsch‘ zu machen, damit es nicht so auffällt. Viele, auch meine Freunde, haben gedacht, er könne sie nicht leiden. Es war einfach ein unglaublicher Kampf, diese Krankheit geheim zu halten.“

Der Vergleich mit dem Krebs

Enke betonte noch 2017, es sei immer noch schwierig, mit dieser Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Menschen bekommen an ihrem Arbeitsplatz gesagt: ‚Komm, reiß dich zusammen‘, einfach weil Depressionen nicht so greifbar sind. Krebs zum Beispiel, der wird diagnostiziert, da hat man Blutwerte, sieht die Metastasen auf einem MRT. Bei einer Depression geht das nicht. Mich hat sehr erschüttert, was ich in einer Studie gelesen habe. Patienten, die Krebs und Depressionen hatten, haben darin angegeben, dass die Depression für sie schmerzhafter gewesen sei. Das erschüttert mich sehr, gerade weil ich erlebt habe, wie Robert gekämpft hat.“

Den Kampf hat Robert Enke bei seiner zweiten klinischen Depression 2009 schlussendlich verloren. Es fällt immer noch schwer zu begreifen, was ihn ausgerechnet in dieser Phase wieder in die Krankheit getrieben hat. Er war Nationaltorhüter, Publikumsliebling, ein glücklicher Familienvater mit einem stabilen Umfeld. Er führte ein perfektes Leben. Vielleicht war es genau das, was ihm Angst bereitete.

„Mein Gott Robby, du hast dir alles kaputt gemacht“

Jörg Neblung gab dieser Tage an, dass es auch zehn Jahre später an ihm nage, sich am Ende gegen Robert Enke nicht durchgesetzt zu haben. Der weigerte sich gegen eine Zwangseinweisung – aus Angst vor den öffentlichen Reaktionen. Teresa Enke sagte in der aktuellen Dokumentation: „Aus heutiger Sicht es klar. Aber vor zehn Jahren galt es noch als Schwäche – als Tabuthema.“

Heute blicke sie mit Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. „Wenn ich Bilder anschaue, muss ich schmunzeln und werde auch mal traurig und denke mir: ,Mein Gott Robby, das hast du dir alles kaputt gemacht – wenn es mit Absicht gewesen wäre – aber er war krank.“

Nach dem Selbstmord, der bewegenden Pressekonferenz zog Teresa Enke zunächst weg aus Hannover. Heute lebt sie wieder dort. In den vergangenen zehn Jahren hat sie es sich mit der Robert-Enke-Stiftung zur Lebensaufgabe gemacht, das Thema Depressionen zu enttabuisieren. Gemeinsam mit hauptamtlichen Mitarbeitern lenkt se die Stiftung als Gesicht in der Außendarstellung. Die Stiftung hat bis heute ein Netzwerk von mehr als 70 kooperierenden Psyschologen aufgebaut, die für Leistungssportler und alle anderen Menschen über die Stiftung problemlos vermittelt werden.

Der Socrates Newsletter

Depression ist nicht gleich Druck

Es gibt eine App, mit der man versuchen kann, sich dem Thema zu nähern, ein Gefühl für Menschen mit der Krankheit zu erhalten. Zusätzlich ist die Stiftung regelmäßig präsent in den Stadien. Robert Enkes langjähriger Freund und Biograf, der Autor Ronald Reng hält Vorträge in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga. An seiner Seite steht oft Martin Amedick, ein ehemaliger Profi, der 2011 seine Erkrankung öffentlich machte.

Amedick hilft, zu differenzieren. Kürzlich sagte er, dass Depressionen nicht mit Druck im Leistungssport gleichzusetzen seien. Als Beispiel dient auch hier Robert Enke. Teresa Enke und Neblung machten deutlich, dass die sportlich schwierige Lage etwa beim FC Barcelona nicht der Grund, aber ein Auslöser der ersten, akuten Erkrankung war.

Die Veranlagung für eine Depression hatte er aus medizinischer Sicht schon. Als Leistungssportler im Mittelpunkt stehend war Enke mit dieser Anlage schlicht anfälliger.

„Wo bleibt die Menschlichkeit?“

Teresa Enke war es aber 2017 bereits ein Anliegen, dass die Historie ihres Mannes nicht mit anderen Themen vermischt werde. „Man sollte ihn und seinen Fall nicht für jede Art von Unsportlichkeit und Unmenschlichkeit hernehmen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Er wurde auch im Fußball nicht schlecht behandelt. Es kann keiner etwas dafür. Viele behaupteten ja, der Fußball sei schuld gewesen, der ganze Druck. Natürlich kann das eine Rolle spielen, aber jeder Mensch hat einen gewissen Druck im Leben. Sie bei Ihrer Arbeit, ich, jeder. Klar ist: So eine öffentliche Stellung in der Gesellschaft macht es nicht einfacher, aber trotzdem ist es nicht in Ordnung, wenn permanent behauptet wird: ‚Wo bleibt die Menschlichkeit, haben wir aus dem Fall von Robert Enke nichts gelernt?‘ Er wurde nicht von Fans niedergemacht.“

Was bleibt neben Enkes wichtiger Öffentlichkeitsarbeit zehn Jahre nach dem Tod noch? Da wäre noch die in diesem Zusammenhang oft gestellte Frage, ob der Profifußball menschlicher, sensibler geworden ist. Jörg Neblungs Ansatz dazu ist klar: „Es hat sich sehr viel bewegt, aber es kommt auf den Blick an. Bei den Grundprinzipien des Fußballs hat sich nichts verändert: Es spielen immer noch die elf Stärksten, das Verhalten der Kurve ist nicht unbedingt positiver geworden, die Schlagzeilen des Boulevards sind immer noch dieselben und die sozialen Medien tun ihr Übriges, um die Drucksituation von öffentlichen Personen zu verstärken.“

Noch fehlt die Augenhöhe

Aber die Rahmenbedingungen seien viel besser geworden: „Fußballvereine engagieren heute deutlich mehr Mentaltrainer, Sportpsychologen und Psychiater oder stellen diese Experten für den Bedarfsfall zur Verfügung. Auch mit Hilfe der Robert-Enke-Stiftung können wir Menschen Möglichkeiten an die Hand geben, wie sie sich vor depressiven Verstimmungen schützen. Hier greifen wir auf ein Netzwerk zurück, durch das wir sehr schnelle Hilfe anbieten können. Die Sensibilität für und das Verständnis um diese Krankheit ist bei den Entscheidungsträgern in den Vereinen, aber auch in der Öffentlichkeit deutlich höher geworden.“

Das ist ein wirklich positiver Aspekt der an sich tragischen Geschichte von Robert Enke zehn Jahre nach dessen Tod. Sensibilität und Verständnis müssen auch in den kommenden zehn Jahren weiter steigen, will man der Thematik irgendwann auf Augenhöhe begegnen.

Jannik Schneider

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Sylvain Wiltord Kolumne: „Die Liebe von Arsene Wenger war grenzlos“

Sylvain Wiltord spielte vier Jahre unter Arsene Wenger beim FC Arsenal. Es war die erfolgreichste Zeit der Gunners unter Wenger. In seiner Gast-Kolumne blickt Wiltord zurück, erklärt, wie Wenger arbeitet und glaubt auch: Die Trainer-Legende wird einen neuen Klub übernehmen und wird dort erfolgreich.

Von Sylvain Wiltord

Arsene Wenger war Mister Arsenal. Seine 22 Jahre bei den Gunners sind Ausdruck von Treue, Nachhaltigkeit und Identifikation. Ich durfte dort von 2000 bis 2004 unter seiner Leitung spielen und empfinde das im Nachhinein als großes Privileg. Ich fand sehr schnell heraus, was Arsène auf allen Ebenen im Verein bewegt hatte. Am deutlichsten sichtbar war sein Wirken natürlich auf dem Platz.

Aus dem „Boring, Boring Arsenal“ der frühen 1990er machte er mit seiner Philosophie des „One-Touch-Football“ eine attraktiv, spektakulär und erfolgreich spielende Mannschaft. Das war sein Verdienst. Heute ist der FC Arsenal dafür bekannt und beliebt, auch wenn am Ende zu wenige Trophäen herausgesprungen sind.

Arsene Wenger hat den „full day“ eingeführt

Arsène hat die Ernährung der Spieler von A bis Z umgestellt und viel dafür getan, Verletzungen vorzubeugen und die Regeneration zu verbessern. Er hat den „full day“ auf dem Trainingsgelände eingeführt und dafür gesorgt, dass alle zusammen frühstücken und zu Mittag essen. Und mit „alle“ waren die Spieler gemeint, aber auch alle Betreuer, Trainer, Physiotherapeuten, Fitness-Coaches. Seine Intention war, den FC Arsenal zu einer großen Familie zu machen und das ist ihm auch mehr als gelungen.

Er hatte gleich mehrere Funktionen: Er war Trainer und Manager, aber auch gleichzeitig der Architekt des Klubs. Er hat durchgesetzt, dass ein großes und modernes Stadion gebaut wird, weil er erkannt hat, dass dies notwendig ist, um sich im Konzert der Großen behaupten zu können. Genauso zeichnete er für die Runderneuerung des Vereinsgeländes verantwortlich, das seitdem zu den schönsten in Europa zählt.

„Er wird bei seinem neuen Verein etwas bewegen“

Seine Liebe zu diesem Verein war grenzenlos. Irgendwie haben sich Arsenal und Arsène gesucht und gefunden. Er war jeden Tag auf dem Gelände, sogar wenn trainingsfrei war. Es war ihm unmöglich, dort nicht vorbeizuschauen. Er brauchte das, es war sozusagen seine Droge. Ich bin nicht überrascht, dass er so lange im Amt blieb.

Dagegen verblüfft es mich zu sehen, dass er anscheinend noch lange nicht satt ist. Er ist noch nicht in Rente gegangen, dafür hat er noch zu viel Feuer und Leidenschaft in sich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er einen neuen Verein übernehmen und dort auch etwas bewegen wird.

Der Artikel erschien in Ausgabe #27: Jetzt nachbestellen

Das Pech mit dem FC Bayern

In den letzten Jahren geriet er stark in die Kritik, weil Arsenal seit 2004 keinen großen Titel mehr erringen konnte. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er nicht immer alles gegeben hätte. Überhaupt kann man ihm wenig vorwerfen. Man muss bedenken, dass sich Arsenal durch den Bau des neuen Stadions auf dem Transfermarkt stark beschränken musste und dadurch etwas den Anschluss verlor.

Und dennoch qualifizierte man sich zuverlässig Jahr für Jahr für die Champions League. Arsenal kam zwar meist nicht über das Achtelfinale hinaus, doch muss man auch festhalten, dass die Gegner fast immer Barcelona oder Bayern München hießen. Sehr bitter war allerdings das Ausscheiden 2015, als man auf AS Monaco traf und von einer Pflichtaufgabe ausgegangen war. Das tat weh und war gleichzeitig schlecht fürs Image.

„Wenger hat nichts dem Zufall überlassen“

Ich werde vor allem die Spielzeit 2003/04 immer in bester Erinnerung behalten, als wir vom ersten bis zum letzten Spieltag ohne Niederlage blieben und damit Geschichte schrieben. Bei diesem Triumph hat Arsène eine essenzielle Rolle gespielt. Er hat uns auf jeden Gegner und jedes Spiel extrem professionell eingestellt. Das war schon großes Kino. Dass wir nie den Fokus verloren, auch als wir klar vorne lagen, war allein sein Verdienst.

Er hat einfach nichts dem Zufall überlassen. Er hatte auch mit Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Robert Pires, Patrick Vieira, Jens Lehmann, Ashley Cole, Kolo Touré, Cesc Fabregas, Freddie Ljungberg, José Antonio Reyes oder auch Nwankwo Kanu eine sehr ausgeglichene, erfahrene, aber gleichzeitig unfassbar hungrige Mannschaft.

Der Socrates Newsletter

Ein echter Gentleman

Dank seiner Persönlichkeit, seiner Trainingsmethoden, seiner Liebe und Hingabe zum Beruf hat sich jeder Spieler bei ihm als Sportler, aber auch als Mensch prächtig entwickelt. Er war einfach klasse, sehr elegant, ein echter Gentleman eben, wie es nur noch wenige gibt. Auch ihm ist es zu verdanken, dass die Premier League heute die reichste Liga der Welt ist, weil er mitverantwortlich dafür war, dass diese Meisterschaft ihre Popularität weltweit immens steigern konnte.

Seine Duelle mit Sir Alex Ferguson oder José Mourinho waren stets voller Rivalität und Intensität. Arsène Wenger hat den englischen, aber auch den internationalen Fußball revolutioniert. Er hat die ganze Branche auf Vordermann gebracht. Er hat viel Vertrauen in junge Spieler gesetzt und war immer in der Lage, eine gesunde Mischung aus jungen und erfahrenen Profis zu finden.

Urlaub war ein Fremdwort

Er war einer der ersten Trainer überhaupt, der viel mit Videoanalysen arbeitete, sowohl bei der Vorbereitung auf den nächsten Gegner als auch in der Nachbetrachtung des eigenen Spiels. Er war den meisten anderen Trainern um Jahre voraus, weil er hervorragend antizipieren konnte, Entwicklungen und Trends frühzeitig erkannte und nutzte. 24 Stunden pro Tag investierte er in den Job. Er konnte nicht anders. Urlaub war für ihn ein Fremdwort.

Für mich gehört Arsene Wenger wie Ferguson zu den größten Trainern aller Zeiten. Dass er im Mai 2018 seinen Hut nahm, nötigte mir den größten Respekt ab. Ich war sehr berührt, als mich die Nachricht erreichte. Neben dem Weltmeistertitel für Frankreich war sein Abschied von Arsenal aus meiner Sicht das wichtigste Fußballereignis jenes Jahres.

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Niko Kovac im Interview: Trainer sind wie Joghurt

Im Jahr 2017 interviewte das Socrates Magazin Niko Kovac, als er Eintracht Frankfurt auf die Saison vorbereitete. Der Kroate beklagte die geringe Wertschätzung für die Trainer. Aussagen, die heute – nach seinem Aus beim FC Bayern – wieder Gültigkeit haben.

Ein längerer Auszug aus dem Interview mit Niko Kovac, damals Trainer von Eintracht Frankfurt und weit vor seinem Wechsel zum FC Bayern, aus dem August 2017. Kovac wehselte 2018 zum FC Bayern und wurde 3. November entlassen – nach einem 1:5 gegen Eintracht Frankfurt.

Niko Kovac, ihr Vater Mato und Ihre Mutter Ivka wanderten 1970 aus Kroatien nach Deutschland aus und verdienten ihr Geld als Zimmermann und Putzfrau. Haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen, was ehrliche Arbeit bedeutet?

Als meine Eltern auswanderten, war Deutschland noch nicht so, wie wir es heute kennen. Damals galt für alle: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tag ein, Tag aus. Das hat man von klein auf mitbekommen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Gesellschaft – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Jugendklub. Das  hat mich geprägt.

Welche Regeln galten damals im Hause Kovac?

Es galt, freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Und man musste eben arbeitswillig sein. Ich denke, die Werte und Normen, die damals gegolten haben und selbstverständlich waren, sollten auch in unserer heutigen Zeit Gültigkeit haben, auch wenn sie sich sicherlich etwas verschoben haben. Das versuche ich zumindest an meine Tochter weiterzugeben, und an meine Spieler.

Welche Regeln stellen Sie Ihrer Fußball-Familie auf?

Das Wichtigste für ein erfolgreiches Zusammenleben einer Mannschaft ist Respekt dem anderen gegenüber. Dazu benötigt man eine gewisse Disziplin. Wenn man in einem so großen Gebilde wie einer Bundesligamannschaft zusammenarbeitet, müssen diese beiden Komponenten stimmen. Ich habe im Laufe meiner Zeit als Spieler gelernt, dass Grundvoraussetzungen für Fortschritt und Erfolg die Arbeitsbereitschaft und die Arbeitsauffassung sind.

Trotz Ihres hohen Disziplinanspruchs halten Sie wenig von Sanktionen. Warum?

Ich versuche zu bewirken, dass jeder Spieler mit seinem gesunden Menschenverstand sein Verhalten zunächst selbst analysiert und dementsprechend auch handelt. Das ist bei uns nicht immer ganz einfach, weil wir viele unterschiedliche Charaktere unterschiedlicher Herkunft haben. Da fasst der ein oder andere Dinge anders auf. Das muss ich als Trainer in Einklang bringen, damitdas Gebilde funktioniert. Dennoch bin ich der Meinung, der Kopf sagt einem schon, was man darf und was man nicht darf. Hört man auf ihn, bedarf es auch keiner großartigen Sanktionen. Eines ist ganz elementar: Jeder muss sich unterordnen. Egal, wie er heißt, wie alt er ist, wie lange er da ist. Keiner ist wichtiger als der Erfolg oder ist größer als der Klub. Das gilt übrigens nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer und alle, die im Klub arbeiten. Wir alle werden irgendwann nicht mehr da sein, aber der Klub wird bestehen bleiben. Und es liegt an uns, dass wir den Klub entsprechend präsentieren und so aufstellen, dass er in Zukunft erfolgreich sein kann.

Das Interview erschien in Ausgabe #10: Hier nachbestellen

Auch das sagen Sie total gelassen. Woher nehmen Sie die innere Ruhe?

Als Spieler war ich schon sehr impulsiv. Und das kann ich auch als Trainer sein. Nur versuche ich als Trainer vorrangig, Ruhe auszustrahlen. Zu viel Nervosität und Aggressivität wirkt sich negativ auf meine Mannschaft aus. Ich habe lange genug selbst Fußball gespielt, wodurch ich die Erfahrung mitbringe, in gewissen Situationen von außen Ruhe zu bewahren.

Was lässt Sie dennoch aus der Haut fahren?

Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker. Ungerechtigkeiten konnte ich schon als kleiner Junge in der Schule nicht leiden. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ich weiß natürlich auch, dass nicht jeder alles gleich sieht, es oft bekanntlich mehrere Wahrheiten gibt. Wenn es aber ganz klare Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir die Hutschnur hoch.

Agieren Sie als Freund oder Chef der Spieler?

Beides. Aber in erster Linie versuche ich, ein Freund zu sein. So lange ist es ja auch noch nicht her, dass ich selbst Spieler war. Ich habe 2009 aufgehört. Na gut, es ist schon ein paar Jahre (lacht).

Sie werden auch nicht jünger.

Ja, genau. (lacht) Aber der Bezug zu den Spielern ist da. Die Jungs, die jetzt da sind, die sind meine Generation. Ich verstehe ihre Sprache und Denkweise. Von daher will ich den Spielern auch eine gewisse Sicherheit vermitteln, indem ich Nähe aufbaue. Aber ganz klar: Nähe allein reicht nicht. Man muss in gewissen Situationen auch harte Entscheidungen treffen. Ich muss diese treffen. Weil ich der Trainer und somit auch der Chef bin.

Wird diese Herangehensweise mit dem Alter schwieriger, weil mehr Distanz aufgrund unterschiedlicher Interessen entsteht?

Das kann schon sein. Nur ticke ich sicherlich noch anders als ein Trainer, der sechzig Jahre alt ist. Da ist der Unterschied doch sehr viel größer. Noch sehe ich mich als eine Generation mit meinen Spielern. Das kann jedoch in zehn Jahren ganz anders sein. Dann sind diejenigen, die jetzt zehn sind schon zwanzig. Und vielleicht entwickelt sich die Gesellschaft in dieser Zeit wieder in eine andere Richtung. Und dann muss ich als Trainer womöglich anders agieren.

Welcher Ihrer früheren Trainer kommt dem Trainer Kovac aktuell am nächsten?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man von jedem Menschen etwas mitnehmen kann. Also auch von jedem Trainer. Sowohl Gutes als auch weniger Gutes. Man wird ja geprägt. Es gab Situationen als Spieler, in denen man dachte: Das war gut, das gefällt mir. Das möchte ich später auch so machen. Dann gab es aber auch Situationen, die mir damals nicht passten – und die ich jetzt in meinem Trainerdasein vermeide.

Sie hatten bei Louis van Gaal in München hospitiert. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Akribie und die Perfektion, mit der er die ganze Woche gesteuert hat. So detailverliebt hatte ich das vorher noch nicht erlebt. Das hat mich beeindruckt. Man hat einfach gesehen, dass er die Kunst Fußball beherrscht. Dahinter steckt sicherlich ein Reifeprozess, den er über viele Jahre hinweg durch seine Tätigkeiten bei Ajax, Barcelona, Alkmaar und Bayern durchlaufen hat.

Sie selbst haben als Spieler auch viele Vereine erlebt, waren aber nirgendwo länger als fünf Jahre am Stück. Auch als Trainer hatten Sie bisher noch kein Langzeitengagement. Worin liegt das begründet?

Wie heißt es so schön: ‚Es ist nur der Trainer, der schon einmal gestanzt worden ist.‘ Das ist unser Schicksal. Wir sind das schwächste Glied in der Kette. Bei Misserfolg wird niemand auf die Idee kommen, die halbe Mannschaft rauszuhauen und den Trainer zu behalten. Die Haltbarkeit eines Trainers ist daher ziemlich gering. Hinzu kommt, dass immer mehr gut ausgebildete Trainer auf den Markt kommen, so dass auch schnell ausgetauscht werden kann.  Es ist eine Entwicklung, die bedenklich ist. Die vielleicht auch in die falsche Richtung geht. Klar, jeder möchte erfolgreich sein. Bei achtzehn Bundesligavereinen kann aber eben nur einer Meister werden. Die Erwartungshaltung vieler Klubs, aber auch der Fans, ist nicht entsprechend der getätigten Investitionen. Aber okay, das ist part of the business. Man kann es machen oder man lässt es sein. Und wenn man dabei ist, muss man damit rechnen und leben, dass man eine sehr kurze Halbwertszeit hat – fast wie ein Joghurt.

Macht das den Trainerjob so kompliziert – dass man langfristig denken und entwickeln möchte, aber kurzfristig agieren muss?

Das ist genau der Punkt. Es klingt nach wie vor wie eine Floskel, wenn ein Trainer sagt, er brauche Zeit. Aber er braucht sie wirklich, wenn er etwas entwickeln möchte. In einem Jahr ist das kaum zu schaffen. Schon gar nicht, wenn man innerhalb der Mannschaft so eine hohe Fluktuation hat.  Gerade am Saisonanfang hat jeder Trainer seine langfristigen Ziele. Aber vor allem heißt es, die ersten zwei, drei Monate gut zu performen, sonst kann es schon wieder für dich vorbei sein. Trainerdasein bedeutet auch Überlebenskampf.

 

Dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein in der Bundesliga bleibt, ist ein romantischer Fußballtraum?

Das ist kaum möglich. Genauso gibt es ja auch kaum mehr Spieler, die von Anfang bis Ende ihrer Karriere in einem Klub spielen. Irgendwie spiegelt das auch unsere heutige Gesellschaft wider. Menschen scheinen leicht ersetzbar zu sein. Es wäre wünschenswert, dass der Glaube an den langfristigen stärker ist als die Hoffnung auf den kurzfristigen Erfolg. Aber das ist im Fußball nicht realisierbar.

Interview: Felix Seidel

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Dominic Thiem im Interview: „Tennis ist sauber“

Seine Großeltern verkauften einst ihr Haus, um Dominic Thiem eine Tennis-Karriere zu ermöglichen. Im Interview spricht der Österreicher über Preisgelder, Duelle gegen die großen Drei, Doping im Tennis-Sport und über fehlende Duschen in Marokko.

Dominic Thiem, schauen Sie eigentlich noch Grand-Slam-Finals?

Natürlich, wieso auch nicht?

Gefühlt gewinnen seit Jahren doch immer die gleichen Spieler…

Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation: Roger Federer, Novak Djoković und Rafael Nadal haben alle 16 oder mehr Grand-Slam-Turniere gewonnen; mehr als jemals ein anderer Spieler zuvor. Das ist für uns junge Spieler Pech, aber gleichzeitig auch Glück, dass wir in einer Zeit mit den drei besten Spielern aller Zeiten spielen dürfen.

Was unterscheidet einen Roger Federer, einen Novak Djoković oder auch einen Rafael Nadal noch von Ihnen?

Der größte Unterschied ist die Konstanz. Ich habe alle drei schon geschlagen, auch bei großen Turnieren, aber die Drei leisten sich kaum Fehler. Egal auf welchem Belag, egal bei welchem Turnier. Das ist der einzige, aber große Unterschied.

In welcher Hinsicht spüren Sie das auch auf dem Platz?

Du bekommst von ihnen nichts geschenkt. Überhaupt nichts. Ich musste im Halbfinale in Paris gegen Djoković fünf Stunden auf höchstem Niveau spielen, um ihn zu schlagen. Und wenn du das schaffst, dann wartet direkt der nächste von ihnen auf dich. Das ist brutal und macht es noch mal deutlich schwerer für uns junge Spieler, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.

Warum gewinnen Sie ein Grand-Slam- Turnier, bevor einer der großen Drei zurücktritt?

Weil ich in den großen Spielen immer besser werde. Letztes Jahr stand ich in Paris zum ersten Mal im Finale. Da war alles noch neu und ich habe keine gute Vorstellung abgeliefert. Dieses Jahr habe ich gegen Nadal zwei Sätze lang mein bestes Tennis aller Zeiten gespielt. Danach ist mir dann zum Verhängnis geworden, dass ich davor vier Tage durchgespielt hatte. Wenn ich das nächste Mal in einem Grand-Slam-Finale stehe, dann will ich es endlich gewinnen.

Wie wollen Sie das anstellen, wenn selbst ihr „bestes Tennis“ nicht reicht?

Ich habe einen kleinen, aber gravierenden Fehler gemacht. Nach dem 1:1 in Sätzen war Nadal auf der Toilette, und ich bin etwas zu lange sitzengeblieben. Danach hat er mich komplett überrollt. Ich muss es einfach schaffen, über fünf Sätze konstant meine Leistung abzurufen.

Hätte ein Titel für Sie einen größeren Wert, wenn Sie ihn gegen Federer, Nadal oder Djoković gewinnen würden?

Nein, denn dafür ist ein Grand-Slam-Titel an sich zu wichtig. Aber es ist trotzdem jedes Mal ein irrsinniger Prestige-Erfolg, wenn ich gegen einen der großen Drei gewinne.

Warum spielen Sie auf Sand so viel besser als auf anderen Belägen?

Ich bin auf Sand groß geworden. Bis ich 16 oder 17 Jahre alt war, habe ich auf keinem anderen Belag gespielt. Daran arbeite ich natürlich, in Indian Wells habe ich dieses Jahr meinen größten Titel auf Hartplatz gewonnen, aber Sand wird immer mein Lieblingsbelag bleiben.

Sie sprechen den Beginn Ihrer Karriere an. In welchem Alter haben Sie daran geglaubt, dass Sie Tennis-Profi werden können?

Der Knackpunkt kam 2013 in einem Match gegen Jo-Wilfried Tsonga in Wien. Das war mein erstes Spiel gegen einen Top-10-Spieler. Ich habe den dritten Satz im Tiebreak verloren, aber gespürt, dass ich gar nicht so weit weg bin und es bis ganz nach vorne schaffen kann.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten, es nicht schaffen zu können?

Das erste Profi-Jahr war wirklich hart. Ich war erfolgsverwöhnt und die Nummer zwei bei den Junioren gewesen – dann ging es auf die Future-Tour. Da habe ich dann erst mal sieben oder acht Erstrunden-Niederlagen in Folge kassiert. Da habe ich gemerkt: „Uff, die spielen noch mal so viel besser als die weltbesten Junioren.“ Ich war 19 Jahre alt und stand um Platz 900 der Welt. Da bin ich schon ins Grübeln gekommen, ob das mit der Tennis-Karriere klappt. Andere Spieler in meinem Alter hatten schon sehr viel gewonnen, ich dagegen nur verloren.

Und den Komfort der großen ATP-Turniere gibt es auf der Future-Tour wahrscheinlich auch nicht.

Das sind komplett unterschiedliche Welten. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Organisation und die Spieler sind auf der ATP-Tour um Welten besser.

Wobei die Qualifikation auf der ATP-Tour auch nicht vor Glamour strotzt. Nehmen wir Wimbledon…

Natürlich sind da viele Plätze nebeneinander, aber die Verpflegung ist gut, die Plätze ebenfalls. Ich habe meinem Freund Dennis Novak erst in diesem Jahr dort bei der Qualifikation zugeschaut. Tennis bleibt aber ein harter Sport. Um in Wimbledon die Qualifikation zu spielen, musst du unter den besten 230 der Welt sein. Und wenn du Pech hast, schaffst du es nicht mal auf die Hauptanlage. Du musst im Tennis oft taffe Niederlagen einstecken.

Wie Sie auf der Future-Tour?

Ja klar. Ich war Ende 2012 für zwei Future-Turniere in Marokko. Es war unglaublich kalt, gleichzeitig wurde landesweit gestreikt. Das Hotel war nicht auf die Temperaturen vorbereitet, es waren zwischen 0 und 5 Grad. Ich hatte kein warmes Wasser, war eine Woche nicht duschen. Essen war quasi nicht vorhanden. Und das ist kein Einzelfall. Die Future-Tour ist harter Tobak. Das Einzige, was tröstet, ist: Alle Spieler haben die gleichen Bedingungen.

Können Sie sich noch an ihr erstes Profi-Match erinnern?

Ja, wie eigentlich an jedes Match. Das war 2011 gegen Daniel Gimeno Traver in Kitzbühel. Auch da habe ich gesehen, wie weit ich noch weg bin von den Profi-Spielern.

In einem Interview mit SOCRATES hat Robin Söderling mal erzählt, dass es nicht schwierig sei, in die Top 30 zu kommen, sondern dort zu bleiben. Haben Sie das ähnlich empfunden?

Es ist eher schwer, in die ersten 100 zu kommen. Du musst dir die Punkte hart erarbeiten. Wenn du aber erst mal auf dem Level bist, dann kannst du dich da ganz gut halten.

Wie groß ist noch mal der Schritt aus den Top 20 oder Top 30 der Welt in die Top 10? Was unterscheidet Sie von Spielern, die auf Weltranglistenposition 15, 16 oder 17 stehen?

Als ich auf der Tour angefangen habe, waren die Top-30- oder Top-40-Spieler noch deutlich schwächer als die ganz vorne. Mittlerweile stehen auch auf diesen Positionen absolute Top-Kaliber, die nicht schlechter sind als die in den Top 10. Das Niveau im Tennis ist mittlerweile enorm hoch.

Gegen welchen Spieler, abgesehen von den Top 3, spielen sie besonders ungern und warum?

Ich spiele nicht gerne gegen David Goffin und Kei Nishikori, weil sie meine Waffen ganz gut entschärfen. Das ist natürlich unangenehm, aber deswegen gehe ich die Partie nicht anders an.

Sie hatten Anfang des Jahres mit frühen Niederlagen in Doha und bei den Australian Open eine schlechtere Phase. Gibt es Wochen und Monate, in denen es einfach nicht laufen will?

Das hatte gewichtigere Gründe. Ich war einfach nicht fit und hatte vor den Turnieren nicht genug trainiert. Da wusste ich, woran es liegt. Das ist deutlich besser, als wenn du eine Niederlagenserie startest und eigentlich top in Form bist.

Wie gehen Sie mit Enttäuschungen und Niederlagen um? Haben Sie da feste Leitlinien, feste Gewohnheiten?

Ich versuche immer, die Gründe für eine Niederlage zu finden. Gibt es die, ist es einfacher zu verarbeiten. Ganz bitter sind die Spiele, in denen du super spielst, aber trotzdem verlierst. Wenn der Gegner einfach so viel besser ist, dass du dir Sorgen machen musst. Das war zum Beispiel in meinem ersten Match gegen Federer der Fall. Da war ich viel zu weit weg.

Sie sind als Tennis-Spieler viel unterwegs. Wie vertreiben Sie sich die Zeit im Flugzeug?

Ich lese viel, vor allem Biographien, und schaue Serien.

Welche Biographie haben Sie zuletzt gelesen?

Die von Jamie Vardy, davor die von Robbie Williams. Und ansonsten habe ich die der Tennis-Spieler eigentlich schon alle durch. Die meisten Biographien suche ich zufällig aus, manche finde ich aber auch über Sport-Dokus, die ich gerne schaue.

Welche Nachteile bringt ihr Leben als Tennis-Profi mit sich?

Mir gefällt mein Leben sehr gut. Ich schätze es sehr und weiß, dass das nicht ewig so weitergeht. Leider sehe ich meine Freundin und Familie nur sehr selten.

Wie groß ist der Druck, der aus Ihrem Heimatland Österreich kommt?

Der Druck, den ich mir selbst mache, ist sicher größer als der von außen. Aber natürlich will ich bei den Heim-Turnieren gut abschneiden. Es ist unglaublich, wenn das ganze Stadion für dich ist. Ich genieße es sehr, wenn ich in Österreich spielen kann.

Mit der Operation „Aderlass“ befindet sich der Sport gerade in der Aufarbeitung eines Doping-Skandals. Inwiefern ist Doping auch im Tennis ein Thema?

Immerhin gab es mit Marija Scharapowa vor wenigen Jahren einen prominenten Fall. Tennis ist sauber. Ich würde für alle Top-Spieler, die ich kenne, meine Hand ins Feuer legen. Wir werden oft kontrolliert. Und selbst wenn sich jemand etwas reinhauen würde, glaube ich nicht, dass er dadurch besser spielen würde.

Der Socrates Newsletter

Welche Rolle spielen Social-Media-Kanäle wie Instagram, Twitter oder Facebook für Sie?

Es gehört zur heutigen Zeit dazu, das sollte jeder akzeptieren. Solange ich bei den Turnieren nicht zu viel am Handy hänge, ist das für mich auch vollkommen in Ordnung. Wir als prominente Sportler haben die Chance, diese Netzwerke für unglaublich positive Dinge zu verwenden. Wir können positive Energie versprühen und Vorbilder sein. Vielleicht noch mehr, als das früher der Fall war.

Social Media bedeutet nicht nur mehr Reichweite, sondern auch Häme und Kritik. Wie gehen Sie mit Hasskommentaren um?

Ich kriege eigentlich seit meinen ersten Spielen auf der Challenger-Tour die ärgsten Droh-Nachrichten von denjenigen, die ihre Wetten verloren haben. Man sollte das nicht zu ernst nehmen. Das ist ein kleiner, negativer Beigeschmack, der dazugehört. Das muss einem einfach egal sein. Die Nachrichten sind teilweise aber so schlimm, dass es schon fast wieder unterhaltsam ist.

Über die sozialen Medien setzen Sie sich für den Umwelt- und Klimaschutz ein, unterstützen die Organisation 4ocean. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Das ist natürlich ein bisschen widersprüchlich zu meinem Lebensstil. Aber Plastikmüll in den Ozeanen ist einfach ein unfassbar wichtiges Thema, auf das aufmerksam gemacht werden muss. Das Gleiche gilt für den Tierschutz. Das beides liegt mir sehr am Herzen, auch weil ich so erzogen wurde. Es ist noch nicht zu spät und wenn alle an einem Strang ziehen, dann ist die Welt noch zu retten. Die Erde ist so schön, dass hoffentlich noch viele Generationen darauf leben können.

Wie lässt sich dieses Anliegen mit der Tatsache vereinbaren, dass sie als Tennisspieler ständig im Flieger sitzen?

Mein ökologischer Fußabdruck ist nicht optimal, aber ich versuche es an anderen Stellen auszugleichen. Ich versuche, so sparsam und umweltfreundlich zu leben, wie es eben geht.

Wie viel hat der Dominic Thiem auf Instagram mit dem richtigen Dominic Thiem zu tun?

Schon viel, ich betreibe Instagram komplett selbst. Wenn ich ein Bild gut finde, dann poste ich das einfach. Ich pose da nicht rum und setze mich in Szene.

Gibt es eine WhatsApp-Gruppe unter den Top-Spielern? Also zum Beispiel mit Ihnen, Federer, Nadal, Djoković und Alexander Zverev?

Wir haben eine Laver-Cup-Gruppe, die ist sicherlich die berühmteste. Die Nummern, die da drin sind, hätten viele Leute gerne. (lacht)

Gibt es etwas aus dieser Gruppe, was Sie verraten können? Worüber schreiben Sie?

Hauptsächlich sprechen wir darin Treffen ab, um für das Team Europe ein bisschen Teambuilding zu betreiben. Nach guten Spielen wird gratuliert oder nach schlechten kondoliert, je nachdem… (lacht)

Gibt es so etwas wie richtige Freundschaft unter den Spielern auf der Tour?

Dennis Novak wird bald unter den Top 100 stehen und ist einer meiner besten Freunde, das wird auch so bleiben. Gleiches gilt für Diego Schwartzman oder Jan-Lennard Struff. Aber auf dem Platz sind wir so professionell, dass wir das ausblenden können.

Sie haben neben dem Tennis auch eine große Leidenschaft für den Fußball. Woher stammt ihre Liebe zum FC Chelsea?

Anfang 2004 habe ich begonnen, mich für Fußball zu interessieren und habe ein Champions- League-Spiel zwischen dem FC Arsenal und dem FC Chelsea gesehen. Das hat Chelsea gewonnen. Wäre es andersherum ausgegangen, wäre ich heute vielleicht Arsenal-Fan. (lacht)

In vielen Sportarten gibt es auch eine politische Komponente, inwiefern ist Tennis auch Politik?

Die Tour an sich ist sicherlich politisch. Aber ich interessiere mich zu wenig für die Politik im Sport, um da wirklich im Thema zu sein.

ATP-Chef Chris Kermode wurde Anfang März Berichten zufolge auf Anraten der Spielervertreter abgewählt, sein Vertrag nicht verlängert. Was können Sie dazu sagen?

Wie gesagt, politisch kann ich dazu wenig sagen. Aber uns Spielern geht es so gut wie nie zuvor. Daher verstehe ich nicht ganz, warum da was geändert werden musste.

Ist die Belastung für die Spieler heutzutage zu hoch? Es gibt immerhin auch mehr Turniere als je zuvor.

Manche Regelungen führen sicher dazu, dass wir gezwungen sind, einige Turniere zu spielen. Einen Nuller bei den Masters-Turnieren kannst du dir eigentlich nicht erlauben. Aber wir sind das gewohnt und müssen uns unsere Kräfte dementsprechend einteilen.

Wünschen Sie sich weniger Turniere im Jahr?

Es ist jetzt schon ziemlich ausgereizt, das Davis-Cup-Finale liegt nicht optimal. Der Dezember ist der einzige Monat, in dem eine seriöse Vorbereitung möglich ist.

Welche Rolle hat das Preisgeld am Anfang Ihrer Karriere gespielt? Ihre Großeltern haben immerhin ihr Haus verkauft, um Ihnen einen guten Start zu ermöglichen…

Zum Start deiner Karriere brauchst du zwischen 50.000 und 100.000 Euro, um ein Jahr vernünftig zu finanzieren. Das wird natürlich  immer mehr, aber wenn du ein paar Sponsoren findest, wird es auch einfacher. Auf der Future-Tour kommt natürlich nicht viel zusammen. Da musste ich immer schauen, dass ich keinen Euro mehr ausgebe, als nötig war. Wir hätten als Familie keine Existenzängste gehabt, wenn ich kein Tennis-Profi geworden wäre, aber zeitweise war es schon grenzwertig.

Tritt das Preisgeld angesichts des sportlichen Niveaus in den Hintergrund?

Das hat sich nie geändert für mich. Ich gehe immer noch so in ein Match, wie ich es mit elf oder zwölf Jahren gemacht habe. Für 99 Prozent der Tennis-Spieler geht es darum, das Match zu gewinnen, wenn sie auf den Platz gehen. Niemand würde es in die Weltspitze schaffen, wenn das Geld an erster Stelle stünde.

Sie haben seit dieser Saison mit Nicolás Massú einen neuen Coach. Inwiefern ist er anders als ihr langjähriger Trainer Günter Bresnik?

Sie sind sehr unterschiedlich. Österreich und Südamerika sind zwei unterschiedliche Kulturen. Nicolás ist positiv, energiegeladen und jünger, was auch gewisse Sachen erleichtert. Ganz wichtig für mich ist, dass er selbst Spieler war und mir in dieser Hinsicht Tipps geben kann. Immerhin hat er zwei olympische Goldmedaillen gewonnen.

Sie sprechen die Olympischen Spiele an. Spielen Sie 2020 in Tokio?

Nein, denn ich habe schon für das Turnier in Kitzbühel zugesagt, das parallel stattfindet. Aber 2024 in Paris möchte ich auf jeden Fall dabei sein.

Zurück zu Ihrem Coach: Inwiefern war Ihr Erfolg in Indian Wells eine Bestätigung für den Trainerwechsel?

Indian Wells selbst nicht so, weil es zu kurz danach war. Ich habe dort die Befreiung von den ganzen Problemen und den ganzen negativen Gedanken der vorangegangenen Monate gespürt. Dort habe ich mich frei gefühlt. Die Erfolge in Barcelona, Madrid, aber auch in Paris waren dann durchaus Nachwirkungen des Trainerwechsels.

Haben Sie mit Günter Bresnik gesprochen, seitdem Sie die Zusammenarbeit beendet haben?

Ja, wir haben ein ordentliches Verhältnis. Es war natürlich nicht einfach, weil wir so lange zusammengearbeitet und weil wir auch viel Zeit abseits des Platzes miteinander verbracht hatten. Aber es ist gut so, wie es gelaufen ist.

Wie schwierig war es für Sie, so eine langjährige Zusammenarbeit zu beenden?

Sehr schwierig, weil es eben eine besondere Spieler-Trainer-Beziehung war. Ich habe schon Wochen zuvor mit dem Gedanken gespielt, das ganze durchzuziehen, es war aber nicht einfach. Am Ende ist eine Spieler-Trainer-Trennung aber das normalste, was es gibt. Es ist teilweise mehr in diese ganze Trennungsgeschichte hineininterpretiert worden, als tatsächlich dahintersteckte. Sowas passiert nun mal im Sportgeschäft. Am Ende waren es nicht nur sportliche Gründe, was in so einer Beziehung aber normal ist.

Haben Sie, eventuell auch in Zusammenarbeit mit Nicolás Massú, in einem Jahr ein Grand-Slam-Turnier gewonnen?

Ich kann’s nicht garantieren. Aber ich werde jeden Tag alles dafür geben, dass mein Traum Wirklichkeit wird.

Interview: Sebastian Hahn

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Anthony Modeste: „Das ist nicht das wahre Leben“

Ein toller Vertrag, viel Geld und im Rampenlicht: Der Traum vieler Menschen, doch Anthony Modeste weiß aus eigener Erfahrung, dass das nicht alles ist. Dass der Fußball nur eine nebensächliche Rolle spielt, weiß auch Ewald Lienen. Mit Modeste, Lienen, aber auch mit Charles Leclerc sprachen wir für die Ausgabe #37.

Anthony Modeste: Die Sache mit Axel Witsel

Ein Angebot, das so gut ist, dass man es gar nicht ablehnen kann. Ein Vertrag, der wahrscheinlich nie wieder einem vorgelegt wird. Dass Anthony Modeste einst schwach wurde, als aus China ein Angebot kam, ist fast verständlich. Aber dort merkte der 31 Jahre alte Stürmer, dass Geld und Karriere nicht alles ist. Und dass man sich einen Ort vermisst, der eigentlich keine Heimat ist. 

Nun ist Modeste dorthin zurückgekehrt: zum 1. FC Köln. Er hat ein eigenes Fan-Lied, er ist der Publikumsliebling und er ist in der Liga, die er liebt. In die Bundesliga hat sich Modeste sogar so sehr verguckt, dass er einst Axel Witsel ständig von ihr erzählte. „Ich habe in China Axel Witsel kennengelernt, der zu einem echten Freund geworden ist Wir haben oft über die Bundesliga gesprochen, fast zu oft, wenn es nach ihm ging. Ich hatte den Eindruck, dass seine Spielweise perfekt zur Bundesliga passt und habe ihm geraten, nach Deutschland zu gehen“, sagt Modeste im Interview mit dem Socrates Magazin.

Modeste spricht auch über seine wichtigste Entscheidung im Leben und hat einen ultimativen Tipp für angehende Profis. Und Modeste hat auch einen Meistertipp für die Bundesliga parat. Das gesamte Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe, das sie hier bestellen können. Alternativ können Sie auch ein Jahresabo abschließen oder das ePaper lesen.

Was hat die Ausgabe #37 noch zu bieten?

Exklusiv-Interview mit Charles Leclerc

Charles Leclerc ist mit gerade mal 22 Jahren der Shootingstar dieser Formel-1-Saison. Dabei hatte es der Monegasse alles andere als leicht. Doch auch schwerste Schicksalsschläge brachten ihn nicht von seinem Weg ab. Jetzt will Sebastian Vettels Ferrari-Kollege Weltmeister werden.

Exklusiv-Interview mit Derek Roy

Erdbeerfeld-Manager, NHL-Größe, Metallica-Liebhaber: Derek Roy ist der neue Spielmacher des EHC Red Bull München und hat schon viel erlebt – nicht nur auf dem Eis. Im Interview verrät er, wie er dem jungen Leon Draisaitl zur Seite stand und warum sich seine Reihenkollegen manchmal über ihn lustig machen.

Kellerwirtschaft

Vor seiner Wahl zum neuen DFB-Präsidenten stellte Fritz Keller den DFB auf die Probe. Der Freiburger prüfte seinen Einfluss, der beim SC zuletzt etwas geringer wurde. Geblieben ist seine Fußballverrücktheit, seine Leidenschaft für Wein und die ein oder andere kreative Flause. Socrates-Autorin Daniela Frahm über einen ganz besonderen Typen.

Ende der Lügen

Ryan Russell hielt das Doppelleben nicht länger aus. Sein Outing hat ihm vielleicht das Leben gerettet. Und hoffentlich ermutigt es andere Profisportler, sich selbst zu erkennen.

NBA: Eine Liga wie eine Slot Machine

Der Sommer 2019 markierte den Kulminationspunkt des Wandels der NBA. Der Transferwahnsinn drehte die Liga auf links und verspricht jede Menge Spektakel. Alles gut also? Die Antwort fällt eindeutig uneindeutig aus.

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Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Von Nuri Sahin

(Die Kolumne erschien im April 2017 in der Ausgabe #6)

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.

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Javi Martinez Kolumne #3: Eine Art Religion

Bayern-Star Javi Martinez spielte mit 17 Jahren seine erste Saison bei Athletic Bilbao; und zugleich mit dem Lebensinhalt der Leute in der Region. Eine Verantwortung, für die unser Kolumnist eine Schutzmaßnahme ergriff.

Von Javi Martinez

Wenn ihr mal in Bilbao seid, in einem Supermarkt an der Kasse steht und neben euch eine 93-jährige Frau seht, ist sie gewiss Fan von Athletic Bilbao. Wenn an gleicher Stelle ein Kind neben euch steht, ist es gewiss Fan von Athletic Bilbao. Und wenn ein Mann, egal welchen Alters, neben euch steht, ist er gewiss Fan von Athletic Bilbao. Jeder in Bilbao ist Fan von Athletic Bilbao. Und das ist keine Übertreibung.

Die Leute in Bilbao sind nicht zu vergleichen mit anderen Leuten auf dieser Welt. Zum einen sind Basken sehr stolze Menschen, zum anderen in gewisser Weise auch fanatische Menschen. Zumindest dann, wenn es um Athletic Bilbao geht. Athletic ist für sie eine Art Religion. Es ist verrückt. In Bilbao liebt jeder Athletic. Und wenn du für Athletic spielst, vergöttert dich jeder und projiziert damit Erwartungen auf dich, die nahezu unmenschlich sind.

Bilbao zahlte sechs Millionen Euro Ablöse

Damit musste ich erst mal umzugehen lernen, als ich im Alter von 17 Jahren von Osasuna nach Bilbao wechselte. Warum ich euch das erzähle? Weil ich anschließend sechs Jahre in Bilbao blieb und es für mich eine ganz entscheidende und prägende Station in meiner Karriere war. Die Station, von der ich dann ja 2012 zum FC Bayern wechselte.

Sechs Millionen Euro hatte der Klub für mich bezahlt. Das wusste jeder in Bilbao. Das war einerseits eine große Verantwortung, andererseits auch eine große Motivation für mich. Ich wollte beweisen, dass ich das Geld wert war. Ich sprühte vor Tatendrang. Unglücklicherweise lief es in meinem ersten Jahr in Bilbao für meine neue Mannschaft gar nicht gut. Wir standen am Saisonende kurz vor dem Abstieg.

„Ihr müsst gewinnen, Javi“

Bilbao in der Zweiten Liga in Spanien? Das wäre historisch gewesen. Historisch schlecht. Noch nie war der Klub abgestiegen. Dementsprechend könnt ihr euch vielleicht vorstellen, unter welchem Druck wir Spieler standen, wie nervös wir waren. Wir wussten: Wir spielen mit dem Lebensinhalt der Leute in Bilbao. Mit ihrem Glück, mit ihrer Zufriedenheit, mit ihrem Herzen. Und auch das ist keine Übertreibung.

Das Treffen mit der 93-jährigen Frau im Supermarkt hat es übrigens tatsächlich gegeben. Sie sagte zu mir: „Javi, du musst gewinnen. Ihr musst gewinnen. Für uns.“ Sie sagte es weder böse noch laut. Aber in ihren Worten schwang etwas Flehendes mit, das damals für mich zugleich bedrohlich wirkte. Wenn du für Bilbao auf den Platz gehst, weißt du, dass die Menschen für zwei, drei Tage überglücklich sein werden, wenn du gewinnst. Aber wenn du verlierst, werden die Menschen zwei, drei Tage enttäuscht und auch persönlich beleidigt sein. In einem Maße, das kaum nachzuempfinden ist, wenn du es nicht selbst erlebt hast.

Javi Martinez: Ich bin abends nicht aus dem Haus gegangen

Diese Verantwortung spürst du in Bilbao als Spieler jeden Tag. Das als 17-Jähriger richtig einzuordnen und auch zu verarbeiten, war nicht einfach. Nein, es war schwer. So schwer, dass ich in der Endphase der Saison abends nicht mehr aus dem Haus gegangen bin. Ich wusste zwar, dass es nicht meine Schuld war, dass die Mannschaft so schlecht dastand. Und dass ich persönlich eigentlich gute Leistungen gezeigt hatte.

Aber die Leute kamen in der Stadt immer näher auf mich zu. Sie haben das weder absichtlich gemacht, noch so wahrgenommen. Aber sie haben mich in diesen Wochen fast erdrückt. Wer glaubt, die Sorgen der Fans prallen an uns Fußballern ab, der irrt. Wir nehmen sie wahr – und mit nach Hause. Der eine mehr, der andere weniger. In der Endphase der Saison daheim zu bleiben, war eine Schutzreaktion. Ich befürchtete, dass sich die verunsicherte Stimmung in Bilbao auf meine Leistung auswirken könnte. Dieser Gefahr wollte ich unbedingt entgehen.

Mir ist wichtig, auf meine Mitmenschen zu achten

Mit meinen nun 30 Jahren denke ich, dass es eine Verbindung zwischen dem Fußballer Javi Martínez und dem Menschen Javi gibt. Wie ich auf dem Spielfeld agiere, spiegelt sicherlich einen Teil meiner Persönlichkeit wider. Ich bin sehr verantwortungsbewusst. Sowohl auf dem Platz als auch daneben. Mir ist es wichtig, auf meine Mitmenschen zu achten, ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Ich möchte die Dinge für meine Familie und Freunde, aber auch für meine Teamkollegen leichter machen. Ich will immer helfen. Und ein Unterstützer bin ich in gewisser Weise ja auch als Sechser auf dem Platz.

Aber zurück zu meiner ersten Bilbao-Saison. Zum Glück schafften wir es, die Liga zu halten. Und in den kommenden Spielzeiten deutlich bessere Leistungen zu zeigen. Wir erreichten einige Finals, darunter das Europa-League-Finale 2012 sowie 2009 und 2012 das Finale um die Copa del Rey. Wir spielten starke Saisons und spürten die Freude der Fans – im Stadion und in der Stadt. Am Ende war es eine tolle Zeit in Bilbao, die ich nicht missen möchte.

Petr Cech: Einmal Goalie, immer Goalie!

Petr Cech ist auch im Eishockey-Tor ein echter Rückhalt. In seinem ersten Spiel für seine Guildford Phoenix hielt der ehemalige Torhüter des FC Arsenal und des FC Chelsea gegen die Swindon Wildcats gleich zwei Penalties und wurde so zum Matchwinner.

Der Mann kann es einfach nicht lassen. Petr Cech ist und bleibt eine Bank im Tor. Ob Fußball oder Eishockey, ist da schon fast egal. In seinem ersten Spiel für seine Guilford Phoenix, die in der 4. britischen Eishockey-Liga spielen, aavincierte der Tscheche zum Matchwinner.

Petr Cech wird zum Matchwinner: Das Video

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Marvin Knoll: „Werte? Das ist kein Gerede“

Marvin Knoll hat es aus dem Berliner Block zum Fußball-Profi geschafft. Im Interview spricht der St.-Pauli-Spieler über Beleidigungen von Familienvätern, seine Zeit in der Regionalliga und surreale Ablösesummen.

Marvin Knoll, spielen Sie als Sechser oder Innenverteidiger nicht eigentlich auf der falschen Position?

(lacht) In der Jugend war ich immer vorne dabei und habe als Stürmer gespielt. Aber im Nachhinein ist es gar nicht so schlecht, dass ich aus der Offensive nach hinten gewechselt bin, weil ich weiß, wie die Stürmer ticken und was sie so probieren wollen. Aber als Jugendlicher habe ich daran natürlich nicht gedacht. Damals wollte ich nur Tore schießen.

War der Positionswechsel für Sie eine große Umstellung? Haben Sie sich dagegen gewehrt?

Nein, gewehrt habe ich mich nicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich von Saison zu Saison in meiner Karriere immer weiter hinten aufgestellt wurde und habe mir gedacht: ‚Uh, das könnte vielleicht auch ganz hinten enden.‘

Also sehen wir Sie irgendwann im Tor?

(lacht) Nein, obwohl ich im Tor gar nicht so schlecht bin. Abschläge kann ich echt gut. Aber Spaß beiseite, da haben wir in der Mannschaft natürlich unsere Experten.

Sie sind seit knapp einem Jahr beim FC St. Pauli. Inwiefern unterscheidet sich der Verein von Ihren vorherigen Stationen?

Es sind die Werte, die dieser Verein vertritt. Das ist nicht nur irgendein Gerede, wir lassen auch Taten sprechen. Ein Beispiel: Als wir in Amerika waren, haben wir vor dem Trump Tower in New York die Regenbogenfahne gehisst. Das ist ein Zeichen, hinter dem der Verein auch nach außen steht. Auch die Nähe zu den Fans ist einfach eine ganz andere und eine ganz besondere. Das sehe ich vor allem bei unseren Heimspielen. Auch wenn die Leistung mal nicht stimmt, wird trotzdem applaudiert und unsere Arbeit honoriert. Die Leute identifizieren sich voll mit dem Verein und ich bin einfach stolz darauf, hier zu spielen. Das sieht man auch an unseren Trikots von Under Armour, die im Design herausstechen und auch die Werte des Vereins repräsentieren.

Sie haben in der Jugend von Hertha BSC gespielt. Wie sehr haben Sie damals daran geglaubt, es zu den Profis zu schaffen?

Natürlich hoffst du, dass du bei deinem Jugendverein irgendwann einen Profivertrag bekommst. Im Fußball ist es aber eben selten so, dass du die ganze Zeit bei einem Verein bleibst.

Auch Sie haben ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen, sind trotzdem durch Ihre Offensivstärke ein ungewöhnlicher Spieler. Ist die Kritik berechtigt, dass den Spielern die Individualität im Jugendbereich abtrainiert wird?

Die Unterschiede zwischen den Nationen sind ja deutlich zu sehen. Wenn ich an Frankreich denke, kommen da schon richtig gute Jungs nach. Die haben einfach dieses Freche in sich oder machen einfach mal einen Trick, den du eigentlich nicht machen musst. Das fehlt uns ein wenig. Klar sind wir körperlich auf einem guten Niveau, aber du musst einem Spieler auch Freiraum geben, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Wir haben keine Charaktere mehr, es fehlt das Individuelle. Aber wir haben bei der U21-EM gesehen, dass wir richtig gute Talente haben. Übrigens auch beim FC St. Pauli. Die jungen Spieler, die diese und letzte Saison hochgezogen wurden, gehen auch wieder ins Eins-gegen-Eins.

Was machen Sie, wenn Sie von denen getunnelt werden?

Dann lachen sie frech. Und ich grätsche natürlich hinterher. (lacht)

Sie waren ein paar Jahre im Kader, wurden aber auch verliehen. Wie haben Sie reagiert, als es dann bei der Hertha nicht weiterging?

Wir sind damals in die erste Liga aufgestiegen und ich hatte 14 Spiele in der Saison gemacht, übrigens unter meinem jetzigen Trainer Jos Luhukay. Ich wollte regelmäßig auf hohem Niveau spielen und wusste, dass die Konkurrenz mit dem Aufstieg sicherlich nicht kleiner wird. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, weg von zu Hause und andere Perspektiven kennenlernen. Ich bin viel rumgekommen und konnte von jedem Verein etwas mitnehmen, auch wenn ich sportlich vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen getroffen habe. Als Menschen hat mich das aber sehr weitergebracht.

Mit Anfang 20 sind Sie zum SV Sandhausen in der Provinz gewechselt. Das klingt nicht gerade nach dem Traum eines jungen Fußballers…

Ich hatte damals erst beim MSV Duisburg unterschrieben. Wir hatten eine sehr gute Mannschaft zusammen und wollten eigentlich um den Aufstieg mitspielen. Wir waren schon voll in der Vorbereitung und dann wurde dem Verein plötzlich die Lizenz für die 2. Liga entzogen. Dann stand ich erst mal da. Mein Vertrag war nur für die 2. Liga gültig, ich war vereinslos.

Aber es gab doch sicherlich noch Angebote.

Die Vorbereitung lief wie gesagt schon, die meisten Vereine hatten keinen Platz mehr im Kader. Auf einmal kommen dann 30 gute Spieler auf den Markt. Sandhausen war für mich eine der wenigen Optionen in der Liga, die ich noch hatte. Und der Verein hat mir damals auch ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn es im Rückblick sportlich nie so richtig gepasst hat.

Im Winter 2015 sind Sie nach Regensburg gewechselt und in die Regionalliga abgestiegen. Der Tiefpunkt Ihrer Karriere?

Ich kam zu Beginn der Rückrunde in den Verein, der da schon sehr wenig Punkte auf dem Konto hatte. Es sah also schon danach aus, dass es in die Regionalliga gehen würde. Für mich war es nach der Situation in Sandhausen, wo ich nicht viel gespielt hatte, wichtig, wieder Freude an meinem Beruf zu finden: nicht nur unter der Woche zu trainieren, sondern auch am Wochenende wieder regelmäßig zu spielen.

Trotzdem konnten Sie den Abstieg nicht verhindern. Und ihr Vertrag lief im Sommer aus.

Ich stand wieder vor der Entscheidung: Suche ich mir jetzt wieder was anderes oder baue ich mir meine eigene Sache auf. Regensburg hatte gerade ein neues Stadion gebaut, für den Verein ging es um sehr viel. Und die Verantwortlichen haben mich sehr gut behandelt und aus der schweren Zeit in Sandhausen herausgeholt. Natürlich war es keine Wunschvorstellung für mich, Regionalliga zu spielen. Viele haben mich damals abgeschrieben und gesagt: „Wenn du einmal in der vierten Liga bist mit 24, dann kommst du da nicht mehr raus. Dann war’s das mit dem Profigeschäft.“

Wie haben Sie es in dieser Situation geschafft, nicht die Motivation zu verlieren?

Ich wollte es diesen Leuten einfach mal zeigen. Wenn die Leute einem Respekt entgegenbringen, dann bleibe ich auch in so einer schwierigen Zeit bei meinem Verein. Ich bin ein ehrgeiziger Typ. Ich habe das Glück, dass ich schon einige Jahre im Fußball dabei bin und weiß, dass ich immer das Maximale aus meiner Situation machen muss. Klar waren ein paar Jahre dabei, die nicht optimal liefen. Aber ich bin jetzt in einem sehr guten Alter und will noch mal alles aus mir rausholen und noch einiges erreichen.

Sie sind mit dem SSV Jahn zweimal in Serie aufgestiegen. Wie wichtig war diese Zeit für Ihre Karriere?

Ich habe dort etwas zusammen mit dem Team hinterlassen. Die Fans sagen über mich: „Hey, das ist ein Spieler mit Charakter. Der hat seinen Teil dazu beigetragen und uns da mitrausgeholt.“ Das ist mir wichtiger als Geld oder die Tatsache, dass ich jetzt schon 30 Spiele mehr in der 2. Liga gemacht haben könnte.

Was war an Ihrer Regensburger Zeit so besonders?

Wir waren finanziell nicht die stärkste Mannschaft, aber wir waren die Mannschaft mit dem meisten Herz. Deswegen sind wir zweimal in Folge aufgestiegen, obwohl uns vor der Saison jeder in Frage gestellt hat.

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Sind der FC St. Pauli oder Jahn Regensburg Beispiele dafür, dass Geld im Fußball nicht alles ist?

Natürlich ist Geld nicht alles, aber es ermöglicht einem teilweise gewisse Dinge, die man sonst nicht hätte. Aber das garantiert weder mehr Erfolg noch mehr Freude. Im Fußball ist es wichtig, dass man eine gute Truppe beisammen hat, die schwierige Zeiten durchmacht. Bei Regensburg hatten wir einen Mannschaftskern, der auch in der vierten Liga mit dabei war. Die Karriere geht nicht immer bergauf, sie hat auch mal Wellen und manchmal kommt man an einem Tiefpunkt an. Aber es ist nicht schlimm, wenn man manchmal richtig auf die Fresse bekommt. Man muss nur wieder aufstehen und die Ärmel hochkrempeln.

Wollen Sie in Ihrer Karriere noch einmal Bundesliga spielen?

Ja. Meine Wunschvorstellung wäre natürlich, wenn es mit dem FC St. Pauli klappen würde. Wenn es nicht klappt, wäre ich auch nicht traurig. Aber es wäre für meine Karriere noch mal toll.

Würden Sie dafür auch den FC St. Pauli verlassen?

Das kann ich schwer sagen. Ich weiß, was ich am FC St. Pauli habe, aber man sollte niemals Sachen im Leben ausschließen. Ich würde auf jeden Fall lieber mit St. Pauli in der Bundesliga spielen als mit jedem anderen Verein. Ich weiß, was ich hier habe und passe perfekt zu diesem Klub.

Gibt es sowas wie Vereinsliebe überhaupt aus Sicht eines Spielers?

Das kommt immer darauf an, wie nah du den Verein an dich heranlässt. Ich kommuniziere gerne mit Fans, ich lasse mir Zeit für Fotos, unterhalte mich mit ihnen und nehme auch Kritik an. Die Leute kommen ins Stadion, um mich spielen zu sehen. Sie zahlen dafür viel Eintrittsgeld. Wenn ich dann nach dem Spiel als Erster immer zu meinem Auto laufe, wäre das eine Katastrophe.

Ihr Wechsel aus Regensburg nach St. Pauli war der erste, bei dem für Sie eine Ablösesumme gezahlt wurde. Wie denken Sie über Millionen-Transfers wie den von Antoine Griezmann oder Neymar?

Das kann eigentlich niemand begreifen. Warum wird für Menschen so viel Geld bezahlt? Klar sind das Ausnahmesportler, die die Spiele auch mal entscheiden können. Aber trotzdem sind das im Moment Summen, bei denen eine realistische Wahrnehmung fehlt. Aber so entwickelt sich gerade der Fußball. Eben weil so viel Geld drinsteckt. Da können wir beim FC St. Pauli echt froh sein, dass wir mit solchen Summen nichts zu tun haben. In meinen Augen ist kein Spieler, nicht mal ein Neymar, 222 Millionen Euro wert.

Gibt es Dinge, die Sie am Fußball hassen?

Nein, aber es gibt Sachen, für die ich mich schäme, weil sie nichts mit dem Fußball zu tun haben. Wenn wir auswärts spielen, müssen mich die Fans nicht mögen, das ist in Ordnung. Wenn ich dann aber mal in die Fan-Massen reingucke und einen Familienvater neben seinem Kind sehe und der mich auf eine ganz krasse Art und Weise beleidigt – das gehört für mich einfach nicht zu diesem Sport dazu. Da muss man auch manchmal daran denken, dass man eine Vorbildfunktion hat.

Wie haben Sie auf die Anfeindungen reagiert?

Ich reagiere auf solche Dinge gar nicht. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Ich denke mir meinen Teil, aber darauf gehe ich grundsätzlich nicht ein.

Sie haben als Fußballer ein privilegiertes Leben. Wie schwer ist es manchmal, auf dem Boden zu bleiben?

Gott sei Dank weiß ich, wie es ist, wenn man nicht viel hat. Ich bin in Berlin im Block groß geworden. Wir hatten nicht viel, meine Mutter hat mir aber trotzdem alles ermöglicht. Ich kann diesen Beruf nicht für immer ausüben und werde nicht immer so viel Geld verdienen. Meine Eltern haben mich gut erzogen und ich weiß deshalb, wie ich damit umzugehen habe. Da merke ich auch, dass ich anders ticke als andere Fußballer. Ich brauche nicht das dickste Auto oder irgendeine Uhr am Arm. Das wäre nicht ich.

Sie engagieren sich für den Verein Mitternachtssport e.V. in ihrer Heimatstadt# Berlin. Hat das auch mit ihrer Erziehung zu tun?

Das Projekt bietet in dem Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, einen Zufluchtsort für Kinder. Sie können da hingehen, wenn sie# Hilfe brauchen. An dem Projekt sehe ich immer, wie wir mit wenig Aufwand den Kids viel geben können. Bevor sie auf der Straße herumlaufen oder auf Partys gehen oder irgendwelchen Mist bauen, mieten wir eine Halle und spielen mit ihnen dort Fußball. Vor Kurzem haben wir ein Café aufgemacht. Da steht ein Kicker drin, da steht eine Playstation drin, da gibt es Pädagogen. Zu denen können die Kinder nach der Schule gehen, wenn sie mal keine Lust auf ihre Eltern haben. Das sind Kleinigkeiten, die den Kindern so viel bedeuten. Ich bin stolz darauf, für diese Kinder ein großer Bruder zu sein.

Interview: Sebastian Hahn