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Ewald Lienen im Interview: Am Rand der Selbstzerstörung

Hohe Ablösen, komplett vermarktete Klubs, Verlust der Fannähe: Für Ewald Lienen (66) sind das keine wichtigen Probleme mehr. Der technische Direktor des FC St. Pauli schlägt Alarm und appelliert nicht nur an die Fußballklubs, sondern auch an die Menschheit.

Ewald Lienen, was macht den FC St. Pauli so besonders?

Es ist ein Verein, der mitgliederbasiert ist. Es gibt also keine Ausgliederung der Profi-Abteilung. Der Vorstand ist zusammen mit der neuen Direktorenebene für alle Entscheidungen verantwortlich. Und die Mitglieder wählen den Vorstand. Das führt zu einer richtig engen Verbindung untereinander. Die Mitglieder haben durch die bereits vor 10 Jahren verabschiedeten Leitlinien die Richtung bestimmt, die der Verein einschlägt. Oder durch neuere Beschlüsse, wie etwa beim Merchandising, wo wir dem mehrheitlichen Wunsch nachkommen, generell auf nachhaltige Produkte zu setzen. Auch der Stadionname wird nicht vermarktet. Der FC St. Pauli ist ein Verein, der sich bestimmten Werten verpflichtet hat, die wir auch offen vertreten. Wir spielen nicht nur Fußball, wir sind uns auch unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und leben sie.

Der FC St. Pauli nimmt im deutschen Fußball in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. Viele andere Vereine vermarkten ihre Stadionnamen, werden von Investoren unterstützt. Lässt sich diese Entwicklung, die immer mehr Geld in den Fußball spült, überhaupt noch umkehren?

Das ist zumindest fraglich, aber wie so vieles auch nicht unmöglich und hängt vom sportpolitischen Willen ab. Aber das ist zurzeit nicht unser größtes Problem. Wir leben im Moment in einer Welt, die durch Umweltbelastung und Klimakrise am Rand der Selbstzerstörung wandelt. Der Grund dafür ist das egoistische, rücksichtslose und rein gewinnbasierte, konsumorientierte Denken, das in großem Maße unsere Wirtschaft und unser tägliches Leben dominiert. Es stellt sich nicht die Frage, ob sich das Umkehren lässt, sondern wann wir endlich umkehren. Wir können das nicht nur der Politik und den großen Konzernen überlassen, sondern müssen auch uns selbst und unser Konsumverhalten hinterfragen. Und natürlich auch die Art, wie wir Dinge produzieren und mit Mitmenschen und der Natur umgehen. Der jetzige Weg hat keine Zukunft. Die Erde ist etwas Wunderschönes. Und alle Menschen haben es verdient, in Würde und im Einklang mit der Natur zu leben. Aber dazu müssen wir radikal umdenken und können nicht noch 10 oder 20 Jahre warten. Dann ist es zu spät.

„Wir können nicht einfach weiter Fußball spielen“

Ihnen scheint die gesellschaftliche Verantwortung sehr am Herzen zu liegen…

Natürlich! Aber nicht nur, weil es mir nun mal am Herzen liegt, sondern weil es mittlerweile eine Frage des Überlebens geworden ist. Wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten, brauchen wir uns über andere Themen keine Gedanken mehr zu machen. Der Fußball ist ein Teil der Gesellschaft, und er handelt nach den gleichen oft lebensfeindlichen Maximen und Prinzipien, die überall in unseren Gesellschaften zu finden sind. Dass die Wirtschaft nicht für den einzelnen Menschen da ist und wir zumeist nur mit der Absicht produzieren, möglichst viel Gewinn zu erzielen, hat zu vielen Ungerechtigkeiten und unsozialen Folgen geführt. Aber mittlerweile hat es die Erde auch an den Rand des ökologischen Kollapses gebracht, mit allen damit verbundenen, unübersehbaren und existenzgefährdenden Konsequenzen. Dagegen müssen wir etwas tun, und zwar alle und sofort. Also auch die Vereine. Zum Glück ist der FC St. Pauli nicht der einzige Verein, der etwas auf der Basis gesellschaftlicher Verantwortung tut, auch wenn vielleicht nur wir uns in der Vermarktung aus Überzeugung Selbstbeschränkungen auferlegt haben. Fast alle Profiklubs sind bezüglich ihres sozialen Engagements auf einem guten Weg, und es gibt viele tolle andere Beispiele wie in Bremen, Freiburg oder Frankfurt. Beim FC St. Pauli unterstützen wir zusammen mit der sehr aktiven Techniker Krankenkasse aktuell das an meinen Namen angelehnte Projekt „e-Wald“, unter Zuhilfenahme einer App der Organisation „Plant for the Planet“.

Was steckt dahinter?

Dort haben Nutzer die Möglichkeit, mit ein paar Klicks durch Spenden Bäume zu pflanzen und sozusagen ihren eigenen elektronischen Wald, also den e-Wald, aufzuforsten und damit langfristig zur Reduzierung von CO2 in der Atmosphäre beizutragen. Pflanzen wir weltweit 1000 Milliarden neue Bäume, können wir den weiteren Anstieg der Erdtemperatur bremsen und uns Zeit für weitere grundlegende Veränderungen verschaffen. Der Klimawandel ist zur Zeit die gefährlichste, aber auch nur eine Folge unserer Art, Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren. Wir können die Dinge nicht losgelöst voneinander betrachten. Schaffen wir einen radikalen Wechsel in unserer Ausrichtung, bewahren wir die Erde nicht nur vor dem Kollaps, sondern können endlich auch Hunger, Armut und Ungerechtigkeit bekämpfen sowie für Gleichheit, Bildung, Frieden und nachhaltige Entwicklung auf der Welt sorgen. Ein Verein hat alle Möglichkeiten der Welt, etwas zu tun. Das muss unser Ziel sein. Wir können nicht einfach weiter Fußball spielen und so tun, als würde uns das alles nichts angehen. Das betrifft neben den Vereinen jeden einzelnen Menschen, aber auch Organisationen und alle Unternehmen.

Sie sprechen die gesellschaftliche Verantwortung der Vereine an. Inwiefern ist Fußball ein Spiegelbild dafür, was neben dem Rasen passiert?

Der Fußball findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Wie schon angedeutet, geht es auch bei uns darum, wie wir Produkte für unser Merchandising herstellen lassen, wie wir an Spieltagen mit Lebensmitteln umgehen, wieviel Abfall oder Plastikmüll wir produzieren, wie wir mit Mitarbeitern oder Nachwuchsspielern umgehen, kurz: wie nachhaltig und sozial wir uns als Arbeitgeber und Organisation verhalten. Dazu sind wir als Verein in einer Konkurrenzsituation mit anderen Vereinen. Wir sind nicht in den USA, wo man ein Franchise-System hat und sich niemand Sorgen machen muss, dass er absteigt (dafür gibt es viele andere Nachteile). Ein Abstieg ist für die Vereine oftmals mit großen wirtschaftlichen Risiken verbunden. Vor allem wenn du in die 3. Liga absteigst, dann bist du im finanziellen Nirwana gelandet, was zumeist nur mit entsprechenden Financiers aufgefangen werden kann. Und wenn die anderen ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzen und du nicht im gleichen Maße, dann hast du schon mal einen strukturellen Nachteil. Trotzdem müssen wir mitziehen, wenn wir mithalten wollen. Dabei gehen wir schon genug Kompromisse ein, und das wissen unsere Fans auch. Ansonsten müssten wir europaweit eine eigene Liga gründen. Nur mit Vereinen, die sich an unserer Ausrichtung orientieren.

Das Interview erschien in Ausgabe #37: Jetzt nachbestellen

„Viele Menschen haben den Glauben an die Politik verloren“

Was wiederum mit finanziellen Verlusten einhergehen würde…

Natürlich. Die Hauptfinanzierungsquelle sind die TV-Verträge und über den damit verbundenen Verbreitungsgrad unsere Sponsoren- und Werbeverträge. Und das in den großen Ligen mit Publikumswirksamkeit. Die Konkurrenzfähigkeit stößt an Grenzen, wenn in anderen Ligen wesentlich mehr Geld im Umlauf ist, wie z.B. in der englischen Premier League. Da verdienen die Spieler einfach besser. Ob der Fußball da so viel besser ist? Bei den Top-Vereinen schon, weil die sich die besten Spieler der Welt holen können. Dadurch ist dort die Konkurrenz an der Spitze auch größer als bei uns.

Welche Rolle spielt die Politik im Sport?

Sport und Politik hatten schon immer etwas miteinander zu tun. Das hat es schon im alten Rom gegeben. Schon damals wurden dem Volk Gladiatorenkämpfe präsentiert, um es zu beruhigen. Und die Gladiatorenkämpfe von heute sind offensichtlich Fußballspiele. Dass die Politik sich über den Sport präsentieren will, haben wir auch schon gefühlt hundert Mal erlebt. Sei es bei den Olympischen Spielen 1936 mit dem NS-Regime oder bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, als unter den Augen einer Militärdiktatur gespielt wurde. Tausende Menschen wurden dort ermordet und wir sind hingefahren und haben Fußball gespielt. Das ist ein düsteres Kapitel unserer Nationalmannschaft.

Aktuell befindet sich die politische Landschaft in Deutschland im Wandel, Parteien wie die AfD fahren Rekordergebnisse ein. Merken Sie sowas auch auf den Rängen?

Beim FC St. Pauli eher nicht, denn unsere Fans haben sich da klar positioniert. Wenn ich mich aber in Europa umschaue, dann gibt es immer wieder Beispiele, wie leider auch in Italien, wo farbige Spieler rassistisch beleidigt werden. Das ist unterirdisch. Ich weiß aber nicht, ob das nur als Rechtsruck einzuordnen ist. Viele Menschen haben den Glauben an die Politik verloren. Weil wir in den letzten Jahrzehnten viele Politiker hatten, die mehr an ihrer Karriere als an den sozialen Werten interessiert waren, für die sie stehen sollten. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der rücksichtslos gewirtschaftet wird. Ohne Rücksicht auf den Menschen, ohne Rücksicht auf die Natur und ohne Rücksicht auf nachhaltige Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden. Seit Beginn der Kolonialisierung plündern wir Länder in Afrika oder sonst wo aus, haben ethnische Konflikte befördert, liefern dazu noch Waffen in alle Welt und wundern uns dann auch noch darüber, wenn Menschen aus diesen Ländern zu uns kommen, um der Armut und den Kriegen zu entfliehen. Die Politik und die Wirtschaft müssen für alle Menschen da sein und nicht nur für einige wenige Eliten oder die industrialisierten Länder.

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Marvin Knoll: „Werte? Das ist kein Gerede“

Marvin Knoll hat es aus dem Berliner Block zum Fußball-Profi geschafft. Im Interview spricht der St.-Pauli-Spieler über Beleidigungen von Familienvätern, seine Zeit in der Regionalliga und surreale Ablösesummen.

Marvin Knoll, spielen Sie als Sechser oder Innenverteidiger nicht eigentlich auf der falschen Position?

(lacht) In der Jugend war ich immer vorne dabei und habe als Stürmer gespielt. Aber im Nachhinein ist es gar nicht so schlecht, dass ich aus der Offensive nach hinten gewechselt bin, weil ich weiß, wie die Stürmer ticken und was sie so probieren wollen. Aber als Jugendlicher habe ich daran natürlich nicht gedacht. Damals wollte ich nur Tore schießen.

War der Positionswechsel für Sie eine große Umstellung? Haben Sie sich dagegen gewehrt?

Nein, gewehrt habe ich mich nicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich von Saison zu Saison in meiner Karriere immer weiter hinten aufgestellt wurde und habe mir gedacht: ‚Uh, das könnte vielleicht auch ganz hinten enden.‘

Also sehen wir Sie irgendwann im Tor?

(lacht) Nein, obwohl ich im Tor gar nicht so schlecht bin. Abschläge kann ich echt gut. Aber Spaß beiseite, da haben wir in der Mannschaft natürlich unsere Experten.

Sie sind seit knapp einem Jahr beim FC St. Pauli. Inwiefern unterscheidet sich der Verein von Ihren vorherigen Stationen?

Es sind die Werte, die dieser Verein vertritt. Das ist nicht nur irgendein Gerede, wir lassen auch Taten sprechen. Ein Beispiel: Als wir in Amerika waren, haben wir vor dem Trump Tower in New York die Regenbogenfahne gehisst. Das ist ein Zeichen, hinter dem der Verein auch nach außen steht. Auch die Nähe zu den Fans ist einfach eine ganz andere und eine ganz besondere. Das sehe ich vor allem bei unseren Heimspielen. Auch wenn die Leistung mal nicht stimmt, wird trotzdem applaudiert und unsere Arbeit honoriert. Die Leute identifizieren sich voll mit dem Verein und ich bin einfach stolz darauf, hier zu spielen. Das sieht man auch an unseren Trikots von Under Armour, die im Design herausstechen und auch die Werte des Vereins repräsentieren.

Sie haben in der Jugend von Hertha BSC gespielt. Wie sehr haben Sie damals daran geglaubt, es zu den Profis zu schaffen?

Natürlich hoffst du, dass du bei deinem Jugendverein irgendwann einen Profivertrag bekommst. Im Fußball ist es aber eben selten so, dass du die ganze Zeit bei einem Verein bleibst.

Auch Sie haben ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen, sind trotzdem durch Ihre Offensivstärke ein ungewöhnlicher Spieler. Ist die Kritik berechtigt, dass den Spielern die Individualität im Jugendbereich abtrainiert wird?

Die Unterschiede zwischen den Nationen sind ja deutlich zu sehen. Wenn ich an Frankreich denke, kommen da schon richtig gute Jungs nach. Die haben einfach dieses Freche in sich oder machen einfach mal einen Trick, den du eigentlich nicht machen musst. Das fehlt uns ein wenig. Klar sind wir körperlich auf einem guten Niveau, aber du musst einem Spieler auch Freiraum geben, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Wir haben keine Charaktere mehr, es fehlt das Individuelle. Aber wir haben bei der U21-EM gesehen, dass wir richtig gute Talente haben. Übrigens auch beim FC St. Pauli. Die jungen Spieler, die diese und letzte Saison hochgezogen wurden, gehen auch wieder ins Eins-gegen-Eins.

Was machen Sie, wenn Sie von denen getunnelt werden?

Dann lachen sie frech. Und ich grätsche natürlich hinterher. (lacht)

Sie waren ein paar Jahre im Kader, wurden aber auch verliehen. Wie haben Sie reagiert, als es dann bei der Hertha nicht weiterging?

Wir sind damals in die erste Liga aufgestiegen und ich hatte 14 Spiele in der Saison gemacht, übrigens unter meinem jetzigen Trainer Jos Luhukay. Ich wollte regelmäßig auf hohem Niveau spielen und wusste, dass die Konkurrenz mit dem Aufstieg sicherlich nicht kleiner wird. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, weg von zu Hause und andere Perspektiven kennenlernen. Ich bin viel rumgekommen und konnte von jedem Verein etwas mitnehmen, auch wenn ich sportlich vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen getroffen habe. Als Menschen hat mich das aber sehr weitergebracht.

Mit Anfang 20 sind Sie zum SV Sandhausen in der Provinz gewechselt. Das klingt nicht gerade nach dem Traum eines jungen Fußballers…

Ich hatte damals erst beim MSV Duisburg unterschrieben. Wir hatten eine sehr gute Mannschaft zusammen und wollten eigentlich um den Aufstieg mitspielen. Wir waren schon voll in der Vorbereitung und dann wurde dem Verein plötzlich die Lizenz für die 2. Liga entzogen. Dann stand ich erst mal da. Mein Vertrag war nur für die 2. Liga gültig, ich war vereinslos.

Aber es gab doch sicherlich noch Angebote.

Die Vorbereitung lief wie gesagt schon, die meisten Vereine hatten keinen Platz mehr im Kader. Auf einmal kommen dann 30 gute Spieler auf den Markt. Sandhausen war für mich eine der wenigen Optionen in der Liga, die ich noch hatte. Und der Verein hat mir damals auch ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn es im Rückblick sportlich nie so richtig gepasst hat.

Im Winter 2015 sind Sie nach Regensburg gewechselt und in die Regionalliga abgestiegen. Der Tiefpunkt Ihrer Karriere?

Ich kam zu Beginn der Rückrunde in den Verein, der da schon sehr wenig Punkte auf dem Konto hatte. Es sah also schon danach aus, dass es in die Regionalliga gehen würde. Für mich war es nach der Situation in Sandhausen, wo ich nicht viel gespielt hatte, wichtig, wieder Freude an meinem Beruf zu finden: nicht nur unter der Woche zu trainieren, sondern auch am Wochenende wieder regelmäßig zu spielen.

Trotzdem konnten Sie den Abstieg nicht verhindern. Und ihr Vertrag lief im Sommer aus.

Ich stand wieder vor der Entscheidung: Suche ich mir jetzt wieder was anderes oder baue ich mir meine eigene Sache auf. Regensburg hatte gerade ein neues Stadion gebaut, für den Verein ging es um sehr viel. Und die Verantwortlichen haben mich sehr gut behandelt und aus der schweren Zeit in Sandhausen herausgeholt. Natürlich war es keine Wunschvorstellung für mich, Regionalliga zu spielen. Viele haben mich damals abgeschrieben und gesagt: „Wenn du einmal in der vierten Liga bist mit 24, dann kommst du da nicht mehr raus. Dann war’s das mit dem Profigeschäft.“

Wie haben Sie es in dieser Situation geschafft, nicht die Motivation zu verlieren?

Ich wollte es diesen Leuten einfach mal zeigen. Wenn die Leute einem Respekt entgegenbringen, dann bleibe ich auch in so einer schwierigen Zeit bei meinem Verein. Ich bin ein ehrgeiziger Typ. Ich habe das Glück, dass ich schon einige Jahre im Fußball dabei bin und weiß, dass ich immer das Maximale aus meiner Situation machen muss. Klar waren ein paar Jahre dabei, die nicht optimal liefen. Aber ich bin jetzt in einem sehr guten Alter und will noch mal alles aus mir rausholen und noch einiges erreichen.

Sie sind mit dem SSV Jahn zweimal in Serie aufgestiegen. Wie wichtig war diese Zeit für Ihre Karriere?

Ich habe dort etwas zusammen mit dem Team hinterlassen. Die Fans sagen über mich: „Hey, das ist ein Spieler mit Charakter. Der hat seinen Teil dazu beigetragen und uns da mitrausgeholt.“ Das ist mir wichtiger als Geld oder die Tatsache, dass ich jetzt schon 30 Spiele mehr in der 2. Liga gemacht haben könnte.

Was war an Ihrer Regensburger Zeit so besonders?

Wir waren finanziell nicht die stärkste Mannschaft, aber wir waren die Mannschaft mit dem meisten Herz. Deswegen sind wir zweimal in Folge aufgestiegen, obwohl uns vor der Saison jeder in Frage gestellt hat.

Der Socrates Newsletter

Sind der FC St. Pauli oder Jahn Regensburg Beispiele dafür, dass Geld im Fußball nicht alles ist?

Natürlich ist Geld nicht alles, aber es ermöglicht einem teilweise gewisse Dinge, die man sonst nicht hätte. Aber das garantiert weder mehr Erfolg noch mehr Freude. Im Fußball ist es wichtig, dass man eine gute Truppe beisammen hat, die schwierige Zeiten durchmacht. Bei Regensburg hatten wir einen Mannschaftskern, der auch in der vierten Liga mit dabei war. Die Karriere geht nicht immer bergauf, sie hat auch mal Wellen und manchmal kommt man an einem Tiefpunkt an. Aber es ist nicht schlimm, wenn man manchmal richtig auf die Fresse bekommt. Man muss nur wieder aufstehen und die Ärmel hochkrempeln.

Wollen Sie in Ihrer Karriere noch einmal Bundesliga spielen?

Ja. Meine Wunschvorstellung wäre natürlich, wenn es mit dem FC St. Pauli klappen würde. Wenn es nicht klappt, wäre ich auch nicht traurig. Aber es wäre für meine Karriere noch mal toll.

Würden Sie dafür auch den FC St. Pauli verlassen?

Das kann ich schwer sagen. Ich weiß, was ich am FC St. Pauli habe, aber man sollte niemals Sachen im Leben ausschließen. Ich würde auf jeden Fall lieber mit St. Pauli in der Bundesliga spielen als mit jedem anderen Verein. Ich weiß, was ich hier habe und passe perfekt zu diesem Klub.

Gibt es sowas wie Vereinsliebe überhaupt aus Sicht eines Spielers?

Das kommt immer darauf an, wie nah du den Verein an dich heranlässt. Ich kommuniziere gerne mit Fans, ich lasse mir Zeit für Fotos, unterhalte mich mit ihnen und nehme auch Kritik an. Die Leute kommen ins Stadion, um mich spielen zu sehen. Sie zahlen dafür viel Eintrittsgeld. Wenn ich dann nach dem Spiel als Erster immer zu meinem Auto laufe, wäre das eine Katastrophe.

Ihr Wechsel aus Regensburg nach St. Pauli war der erste, bei dem für Sie eine Ablösesumme gezahlt wurde. Wie denken Sie über Millionen-Transfers wie den von Antoine Griezmann oder Neymar?

Das kann eigentlich niemand begreifen. Warum wird für Menschen so viel Geld bezahlt? Klar sind das Ausnahmesportler, die die Spiele auch mal entscheiden können. Aber trotzdem sind das im Moment Summen, bei denen eine realistische Wahrnehmung fehlt. Aber so entwickelt sich gerade der Fußball. Eben weil so viel Geld drinsteckt. Da können wir beim FC St. Pauli echt froh sein, dass wir mit solchen Summen nichts zu tun haben. In meinen Augen ist kein Spieler, nicht mal ein Neymar, 222 Millionen Euro wert.

Gibt es Dinge, die Sie am Fußball hassen?

Nein, aber es gibt Sachen, für die ich mich schäme, weil sie nichts mit dem Fußball zu tun haben. Wenn wir auswärts spielen, müssen mich die Fans nicht mögen, das ist in Ordnung. Wenn ich dann aber mal in die Fan-Massen reingucke und einen Familienvater neben seinem Kind sehe und der mich auf eine ganz krasse Art und Weise beleidigt – das gehört für mich einfach nicht zu diesem Sport dazu. Da muss man auch manchmal daran denken, dass man eine Vorbildfunktion hat.

Wie haben Sie auf die Anfeindungen reagiert?

Ich reagiere auf solche Dinge gar nicht. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Ich denke mir meinen Teil, aber darauf gehe ich grundsätzlich nicht ein.

Sie haben als Fußballer ein privilegiertes Leben. Wie schwer ist es manchmal, auf dem Boden zu bleiben?

Gott sei Dank weiß ich, wie es ist, wenn man nicht viel hat. Ich bin in Berlin im Block groß geworden. Wir hatten nicht viel, meine Mutter hat mir aber trotzdem alles ermöglicht. Ich kann diesen Beruf nicht für immer ausüben und werde nicht immer so viel Geld verdienen. Meine Eltern haben mich gut erzogen und ich weiß deshalb, wie ich damit umzugehen habe. Da merke ich auch, dass ich anders ticke als andere Fußballer. Ich brauche nicht das dickste Auto oder irgendeine Uhr am Arm. Das wäre nicht ich.

Sie engagieren sich für den Verein Mitternachtssport e.V. in ihrer Heimatstadt# Berlin. Hat das auch mit ihrer Erziehung zu tun?

Das Projekt bietet in dem Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, einen Zufluchtsort für Kinder. Sie können da hingehen, wenn sie# Hilfe brauchen. An dem Projekt sehe ich immer, wie wir mit wenig Aufwand den Kids viel geben können. Bevor sie auf der Straße herumlaufen oder auf Partys gehen oder irgendwelchen Mist bauen, mieten wir eine Halle und spielen mit ihnen dort Fußball. Vor Kurzem haben wir ein Café aufgemacht. Da steht ein Kicker drin, da steht eine Playstation drin, da gibt es Pädagogen. Zu denen können die Kinder nach der Schule gehen, wenn sie mal keine Lust auf ihre Eltern haben. Das sind Kleinigkeiten, die den Kindern so viel bedeuten. Ich bin stolz darauf, für diese Kinder ein großer Bruder zu sein.

Interview: Sebastian Hahn