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Video: Der FC Bayern nimmt Training auf

Das Coronavirus hält die Welt weiter fest im Griff, aber die Bundesliga nimmt das Training wieder auf. Auch beim FC Bayern rollt der Ball wieder, wenn auch mit Einschränkungen. Die Eindrücke im Video.

Die Deutsche Fußball-Liga hatte empfohlen, das Training in der Bundesliga bis zum 5. April zu pausieren. Die Frist ist abgelaufen und nach Rücksprache mit den zuständigen Ämtern in den Bundesliga-Städten nehmen die ersten Klubs, das Training auch wieder auf. Überall mit Einschränkungen. So auch beim Tabellenführer FC Bayern.

Video: Die FC Bayern trainiert wieder
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Sandkastenliebe in Chicago

Socrates-Chefredakteur Fatih Demireli begab sich auf eine Reise nach Chicago, um zum einen die spannende Stadt zu erkunden und zum anderen seine Liebe zu den Bulls aufleben zu lassen. Ein Date mit unerwartetem Ende.

Was ist der Grund meiner Reise, will die Dame von mir wissen. Ja, was erzähle ich ihr denn? Warum bereist man eine Stadt? Geschäftlich oder privat? Sightseeing oder Einkaufsbummel? Freunde oder ein Konzert besuchen? Muss es denn überhaupt einen Grund dafür geben, dass man reist? Vielleicht will man einfach woanders sein, ohne Grund. Aus purem Fernweh.

Gut, meinen philosophischen Ansatz wird die Sicherheitskraft am Münchener Flughafen nicht nachvollziehen. Ich muss ihr schon etwas Handfestes sagen, damit sie mir das Okay für den Check-in am Schalter gibt. Ich erzähle ihr, dass ich ein Spiel der Chicago Bulls besuchen will. Die Erfüllung eines Kindheitstraums.

Früher, als nebst Michael Jordan auch Scottie Pippen, Dennis Rodman, Toni Kukoč und Co. das Interesse an Basketball in mir weckten. Mit Grundschulkumpel Dimitrios feierte ich die Bulls – und natürlich MJ. Jetzt also Jahre später der erste Besuch im United Center. Als sie mich fragt, welche Spieler ich mag, sag ich ihr, dass die Bulls nicht mehr so schillernd auftreten wie früher. Ich muss zugeben, dass ich nicht alle Namen der Spieler draufhabe.

Bulls nicht mehr so schillernd

Zum einen ist seit dem Zerfall der Bulls-Dynastie in den 1990er Jahren mein Interesse an den Bullen aus Chicago verflacht (Erfolgsfan!!!), zum anderen auch meine Begeisterung für die NBA an sich. Mir ist die Euro- League fast schon lieber geworden. Ich zähle ein paar Namen auf, sie guckt interessiert und sagt dann, dass sie keine Ahnung von Basketball habe, mir aber eine gute Reise wünsche.

Meine erste Reise nach Chicago beginnt mit diesem Gespräch. So ein ähnliches habe ich dann auch am O’Hare International Airport. Der Sicherheitsbeamte ist aber mit der Antwort, dass ich die Bulls sehen will, schneller zufrieden, stempelt meinen Pass ab und verabschiedet mich Richtung Stadt. Hätte mich der Herr, dessen Namen ich hier aus Sicherheitsgründen sicher nicht schreiben darf, gefragt, ob das alles sei, hätte ich das natürlich verneint.

Chicago hat so viel mehr zu bieten als eine Basketball-Mannschaft, die zugegeben schon mal besser war, dass sich eine Reise in die Stadt im Bundesstaat Illinois wirklich sehr lohnt. Nun ist es nicht mein erster Besuch in den USA, sodass ich mit meinen Weggefährten vor Ort durchaus Vergleiche anstellen kann. Los Angeles? Pff, klar. Las Vegas, sowieso. Und New York erst. Meine Herren. Doch irgendetwas begeistert mich dann doch sehr an Chicago.

Deutsch mit amerikanischem Akzent

Als jemand, der die EuroLeague mehr mag als die NBA, liegt der Verdacht nahe, dass mir die Ordnung in dieser Stadt zusagen könnte. Aber alleine das? Nein. Europäisch mag Chicago durch den Einfluss vieler Bürger mit den Wurzeln in Übersee durchaus wirken. Wer Deutsch gerne mit amerikanischem Akzent hört, ist hier gut aufgehoben. Ich frage jeden, der mir über den Weg läuft, ob man sich auf Bastian Schweinsteiger gefreut habe, als dieser hier beim MLS-Klub Chicago Fire anheuerte.

„Bastian, wer?“

Gut, mag ja mal sein, dass der eine oder andere keinen Fußball mag. Aber mit jedem neuen Ansprechpartner, der keinen blassen Schimmer davon hat, wer dieser Schweinsteiger ist, bin ich dann doch irritiert. Uber-Fahrerin Diana, übrigens auch mit deutschen Wurzeln, hat eine Begründung: „Die Stadt liebt Sport, aber wir sind so sehr mit Baseball und Basketball beschäftigt, dass für Fußball keine Zeit ist.“

Dieser Artikel erschien zunächst in Ausgabe #42: Hier klicken und bestellen
Das Cubs-Gefühl

Als ich Maria treffe, die meine Gruppe bei einem ewigen Spaziergang durch die Stadt führt, weiß sie durchaus, wer Schweinsteiger ist. „Er sieht wirklich gut aus“, sagt sie schmunzelnd. Ja, das tut er. „Aber er ist doch mit dieser Tennis-Spielerin verheiratet, oder?“ Ja, Ana Ivanović. Aber auch Maria kommt schnell auf Baseball zu sprechen. Über das Duell der White Sox aus dem Süden gegen die Cubs aus dem Norden.

Zwei MLB-Teams, deren Rivalität schon eine Ewigkeit währt und besonders emotional gelebt wird. „Wir werden gleich am Stadion der Cubs vorbeilaufen“, sagt sie. Ich bin schon ganz gespannt. Als wir dann am Wrigley Field ankommen, bin ich erdrückt. Das Stadion wurde 1914 gebaut. Dass es aber danach mehrmals renoviert wurde, muss man erst mal noch glauben. Es sieht so wunderbar nach Tradition aus, dass man auch als Baseball-Ignorant in seinen Bann gezogen wird.

Um das Baseball-Erlebnis noch intensiver zu gestalten, bauten die Besitzer des Klubs einst einfach ein ganzes Dorf um das Stadion herum. Hotels, Bars, Restaurants. Wer 24 Stunden und 7 Tage lang ein Cubs-Gefühl haben möchte, kann sich hier einfach hinsetzen und genießen. Heute ist kein Spiel, aber viele Cubs-Fans sind dennoch da und essen gemeinsam. Wie muss es hier zugehen, wenn gespielt wird?

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Das ist kein Meer?

„Na, Baseball-Fan geworden, mein deutscher Freund?“, fragt mich Maria. Ja, wo kann ich unterschreiben? Ich bin zwar tatsächlich traurig, dass heute kein Spiel der Cubs stattfindet, aber ich darf ja noch zu den Bulls. Das wird mich trösten. Ich weiß es.

Ich mag das Meer. Ich könnte stundenlang am Meer sitzen und in die Ferne sehen. Der Michigansee ist kein Meer, aber er wirkt so mächtig, dass mir keiner weismachen kann, dass das nur ein See ist. Der Michigansee ist einer der fünf großen Seen in den USA. 494 Kilometer lang, 190 Kilometer breit. Die Fläche beträgt 58.016 Quadratkilometer. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Die Schweiz hat eine Fläche von 41.287 Quadratkilometer. Er grenzt gleich an vier US-Bundesstaaten.

Genug Wikipedia-Wissen. Hier merke ich zum ersten Mal, warum Chicago den Beinamen „Windy City“ trägt. Der Wind ist gerade im Winter omnipräsent, doch überhaupt nicht unangenehm. Die Kombination aus der unendlichen Weite des Sees und dem Sausen des Windes ist irgendwie idyllisch. Viele Jogger, viele Hundebesitzer laufen am Michigansee entlang. Etwas Entspannung, auch für mich.

Das Wrigley Field im Norden Chicagos
Das Wrigley Field im Norden Chicagos
Das beste Popcorn der Welt

Chicago hat so viel zu bieten, dass die Ruhe eine willkommene Abwechslung ist. Der Blick vom Skydeck, einem der höchsten Gebäude der Welt, der Besuch in der Andy-Warhol Ausstellung und natürlich das Schlangestehen im Garrett. Ich habe keinen Hang zur Übertreibung, aber das ist das beste Popcorn der Welt. Platz 2 gibt es nicht.

Wer aber eine Dose frisches Popcorn haben will, muss sich an der Michigan Ave ewig anstellen. Alles okay, es lohnt sich. Als ich mit dem Schiff eine Stadtrundfahrt mache und die Kollegen von „Chicago’s First Lady Cruises“ die Architektur der Stadt erklären, muss ich ja gestärkt sein.

Vor allem, weil abends die Bulls anstehen. Endlich. Ich bin noch mal im Hotel angekommen. Frischmachen, man will ja für seine Sandkastenliebe gut aussehen. Ich schaue nach, der Weg vom Hotel mit dem Taxi ist nicht weit. Aber egal, ein bisschen früher ankommen im United Center, ein paar Schnappschüsse, den Fanshop leerkaufen und dann „Go, Bulls!“.

„Die Stimmung ist cool“

Uber Fahrerin Jenny erzählt, dass sie früher selbst oft bei den Bulls war, aber dass es nicht mehr so einfach ist, weil ihr neuer Freund lieber Football guckt und sie zu den Bears gehen. „Und, wie sind die so?“, will ich wissen. „Naja, die Stimmung ist cool.“ Ich bin gespannt, wie es gleich bei den Bulls ist.

Ich komme endlich an. Jenny lässt mich vor dem Haupteingang raus. Mensch, denke ich mir. Wie ruhig es doch hier ist, vor so einem Spiel. Die müssen schon alle drin sein, denke ich mir. Oder bin ich zu früh da? Naja egal, erst mal gucken, wo hier das richtige Gate zu meinem Sitzplatz ist. Hm. Das muss der falsche Eingang sein. Keine Menschenseele. Ich werde allmählich nervös.

Bin ich falsch gefahren worden? Doch, das ist das United Center. Und draußen laufen auf den Billboards auch Bulls- Clips. Ich sehe ein, zwei Typen, die ihr Hab und Gut auf zwei Einkaufswagen vor sich herschieben.

„Hi“, sagt der eine ganz freundlich. Soll ich ihn fragen, wo ich hier den richtigen Eingang finde. Nein, ich gucke lieber nach. Ich zücke mein Handy, tippe „Chicago Bulls“ in Google, um auf die Seite der Franchise zu kommen. Doch als erstes sehe ich das Ergebnisservice des Suchanbieters.

Bulls vs. Heat. 108:116. Endstand. Der Schock meines Lebens.

Das Spiel war am Abend zuvor.

Fatih Demireli

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Giulia Gwinn: Der Name verpflichtet

Beste junge Spielerin der WM, beste Nationalspielerin des Jahres, die meisten Follower im deutschen Frauenfußball. Giulia Gwinn vom FC Bayern München ist in den vergangenen Monaten zum Star der Branche aufgestiegen. Und daran als Mensch gereift.

Giulia Gwinn, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ein eigenes Label zu gründen?

Mir schoss schon mal der Gedanke durch den Kopf, dass es cool sein müsste, irgendwann ein eigenes Shirt zu entwerfen. Weil mich Mode interessiert und ich supergerne shoppe. Außerdem absolviere ich ja auch ein Sportmanagement- Fernstudium. Aber gleich ein eigenes Label gründen? Da spiele ich wohl doch besser erst mal weiter Fußball.

An jungen Käufern für Ihre Produkte würde es wohl kaum mangeln. Bei Instagram sind Sie mit über 215.000 Abonnenten die erfolgreichste deutsche Fußballspielerin und damit eine erfolgreiche Influencerin.

Es ist schon Wahnsinn, was da in den vergangenen Monaten passiert ist. Mein Kanal ist seit der Weltmeisterchaft im letzten Sommer regelrecht explodiert. Einerseits freut mich das, weil es zeigt, dass meine Inhalte, die ich poste, bei den Leuten gut ankommen. Anderseits nehme ich die große Abonnentenzahl nicht zu ernst, weil ich auf Instagram nicht aktiv bin, um so viele Abonnenten wie möglich zu haben.

Sondern?

Sondern um die Leute, die an mir Interesse haben, über mich auf dem Laufenden zu halten und mit ihnen in Kontakt zu sein. Ich kann ja leider nicht jeden persönlich anrufen oder anschreiben. Von daher bietet Instagram mir einfach eine tolle Gelegenheit der Kommunikation, bei der keiner bevor- oder benachteiligt wird und trotzdem authentisch etwas von mir erfährt. Ich mag daher den Begriff Influencerin auch gar nicht so gerne, auch wenn mir klar ist, dass ich mittlerweile auf dieser Plattform eine gewisse Vorbildfunktion habe.

Wie gehen Sie als 20-Jährige damit um?

Letztendlich ist jeder für seine Social-Media-Aktivitäten persönlich verantwortlich und sollte sich bewusst machen, dass Facebook Instagram und Co. keine Spielwiesen sind. Sondern sie stellen gerade in unserer Generation eine vielbeachtete Kommunikationsplattform dar, auf der man insbesondere als Nationalspielerin authentisch, jedoch immer mit Respekt agieren sollte. Ich denke lieber zweimal nach, bevor ich unbedacht irgendwas Sinnfreies in die Welt setze.

Was halten Sie generell von der gesellschaftlichen Social-Media-Diskussion?

Meine Eltern hatten früher jeden Morgen die Tageszeitung auf dem Tisch. Meine Generation informiert sich überwiegend online. Und dabei spielt Social Media eben eine zentrale Rolle. Diese neuen Medien sind Teil des Alltags. Ob man das jetzt gut findet oder nicht. Über die Art und Weise der Nutzung kann man aber sicherlich verschiedener Meinung sein. Mir macht Instagram viel Spaß, ich weiß aber auch, dass dabei verantwortungsvoller Umgang erforderlich ist.

Der Spiegel schrieb bereits von der Generation Gwinn.

Als ich das las, musste ich zunächst schmunzeln. Ich will mir nicht anmaßen, für eine ganze Generation zu stehen. Aber ich kann sehr wohl für mich sprechen. Und der Nachname Gwinn verpflichtet natürlich in gewisser Weise. (lacht)

Wie sehen Sie sich selbst?

Ich bin eine sehr ehrgeizige und zielstrebige Person. Ich will immer gewinnen und weiß, dass ich dafür viel investieren und auch auf gewisse Dinge verzichten muss. Nichtsdestotrotz bin ich nicht nur eine Fußballerin, sondern vor allem auch eine junge Frau, die Spaß am Leben hat und ganz normale Hobbys, die andere junge Frauen in meinem Alter auch haben. Ich shoppe wie eingangs erwähnt wirklich gerne und gehe auch gerne ins Kino. Ich denke, bei mir ist es eine Mischung aus lebensfroher Unbeschwertheit und absoluter Fokussierung auf die sportlich höchstmöglichen Ziele. Am Ende geht es darum, als Mensch zu gewinnen und all die Erfahrungen, die man macht, als Möglichkeit zu begreifen, sich selbst weiterzuentwickeln. Das klingt vielleicht etwas philosophisch, aber mir ist insbesondere in den vergangenen Monaten bewusst geworden, dass man möglicherweise nicht jedes einzelne Spiel gewinnen kann. So ordne ich mittlerweile auch die anfangs schmerzhafte Erfahrung im WM-Viertelfinale ein. Vielleicht hilft mir diese Niederlage jedoch für große Siege in der Zukunft. Ich mag mal fallen, aber kein Sturz hält mich davon ab, wiederaufzustehen.

Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #41 im März 2020. Hier klicken und nachbestellen

Sie hatten sich im Oktober bei einem Zweikampf im Training die Schulter verletzt. Sie mussten operiert werden, fielen drei Monate aus. Wie schwer fiel Ihnen die Pause?

Anfangs megaschwer. Es war meine erste größere Verletzung. Daheim hatte ich gelegentlich das Gefühl, mir würde die Decke auf den Kopf fallen. Aus diesem Grund habe ich die Reha dann auch am Campus beim FC Bayern absolviert, einfach um möglichst nah an der Mannschaft zu sein. Das hat gutgetan. Und nun bin ich einfach nur froh, dass ich wieder auf dem Platz stehen und mithelfen kann, unsere Saisonziele zu erreichen.

Die lauten?

Wenn man für den FC Bayern aufläuft, werden immer Titel erwartet. Diese Erwartungshaltung hat sich der Verein mit toller und erfolgreicher Arbeit über Jahrzehnte hinweg aufgebaut. Und klar, auch ich will in der Zukunft mit diesem Verein Titel gewinnen. In dieser Saison haben wir allerdings die Jägerrolle inne – und ich kann sagen: Wir alle haben große Lust zu jagen. Es ist unser klares Ziel, uns erneut für die Champions League zu qualifizieren. Dafür müssen wir mindestens Zweiter werden.

Keine leichte Aufgabe.

Ganz und gar nicht. Wolfsburg ist aktuell in Deutschland das Maß aller Dinge. Und Hoffenheim spielt eine beeindruckend konstante Serie. Aber wir haben genug Qualität im Kader, um unseren Ansprüchen und Erwartungen in der zweiten Saisonhälfte noch gerecht zu werden.

Inwiefern hat Sie auch Ihr Wechsel im Sommer zum FC Bayern weitergebracht?

Ich hatte mir meine Entscheidung damals wirklich nicht leicht gemacht, weil ich mich in Freiburg superwohl gefühlt hatte. Aber es war einfach Zeit für den nächsten Schritt. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es die absolut richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt war. Beim FC Bayern ist das Niveau auf und neben dem Platz noch mal ein anderes. Wir haben extrem professionelle Bedingungen am Campus, spielen in der Champions League und sind in der Bundesliga oben dabei. Es ist all das eingetreten, was ich mir als junge Spielerin gewünscht und von meinem Wechsel nach München erwartet habe. Ich denke, ich kann sagen, dass ich durch den Wechsel als Fußballerin, aber auch als Person gereift bin.

Hat dazu auch die WM beigetragen, bei der Sie als beste junge Spielerin ausgezeichnet wurden?

Ganz sicher. Ich bin seitdem viel stärker in den öffentlichen Fokus gerückt. Medien- und Sponsorentermine haben deutlich zugenommen. Auf der Straße werde ich jetzt öfter erkannt. An all diesen Aufgaben bin ich gewachsen. Das alles zu meistern, hat mir rückblickend zusätzliches Selbstvertrauen und noch mehr Selbstsicherheit verliehen.

Das Jahr 2020 begann mit einer weiteren persönlichen Auszeichnung: Mit über 50 Prozent der Stimmen wählten die Fans Sie zur Nationalspielerin des Jahres 2019.

Als ich diese Werte gesehen habe, dachte ich einfach nur: Wow! Es ist schön, so eine Wertschätzung von den Fans zu bekommen und zu wissen, dass einen so viele unterstützen. Mir ist aber auch klar, dass so eine Auszeichnung ohne eine großartige Mannschaft nie möglich wäre. Deshalb bin ich einfach froh und dankbar, Teil des Teams zu sein.

Was dürfen wir vom DFB-Team erwarten?

Nachdem wir uns ja leider nicht für Olympia qualifiziert haben, begreifen wir die Situation jetzt als Chance. Wir haben einen recht großen Umbruch vollzogen und eine junge Mannschaft, die dadurch vielleicht noch mehr Gelegenheit hat, sich zu finden und zusammenzuwachsen, um danach die letzten Schritte Richtung Europameisterschaft 2021 in England machen. Da sind wir auf einem guten Weg.

Mit dem EM-Titel könnte man dann ja noch mal die Idee eines eigenen Labels aufgreifen.

Wenn es so kommt, können wir gerne noch mal über das Thema reden. (lacht)

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Sjaak Swart: „Johan Cruyff war das Spiel selbst“

Er spielte 800 mal für den Klub und wurde so zu „Mister Ajax“. Sjaak Swart wurde zu einem der engsten Vertrauten von Johan Cruyff. Bei Socrates erinnert sich Swart an einen Freund.

Herr Swart, in Holland kennt Sie jedes Kind als „Mister Ajax“. Wie viele Spiele haben Sie gemacht?

Wenn man alle Spiele zusammenrechnet, also Pflichtspiele und Freundschaftsspiele, von der Jugend bis heute, dann sind es über 800.

Jetzt sind Sie 81 Jahre alt und spielen noch.

Ich habe nach meiner Zeit bei Ajax noch für zwei andere Klubs aus Amsterdam in der ersten Amateurliga gespielt, mit 53 Jahren war ich da als Spielertrainer noch Libero. Ich schätze, ich komme in meiner Zeit in den Amateurmannschaften und jetzt bei Lucky Ajax, der Traditionsmannschaft, auf über 2.000 Spiele. Das wären dann mit den 800 für Ajax und für die Elftal rund 3.000 Spiele. Mir fällt niemand auf der Welt ein, der mehr Spiele gemacht haben könnte.

Sie waren Rechtsaußen, hatten Sie auch entsprechende Vorbilder?

Stan Matthews und Garrincha waren meine Idole. Ich wollte so flink und so trickreich sein wie sie, aber ich musste dauernd auf anderen Positionen aushelfen. Am Ende hatte ich alle durch – bis auf Torhüter.

Und Sie waren dabei überaus erfolgreich.

Acht Meistertitel, fünf Pokalsiege, drei Mal den Pokal der Landesmeister. Weltpokal. Supercup. Wir hatten die beste Mannschaft der Welt in den 70ern. Und ich glaube sogar, dass wir stilbildend waren für andere große Mannschaften danach. Wir haben vor der Euro 1972 die Bayern in deren Stadion 5:0 geschlagen. Wir waren so überlegen, dass die Bayern in den letzten zehn Minuten den Ball kein einziges Mal mehr berührt haben. Ich glaube, wir haben die Bayern in gewisser Weise inspiriert. Vielleicht fragen Sie mal nach bei Breitner, Hoeneß oder Beckenbauer.

Sie sind auch deshalb eine Ajax-Ikone, weil Sie in den Derbys gegen Feyenoord immer besonders stark waren.

36 Spiele, 19 Tore. Selbst Cruyff, Van Basten oder Kluivert kommen da nicht ran.

Wir sitzen in der Kantine der Ajax-Akademie, Sie sind fast jeden Tag hier. Was machen Sie heute?

Ich bin Spielerberater. Früher habe ich mich um Spieler wie Wesley Sneijder oder Rafael van der Vaart gekümmert. Ich habe sie unterstützt, da waren sie noch 15-jährige Bengels. Heute betreue ich rund 20 Spieler, die hauptsächlich in der U17 und U19 aktiv sind. Ich hätte nach meinem Karriereende bei Ajax die U19 übernehmen können. Aber darauf hatte ich keine Lust.

Im März 2016 ist Ihr guter Freund Johan Cruyff überraschend gestorben.

Ich konnte es kaum fassen. Eine Woche vor seinem Tod hat er mir ein Video geschickt. Eine Minute und 42 Sekunden, da habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Er war zu Besuch bei seinem Sohn Jordi in Israel, er war putzmunter. Keine Probleme mit der Lunge. Saß da mit nackigen Füßen bei einem unserer gemeinsamen Freunde, wollte sich neue Schuhe anfertigen lassen beim besten Schuster in ganz Tel Aviv. Zwei Tage danach haben wir noch telefoniert, wieder zwei Tage später dann der Anfall beim Duschen. Gehirntumor, Metastasen. Er hat für sich entschieden, dass es vorbei sein soll. Im Rollstuhl wollte er nie sitzen. Er war sich immer so sicher, dass er den Krebs besiegen würde. Aber dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Cruyff war so vielschichtig als Fußballspieler, aber auch als Mensch. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Er war ein unglaublich toller Mensch. Jedem wollte er helfen, jedem. Ein top Junge.

Nach außen wirkte er manchmal über die Maßen selbstbewusst, an der Grenze zur Arroganz.

Das stimmt nicht. Die Leute müssen schon unterscheiden: Er wusste immer, was er wollte und beharrte auch auf seinem Standpunkt. Er war da stur und auch eigensinnig, das sollte man nicht leugnen. Und es hat ihm nicht selten Ärger eingebracht, später auch hier bei Ajax. Es gab immer mal wieder Streit und er hat sich mit vielen Leuten angelegt. Aber er war nie von oben herab, er hat sich nie als großer Meister aufgespielt oder andere bevormundet.

Aber er wollte es immer besser wissen als die anderen.

Das kann man wohl sagen. Wir waren in den 80ern mit Severiano Ballesteros beim Golf spielen und Ballesteros war zweifellos der beste Golfer seiner Zeit. Und was macht Johan? Gibt ihm Anweisungen, wie er den Schläger zu schwingen hat. Unglaublich, diese Selbstverständlichkeit. Er war ein schlechter Billard-Spieler und trotzdem erklärte er allen anderen immer, wie sie den Queue zu halten hätten.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Er war neun Jahre alt und schaute immer mal wieder bei unserem Training vorbei. Johan hat sich dann hinter dem Tor aufgestellt, eine Banane in der Hand, und wenn die Bälle vorbeiflogen, ist er losgerannt und hat sie zurückgebracht. Er war unser Balljunge. Er war ja immer da, sein Vater arbeitete im Stadion. Damals spielte er noch in der „Welpe“, einer Jugendmannschaft und ich habe ihn mir samstags bei den Spielen immer angeschaut. Mit 17 Jahren kam er dann zu den Profis.

Wurden Sie schnell Freunde?

Piet Keizer, Johan und ich wohnten im Osten von Amsterdam, keinen Kilometer voneinander entfernt. Echte Grachtjes, Amsterdamer Jungs, die Mittagessen bei „Broodje Van Dobben“, der Fußball… Es war fantastisch.

Wer hat mehr vom anderen profitiert: Sie von ihm oder er von Ihnen?

Wir hatten diesen speziellen Spielzug: Ich halte den Ball an der rechten Außenlinie, warte bis die Verteidiger sich auf den Mittelstürmer konzentrieren und Johan lossprintet. Ich spiele den Ball dann über die Abwehrreihe drüber. Und bis die sich umdrehen, ist Johan längst weg. Hat ganz gut funktioniert, würde ich sagen. Aber Ajax hatte auch vor Johan einen super Angriff. Ich hatte im Jahr davor 55 Assists. Ich würde sagen: Er hat von mir gelernt.

Woher nahm er seine Inspiration?

Er hat immer nachgedacht, immer nur Fußball. Wenn du drei Stunden mit ihm am Tisch saßt, hat er drei Stunden am Stück über Fußball geredet. Er hatte dieses Gefühl für das Spiel. Keine Taktik, einfach dieses Gefühl. Er war ein Philosoph. Unter den vielen Kreativen dieser Zeit war er der Topper, der Beste.

Wie konnte es passieren, dass er bei seiner letzten Station als Spieler ausgerechnet zu Feyenoord gewechselt ist?

Er kam aus Spanien zurück und spielte wieder für Ajax. Dann hat er sich aber mit der Klubführung überworfen. Er ist nur gewechselt, um die Bosse zu ärgern. Da gab es das Spiel gegen Ajax ziemlich früh in der Saison. Alles wartete darauf, wie sich Johan wohl gegen sein Ajax schlägt. Nicht besonders gut, würde ich sagen: Ajax siegte 8:2. Drei Tore von Marco van Basten, damals 18 Jahre alt. Feyenoord ist trotzdem Meister geworden. Für Johan war nach dieser einen Saison endgültig Schluss.

Großer Erfolg bedeutet oft auch viele Neider. Hatte Cruyff – gerade bei Ajax – am Ende auch viele Feinde?

Natürlich. Er konnte sich aber immer gut wehren. Und wo er jetzt nicht mehr da ist, verteidige ich ihn. Gegen die Zeitungen, wenn sie mal wieder Blödsinn schreiben. Oder gegen die hohen Herren im holländischen Fußball.

Sjaak Swart & Johan Cruyff

Sjaak Swart & Johan Cruyff

Was war mit Van Gaal?

Louis van Gaal und er waren Intimfeinde. Van Gaal war ganz sicher neidisch auf Johan. Dazu gibt es eine Geschichte: Van Gaal war Anfang der 80er Jahre bei Sparta Rotterdam. Vor dem Spiel gegen Ajax fragte Trainer Barry Hughes: „Wer von euch will gegen Cruyff spielen?“ Van Gaal meldete sich: „Ich. Ich nehme Cruyff in Manndeckung.“ Zur Halbzeit stand es 5:0, Cruyff hat Van Gaal schwindelig gespielt. Der motzte in der Halbzeit, der Trainer solle endlich den Schönwetterspieler Rene van der Gijp auswechseln. Daraufhin Hughes: „Ich werde gleich jemanden auswechseln – und zwar dich!“ Van Gaal hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Top-Stars. Vielleicht haben Geschichten wie diese dazu beigetragen.

Aber er hat mit Ajax die Champions League gewonnen.

Er war ein guter Trainer auf dem Platz. Aber in Sachen Menschenführung ist er nicht gut. Er scheidet überall im Streit.

60 Jahre lang war Cruyff Ihr Freund. Was vermissen Sie am meisten?

Die Gespräche, die Treffen unserer Familien. Er kommt jetzt nicht mehr zu mir in die Loge, drüben in der Amsterdam Arena.

Was ist Johan Cruyffs Vermächtnis?

Ich werde oft gefragt: War Johan besser als Pele, Beckenbauer, Maradona, Messi, Ronaldo? Jeder war oder ist zu seiner Zeit ein unglaublicher Spieler, ein Wunder. Aber Johan überdauert alle Zeit. Seine Ideen haben Epochen geprägt, sie werden nie aus der Mode kommen. Das kann kein anderer von sich behaupten. Ajax ohne Cruyff: Undenkbar. Barca ohne Cruyff: Undenkbar. Er hat den Leuten gezeigt, wie man Fußball spielen muss. Das wird nie vergessen werden. Wenn man in 50 Jahren auf Messi zurückblickt oder Pele, dann sieht man den fantastischen Spieler als einen Teil des Spiels. Johan Cruyff war das Spiel selbst.

Interview: Stefan Rommel

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Kehrer, Zverev, Phelps: Das ist die Ausgabe #42

Thilo Kehrer spielt bei Paris-Saint Germain, ist Nationalspieler und hat ein erfülltes Leben. Doch das reicht dem 23-Jährigen nicht und setzt sich für die Bildung von jungen Menschen in Afrika ein. Kehrer sowie Tennis-Star Alexander Zverev und Schwimm-Legende Michael Phelps sind auf dem Cover der 42. Ausgabe.

Thilo Kehrer: Der Angekommene I

Thilo Kehrer legt das hin, was man unter einer Bilderbuch-Karriere versteht. Aufgewachsen beim FC Schalke 04, dort zum Nationalspieler geworden, dann zur Weltauswahl von Paris Saint-Germain gewechselt und dort Seite an Seite mit den größten Stars der Welt. Hätte die EURO 2020 stattgefunden, wäre Kehrer wohl dabei gewesen. 

Aber dem 23 Jahre alten Außenverteidiger reicht es nicht, nur als Sportler eine gute Figur abzugeben. Er gründete eine Stiftung, um in Burundi jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Im Interview mit Socrates erzählt Kehrer, was er genau macht. Aber: Er spricht auch über Hass, den er nicht verstehen kann.

Alexander Zverev: Der Angekommene II

Bei den Australien Open ist Alexander Zverev erst im Halbfinale gescheitert. Das große Ganze – sein Selbstverständnis, einer de besten Spieler der Welt zu sein – das war auch in dem Moment der Niederlage unzweifelhaft sichtbar. In seiner Karriere hat der Tennis-Star bereits extreme Höhen und Tiefen erlebt. Das liegt an der Ungeduld und dem Selbstverständnis des 22-Jährigen. Zverev-Kenner Jannik Schneider über einen, der angekommen ist, aber noch weiterreisen will.

Michael Phelps: Der Angekommene III

Michael Phelps hat 23 Mal Gold bei Olympischen Spielen und 26 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften gewonnen. Heute ist der 34-Jährige Rentner und ein viel glücklicherer Mann als früher. SOCRATES traf den besten Schwimmer der Geschichte in Baltimore. Er spricht über junge Sportler, die er nicht verstehen kann und über einen Punkt in seine Leben, an dem er eigentlich keine Kraft mehr hatte. Eigentlich.

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Timo Werner im Interview: „Jetzt atmest du mal schnell in die Tüte“

Timo Werner jubelte einst Mario Gomez zu und glaubte nicht an eine große Fußballer-Karriere. Doch dann kam alles anders. Werner spricht im Exklusiv-Interview im Socrates Magazin darüber, warum er typisch ist und warum er sich erlaubt, immer noch ein junger Mann zu sein. 

Timo Werner, sind Sie typisch deutsch?

Das würde ich schon von mir behaupten.

Sie sind also ordentlich.

Ich bin sicherlich auch mal schludrig, aber in der Regel bin ich schon ordentlich, ja.

Bedeutet das, Sie räumen zuhause auf?

Meistens schon. Obwohl manchmal macht es auch meine Freundin. Okay, vielleicht doch eher sie. (lacht) Aber wenn es sein muss, dann mache ich es.

Welche klischeehaften, deutschen Eigenschaften machen Sie denn sonst noch aus?

Ich bin eigentlich immer pünktlich. Und ich würde von mir sagen, dass ich bei der Arbeit, also in jedem Training, arbeitseifrig bin. Ich bin keiner, der sich auf die faule Haut legt, sondern jemand, der sich anstrengt und immer besser werden möchte. Ich nehme das auch in anderen Berufsbereichen wahr: Die Deutschen sind schon sehr konsequent beim Aufstehen in der Früh und bei der Einhaltung der Arbeitszeiten – selbst wenn man möglicherweise einen Job hat, der einem nicht wirklich Freude bereitet. Die Arbeit wird immer erledigt. In dieser Hinsicht sind wir Weltmeister.

Das Interview mit Timo Werner erschien in der Ausgabe #20 im Juni 2018.

Timo Werner: „Keine schlechte Zeit für einen Stürmer“

Wie beim Fußball, der unsere Gesellschaft ebenfalls prägt. Welches deutsche Stürmer-Trikot hat Sie als Kind am meisten fasziniert?

Das Trikot von Mario Gómez. Er war mein Vorbild. Und ist Teil der deutschen Stürmer- Geschichte, die durchaus beeindruckend ist. Und aus der für mich Gerd Müller mit seinen zahlreichen Rekorden und Toren herausragt. Er ist für mich nach wie vor das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Natürlich folgen dahinter auch noch viele andere große Namen, die auf einem ähnlich überragenden Niveau waren und zu denen man als junger Stürmer aufschaut. Aber Gerd Müller kennt bis heute jedes Kind. Selbst die Kinder, die in diesem Jahrhundert geboren worden sind und ihn nie haben spielen sehen.

Speziell in den vergangenen Jahren wurde öffentlich bemängelt, dass es in Deutschland keine Stürmer mehr gebe. Hatten Sie dabei gelegentlich gedacht: Wartet ab, ich komme bald und löse das Problem?

Als ich nach Leipzig kam, war der Klub gerade erst aufgestiegen. Da war die Champions League noch sehr weit weg – genauso wie die Nationalmannschaft. Da hatte ich völlig andere Gedanken. Aber natürlich wusste ich, dass ich auf einer Position spiele, auf der in Deutschland Bedarf besteht und auf der man vielleicht ganz gut und schnell irgendwo reinstoßen kann. Es ist sicherlich keine schlechte Zeit für einen Stürmer. Als Zehner oder Außenbahnspieler hätte ich den Sprung in die Nationalmannschaft möglicherweise nicht so schnell gepackt. Vielleicht hatte ich da etwas Glück, aber im Endeffekt habe ich mir meinen Platz erarbeitet. Meine Torquote war zuletzt ja auch nicht so schlecht.

Problem gelöst.

Ich weiß gar nicht, ob es ein Problem gab. Man hat ja 2014 gesehen, dass Deutschland auch ohne echten Stürmer spielen und Weltmeister werden kann. Vor einigen Jahren haben viele nach einem zentralen Mittelfeldspieler gerufen. Zuvor wünschte man sich mehr Sechser oder Flügelspieler. Wir meckern ja alle gerne meistens an der Stelle, an der es scheinbar ein bisschen hapert.

Timo Werner: „Werde mich niemals Völler und Co. vergleichen“

Ist es als Stürmer in Deutschland aufgrund der großen Vorgängernamen besonders schwierig zu bestehen?

Es ist schon was anderes, Stürmer zu sein als Verteidiger. Wenn du den Ball reinschießt, bist du der große Held, der 80 Millionen Deutsche ins Viertelfinale, Halbfinale oder sogar Finale schießt. Und wenn du den entscheidenden Ball verschießt und Deutschland aus dem Turnier fliegt, bist du möglicherweise für vier Jahre der Depp. Das ist ein schmaler Grat, auf dem man als Stürmer wandelt. Aber ich habe mir genau diese Position ausgesucht. Ich wusste: Wenn ich irgendwann mal so weit kommen möchte, dann muss ich mit diesen Schwierigkeiten umgehen können. Und dabei macht es keinen Sinn, sich mit Spielern zu vergleichen, die vor 50, 60 Jahren aktiv waren und mittlerweile Legenden sind. Das wäre auch viel zu viel Druck. Wenn überhaupt, dann sollte man sich mit Spielern vergleichen, die aktuell auf dem Platz sind. Und dann kann man sagen: Es fehlt noch ein ganzes Stück zu einem Cavani oder Lewandowski.

Fehlt da bei Ihnen noch etwas?

Auf jeden Fall. Und deshalb liegt auch noch genug Arbeit vor mir. Aber nochmals: Ich werde mich selbst niemals mit einem Müller, Völler oder Rummenigge messen.

Um Vergleiche mit Gómez kommen Sie jedoch nicht herum. Früher Vorbild, jetzt Konkurrent. Wie nehmen Sie selbst dieses Duell wahr?

Einerseits ist es eine komische Situation. Ich saß im Alter von zehn, elf, zwölf Jahren früher im Stadion beim VfB Stuttgart und habe ihm zugejubelt, wenn er ein Tor geschossen hat. Jetzt sitze ich in der Kabine neben ihm, spiele manchmal sogar für ihn. Anderseits freue ich mich einfach riesig, dass ich es dorthin geschafft habe und dass ich den Weg meines Vorbildes nachahmen konnte. Es gibt viele junge Stürmer, die das gleiche Ziel haben wie wir. Aber es gibt wenige, die dieses dann auch erreichen.

Timo Werner: „Ich soll die Karriere genießen“

Vor allem in dieser rasanten Geschwindigkeit. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, unterschrieben Sie kurz zuvor in Stuttgart gerade Ihren ersten Profivertrag. Vier Jahre später mit Gomez im WM-Kader.

Wir haben 2014 mit dem VfB gegen den Abstieg gespielt, da war so ein Thema unrealistisch. Selbst wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich sehr bald in der Bundesliga, Champions League und Europa League viele Tore mache, dann auch noch Nationalspieler werde und ebenfalls treffe, dann hätte ich zu der Person gesagt: ‚Komm, wir gehen mal um die Ecke, du atmest mal schnell in die Tüte und dann ist alles wieder gut.‘ (lacht)

Dieser Person wären Sie jetzt etwas schuldig.

Absolut. Und ich freue mich natürlich, dass es so gekommen ist. Es ist schon Wahnsinn: Einst habe ich die WM teilweise beim Public Viewing als Fan verfolgt. Der Gedanke, dass ich selbst mal für die Nationalmannschaft spielen könnte, war ganz weit weg. Natürlich war mir bewusst, dass ich ein gewisses Talent besitze. Jedoch muss schon viel zusammenkommen, dass du da dann auch wirklich hinkommst.

Wünschen Sie sich gelegentlich nicht mal Zeit zum Durchatmen?

Es stimmt schon: Manchmal ist es schwer, alles zu realisieren und zu verarbeiten. Erst vor kurzem ging mit durch den Kopf: ‚Das ist jetzt schon deine fünfte Bundesliga-Saison. Jetzt sind auch schon wieder zwei Jahre RB Leipzig vorbei, du hast Champions League gespielt, bist Nationalspieler, stehst vor deiner ersten WM. Und du bist mittlerweile 22 Jahre alt, denkst aber, dass du eigentlich noch 19 oder 20 bist.‘ Die Zeit geht so schnell rum. Viele Personen von außen sagen immer, man solle die Karriere genießen, weil sie schnell vorbeigehe. Dass da was dran ist, habe ich in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gemerkt. Weil wir Menschen ja nicht in der Vergangenheit leben können, müssen wir alles im Hier und Jetzt betrachten. Und wenn man dann am Wochenende ein Spiel verliert, ist man die kommenden drei Tage sauer und kann sich eben nicht damit trösten, was man in den vergangenen Jahren alles geleistet hat.

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Timo Werner: „Ich kann noch viel lernen“

Fällt es da wirklich so leicht, sich keinen Kopf zu machen, wie Sie häufig betonen?

Wenn man gewinnt, ist es deutlich einfacher. Dann läuft vieles von alleine. Wenn man verliert, dann jedoch nicht. Dann kommt der Kopf ins Spiel. Erstens, weil man beginnt, sich selbst zu hinterfragen. Zweitens, weil man darüber nachdenkt, was mit der Mannschaft los ist, was gerade möglicherweise nicht so gut funktioniert. Natürlich mache auch ich mir dann Gedanken, warum man verliert, warum man selbst keine Top-Leistung erreicht hat. Nach Niederlagen hängen auch vergebene Chancen länger nach. Es gibt Phasen im Fußballgeschäft, die schwer sind – gerade wenn man aus einem Wettbewerb wie der Champions League oder der Europa League rausfliegt. Aber auch damit umzugehen, muss man lernen. Und ich denke, das habe ich ganz gut hinbekommen.

Was tun Sie, um die jugendliche Lockerheit beizubehalten?

Ich erlaube mir einfach, 22 zu sein. In meinem Alter ist es nicht so schwer, den Kopf frei zu bekommen. Dann muss man abends halt einfach auch Sachen machen, die man als normaler 22-jähriger Junge macht: sich vor die PlayStation hocken, ins Kino gehen, vielleicht auch abends mal mit der Freundin oder den Freunden weggehen. Und nicht versuchen, sich aufgrund des Jobs und des öffentlichen Interesses plötzlich anders zu verhalten. Man sollte als 22-jähriger Profi neben dem Fußball auch normal leben dürfen. Das erlaube ich mir.

Weshalb Sie in Fußball-Deutschland bereits als echter Typ mit klarer Haltung wahrgenommen werden. Empfinden Sie das als Kompliment?

Wenn damit Charakterstärke gemeint ist, freue ich mich durchaus darüber. Aber trotzdem bin ich in einem Alter, in dem ich mich noch nicht als riesigen Typen bezeichnen würde. In der Nationalmannschaft habe ich viele gestandene Personen um mich herum: einen Müller, einen Hummels, einen Kroos. Das sind alles Spieler, an denen ich mich orientiere. Das sind Spieler, die mit ihrer Willensstärke vorangehen und von denen ich noch viel lernen kann.

Spiegelt das öffentliche Bild des Fußballers Timo Werner, der auch mal aneckt, den privaten Timo Werner korrekt wider?

Ich bin schon jemand, der deutlich zeigt, dass ihm etwas nicht gefällt, wenn er unzufrieden ist. Und trotzdem bin ich eigentlich ein lieber Junge, der niemandem etwas Böses will. Besonders in den vergangenen Jahren habe ich einige Dinge erlebt, die mich haben reifen lassen. Als Fußballer und als Mensch. Ich habe auch kein Problem damit, in diesem Zusammenhang nochmal meine Schwalbe 2016 gegen Schalke zu erwähnen, für die ich viel Kritik einstecken musste, vor der ich mich aber nie verkrochen habe. Jeder hat ja so eine innere Stimme. Meine sagt mir, dass ich wirklich gut mit der Situation umgegangen bin und dass ich es durchaus verdient habe, nach allen Schwierigkeiten nun auch weiterhin Erfolg auf dem Platz zu haben.

Sie streben mehr danach, erfolgreich anstatt everybody’s darling zu sein?

Everybody’s darling – ich weiß gar nicht, ob das geht. Natürlich strebe ich nach Erfolg, ich bin schließlich Leistungssportler. Aber dennoch bin ich keiner, der es sich dabei mit allen Menschen verscherzen oder der da draußen der große Buhmann sein möchte. Ich will keine Show abziehen oder den großen Macker raushängen lassen. Ich will einfach meinen Traum leben, Fußball spielen und meine Leistung bringen. Für meinen Verein. Und für mein Land.

Welchen Anteil hat RB Leipzig an Ihrem Erfolg?

Ich habe RB sehr viel zu verdanken. Der VfB Stuttgart war mein Ausbildungsverein. Aber hier in Leipzig bin ich zu dem Profi geworden, der ich jetzt bin. Hier habe ich viel Neues im taktischen Bereich, aber auch bei der Arbeit mit dem Ball gelernt. Für mich steht fest: Ohne RB wäre ich nicht Nationalspieler geworden. Aber im Turnier hilft einem der Verein leider nichts. Da müssen mir meine persönlichen Stärken Flügel verleihen. Und die müssen mich auch durch meine Karriere tragen, selbst wenn ich RB irgendwann einmal verlassen sollte.

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Wie wertvoll ist für dieses große Ziel der Austausch mit Trainer-Assistent und Ex-Stürmer Miro Klose?

Miro ist gerade für einen jungen Stürmer ein wichtiges Detail im Trainerstab. Er ist eine Persönlichkeit, die aufgrund ihrer großen Turniererfahrung wertvolle Tipps geben kann. Er kommt viel auf mich zu, weil er weiß, dass ich sehr viel zu lernen habe. Er gibt mir seine Empfehlungen weiter. Dabei waren auch schon zwei, drei Tipps, die sich in Länderspielen dann auch tatsächlich in Tore umgemünzt haben.

Dürfen Sie diese Tipps verraten oder sind diese so geheim, dass dadurch auch Ihre Sturm Konkurrenz umgehend besser trifft?

Es handelt sich dabei vor allem um Laufwege vor dem Tor und Gedanken, die man vor dem Torabschluss entwickelt. Das trainiere ich dann einfach zwei-, dreimal mit Miro und übernehme es dann eher instinktiv. Das geht bei mir relativ schnell. Miro ist daher sehr wichtig für mich.

Andere Frage: Wie froh sind Sie, dass Sie Werner heißen und nicht Schuh wie Ihr Vater, der selbst Fußballprofi war?

(lacht) Mein Papa ist darüber nicht froh, auch wenn er sich mittlerweile damit abgefunden hat. Für mich ist das kein Problem. Man gewöhnt sich an den Namen, den man trägt. Es wäre komisch, jetzt Schuh zu heißen.

Haben Sie mal über die möglichen Schlagzeilen im Boulevard nachgedacht?

Da hätten sich wahrscheinlich einige angeboten. Wahrscheinlich sollte ich also froh sein, Werner zu heißen. Der Name klingt ja auch typisch deutsch.

Interview: Felix Seidel

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Kevin Kuranyi im Interview: „Ich war der Schlechteste“

Es gibt Fehler, die Kevin Kuranyi bereut, aber ansonsten ist der ehemalige Stürmer sehr zufrieden mit einer Karriere mit weit über 500 Spielen für den VfB Stuttgart, Schalke 04 und Co. Im Interview erzählt er, wie er aus wenig Talent viel machte und warum Julian Nagelsmann eine Universität ist.

Kevin Kuranyi, wie sieht heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, bereite die Kinder für die Schule vor und fahre sie um viertel vor acht dort hin. Danach gehe ich ins Fitnessstudio, um fit in den Tag zu starten. Dann beginnen schon die Termine. Da kann es um meine Immobilien gehen oder um die Spieler, die ich betreue. Da steht viel an. Als Rentner hat man viel zu tun (lacht).

War das Leben als Fußballer entspannter?

Es war einfacher. Man wusste ganz genau: Am Morgen wird mit der Mannschaft gefrühstückt, dann gibt es Training und mittags ist man schon fertig. Und jetzt muss man genau planen, den Tag oder die Woche vorbereiten. Treffe ich heute den Stadtrat oder erst # morgen? Wann kommt der Projektplaner? Am Wochenende schaut man sich dann weiter die Fußballspiele an, aber das muss alles gut vorbereitet werden.

Sie sagen es: Als Spieler war ein Training oder ein Spiel immer ein Ziel. Was passiert, wenn dieser Ankerpunkt plötzlich weg ist? Wie kompensiert man diesen?

Ich musste mir Zeit geben. Ich musste das tatsächlich erst einmal verarbeiten und verstehen, wie mein Leben nun weitergeht. Ich war nicht mehr der Fußballer. Ich musste mir neue Ziele setzen, um neue Orientierungspunkte im Leben zu haben. Es war aber nicht so, dass es nur Nachteile hatte. Der Fußball ist auch mit viel Stress und Druck verbunden. Diesen nicht mehr zu haben und die Freizeit zu genießen, war sehr wichtig. Daher war es mir auch wichtig, nicht direkt irgendwo einzusteigen und den nächsten Schritt zu machen.

Wie viel Zeit haben Sie gebraucht?

Ein paar Monate. Es kann sein, dass ich etwas länger gebraucht habe als der eine oder andere. Aber es hat mir und meiner Familie gutgetan.

Ist die Familie von Ihnen eigentlich schon genervt?

Anfangs war sie das, ja. Da bin ich auch schon mal rausgeworfen worden (lacht). Spaß beiseite: Man gewöhnt sich an alles. Jetzt bin ich öfters und zu anderen Uhrzeiten zu Hause und kann viel mit meinen Kindern reden. Das kam ja in den Jahren als Profi oft zu kurz. Jetzt kann ich zum Beispiel auch öfter zum Training meines Sohnes gehen oder ihn den ganzen Tag begleiten, wenn er bei einem Turnier ist. Oder Dinge mit meiner Tochter unternehmen, die früher schwierig waren, als ich permanent unterwegs war.

Fänden Sie es okay, wenn Ihr Sohn Fußballprofi werden will?

Ja, natürlich. Jeder muss seinen Traum leben. Wenn es sein Traum ist, Profifußballer zu werden, werde ich ihm das nicht ausreden. Aber ich werde ihm auch sagen, dass er hart arbeiten muss, weil Millionen von Kindern den gleichen Traum haben. Träumen kann jeder, den Traum verwirklichen nicht.

Fragt er schon, wie Sie es geschafft haben?

Ja.

Und was sagen Sie ihm?

Schauen Sie … Ich hatte nicht viel Talent als Kind, aber das, was da war, habe ich gut ausgeschöpft. Als ich zehn Jahre alt war, war ich der Schlechteste. Ich dachte mir: Nein, das muss besser werden und ich habe mich Jahr für Jahr verbessert, bis ich es geschafft habe.

Jetzt müssen Sie aber allen schlechten Fußballern den ultimativen Tipp geben, wie Sie das geschafft haben.

Natürlich gehört da auch Glück dazu. Zu meiner Jugendzeit hatte der VfB Stuttgart nicht viel Geld, um teure Spieler zu holen und musste auf die Jugend setzen. Das war meine Chance. Ich habe sie genutzt. Ich war ein Kämpfertyp. Ich wollte immer besser werden. Ich wollte immer Neues lernen. Ich habe immer zugehört und ich habe den Personen, die mich besser machen wollten und mir das Fußballspielen beigebracht haben, immer Respekt gezeigt.

Weil Sie diese Respektspersonen auch gebraucht haben?

Ja. Ich war alleine in Deutschland. Es gab keinen Papa oder keine Mama, die mir den Kopf streicheln oder mir helfen konnten. Es gab nur mich und ich musste es schaffen – auch um meine Familie irgendwann nach Deutschland holen zu können, um sie in meiner Nähe zu haben. Gott sei Dank habe ich es geschafft.

Als jemand, der sich schon als Kind über Ziele definiert hat, müssen Ihnen Ziele nach wie vor wichtig sein.

Das stimmt. Ob ich jetzt Fußballer oder Frührentner bin, spielt keine Rolle. Es gibt immer etwas zu erreichen.

Gibt es Ziele, die Sie nicht mehr verfolgen?

Ich will nicht mehr Profifußballer werden.

Sind Sie zufrieden, wie Ihre Karriere verlaufen ist?

Eigentlich ja. Aber ich habe auch Fehler gemacht, obwohl sie vielleicht wichtig waren, um aus ihnen zu lernen. Eine Karriere ohne Fehler schafft kaum einer. Die, die es schaffen, werden zu Weltstars. Aber ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, denn es hätte auch schlechter laufen können.

Was war der größte Fehler?

Die Stadionflucht damals bei der Nationalmannschaf in Dortmund. Sie hat meine Karriere markiert. Eine andere Entscheidung wäre da wohl besser gewesen.

Glauben Sie, dass der Typ Kevin Kuranyi durch diese Aktion in Deutschland fortan anders gesehen wurde?

Es entstand dadurch sicherlich ein etwas anderes Bild von mir. Es entstand eine Figur, die ich nicht bin, sondern eine, die von den Schlagzeilen in den Zeitungen geformt wurde. Aber da bin ich selbst schuld.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass Sie nie eine Nebenrolle innehatten, sondern immer auffielen. Hat das mehr geholfen oder gestört?

Ich denke, es hat meinen Klubs geholfen. Klar habe ich immer polarisiert, aber ich habe immer für meine Mannschaften gekämpft, ging immer vorneweg und habe ab und zu meine Meinung gesagt, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Ich habe nur bei vier Klubs gespielt, bei drei Klubs sogar sehr lange. Wäre ich ein Problemfall gewesen, hätte ich nicht so lange bei diesen Klubs gespielt. Ich habe mich immer mit meinen Vereinen identifiziert und hatte immer viele Freunde innerhalb der Klubs. Das war das Wichtigste für mich.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Sie haben 212 Tore in Ihrer Laufbahn geschossen. Nur bei 1899 Hoffenheim gingen Sie komplett leer aus. Ist das ein Makel Ihrer Karriere, ohne Tor für Ihren letzten Klub abgetreten zu sein?

Oh ja! Das nervt mich immer noch. Ich habe leider nicht die Leistung zeigen können, die ich selbst von mir erwartet habe. Aber natürlich auch nicht die Erwartungen des Klubs erfüllt.

Dabei hatten Sie mit Julian Nagelsmann einen Trainer, der seine Offensivspieler fördert. Wie war die Zusammenarbeit?

Es gab Trainer in meiner Jugendzeit, die nicht so viel Ahnung von Fußball hatten. Das war wie an der Hauptschule. Julian Nagelsmann ist wie eine Universität.

Interessanter Vergleich. Inwiefern?

Er denkt vierundzwanzig Stunden Fußball. Darüber, was man besser machen kann und wie man eine Mannschaft taktisch so klug schult, dass sie innerhalb einer Minute die komplette Vorgehensweise ändern kann. Die Basis dafür ist sein Training, das einen Spieler zwingt, über Fußball nachzudenken. Du musst konzentriert sein und die Übung verstehen. Wenn du sie nicht verstehst, machst du sie falsch und bist raus. Dies entwickelt auch einen Spieler weiter, weil er automatisch mitdenkt und verstehen muss.

Was haben Sie gedacht, als der Klub ihn als Cheftrainer installiert hat?

Ich habe gedacht: „Oh, da kommt ja ein ganz Junger. Was will der mir sagen?“ (lacht). Ich war Nationalspieler, spielte bei Top-Vereinen, hatte viel Erfahrung. Ich überlegte, was er mir vormachen kann.

Und dann?

Dann kam seine Antrittsrede und all diese Gedanken waren weg. Ich war sofort überzeugt von ihm.

Warum?

Seine Rede war so intelligent und inhaltlich stark, dass alle wussten, was für ein Kaliber vor uns steht. Er hatte eine klare Idee davon, wie er Fußball spielen lassen will, was er von uns erwartet und was er für ein Typ ist. Ich wusste von da an, dass das Alter keine Rolle spielt und dass auch ein 30-Jähriger einem arrivierten Profi zeigen kann, wie Fußball geht.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Ich hatte viele Top-Trainer wie Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Rudi Völler oder Joachim Löw, um nur einige zu nennen. Aber Felix Magath hat mich am meisten geprägt. Er hat sich damals getraut, einem jungen Spieler die Chance zu geben, in der Bundesliga von Anfang an zu spielen. Ich weiß noch, dass ich damals ein Top-Trainingslager unter ihm absolviert hatte. Er hat das honoriert und dafür bin ich dankbar.

Gab es einen Trainer, bei dem es gar nicht gepasst hat?

Nein. Ich bin mit jedem Trainer zurechtgekommen und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass mich einer nicht weiterbringen kann. Wenn es in einer Mannschaft nicht läuft und die Ergebnisse nicht stimmen, werden die Fehler meistens beim Trainer gesucht. Aber oft ist es eigentlich die Mannschaft, bei der gesucht werden muss.

Werden wir einen Trainer Kevin Kuranyi erleben?

Nein, ich werde kein Trainer. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand eine Trainerkarriere startet oder es noch werden will, weil ich weiß, wie viel Arbeit das ist, eine Mannschaft erfolgreich zu trainieren und welchem Druck man dabei ausgesetzt ist. So eine Fußballmannschaft ist eigentlich wie ein Kindergarten mit 20-25 Kindern, die man zu einer Einheit formen soll. Es ist immer jemand unzufrieden. Es gibt immer Probleme, die man lösen muss. Diesen Stress will ich mir ehrlich gesagt nicht geben.

Der Socrates Newsletter

Sie haben sich für eine Zukunft als Spielerberater entschieden.

Ja, das stimmt. Hier kann ich meine Zeit selbst einteilen und meine Erfahrung, als einstiger Jugendspieler, der es in die Bundesliga geschafft hat, weitergeben. Ich glaube, dass ich es jungen Spielern einfacher machen kann, sich schneller zu entwickeln, weil ich weiß, wie sie ticken und welchen Gedankengängen sie haben. Ich bin zwar 35 Jahre alt, kann mich aber immer noch in einen jungen Menschen hineinversetzen.

Die Beraterszene ist umkämpft. Sind Sie dort willkommen?

Es ist ein Haifischbecken. Für einen Neuankömmling ist es nicht einfach, hineinzutreten. Aber mit Seriosität, Zuverlässigkeit und guten Kontakten kann man nach wie vor punkten. Ich weiß, dass es viele Rückschläge geben kann und viele Schwierigkeiten kommen werden. Es wird Neider geben, man wird mich als Konkurrent sehen. Ich weiß um die Hindernisse, aber wenn ich so bleibe wie ich bin und wie ich immer war, dann kann ich diesen Weg gehen und erfolgreich sein.

Wie war das erste Gespräch als Berater mit einem Klub?

Es war gut. Es war ein englischer Klub und auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist, kam ich ganz gut durch und habe es geschafft, die Verantwortlichen zu überzeugen (lacht). Letztlich sprechen wir über Fußball. Ein Element meines Lebens. Klar hat man verschiedene Ansichtsweisen, man diskutiert über die Stärken und Schwächen eines Spielers, über die Zukunftsplanung. Aber es ist eben alles, was ich selbst schon mal erlebt habe.

Kevin Kuranyi, wo ist eigentlich Ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. Die stelle ich mir manchmal selbst. Ich bin in Brasilien aufgewachsen, habe zwei Jahre in Panama gelebt, danach bin ich nach Deutschland gekommen. Ich fühle mich in allen drei Ländern zu Hause, fühle mich überall sehr wohl, aber Heimat ist, wo meine Familie ist, und das ist Stuttgart.

Interview: Fatih Demireli

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Zidane nach dem Clasico: Einblicke in die Real-Kabine

Real Madrid hat den Clasico in der Primera Division gegen den FC Barcelona gewonnen. Doch Zinedine Zidane verrät: Die Stimmung war nicht besonders gut im Vorfeld. Die Pressekonferenz des Real-Trainer im Video.

Zinedine Zidane: Einblicke ins Seelenleben

Erst Vinicius nach toller Vorarbeit von Toni Kroos, dann der eingewechselte Mariano: Real Madrid hat den Erzrivalen FC Barcelona im „El Clasico“ mit 2:0 besiegt und sonnt sich an der Spitze der Liga. Nach einer schwachen ersten Halbzeit steigerten sich die „Königlichen“ im zweiten Durchgang und triumphierten im Estadio Bernabeu.

Der Sieg ist allerdings kein Ergebnis von überschwänglichem Selbstvertrauen, wie Trainer Zinedine Zidane auf der Pressekonferenz verraten hat. Der Franzose spricht über die Stimmung nach der Pleite gegen Manchester  City in der Champions League, lobt aber auch seine Mannschaft in höchsten Tönen.

Video: Zidane über das Seelenleben
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Diego Maradona: Eines Abends im Mai

Dreck, Kriminalität, Drogen, Scheiß-Süditaliener. Neapel war für viele der ungeliebte Sohn Italiens. Doch dann kam Diego Maradona und der größte Arschtritt der Geschichte begann.

Das ungeliebte andere Italien kann sich warm anziehen. Von wegen Dreck, Kriminalität, Drogen, Scheiß-Süditaliener. Jetzt werden wir euch in den Hintern treten. Der beste Fußballer der Welt gehört Neapel, einer Stadt außer Rand und Band. Maradona verschwindet in den Katakomben, es folgt die Apotheose. In den Straßen bricht die Hölle los, stundenlang ist der Verkehr paralysiert. Hupende Autos, knatternde Vespas, Veitstänze, Schlachtgesänge. „Mamma, Mamma, Mamma, weißt du, warum mein Herz so pocht? Ich habe Maradona gesehen, und, Mamma, ich habe mich verliebt!“

Tragik kratzt an der entwaffnenden Anmut und am Lebenswillen der Stadt, dem turbulenten Charme der Neapolitaner. „Wenn du kommst, weinst du zweimal“, sagen sie. „Bei der Ankunft und bei der Abreise.“ Viele Italiener fühlen sich bei der Ankunft allerdings, als müssten sie nun den Reisepass hervorkramen, weil sie beargwöhntes, exotisches Terrain betreten. Andere treten die Reise erst gar nicht an. In den Stadien des Nordens hängen sie Transparente auf: „Wascht euch!“, „Benvenuti in Italia“, „Wir grüßen den Afrika-Meister“, „Neapel – Tuberkulose und Cholera“, „Kloake Italiens“, „Wir sind keine Rassisten, ihr seid ja Neapolitaner“ und „Forza Vesuvio!“, der Stadt und Umgebung doch endlich mit Lava von der Landkarte spülen soll.

Napoli antwortet mit süffisanter Ironie. In Shakespeares imaginärer Heimat von Romeo und Julia, Verona, rollte man das Spruchband aus: „Giulietta è una zoccola!“ – „Julia ist eine Nutte!“ Herrlich. Der Norden bleibt trotzig abfällig. Er palavert von „terroni“ (Erdfressern) und „Afrikanern“, da viele alles unter Rom am liebsten vom Stiefel sezieren würden. Die sieben goldenen Jahre des Maradona-Epos verwandelten Napoli deshalb in eine Insel der Glückseligkeit und eine kontinuierliche Kirmes um den stets ausverkauften Ballsaal San Paolo.

Seit der Vereinigung Italiens 1861 blickte die Stadt nicht nur geografisch stets nach oben, während der präpotente Norden permanent auf sie herabschaut. Die meridionale Frage beschäftigt das Land seit den Kämpfen der Einheitsbewegung „Risorgimento“. „Kloake“ und „niedere Rasse“ schnaubten die Besetzer aus dem Piemont schon damals, der Süden („Mezzogiorno“) zahlte mit Bedeutungsverlust und Verarmung. Die 150-Jahrfeier des Stiefels wurde nicht von jedem mit Trompeten und Konfetti zelebriert. Kurz vor dem offiziellen Festtag schwadronierte Premier Silvio Berlusconi aus Anlass der Partie Milan gegen Napoli, sein AC würde heute den Süden schlagen.

Der Artikel erschien in Ausgabe #8: Jetzt nachbestellen

Die Lokalpresse zürnte, weil ihm Neapel Jahre zuvor zum Stimmenfang ja noch gut genug gewesen wäre. Die Stadt habe er, wie die meisten aus dem Norden, aber sowieso nie verstanden. Infolge einer Existenz zweiter Klasse wurde der Fußball zur Metapher, die

in puncto der verlorenen Grandezza der einstigen Hauptstadtmetropole weit über den Sport hinausging. „Wer denkt, in Neapel sei der Fußball lediglich Fußball, hat weder den Calcio noch Neapel verstanden“, sagte der neapolitanische Journalist Marco Bellinazzo einmal.

Ein Paradigma aller Schichten traf Maradona demnach zur sonntäglichen Familienmesse der sozialsportlichen Revanche. Man verneigte sich vor der Mannschaft, die das nationale Gefälle kippte und die norditalienische Machtachse durchbrach. Parallel verschärfte sich der Ton der Rivalen. Ein Plakat im Mailänder San Siro las: „Maradona – Hitler hat dich vergessen.“ Maradonas Präsenz erhob sich über das Sportliche. In der unmittelbaren Adoption des Argentiniers verschwammen die Grenzen zwischen der verarmten Peripherie von Neapel und Buenos Aires. Der „Pibe de oro“ (Goldjunge) wurde zum „Scugnizzo“ stilisiert, dem neapolitanischen Gassenjungen – vorlaut, gerissen, überlaufender Pathos, mit dem er sich in den brausenden Nordwind stellte.

Er kanalisierte die Stimmen der Neapolitaner, die ab 1984 zigtausende Söhne Diego, einige Töchter gar Diega tauften. Bei den Kommunalwahlen erhielten 20.000 Stimmzettel das Votum „Viva Maradona!“. Das Crescendo im Prestige begleitete eine willkommene Metamorphose der Fankultur. Wo es in der Vergangenheit Steine, Flaschen und Platzsperren hagelte, regierte fortan eine wundersame Benimmschule. 1987 verlieh man den SSC-Tifosi die internationale Auszeichnung „fairstes Publikum Europas“, bis zu Maradonas Abschied 1991 wurden weder Ausschreitungen noch unsportliche Zwischenfälle registriert.

Der Soziologe und Direktor des Camorra- Observatoriums Amato Lamberti, notierte: „In Neapel kann man aus nichtigen Beweggründen sterben oder misshandelt werden. Dann gehst du ins Stadion und dieselbe Person, die gerade noch wegen eines simplen Streits bereit war, die Faust zu ballen, überkommt ein Feierklima. Ich denke, es handelt sich auch um ein Klima des Respekts, eine ungewollte Konvention der organisierten Kriminalität die Fußballmannschaft in Frieden zu lassen. Bei der Partie treffen sich mehrfach vorbestrafte Figuren, die im Stadion tadelloses Benehmen und einzigartige Höflichkeit vorzeigen.“

Im berstenden Bauch der Arena avancierte der Nachmittag lange vor Anpfiff zu einer folkloristischen Festivität dionysischer Lebensfreude, die man in den letzten Jahren bei der Rückkehr in die Champions League nach langer Einöde im Post-Maradona-Trauma wiederfand. Einzigartig bleibt jedoch die Klimax des ersten Scudetto, nach dem man symbolisch die Särge der Machtzentralen aus Mailand und Turin durch die Stadt trug.

SONNTAG, 10. MAI 1987

Maradona verhängt per Aufruf ein Fahrverbot für die Stadt. Die Tifosi machen sich artig zu Fuß auf. Zehntausende pilgern um acht Uhr morgens zum Teamquartier „Centro Paradiso“. Der Teambus rollt aus der Pforte, nichts zu machen. Ein königlicher Geleitzug eskortiert ihn bis zum Stadion – in Schrittgeschwindigkeit benötigt der Bus durch in Farbe getünchte Straßen und ein endloses Fahnenmeer vier Stunden für zirka zehn Kilometer. Am Theater San Carlo hängt ein Plakat: „Ihr seid wie die Zehnte von Beethoven“.

Dank waghalsigem Espressokonsums und unnachahmlicher Hingebung bringt TV-Journalist Michele Plastico auf dem Lokalsender Teleoggi Beispielloses hinter sich: Er hat von Samstag neun Uhr morgens bis Sonntag 15 Uhr ununterbrochen durch einen Vorspielmarathon geführt. Ins San Paolo zwängen sich offiziell 90.000, inoffiziell erreicht man eine sechsstellige Zahl. Um die Arena drängeln sich Hunderttausende. Und die Sicherheitsbestimmungen? Also bitte. Anpfiff um 16:01 Uhr. Das Geplänkel auf dem Rasen gerät im bengalischen Rauch zur Marginalie. Der Countdown beginnt. In der Stadt sind die Straßen leergefegt. Das Dritte hat sich zu einer außerordentlichen Live-Übertragung entschlossen.

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TV-Rechte? Also bitte. „Ab heute Abend wird Napoli nicht mehr nur die Stadt der Sonne, Pizza und Liebe sein, sondern auch die der Tricolore“, summt es aus dem Fernseher. Es ist nie zu spät, Stereotypen abzuarbeiten. Referee Pierluigi Pairetto aus Turin nimmt den Ball an der Mittellinie in beide Hände, ein heiserer Schrei aus dem TV: „17:47 Uhr, 10. Mai, Napoli Campione d’Italia!“ Auf der Anzeigetafel blinkt: Auf Wiedersehen im Europapokal der Landesmeister, ein Fallschirmspringer schwebt mit dem Scudetto-Pokal vom Himmel – die erste Meisterschaft Süditaliens. Maradona dreht Ehrenrunden. „Als ich den Rasen betrat und die leuchtenden Augen der Tifosi sah, ihre Hoffnungen, da kamen mir die Tränen. Jetzt weiß ich, dass Gott gerecht ist“, krächzt der Goldjunge.

In der Kabine hüpfen die halbnackten Spieler und singen „Mamma, Mamma, Mamma, ich habe Maradona gesehen und mich verliebt“. Diego stimmt ein. Um 18:30 Uhr erscheint die Montagausgabe des Giornale di Napoli. Warum bis zum nächsten Morgen warten, wenn es eh keine wichtigeren Nachrichten gibt? Über neun Spalten ziehen sich die Letter „È nostro!“ – der Titel gehört uns. Über Nacht haben mehrere Tifosi eine Linienmaschine azurblau bemalt – die Alitalia drückt heute mal ein Auge zu und hebt koloriert ab. Ein Polizist kutschiert auf seinem Motorrad zwei Tifosi mit schwenkenden Fahnen, Lokale verteilen Gratispizza unter den Schwebenden.

 

Die Spitzenverdiener des Sports

Die Straßenhändler verscherbeln ihren Krimskrams aus Uhren (made in Japan), Bällen (made in Taiwan) über Sonnenschirme und Lampen bis zu Flaschenkorken. Der spontane Volksgenius wird über 20 Millionen D-Mark Reibach eintragen. Die Camorra hat Hasardeure mit hohen Einsätzen auf Napolis Titel „höflich eingeladen“, ihre Wetten zurückzuziehen, um ihre Verluste halbwegs in Grenzen zu halten. Ein fünfstöckiges Haus ist komplett mit einer Maradona-Figur bemalt – bis auf ein Fensterchen an seinem Herzen. Der Statue des Heiligen Gennaro wurden drei Finger abgemeißelt, er präsentiert jetzt das Victoryzeichen. Etwas weiter hält Dante Alighieri das Napoli-Wappen in der Hand und führt einen Ball am Fuß – eine echt Göttliche Komödie.

Ein Tifoso schluchzt unter Tränen, er wolle nun sterben, um seinem verstorbenen Papa von diesem Tag zu berichten. Auf die Friedhofsmauer kritzelt jemand „Habt ihr was verpasst!“. Sehr bald erscheint darunter: „Woher wollt ihr das wissen?“ Über die Mattscheibe flimmert der grandiose neapolitanische Schauspieler Massimo Troisi und stellt die Anhänger aus dem anderen Teil Italiens ins Abseits: „Es ist besser, Meister von Nordafrika zu sein, als Transparente im Südafrika-Duktus aufzuhängen.“

In Anlehnung eines Troisi-Films wurde in einer Gasse ein Spruchband aufgezogen: „Entschuldigt die Verspätung“. Doch das meist fotografierte Transparent hängt einige Straßen weiter, die Zeile einer neapolitanischen Canzone der 1930er: „E me diciste sì ’na sera ’e maggio“ – Und du sagtest mir Ja, eines Abends im Mai. „Im Vergleich zu unserem Fest wird der Karneval in Rio zum Kindergeburtstag“, hatten sie angekündigt. Die Tifosi hielten ihr Versprechen mit einer Stadtfete, die eine Woche lang andauerte.

Über Jahrzehnte fantasierte man von der ersten Meisterschaft, nun war die Tricolore hier. Ein Happening, als wäre es die Geburt des ersten Sohnes, ein Kind mit Millionen von Eltern. Manch einer denkt, das Paradies kann warten. Neapel hatte es 61 Jahre nach Klubgründung nicht mehr ausgehalten. Ein exaltierter Schrei, mitten ins Gesicht des anderen Italiens.

Oliver Birkner

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Haaland & Co.: Kauft Deutschland seine Zukunft?

Erling Haaland und Co. rocken die Bundesliga, die deutschen Nachwuchsstars werden seltener. DFB-Manager Oliver Bierhoff hat die Arbeit der deutschen Nachwuchsleistungszentren kritisiert und das mit Recht. Der Fußball hierzulande muss aufpassen, seine Basis nicht zu vernachlässigen.

Man kann ja Oliver Bierhoff für Vieles kritisieren. An Ort und Stelle ist dies auch schon ein paar Mal passiert. Zu viel PR, zu viel Marketing, zu viel Hashtag, zu wenig Fußball. Zu wenig Konzentration auf das Wesentliche. Das sportliche Versagen bei der WM 2018 wurde auch etwas an Bierhoff festgemacht, vielmehr war er willkommen bei der Suche nach Sündenböcken, die man brauchte. Seither ist es tatsächlich etwas ruhig geworden um Bierhoff. Womöglich ist diese Zurückhaltung gewollt. Weniger ist mehr.

Bierhoff: Das DFB-Team ist kein Favorit bei der EURO 2020

Neulich äußerte sich Bierhoff beim Parlamentarischen Abend in Berlin, bei dem auch der neue DFB-Präsident Fritz Keller zu Gast war. Bierhoff sagte, dass das DFB-Team bei der EURO 2020 nicht zu den Favoriten gehöre, was medial äußerst viel Beachtung fand. Begründet hat Bierhoff das mit der mangelnden Erfahrung der aktuellen Mannschaft, wobei die Schützlinge von Joachim Löw eigentlich ganz so unerfahren auch nicht sind. Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Toni Kroos, Serge Gnabry, Marco Reus, Timo Werner, Ilkay Gündogan, Deutschlands Nationalspieler des Jahres Matthias Ginter. Da ist ja doch durchaus Substanz vorhanden.

Deutschland hat ein Nachwuchsproblem

Viel interessanter ist die Kritik Bierhoffs an der Nachwuchsförderung in Deutschlands Nachwuchsleistungszentren: Das Denken in den Akademien sei teilweise „sehr deutsch“ und zu korrekt, sagte Bierhoff. Mangelnde Individualität attestiert der DFB-Manager der Jugend: „Wir müssen bei Spielern auch wieder eine Bolzplatzmentalität fördern. Weil die aber nicht mehr so gegeben ist durch den Alltag in der Jugendförderung, müssen wir das in den Akademien ein Stück weit künstlich erzeugen.“

Deutschland hat im Jahr 2020 offenbar ein Nachwuchsproblem. Gut, man ist jetzt nicht auf dem Niveau der Jahrtausendwende, als es einer Task Force bedurfte, um eine gute Idee zu finden, aber tatsächlich ist es so, dass der deutsche Fußball sich offenbar nicht nur auf den Erfolgen des Anfangs der 2010er Jahre ausgeruht hat, sondern auch die falsche Strategie in der Entwicklung junger Spieler gewählt hat.

Haaland, Kabak und Co. stark, aber wie lange noch in der Bundesliga?

Das Ergebnis sieht man in der aktuellen Mannschaft, allerdings auch in der Bundesliga. Erling Haaland, Dani Olmo, Alphonso Davies, Ozan Kabak, Moussa Diaby und Co.: Die Bundesliga wurde zuletzt durch einige hochkarätige Nachwuchsspieler aus dem Ausland bereichert. Sie heben das Niveau ihrer Mannschaften und haben eine großartige Perspektive. Aber diese wird

sie wahrscheinlich mittelfristig in eine andere Liga führen, bevorzugt in die Premier League. Die ganz großen Hochkaräter aus den Nachwuchszentren der Liga? Sie werden immer weniger. Die Bundesliga kauft sich derzeit die Zukunft aus dem Ausland, anstatt sie selbst zu entwickeln.

Als der FC Bayern im Januar den 500-Millionen-Euro-Deal mit Audi verkündete, freute sich Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge über den Geldsegen, weil die Klubs auf das große Geld angewiesen seien, „um international mitzuhalten“. Der Druck, international Erfolg zu haben, wird immer größer, weil der Geldtopf der Champions League extrem groß und lukrativ ist. Da kann man nicht darauf warten, bis die eigenen Junioren reifen. Darunter leiden die Nationalmannschaften: Auch wenn Deutschland für die EM 2020 immer noch eine schlagkräftige Truppe hat, darf man aktuell doch etwas zurückhaltend sein, was den Enthusiasmus für die kommenden Jahre angeht. Sollte die Entwicklung nicht in eine andere Richtung gehen, wird diesmal Bierhoff als Sündenbock alleine nicht reichen.

Fatih Demireli

Der Artikel ist Bestandteil der aktuellen Ausgabe. Exklusiv-Interviews u.a. mit Domenico Tedesco, Giulia Gwinn, Christian Fuchs und Features zu Zlatan Ibrahimovic gibt es in dieser Ausgabe. Hier klicken und bestellen.