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Novak Djoković: Als Mensch gegen Götter

Er schien dazu verdammt, ein Dasein im Schatten von Roger Federer und Rafael Nadal zu fristen. Doch dann erfand Novak Djoković sich neu – und eroberte den Tennis-Thron.

„Lache, solange du atmest.“ Mit diesem Ratschlag empfängt Novak Djoković seine fast neun Millionen Twitter-Follower. Es passt zu dem Mann, der vor vielen Jahren den Spitznamen „Djoker“ bekam, unter anderem auch deswegen, weil er das Publikum mit punktgenauen Imitationen der großen Tennis-Stars so gern zum Lachen brachte.

Dieser kecke, jugendliche Übermut ist beim mittlerweile zweifachen Familienvater einer gewissen Reife gewichen, die mit genügend Lebenserfahrung fast schon zwangsläufig einhergeht. Hier und da blitzt er aber noch auf, Noles Drang, die Zuschauer zu unterhalten. Wie nach seinem Sieg bei den Australian Open 2019, als er den Akzent eines italienischen Journalisten so perfekt imitierte, dass sich alle Zeugen auf der Pressekonferenz bogen vor Lachen.

„Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Ein halbes Jahr später war es allerdings ein ungläubiges Gelächter, das Djoković heraufbeschwor. Er hatte gerade Roger Federer in einem kolossalen Fünfsatzmatch im Finale von Wimbledon bezwungen, ein Match, in dem er nicht nur den besten Rasenspieler aller Zeiten gegen sich hatte, sondern auch die 15.000 Zuschauer auf dem Centre Court, die ihren Liebling ein neuntes Mal zum Titel peitschen wollten.

Dennoch hatte Djoković am Ende triumphiert.

Trotz einer für seine Verhältnisse recht schwunglosen Leistung, trotz zweier Matchbälle gegen ihn, trotz der Tatsache, dass Federer in so ziemlich allen Statistiken teilweise deutlich vorne lag. Die wichtigen Punkte gingen an Djoković, und so gewann er drei Tiebreaks, darunter den zum 13:12 im fünften Satz. Wie er mit der einseitigen Unterstützung von den Rängen für den Gegner umgegangen sei, wurde er anschließend gefragt. Seine Antwort: „Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Niemand, selbst Djoković nicht, konnte den anwesenden Journalisten in diesem Moment ihr Auflachen verdenken, und so zuckte er nur mit den Schultern und lächelte nachsichtig: „Ich weiß, es hört sich albern an, aber es ist wirklich so. Ich versuche mich davon zu überzeugen.“ Der Unterschied im vielleicht dramatischsten Match der Wimbledon-Geschichte: ein fleischgewordener Simpsons-Witz. „Smithers, buhen die mich aus?“ – „Nein, die rufen nur Buh-urns!“

Der unbedingte Glaube an sich selbst

Eine amüsante Fußnote, die in den Tagen danach ihren Weg in zahllose Artikel fand, die allesamt dem Sieger Djoković huldigten. Und die allesamt nicht sonderlich gut aufgepasst hatten, denn die „Transmutation“, von der der alte und neue Wimbledon-Champ gesprochen hatte, war keineswegs neu. „Ich spielte ein Psychospielchen mit mir selbst: Sie schrien ‚Roger!‘ und ich stellte mir vor, sie schrien ‚Novak!‘“ Ein Zitat vom Tag nach dem US-Open-Finale 2015 – damals hatte Djoković Federer und das Arthur-Ashe-Publikum in vier Sätzen bezwungen. Es sind diese Matches, die Djoković den Ruf eines „mentalen Giganten“ eingebracht haben.

Matches, die er von Rechts wegen niemals hätte gewinnen dürfen. „Das war wahrscheinlich das mental härteste Match, das ich jemals gespielt habe“, sagte er nach dem fast fünf Stunden dauernden Wimbledon-Finale, und gab faszinierende Einblicke in sein Innenleben und seine Vorbereitung. „Ich spiele jedes Match in meinem Kopf durch, bevor ich auf den Court gehe, und versuche, mich selbst als Sieger zu sehen. Ich glaube, darin liegt Kraft“, erklärte er, und sprach über Willensstärke, ständig neues Fokussieren, über den unbedingten Glauben an sich selbst.

Der ungeliebte Eindringling

Ein Glaube, der ihm lange gefehlt hatte und den er sich hart erarbeiten musste. Novak Djoković ist ein überragender Tennisspieler. Sein Spiel von der Grundlinie ist makellos, er hat die Fähigkeit, jeden noch so aussichtslosen Ball zu erreichen und mit einem Winner zu kontern. Sein „Ausrutschen“ der Bälle auf Hartplatz ist legendär, sein Return der beste in der Geschichte des Herrentennis. Wie ein Supercomputer nutzt er die ersten Aufschlagspiele jeder Partie, um sein Spiel auf das des Gegners zu kalibrieren, kaum jemand hat so viele Möglichkeiten, sich das Gegenüber zurechtzulegen und die Schlinge dann zuzuziehen.

Aber Djoković hat nicht das Talent seiner beiden größten Kontrahenten. Wo Roger Federer und Rafael Nadal aus dem Tennis-Olymp herabgestiegen scheinen, der eine mit kühler Eleganz, der andere mit herkulischer Kraft, ist Novak bei all seinen Fähigkeiten „nur“ ein Mensch. Als er 2006 sein erstes ATP-Turnier gewann, hatten Roger und Rafa den Tennis Zirkus bereits unter sich aufgeteilt, die weltweite Fangemeinde inklusive.

Djoković war der ungeliebte Eindringling, jahrelang blieb er die dritte Kraft. Bis 2011 gewann er ein Grand Slam – Nadal stand da schon bei neun, Federer gar bei 16. Es gab nur eine Trumpfkarte, die ihm blieb: Auf dem Platz konnte er Federer und Nadal nicht bezwingen – doch im Kopf schon.

Nicht nur Fitnessstudio

Dafür musste er allerdings erst lernen, sich selbst zu besiegen. In seinem Buch Siegernahrung von 2013 schildert Djoković seinen Wandel vom Spaßmacher zum Asketen, man erfährt, wie er mit manischer Präzision jedes Fitzelchen Potenzial aus seinem Körper herauspresst. Viel wichtiger aber: Er lernte, seinen Respekt vor Federer und Nadal abzulegen, den eigenen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden.

Möglich machte dies jahrelanges mentales Training. Tag für Tag für Tag. Djoković setzt auf Meditation, auf ständige Visualisierung des Erfolgs: „Ich glaube fest daran, dass du die Dinge bekommst, die du dir vorstellst. So funktioniert das Leben einfach.“ Mindestens so viele Stunden wie auf dem Platz oder im Fitnessstudio müsse man in sich selbst investieren, in den eigenen Charakter, in die eigenen Fehler, sagte er einmal, sprach von ständigen inneren Kämpfen, die es auszufechten gilt.

Es ist ein holistischer Ansatz, der in seinen Interviews immer wieder durchscheint. Man mag ihn als krude Selbsthilfe belächeln, mit dem Verweis darauf, dass der spirituell stets wissbegierige Djoković damit schon in der einen oder anderen Sackgasse gelandet ist: Als er 2017 in einer Sinnkrise steckte, feuerte er sein gesamtes Team inklusive Erfolgstrainer Marián Vajda und nahm die Hilfe eines spanischen Gurus mit eher zweifelhaftem Ruf in Anspruch. Ein Jahr später kehrte Vajda zurück – und mit ihm der Erfolg.

„Du stehst hier nicht ohne Grund“

Oder man mag bewundern, mit welcher Konsequenz Djoković seine Erkenntnisse in die Tat umsetzt, und wie weit sie ihn gebracht haben. Als Siebenjähriger träumte er nicht einfach nur vom Sieg auf dem Heiligen Rasen, sondern bastelte sich eine Version der Wimbledon Trophäe dazu. 2011 hielt er endlich das Original in den Händen, 2019 folgte sein vielleicht größter Triumph, sein Meisterstück mentaler Stärke. Wie ihm das gelang? „Du musst dich immer wieder daran erinnern, dass du nicht ohne Grund hier stehst. Dass du besser bist als der Andere.“

Meditation, Visualisierung, Psychotricks. Derartigen Methoden scheint ein Federer längst entrückt zu sein – vielleicht auch deshalb, weil er vom Publikum geradezu überhöht wird. Schon 2006 sprach der Schriftsteller David Foster Wallace vom Schweizer als „religiöser Erfahrung“. Auch zu einem Nadal mag es nicht passen, dem Mallorquiner haftet in seinem Spiel und seinem Auftreten bis heute etwas unverbraucht Kindliches an.

Aber es passt zu Novak Djoković, dem Getriebenen, dem ständig Suchenden. Suchend nicht unbedingt nach Perfektion, vielmehr nach Einklang mit sich und der Welt. Wenn die Welt wieder normal ist, wird er sich erneut auf die Suche machen, nach neuen alten Titeln und – wie so oft – der bedingungslosen Verehrung des Publikums.

Wie der Imperator

Vielleicht das Einzige, was ihm noch fehlt. „Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich leide mit ihm“, sagte seine Mutter Dijana im Interview mit GQ. „Sie respektieren seinen Erfolg, aber wenn er gegen Federer spielt, feuern sie Federer an.“ Doch auch sie weiß: Womöglich hat diese Tatsache, das jahrelange Ankämpfen gegen die Federers, Nadals und ihre Fans, ihren Sohn noch stärker gemacht.

Der US-Journalist Brian Phillips drückte es nach Wimbledon so aus: „Wir halfen ihm dabei, Siegen zu lernen – weil wir wollten, dass er verliert.“ Djoković ist 33 (Stand: 22. Mai 2020), er hat noch einige Jahre vor sich: Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. „Wenn sie mich nicht respektieren, wie können sie mich dann jemals lieben?“, fragt Imperator Commodus in Ridley Scotts Gladiator.

Den Respekt hat sich Novak bereits erkämpft, die Liebe wird irgendwann folgen. Und wenn nicht, weiß er schließlich um eine andere Lösung. So oder so – am Ende rufen alle seinen Namen.

Stefan Petri

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Yannick Noah: „Mir war langweilig“

Yannick Noah (60) denkt auch heute noch fast täglich an seinen Triumph in Paris 1983. Warum er den gegen die Stars von heute niemals gefeiert hätte, warum er sich über Nadal Triumphe nicht freuen kann und warum er sich damals einen Psychologen an seiner Seite gewünscht hätte, erzählt er im Interview mit SOCRATES.

Monsieur Noah, seit Ihrem Triumph 1983 wartet ein ganzes Land vergeblich auf einen französischen Sieger in Paris. Woran liegt das?

Das werde ich oft gefragt. Zunächst mal ist es unglaublich, wie viele Jahre inzwischen vergangen sind. Die Zeit vergeht so schnell. Bis heute bekomme ich jedes Mal Gänsehaut, wenn ich darüber spreche – und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an damals zurückdenke. Wenn mich Leute auf der Straße ansprechen, geht es fast immer um meinen Sieg bei den French Open. Es war ein unglaublicher Moment und das ganze Land hat sich damals mit mir gefreut.

Was empfinden Sie, wenn Sie darüber sprechen?

Dieser Moment war einer der glücklichsten in meinem Leben. Ich habe alle Erinnerungen daran wie einen Film in meinem Gedächtnis gespeichert. Das ist mein Luxus.

Wussten Sie damals sofort, was Sie „angerichtet“ hatten?

Das hat ein paar Tage gedauert. Es war damals eine Art historischer Moment, weil zuvor 37 Jahre lang kein Franzose in Paris gewonnen hatte. Diesen Moment mit meinem Vater zu teilen, war extrem emotional für mich. Plötzlich war ich einer der populärsten Menschen des Landes. Leute haben meinetwegen geweint. Anderen eine solche Freude zu bereiten, war für mich definitiv das Schönste überhaupt.

Ihr Leben hat sich vermutlich von heute auf morgen komplett geändert?

Stimmt. Mats Wilander, mein Gegner im Finale damals, sagte vor ein paar Jahren mal: „Weißt du eigentlich, was du mir schuldig bist? Ein Bier für jeden Tag seit damals.“ Ich habe ihn gefragt, wie er das meine. „Hätte ich 1983 gegen dich gewonnen“, sagte er, „dafür aber 1988 gegen Henri Leconte verloren, was denkst du, wie dein Leben dann ausgesehen hätte?“ Mats hat völlig recht. Es ist oft eine Frage von Kleinigkeiten. Ich hatte das große Glück, vor meinem Publikum und den wichtigsten Menschen in meinem Leben zu gewinnen. Das war perfekt.

Zurück zum Anfang: Wie lange muss Frankreich noch warten?

So wie ich es sehe, ist der Druck auf einen Franzosen in Paris unglaublich groß. Für manche ist das zu viel, das machen die Nervennicht mit. Wenn ich ehrlich bin – und ich weiß, dass das sehr egoistisch klingt –, ist es mir ziemlich egal, wann der nächste Franzose die French Open gewinnt. Aber wenn es doch mal einer schafft, überreiche ich ihm mit größtem Vergnügen den Pokal.

Hand aufs Herz: Wären Nadal und Co. zu Ihrer Zeit aktiv gewesen, hätten Sie dann auch den Titel geholt?

Nie im Leben! Keine Chance. Damals waren die Umstände nicht schlecht. Ich habe die Chance gewittert und zum Glück genutzt. In den 1990er Jahren gab es ein paar Spieler, die es auch hätten schaffen können, aber sie hatten Pech. Heute ist es aussichtslos. Darf ich ehrlich sein?

Bitte.

Als Björn Borg fünfmal hintereinander den Titel gewann, ging das Interesse am Tennis zurück. Das erleben wir heute mit der Ära Nadal ebenso. Für mich sind die Emotionen das Wichtigste in dieser Branche – und bei ihm empfinde ich gar nichts. Es gibt mir nichts mehr, wenn ich ihm dabei zusehe, wie er das Finale gewinnt, auf dem Boden liegt, seinen Pokal nimmt und sich bei den Sponsoren bedankt.

Woran haben Sie Spaß?

Wenn ich Zeit habe, gehe ich in den Prinzenpark und schaue mir ein Heimspiel von Paris Saint-Germain an. Daran habe ich wirklich Spaß. Wir haben in Paris sehr lange darauf gewartet, eine Truppe mit richtigen Stars zu erleben. Auch wenn es in der Champions League noch nicht klappt, ist dieses Team ein Traum.

Kürzlich erzählten Sie, Jimmy Connors sei der böseste Spieler auf der Tour gewesen. Wie meinten Sie das?

Das war er ganz sicher. Zunächst mal war es sehr unangenehm, gegen ihn zu spielen, weil er den Ball nur zurückgeschlagen hat und darauf wartete, dass ich den ersten Fehler mache. Außerdem war er immer übellaunig, irgendwie knurrig und unhöflich. Aber ich war nicht der einzige, der ihn kritisch gesehen hat. Er hatte keine Freunde auf der Tour. Er war irgendwie link und unberechenbar. John McEnroe war genau das Gegenteil von Connors. Der ist auf dem Platz zwar manchmal ausgerastet, dafür war er immer loyal und ehrlich.

Haben Sie also gegen Connors am liebsten gewonnen?

Absolut. Aber auch gegen Ivan Lendl zu gewinnen, war etwas Besonderes. Mit seiner Professionalität und Akribie war er so etwas wie ein Vorbild. Er überließ nichts dem Zufall. Ich war genau das Gegenteil von ihm. Um ihn zu besiegen, musste ich seinen Rhythmus stören, was mir ein paar Mal gelungen ist. Gegen Borg hatte ich nie eine Chance, weil er einfach zu stark war. Ich werde nie die Lehrstunde vergessen, die er mir bei den US Open 1980 erteilte.

3:6, 3:6, 0:6.

Danke für die Erinnerung. Schon im ersten Satz wechselte ich dreimal mein Shirt, weil ich so schwitzte. Er dagegen sah aus, als müsste er sich gar nicht anstrengen. Gegen Borg war es für mich immer eine „mission impossible“. Er machte so gut wie keine Fehler und spielte nahe an der Perfektion.

An Borgs Landsmann Wilander haben Sie da bessere Erinnerungen.

Ich denke gerne an das Viertelfinale in Key Biscayne 1987 gegen ihn zurück. Ich gewann im Tie-Break des fünften Satzes. Wir haben beide richtig stark gespielt. Das Match war ganz großes Kino und hatte eine unglaubliche Intensität. Die Zuschauer hatten jede Menge Spaß.

Hatten Sie Freunde auf der Tour?

Ich habe mich mit meinem Landsmann Guy Forget immer gut verstanden; wir bildeten auch ein starkes Duo im Doppel. Mit Mats Wilander verbinde ich nur tolle Momente. Wir waren gute Freunde und haben oft zusammen bis in den frühen Morgen gefeiert.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?

Ich hätte mit Sicherheit noch erfolgreicher sein können, wenn ich einen Mentalcoach gehabt hätte. Heute ist das modern und fast Standard, damals gab es so gut wie keinen. Ich hörte bereits mit 30 auf, weil ich das Gefühl hatte, mich nicht weiterzuentwickeln. Ich sah keinen Sinn mehr darin, weiter auf dieser Tour mitzuspielen. Mir war langweilig. Ein Psychologe hätte mir womöglich gutgetan und, wer weiß, vielleicht hätte ich noch ein paar Jahre drangehängt.

Inwieweit haben Sie Einfluss auf Ihren Sohn Joakim genommen?

Wie ein ganz normaler Vater. Joakim hat sich schon sehr früh für Sport und insbesondere Basketball begeistert und erwies sich als sehr talentiert. Ich habe ihm nur geraten, seinem Herzen zu folgen und alles in die Waagschale zu werfen, was er hat, um seine Träume zu erfüllen. Es ist ihm ziemlich gut gelungen.

Sind Sie stolz auf ihn?

Natürlich, er ist ein Star in der NBA. Wenn ich ihn in den Staaten besuche und sehe, wie populär er dort ist, dann macht mich das wahnsinnig stolz.

Was braucht man, um sich im Sport durchzusetzen?

Man muss die richtigen Menschen um sich haben, man braucht Einsatzwillen, die Bereitschaft zu leiden und die Fähigkeit, mit der Enttäuschung zu leben, auf vieles verzichten zu müssen, was für andere Menschen ganz normal ist. Aber ich bereue nichts. Ich hatte ein tolles Leben als Profi, habe viel gesehen und erlebt. Es war wunderbar.

Interview: Alexis Menuge

Monica Seles: Das Attentat

Vor 27 Jahren stach ein Zuschauer während einer Partie auf Tennis-Königin Monica Seles ein. Ein Ereignis, das die Sportwelt veränderte. Für das Opfer gab es nur ein bedingtes Happyend.

Der Tag, an dem nicht nur der Tennissport seine Unschuld verlor, ging gerade in einen lauen Frühlingsabend über, als ein schriller Schrei über den Centre Court am Hamburger Rothenbaum gellte. Monica Seles griff sich geschockt an den Rücken und brach mit einem Stöhnen zusammen.

Der gelernte Dreher Günter Parche, ein glühender Verehrer der deutschen Tennis-Ikone Steffi Graf, war da bereits überwältigt, bevor er ein zweites Mal auf die damalige Weltranglisten-Erste aus Serbien einstechen konnte. Rein physisch hatte die seinerzeit 19-Jährige Glück: Das Ausbeinmesser des Attentäters drang nur knapp zwei Zentimeter in ihren Rücken ein.

Monica Seles klagte ohne Erfolg

Parche hasste Seles, weil sie sein Idol als Nummer eins der Weltrangliste abgelöst hatte. Ordner kamen seinerzeit, wenn überhaupt, bei der Einlasskontrolle zum Einsatz, die Spielerinnen und Spieler waren beim Seitenwechsel völlig ungeschützt.

Ein derartiges Verbrechen war so unvorstellbar, dass eine Seles-Klage auf Schadenersatz in Höhe von umgerechnet rund zwölf Millionen Euro gegen den Deutschen Tennis Bund mit der Begründung abgelehnt wurde, ein solches Ereignis sei nicht vorhersehbar gewesen. Auch Parche kam glimpflich mit einer Bewährungsstrafe davon, weil ihm Gutachter vor Gericht eine psychische Störung attestierten.

Ironie des Schicksals: Zumindest indirekt erreichte Parche sein Ziel. Die Fleischwunde von Seles heilte schnell, psychisch aber konnte sie die brutale nie mehr komplett hinter sich lassen. Seles pausierte zwei Jahre, spielte nie wieder ein Turnier in Deutschland und verlor fünf Wochen nach dem schrecklichen Ereignis die Weltranglisten-Führung – an Steffi Graf.

sid         

Dominik Koepfer: „Man ist körperlich und mental müde“

Dominik Koepfer gelang mit seinem Achtelfinaleinzug bei den US Open 2019 die Überraschung des Turniers. Anschließend sei er in ein körperliches und mentales Loch gefallen, sagte der 25-Jährige nun im „Advantage – der Tennis & Sportpodcast“. Dort berichtete er ausführlich über seine Laufbahn sowie die Coronabeschränkungen in seiner amerikanischen Wahlheimat.
„Die Aufmerksamkeit bei und nach den US Open mir gegenüber war viel höher, als ich es je erlebt hatte. Plötzlich war ich nicht mehr unsichtbar“, sagte der Weltranglisten-93. in „Advantage – der Tennis & Sportpodcast. Es sei für ihn eine Umstellung gewesen, Interviews zu geben. „Das benötigt Zeit und Übung. Das erlebt man im normalen Leben nicht.  Dass hat mir nach den US Open ein bisschen geschadet und es hat eine Zeit lang gebraucht, mich daran zu gewöhnen. Dass mich Leute jetzt kennen und dass ich nicht mehr irgendjemand bin“, so Koepfer, der erst gegen den späteren Finalisten Daniil Medvedev im Achtelfinale scheiterte.
 
Auch der Umstand, dass Menschen jetzt Erwartungen an ihn hatten und „ich auch größere Erwartungen an mich selbst hatte“, hätten eine Rolle gespielt. „Ich denke, das hat sich auch in den Ergebnissen danach ein bisschen wiedergespiegelt“, erklärte Koepfer.
 
Der gebürtige Furtwanger aus dem Schwarzwald hatte sich über Jahre vom Nobody am Tulane College in New Orleans zum besten Collegespieler der USA entwickelt und sich dann auf Future- und Challengerturnieren den Weg auf die ATP-Tour ermöglicht. Nach eigenen Angaben war und ist das Tourleben aber nach wie vor eine Umstellung für den Newcomer.
 
„Körperlich ist es echt anstrengend, jede Woche wo anders hinzufliegen mit der Zeitverschiebung. Jede Woche in einem anderen Hotel. Das hört sich erst mal toll an, ist es aber nicht immer. Es wird anstrengend. Man ist körperlich und mental müde“, erklärt Koepfer. Es sei schwer, sich dann jede Woche neu motivieren zu können und 100 Prozent aus sich heraus zu holen.
„Dann habe ich auch wieder einen Job“
 
In der Coronakrise hält sich Koepfer in seiner Wahlheimat in Tampa, Florida fit. Öffentliche Tennsanlagen sind in Florida wegen des Lokdowns geschlossen. Der Davis Cup-Spieler hätte aber Zugang zu den in den USA verbreiteten privaten Anlagen. „Ich habe die letzten drei Wochen aber gar nicht gespielt, da ich Probleme an der Ferse hatte – eigentlich schon seit den Australian Open Knöchelprobleme hatte“, erklärte Koepfer. Danach habe sich eine kleine Entzündung am Fersenbein gebildet. „Um das auszukurieren war die Zeit jetzt gut. Ich mache nun jeden Tag Fitness- und Krafttraining und fange langsam wieder an mit Tennistraining ein paar Mal die Woche. Aber voll durchtrainieren macht keinen Sinn für mich.“
 
Koepfer will Alexander Zverev in den kommenden Tagen kontaktieren. „Die Saddlebrook Tennis Akademie an der er und auch ein paar WTA-Spielerinnen trainieren, ist nicht so weit weg von Tampa. Sein Bruder Mischa und Marcelo Melo sind ja auch bei ihm. Die können da auch bleiben, weil es eine private Anlage ist. Da werde ich dann sicher bald vorbeischauen.“
 
Auch die vom deutschen und österreichischen Tennisverband angestrebte gemeinsame Turnierserie mit 32 Herren und 24 Damen an vier Standorten zur Überbrückung der Pause sei für Koepfer eine Option.
 
„Da ich deutscher Staatsbürger bin, dürfte ich einreisen und dank des Visums auch wieder in die USA zurückkehren. Es ist auf jeden Fall eine gute Sache für uns Spieler Matchpraxis zu sammeln.“ Auch finanziell sei es eine Anregung zu spielen. „Aber ich sollte mich finanziell momentan nicht beschweren. Es gibt viele Menschen, die es finanziell schwerer haben als ich. Ich bin zuversichtlich, dass die Tour 2021 weitergeht und dann habe ich auch wieder einen Job.“
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Marcus Thuram, Andy Murray & Matthias Sammer: Die #40!

Die 40. Ausgabe ist da! Auf dem Cover von SOCRATES versammeln sich diesmal Marcus Thuram von Borussia Mönchengladbach, Tennis-Profi Andy Murray und Matthias Sammer, Berater von Borussia Dortmund. Sie vereint der Centre  Court „Mentalität“.

Marcus Thuram: Die Frohnatur

Marcus Thuram ist eine der Entdeckungen der Bundesliga. Aber er ist nicht nur ein unverschämt talentierter Stürmer, sondern auch ein geistreicher wie charmanter und humorvoller Gesprächspartner, wie er im Gespräch mit SOCRATES zeigte. Unser Kollege Ali Fahrat traf seinen Landsmann zu einem Gespräch am Trainingsgelände der Borussen. Herauskam ein Gespräch, in dem viel gelacht, aber auch viel Hintergründiges gesprochen wurde.

Wie es Thuram schaffte, in kürzester Zeit zu einem der gefährlichsten Angreifer der Liga zu werden und vor allem wie er es schaffte, aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu treten, erzählt der 22 Jahre alte Franzose im Interview. Ach ja; Er spricht auch über seinen Spitznamen.

Andy Murray: Der Kämpfer

Anstatt bei den Australian Open um den Titel zu spielen, arbeitet Andy Murray derzeit an seinem Comeback: Die ehemalige Nummer eins wird auch den Turnieren in Montpellier und Rotterdam nicht an den Start gehen. Eigentlich wollte der Brite den Schläger 2019 sogar an den Nagel hängen, kam dann aber nach heikler OP und langer Pause zurück. Jetzt will er genießen und einfach sehen, wie weit ihn seine Hüfte aus Metall noch trägt. Im Interview mit SOCRATES spricht ein besonnener Murray über seine Karriere.

Matthias Sammer: Der Flüsterer

Matthias Sammer hat im Fußball als Spieler, Trainer und Funktionär nahezu alles gewonnen. Weil er bis heute den höchsten Anspruch an sich selbst und seine Umgebung hat. Und im Laufe seiner Karriere eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zum Spiel aufbaute, die nicht jeder verstehen, aber jeder bewundern kann. SOCRATES-Autor Felix Seidel über einen Mann, der Mentalität lebt, wie kaum ein anderer.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?
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Dominic Thiem im Interview: „Tennis ist sauber“

Seine Großeltern verkauften einst ihr Haus, um Dominic Thiem eine Tennis-Karriere zu ermöglichen. Im Interview spricht der Österreicher über Preisgelder, Duelle gegen die großen Drei, Doping im Tennis-Sport und über fehlende Duschen in Marokko.

Dominic Thiem, schauen Sie eigentlich noch Grand-Slam-Finals?

Natürlich, wieso auch nicht?

Gefühlt gewinnen seit Jahren doch immer die gleichen Spieler…

Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation: Roger Federer, Novak Djoković und Rafael Nadal haben alle 16 oder mehr Grand-Slam-Turniere gewonnen; mehr als jemals ein anderer Spieler zuvor. Das ist für uns junge Spieler Pech, aber gleichzeitig auch Glück, dass wir in einer Zeit mit den drei besten Spielern aller Zeiten spielen dürfen.

Was unterscheidet einen Roger Federer, einen Novak Djoković oder auch einen Rafael Nadal noch von Ihnen?

Der größte Unterschied ist die Konstanz. Ich habe alle drei schon geschlagen, auch bei großen Turnieren, aber die Drei leisten sich kaum Fehler. Egal auf welchem Belag, egal bei welchem Turnier. Das ist der einzige, aber große Unterschied.

In welcher Hinsicht spüren Sie das auch auf dem Platz?

Du bekommst von ihnen nichts geschenkt. Überhaupt nichts. Ich musste im Halbfinale in Paris gegen Djoković fünf Stunden auf höchstem Niveau spielen, um ihn zu schlagen. Und wenn du das schaffst, dann wartet direkt der nächste von ihnen auf dich. Das ist brutal und macht es noch mal deutlich schwerer für uns junge Spieler, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.

Warum gewinnen Sie ein Grand-Slam- Turnier, bevor einer der großen Drei zurücktritt?

Weil ich in den großen Spielen immer besser werde. Letztes Jahr stand ich in Paris zum ersten Mal im Finale. Da war alles noch neu und ich habe keine gute Vorstellung abgeliefert. Dieses Jahr habe ich gegen Nadal zwei Sätze lang mein bestes Tennis aller Zeiten gespielt. Danach ist mir dann zum Verhängnis geworden, dass ich davor vier Tage durchgespielt hatte. Wenn ich das nächste Mal in einem Grand-Slam-Finale stehe, dann will ich es endlich gewinnen.

Wie wollen Sie das anstellen, wenn selbst ihr „bestes Tennis“ nicht reicht?

Ich habe einen kleinen, aber gravierenden Fehler gemacht. Nach dem 1:1 in Sätzen war Nadal auf der Toilette, und ich bin etwas zu lange sitzengeblieben. Danach hat er mich komplett überrollt. Ich muss es einfach schaffen, über fünf Sätze konstant meine Leistung abzurufen.

Hätte ein Titel für Sie einen größeren Wert, wenn Sie ihn gegen Federer, Nadal oder Djoković gewinnen würden?

Nein, denn dafür ist ein Grand-Slam-Titel an sich zu wichtig. Aber es ist trotzdem jedes Mal ein irrsinniger Prestige-Erfolg, wenn ich gegen einen der großen Drei gewinne.

Warum spielen Sie auf Sand so viel besser als auf anderen Belägen?

Ich bin auf Sand groß geworden. Bis ich 16 oder 17 Jahre alt war, habe ich auf keinem anderen Belag gespielt. Daran arbeite ich natürlich, in Indian Wells habe ich dieses Jahr meinen größten Titel auf Hartplatz gewonnen, aber Sand wird immer mein Lieblingsbelag bleiben.

Sie sprechen den Beginn Ihrer Karriere an. In welchem Alter haben Sie daran geglaubt, dass Sie Tennis-Profi werden können?

Der Knackpunkt kam 2013 in einem Match gegen Jo-Wilfried Tsonga in Wien. Das war mein erstes Spiel gegen einen Top-10-Spieler. Ich habe den dritten Satz im Tiebreak verloren, aber gespürt, dass ich gar nicht so weit weg bin und es bis ganz nach vorne schaffen kann.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten, es nicht schaffen zu können?

Das erste Profi-Jahr war wirklich hart. Ich war erfolgsverwöhnt und die Nummer zwei bei den Junioren gewesen – dann ging es auf die Future-Tour. Da habe ich dann erst mal sieben oder acht Erstrunden-Niederlagen in Folge kassiert. Da habe ich gemerkt: „Uff, die spielen noch mal so viel besser als die weltbesten Junioren.“ Ich war 19 Jahre alt und stand um Platz 900 der Welt. Da bin ich schon ins Grübeln gekommen, ob das mit der Tennis-Karriere klappt. Andere Spieler in meinem Alter hatten schon sehr viel gewonnen, ich dagegen nur verloren.

Und den Komfort der großen ATP-Turniere gibt es auf der Future-Tour wahrscheinlich auch nicht.

Das sind komplett unterschiedliche Welten. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Organisation und die Spieler sind auf der ATP-Tour um Welten besser.

Wobei die Qualifikation auf der ATP-Tour auch nicht vor Glamour strotzt. Nehmen wir Wimbledon…

Natürlich sind da viele Plätze nebeneinander, aber die Verpflegung ist gut, die Plätze ebenfalls. Ich habe meinem Freund Dennis Novak erst in diesem Jahr dort bei der Qualifikation zugeschaut. Tennis bleibt aber ein harter Sport. Um in Wimbledon die Qualifikation zu spielen, musst du unter den besten 230 der Welt sein. Und wenn du Pech hast, schaffst du es nicht mal auf die Hauptanlage. Du musst im Tennis oft taffe Niederlagen einstecken.

Wie Sie auf der Future-Tour?

Ja klar. Ich war Ende 2012 für zwei Future-Turniere in Marokko. Es war unglaublich kalt, gleichzeitig wurde landesweit gestreikt. Das Hotel war nicht auf die Temperaturen vorbereitet, es waren zwischen 0 und 5 Grad. Ich hatte kein warmes Wasser, war eine Woche nicht duschen. Essen war quasi nicht vorhanden. Und das ist kein Einzelfall. Die Future-Tour ist harter Tobak. Das Einzige, was tröstet, ist: Alle Spieler haben die gleichen Bedingungen.

Können Sie sich noch an ihr erstes Profi-Match erinnern?

Ja, wie eigentlich an jedes Match. Das war 2011 gegen Daniel Gimeno Traver in Kitzbühel. Auch da habe ich gesehen, wie weit ich noch weg bin von den Profi-Spielern.

In einem Interview mit SOCRATES hat Robin Söderling mal erzählt, dass es nicht schwierig sei, in die Top 30 zu kommen, sondern dort zu bleiben. Haben Sie das ähnlich empfunden?

Es ist eher schwer, in die ersten 100 zu kommen. Du musst dir die Punkte hart erarbeiten. Wenn du aber erst mal auf dem Level bist, dann kannst du dich da ganz gut halten.

Wie groß ist noch mal der Schritt aus den Top 20 oder Top 30 der Welt in die Top 10? Was unterscheidet Sie von Spielern, die auf Weltranglistenposition 15, 16 oder 17 stehen?

Als ich auf der Tour angefangen habe, waren die Top-30- oder Top-40-Spieler noch deutlich schwächer als die ganz vorne. Mittlerweile stehen auch auf diesen Positionen absolute Top-Kaliber, die nicht schlechter sind als die in den Top 10. Das Niveau im Tennis ist mittlerweile enorm hoch.

Gegen welchen Spieler, abgesehen von den Top 3, spielen sie besonders ungern und warum?

Ich spiele nicht gerne gegen David Goffin und Kei Nishikori, weil sie meine Waffen ganz gut entschärfen. Das ist natürlich unangenehm, aber deswegen gehe ich die Partie nicht anders an.

Sie hatten Anfang des Jahres mit frühen Niederlagen in Doha und bei den Australian Open eine schlechtere Phase. Gibt es Wochen und Monate, in denen es einfach nicht laufen will?

Das hatte gewichtigere Gründe. Ich war einfach nicht fit und hatte vor den Turnieren nicht genug trainiert. Da wusste ich, woran es liegt. Das ist deutlich besser, als wenn du eine Niederlagenserie startest und eigentlich top in Form bist.

Wie gehen Sie mit Enttäuschungen und Niederlagen um? Haben Sie da feste Leitlinien, feste Gewohnheiten?

Ich versuche immer, die Gründe für eine Niederlage zu finden. Gibt es die, ist es einfacher zu verarbeiten. Ganz bitter sind die Spiele, in denen du super spielst, aber trotzdem verlierst. Wenn der Gegner einfach so viel besser ist, dass du dir Sorgen machen musst. Das war zum Beispiel in meinem ersten Match gegen Federer der Fall. Da war ich viel zu weit weg.

Sie sind als Tennis-Spieler viel unterwegs. Wie vertreiben Sie sich die Zeit im Flugzeug?

Ich lese viel, vor allem Biographien, und schaue Serien.

Welche Biographie haben Sie zuletzt gelesen?

Die von Jamie Vardy, davor die von Robbie Williams. Und ansonsten habe ich die der Tennis-Spieler eigentlich schon alle durch. Die meisten Biographien suche ich zufällig aus, manche finde ich aber auch über Sport-Dokus, die ich gerne schaue.

Welche Nachteile bringt ihr Leben als Tennis-Profi mit sich?

Mir gefällt mein Leben sehr gut. Ich schätze es sehr und weiß, dass das nicht ewig so weitergeht. Leider sehe ich meine Freundin und Familie nur sehr selten.

Wie groß ist der Druck, der aus Ihrem Heimatland Österreich kommt?

Der Druck, den ich mir selbst mache, ist sicher größer als der von außen. Aber natürlich will ich bei den Heim-Turnieren gut abschneiden. Es ist unglaublich, wenn das ganze Stadion für dich ist. Ich genieße es sehr, wenn ich in Österreich spielen kann.

Mit der Operation „Aderlass“ befindet sich der Sport gerade in der Aufarbeitung eines Doping-Skandals. Inwiefern ist Doping auch im Tennis ein Thema?

Immerhin gab es mit Marija Scharapowa vor wenigen Jahren einen prominenten Fall. Tennis ist sauber. Ich würde für alle Top-Spieler, die ich kenne, meine Hand ins Feuer legen. Wir werden oft kontrolliert. Und selbst wenn sich jemand etwas reinhauen würde, glaube ich nicht, dass er dadurch besser spielen würde.

Der Socrates Newsletter

Welche Rolle spielen Social-Media-Kanäle wie Instagram, Twitter oder Facebook für Sie?

Es gehört zur heutigen Zeit dazu, das sollte jeder akzeptieren. Solange ich bei den Turnieren nicht zu viel am Handy hänge, ist das für mich auch vollkommen in Ordnung. Wir als prominente Sportler haben die Chance, diese Netzwerke für unglaublich positive Dinge zu verwenden. Wir können positive Energie versprühen und Vorbilder sein. Vielleicht noch mehr, als das früher der Fall war.

Social Media bedeutet nicht nur mehr Reichweite, sondern auch Häme und Kritik. Wie gehen Sie mit Hasskommentaren um?

Ich kriege eigentlich seit meinen ersten Spielen auf der Challenger-Tour die ärgsten Droh-Nachrichten von denjenigen, die ihre Wetten verloren haben. Man sollte das nicht zu ernst nehmen. Das ist ein kleiner, negativer Beigeschmack, der dazugehört. Das muss einem einfach egal sein. Die Nachrichten sind teilweise aber so schlimm, dass es schon fast wieder unterhaltsam ist.

Über die sozialen Medien setzen Sie sich für den Umwelt- und Klimaschutz ein, unterstützen die Organisation 4ocean. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Das ist natürlich ein bisschen widersprüchlich zu meinem Lebensstil. Aber Plastikmüll in den Ozeanen ist einfach ein unfassbar wichtiges Thema, auf das aufmerksam gemacht werden muss. Das Gleiche gilt für den Tierschutz. Das beides liegt mir sehr am Herzen, auch weil ich so erzogen wurde. Es ist noch nicht zu spät und wenn alle an einem Strang ziehen, dann ist die Welt noch zu retten. Die Erde ist so schön, dass hoffentlich noch viele Generationen darauf leben können.

Wie lässt sich dieses Anliegen mit der Tatsache vereinbaren, dass sie als Tennisspieler ständig im Flieger sitzen?

Mein ökologischer Fußabdruck ist nicht optimal, aber ich versuche es an anderen Stellen auszugleichen. Ich versuche, so sparsam und umweltfreundlich zu leben, wie es eben geht.

Wie viel hat der Dominic Thiem auf Instagram mit dem richtigen Dominic Thiem zu tun?

Schon viel, ich betreibe Instagram komplett selbst. Wenn ich ein Bild gut finde, dann poste ich das einfach. Ich pose da nicht rum und setze mich in Szene.

Gibt es eine WhatsApp-Gruppe unter den Top-Spielern? Also zum Beispiel mit Ihnen, Federer, Nadal, Djoković und Alexander Zverev?

Wir haben eine Laver-Cup-Gruppe, die ist sicherlich die berühmteste. Die Nummern, die da drin sind, hätten viele Leute gerne. (lacht)

Gibt es etwas aus dieser Gruppe, was Sie verraten können? Worüber schreiben Sie?

Hauptsächlich sprechen wir darin Treffen ab, um für das Team Europe ein bisschen Teambuilding zu betreiben. Nach guten Spielen wird gratuliert oder nach schlechten kondoliert, je nachdem… (lacht)

Gibt es so etwas wie richtige Freundschaft unter den Spielern auf der Tour?

Dennis Novak wird bald unter den Top 100 stehen und ist einer meiner besten Freunde, das wird auch so bleiben. Gleiches gilt für Diego Schwartzman oder Jan-Lennard Struff. Aber auf dem Platz sind wir so professionell, dass wir das ausblenden können.

Sie haben neben dem Tennis auch eine große Leidenschaft für den Fußball. Woher stammt ihre Liebe zum FC Chelsea?

Anfang 2004 habe ich begonnen, mich für Fußball zu interessieren und habe ein Champions- League-Spiel zwischen dem FC Arsenal und dem FC Chelsea gesehen. Das hat Chelsea gewonnen. Wäre es andersherum ausgegangen, wäre ich heute vielleicht Arsenal-Fan. (lacht)

In vielen Sportarten gibt es auch eine politische Komponente, inwiefern ist Tennis auch Politik?

Die Tour an sich ist sicherlich politisch. Aber ich interessiere mich zu wenig für die Politik im Sport, um da wirklich im Thema zu sein.

ATP-Chef Chris Kermode wurde Anfang März Berichten zufolge auf Anraten der Spielervertreter abgewählt, sein Vertrag nicht verlängert. Was können Sie dazu sagen?

Wie gesagt, politisch kann ich dazu wenig sagen. Aber uns Spielern geht es so gut wie nie zuvor. Daher verstehe ich nicht ganz, warum da was geändert werden musste.

Ist die Belastung für die Spieler heutzutage zu hoch? Es gibt immerhin auch mehr Turniere als je zuvor.

Manche Regelungen führen sicher dazu, dass wir gezwungen sind, einige Turniere zu spielen. Einen Nuller bei den Masters-Turnieren kannst du dir eigentlich nicht erlauben. Aber wir sind das gewohnt und müssen uns unsere Kräfte dementsprechend einteilen.

Wünschen Sie sich weniger Turniere im Jahr?

Es ist jetzt schon ziemlich ausgereizt, das Davis-Cup-Finale liegt nicht optimal. Der Dezember ist der einzige Monat, in dem eine seriöse Vorbereitung möglich ist.

Welche Rolle hat das Preisgeld am Anfang Ihrer Karriere gespielt? Ihre Großeltern haben immerhin ihr Haus verkauft, um Ihnen einen guten Start zu ermöglichen…

Zum Start deiner Karriere brauchst du zwischen 50.000 und 100.000 Euro, um ein Jahr vernünftig zu finanzieren. Das wird natürlich  immer mehr, aber wenn du ein paar Sponsoren findest, wird es auch einfacher. Auf der Future-Tour kommt natürlich nicht viel zusammen. Da musste ich immer schauen, dass ich keinen Euro mehr ausgebe, als nötig war. Wir hätten als Familie keine Existenzängste gehabt, wenn ich kein Tennis-Profi geworden wäre, aber zeitweise war es schon grenzwertig.

Tritt das Preisgeld angesichts des sportlichen Niveaus in den Hintergrund?

Das hat sich nie geändert für mich. Ich gehe immer noch so in ein Match, wie ich es mit elf oder zwölf Jahren gemacht habe. Für 99 Prozent der Tennis-Spieler geht es darum, das Match zu gewinnen, wenn sie auf den Platz gehen. Niemand würde es in die Weltspitze schaffen, wenn das Geld an erster Stelle stünde.

Sie haben seit dieser Saison mit Nicolás Massú einen neuen Coach. Inwiefern ist er anders als ihr langjähriger Trainer Günter Bresnik?

Sie sind sehr unterschiedlich. Österreich und Südamerika sind zwei unterschiedliche Kulturen. Nicolás ist positiv, energiegeladen und jünger, was auch gewisse Sachen erleichtert. Ganz wichtig für mich ist, dass er selbst Spieler war und mir in dieser Hinsicht Tipps geben kann. Immerhin hat er zwei olympische Goldmedaillen gewonnen.

Sie sprechen die Olympischen Spiele an. Spielen Sie 2020 in Tokio?

Nein, denn ich habe schon für das Turnier in Kitzbühel zugesagt, das parallel stattfindet. Aber 2024 in Paris möchte ich auf jeden Fall dabei sein.

Zurück zu Ihrem Coach: Inwiefern war Ihr Erfolg in Indian Wells eine Bestätigung für den Trainerwechsel?

Indian Wells selbst nicht so, weil es zu kurz danach war. Ich habe dort die Befreiung von den ganzen Problemen und den ganzen negativen Gedanken der vorangegangenen Monate gespürt. Dort habe ich mich frei gefühlt. Die Erfolge in Barcelona, Madrid, aber auch in Paris waren dann durchaus Nachwirkungen des Trainerwechsels.

Haben Sie mit Günter Bresnik gesprochen, seitdem Sie die Zusammenarbeit beendet haben?

Ja, wir haben ein ordentliches Verhältnis. Es war natürlich nicht einfach, weil wir so lange zusammengearbeitet und weil wir auch viel Zeit abseits des Platzes miteinander verbracht hatten. Aber es ist gut so, wie es gelaufen ist.

Wie schwierig war es für Sie, so eine langjährige Zusammenarbeit zu beenden?

Sehr schwierig, weil es eben eine besondere Spieler-Trainer-Beziehung war. Ich habe schon Wochen zuvor mit dem Gedanken gespielt, das ganze durchzuziehen, es war aber nicht einfach. Am Ende ist eine Spieler-Trainer-Trennung aber das normalste, was es gibt. Es ist teilweise mehr in diese ganze Trennungsgeschichte hineininterpretiert worden, als tatsächlich dahintersteckte. Sowas passiert nun mal im Sportgeschäft. Am Ende waren es nicht nur sportliche Gründe, was in so einer Beziehung aber normal ist.

Haben Sie, eventuell auch in Zusammenarbeit mit Nicolás Massú, in einem Jahr ein Grand-Slam-Turnier gewonnen?

Ich kann’s nicht garantieren. Aber ich werde jeden Tag alles dafür geben, dass mein Traum Wirklichkeit wird.

Interview: Sebastian Hahn

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Michael Stich: Die Abrechnung mit der Jugend

Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Michael Stich, auch dieses Jahr war wieder Wimbledon in aller Munde. Ist es das Größte, was Tennis zu bieten hat?

Zumindest ist es das Turnier mit der größten Tradition. Deswegen gilt es als das Lieblingsturnier vieler Spieler. Mein Favorit war jedoch das Turnier in Hamburg, weil es mein Heimatturnier war und daher mit vielen Emotionen verbunden.

Novak Djoković, Roger Federer und Rafael Nadal haben gezeigt, dass sie# auch 2019 eine Klasse für sich sind. Was sagen Sie zu diesen drei Außerirdischen?

Es sind herausragende Spieler, die Jahr für Jahr eine unglaubliche Konstanz zeigen, das steht völlig außer Frage. Aber ich sehe das inzwischen auch als Kritik an der jungen Generation, die nicht in der Lage ist, diesen drei Spielern Paroli zu bieten und den nächsten Schritt zu gehen. Es liegt mit Sicherheit an der fantastischen Qualität dieser drei Spieler, aber eben auch daran, dass die jungen Spieler von heute nicht genügend Ehrgeiz entwickelt haben, um eine realistische Chance zu haben.

Sind Djoković, Federer und Nadal dennoch die besten Spieler aller Zeiten?

Mit Vergleichen über die Epochen hinweg tue ich mich relativ schwer. War Rod Laver der Größte aller Zeiten oder doch Björn Borg? In meiner Zeit war Pete Sampras bärenstark, aber er hatte mit starker Konkurrenz zu kämpfen, so dass viele verschiedene Spieler die Grand Slams gewannen. In den vergangenen zwölf Jahren war das nicht wirklich der Fall, denn es gab nur fünf oder sechs verschiedene Grand-Slam-Sieger.

Haben Djoković, Federer und Nadal Tennis auf ein neues Level gehoben?

Nein, das finde ich nicht. Wir haben eine ganz andere Epoche. Tennis ist in der heutigen Zeit wesentlich athletischer, als es je zuvor war. Nichtsdestotrotz ist es eindimensionaler geworden. Es besitzt nicht mehr die Variabilität und Kreativität wie zu Zeiten von John McEnroe, Borg oder zu meiner Zeit. In der aktuellen Epoche ragen diese drei Spieler auf jeden Fall heraus. Ich würde mir aber wünschen, dass unser Sport kreativer wird und die Spieler flexibler agieren.

Wer war der stärkste Gegner, auf den Sie jemals getroffen sind?

Andre Agassi, ohne Wenn und Aber. Gegen ihn konnte ich kein einziges Mal gewinnen. Er ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe. Er hat einfach eine Begabung gehabt, die kein anderer Spieler hatte. Dabei hatte er durchaus auch ein paar Schwächen, aber er hat aus seinen Fähigkeiten unfassbar viel gemacht. Für mein Spiel war es nicht gut, auf ihn zu treffen.

Wer war der verrückteste Gegner?

So viele Verrückte gab es gar nicht zu meiner Zeit, aber McEnroe hatte schon einen Knall auf dem Court. Ich durfte noch gegen ihn und sogar mit ihm Doppel spielen. Ich schätze ihn sehr als Menschen, er ist ein toller Freund.

Sie sind aber auch mal kräftig aneinandergeraten.

Mit John habe ich mal auf dem Platz sehr gestritten. Das war das Jahr, als wir zusammen in Wimbledon im Doppel gewannen. Dieser Streit ereignete sich beim Turnier in Rosmalen. Es wurde so heftig, dass er in Wimbledon gar nicht mehr mit mir antreten wollte. Nach einem dringend notwendigen Vier-Augen-Gespräch haben wir uns aber zusammengerauft.

Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik
Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik

Welche Spieler haben Sie besonders geschätzt?

Nach der Karriere haben sich Freundschaften entwickelt wie etwa mit Richard Krajicek, Jim Courier und eben John McEnroe. Mit Ivan Lendl war es keine Freundschaft an sich, aber über all die Jahre wurde der Respekt immer größer. Wir haben uns immer besser verstanden und wir waren ja keine Konkurrenten mehr, so dass sich eine Art intellektuelles Verständnis entwickelt hat. Mit diesen Menschen tausche ich mich sehr gern aus.

Wen mochten Sie gar nicht?

Der Gegner, den ich am wenigsten auf dem Platz mochte, war Petr Korda. Erstens, weil er an einem guten Tag einfach unfassbares Tennis zeigte, zweitens, weil er sich auf dem Platz häufig nicht so nett verhalten hat.

„Agassi ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe."
Michael Stich

Wer war der Lustigste?

Henri Leconte. Vor allem war er dann lustig, wenn er am Verlieren war. Wenn er geführt hat, war er dagegen extrem seriös. Aber sobald er merkte, dass ihm das Match aus der Hand glitt, hat er immer durch Späße versucht, das zu kaschieren. Insofern war es nicht so einfach, gegen ihn zu bestehen.

Viele ehemalige Profis versuchen sich als Trainer. Warum Sie nicht?

Das war für mich nie wirklich ein Thema, weil ich schon am Ende meiner Spielerkarriere nicht mehr so gerne gereist bin. Zu Hause in Hamburg habe ich immer wieder mit jungen Spielern zusammengearbeitet und dabei versucht, mein Wissen und meine Erfahrung weiter zu geben, aber allein die Vorstellung, 25 Wochen im Jahr durch die Welt zu reisen, war nicht mein Ding.

Viele Menschen würden es als tollen Nebeneffekt sehen, die ganze Welt zu bereisen.

Wenn man das zehn Jahre lang gemacht hat – und es gibt auch etliche Spieler, die es ja fast 20 Jahre lang durchziehen –, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, da man nicht mehr reisen möchte. Heute reisen die Frauen oft mit, die Kinder und sogar die Hunde. Das hat sich geändert, zu unserer Zeit fing das gerade an.

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Sie haben 18 Einzeltitel gewonnen. Welchen haben Sie am meisten gefeiert?

Das war nicht etwa mein Sieg 1991 in Wimbledon, weil ich gleich am nächsten Morgen weiter zum Turnier nach Gstaad reisen musste, sondern 1993 in Hamburg am Rothenbaum. Natürlich ging es auch da gleich wieder weiter und die Beine waren schwer, aber diesen Sieg habe ich richtig ausgekostet.

Gab es einen Moment, als Sie sich unschlagbar fühlten?

Ja, beim Turnier in Queen’s 1993. Damals spielte ich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Anschließend bin ich nach Wimbledon gefahren und war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich nicht aufzuhalten wäre. Aber da hatte ich mich geirrt und es war bereits im Viertelfinale Schluss.

Sie konnten sich auch richtig ärgern. Gerne über sich selbst…

Die größte Wut auf mich hatte ich beim French-Open-Finale 1996, das ich verlor. Das war mit Sicherheit die größte Enttäuschung, weil ich ganz allein dafür verantwortlich war.

Das war 1996 gegen Jewgeni Kafelnikow. Anschließend hielten Sie eine Rede auf Französisch.

Das war eher eine spontane Aktion. Damals war ich der erste Ausländer, der bei einer Siegerehrung bei den French Open Französisch sprach. Es war mir einfach ein Bedürfnis.

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War das Ihre schmerzhafteste Niederlage?

Dieses Endspiel und das Davis-Cup-Halbfinale in Moskau gegen Russland 1995, als ich neun Matchbälle hintereinander vergab. Hätte man mir vorher gesagt, ich könnte neun Matchbälle am Stück vergeben, hätte ich wahrscheinlich sehr, sehr viel Geld darauf gewettet, dass mir das nie passieren würde.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Zeit als Spieler, die Sie bis heute nicht erzählt haben?

Ich hätte tatsächlich eine. Als ich das erste Mal bei den Australian Open mitspielte, befand ich mich in der Spieler-Kabine, wo sich die gesetzten Spieler aufhielten. Plötzlich stand Ivan Lendl vor mir und fragte mich, was ich denn an diesem Ort verloren hätte. Ich war ja nie wirklich kontaktscheu und hatte mir einfach einen Platz ausgesucht. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mich umziehen möchte. Darauf sagte er: „Bis du hier mal reindarfst, solltest du erst mal ein bisschen mehr erreichen.“ Damit war klar, dass ich in diesem Bereich nichts zu suchen hatte, aber bereits ein Jahr später durfte ich rein.

Interview: Alexis Menuge

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Milos Raonic: „Ich dachte ans Aufhören“

Milos Raonic hat vielfältige Interessen: Reisen, Lesen, Kunst. Tennis würde er gerne mehr spielen, doch sein Körper zwingt ihn immer wieder zu Pausen. Wie er mit Rückschlägen, Langeweile und der Erinnerung ans Wimbledon-Finale 2016 umgeht, hat er Socrates erzählt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Milos Raonic, alle schimpfen immer über den übervollen Tourkalender, deshalb eine wichtige Frage: Wie schalten Sie ab von dem ganzen Rummel?

Meine große Leidenschaft ist das Reisen. Als Tennisprofi habe ich die fantastische Gelegenheit, die schönsten Städte der Welt zu sehen. Wissen Sie, was dabei aber stört?

Was?

Wir kommen jedes Jahr zur selben Jahreszeit in die immer gleichen Städte. Damit es mir nicht zu langweilig wird, stelle ich mir jedes Mal ein kulturelles Programm zusammen. Das ist stimulierend für den Kopf, ich bleibe mental frisch und verliere nicht viel Energie dabei. Wenn ich zu einem Turnier reise, freue ich mich also nicht nur auf die Spiele, sondern auch auf meinen Trip.

Spielen Sie doch den Reiseführer: Welche Museen können Sie besonders empfehlen?

Das Musée d’Orsay in Paris ist mein Lieblingsmuseum. Es ist faszinierend. Auch das Picasso-Museum in Barcelona gefällt mir richtig gut. Das Nationalmuseum Königin Sofía in Madrid ist ebenfalls interessant. Vor den Gemälden bleibe ich manchmal 20, 30 Minuten stehen und genieße einfach den Anblick.

Was machen Sie sonst noch in Ihrer Freizeit?

Ich lese unheimlich viele Bücher, im Schnitt zwischen 30 und 40 pro Jahr. Gleichzeitig versuche ich, nicht zu viel Zeit mit Fernsehen oder dem Handy zu verbringen. Die Spieler aus meiner Generation sind ziemlich süchtig nach ihren Smartphones. Zuletzt habe ich ein Buch über Buddhismus gelesen. Das entspannt wahnsinnig gut.

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Sie scheinen mit Ihrem Leben sehr zufrieden zu sein.

Extrem zufrieden. Ich bin Tennisprofi, aber eben nicht nur. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich nach meiner aktiven Laufbahn in der Branche bleiben würde, sage ich: Wahrscheinlich mache ich was ganz anderes. Ich würde noch einmal studieren und Ziele verfolgen, die ich wegen meiner Profi-Karriere zur Seite geschoben habe. Vor fünf Jahren war Kunst für mich ein Fremdwort, ich hatte auch jahrelang kein Buch gelesen. Was das betrifft, bin ich mit der Entwicklung meiner Persönlichkeit sehr zufrieden. Ich habe mich mehr geöffnet.

2016 standen Sie im Wimbledon-Finale gegen Andy Murray. Woran denken Sie?

An dieses unfassbar geile Gefühl. Wimbledon ist kein Turnier wie jedes andere. Die größte Gefahr lauert im Kopf, dass man sich zu viele Gedanken darüber macht, wo man sich eigentlich befindet und wie außergewöhnlich der Moment ist. Dadurch kann es leicht zu einer Art Lähmung kommen. Als wir den Rasen betraten, hatte ich meine Emotionen aber ganz gut im Griff, was sicher auch daran lag, dass ich ein sehr starkes Turnier auf diesem Court und dieser Anlage spielte. Ich war total fokussiert und voller Selbstvertrauen, um dieses Endspiel für mich zu entscheiden. Mir war es gut gelungen, die Begleitumstände in den Griff zu bekommen und mich allein auf das Spiel zu konzentrieren. Es war aber leider nicht genug, um Andy zu bezwingen.

2016 hieß Ihr Trainer John McEnroe. Wie groß war sein Anteil an Ihrem Erfolg?

McEnroe half mir, als die Rasen-Saison stattfand. Vom Wimbledon-Finale bleibt ein kleiner fader Beigeschmack hängen, weil ich mit Sicherheit mit gewissen Situationen hätte besser umgehen sollen. Zwei Tage zuvor gewann ich dieses unglaubliche Halbfinale nach einem Fünf-Satz-Krimi gegen Roger Federer. Es war eine Energie-Leistung, die mich also unheimlich viel Kraft gekostet hatte. Das war mein allererstes Grand-Slam-Endspiel, dementsprechend war ich leicht nervös und angespannt. Außerdem spielte Andy ein Weltklasse-Tennis. Aber ich bin eher der Typ, der noch mehr die negativen Momente im Kopf behält als die Positiven.

Seit diesem Finale in Wimbledon läuft es für Sie weniger rund. Was sind die Gründe?

Ich hatte viel Verletzungspech, eine Operation am Handgelenk, eine Sprunggelenksverletzung und mehrere muskuläre Probleme. Es kommt selten vor, dass ich mal mehrere Wochen am Stück schmerzfrei spielen kann. Das ist extrem frustrierend. Ich hatte 2018 mit Knie-Problemen zu kämpfen, die dazu geführt haben, dass ich für die French Open absagen musste.

Wie kommen Sie damit klar?

Es ist tatsächlich schwer, mit Verletzungen umzugehen. Es ist wohl das Schwerste überhaupt für einen Athleten. Wenn man sich zum ersten Mal verletzt, denkt man: Alles halb so wild, das war eh das letzte Mal. Aber wenn es immer häufiger der Fall wird, kommen die Zweifel. Psychisch kann das zur Hölle werden. Jedes Comeback wird von dem Gedanken begleitet: Wann wird es mich wieder erwischen? Worauf muss ich besonders achten, um die nächste Verletzung zu vermeiden? Sehr lange habe ich mich mit solchen Sachen auf dem Court beschäftigt. Das war Gift für mein Hirn. Das hatte ich mir als Kind anders vorgestellt. Ich dachte, man geht auf den Platz und spielt.

Haben Sie mal ans Aufhören gedacht?

Der Gedanke geisterte schon mal durch den Kopf. Sobald ich aber wieder fit war, war das kein Thema mehr. Es ist immer ein harter Schlag, wenn mir die Ärzte mitteilen, dass ich zehn Tage pausieren muss, weil mir nach drei schon langweilig wird. Am Tennis mag ich vor allem die Bewegung und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss. Sobald man in seinem Lauf plötzlich gestoppt wird, ist es mental ermüdend.

Womit richten Sie sich auf?

Man braucht sicherlich einen gefestigten Charakter, um sich immer wieder aufzurappeln. Mein Glück ist zudem mein Aufschlag: Auf ihn kann ich mich immer verlassen. Selbst wenn ich nach einer Verletzung noch nicht wieder ganz bei hundert Prozent bin, hilft er mir, andere Defizite zu kompensieren. Und es gibt auch bei all diesen Rückschlägen einen positiven Aspekt: Man schätzt es mehr, wenn man wieder spielt und genießt intensiver.

Sie arbeiten mit sehr namhaften Trainern zusammen. Nach John McEnroe, Carlos Moyá und Richard Krajicek ist jetzt Goran Ivanišević Ihr Coach. Wie läuft’s?

Bei uns passt die Kommunikation. Das ist für mich die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Als er mein Trainer wurde, hatte ich gerade eine achtmonatige Krise hinter mir. Ich bin froh, dass er für mich da ist.

Sie haben im eigenen Land inzwischen große Konkurrenz. Was sagen Sie zu den Shooting-Stars Denis Shapovalov und Félix Auger-Aliassime?

Das ist extrem spannend für Kanada. Seit eineinhalb Jahren entwickelt sich Shapovalov prächtig. Er hat diese Gabe, sehr schnell zu lernen. Ich hätte gedacht, dass er auf Sand nicht konkurrenzfähig wäre, doch genau das Gegenteil ist eingetreten, wie er etwa mit einem Halbfinale in Madrid bewiesen hat. Felix ist zwar noch relativ unbekannt, aber er hat großes Potenzial und ist für einen 18-Jährigen körperlich sehr weit. Und toll ist das natürlich auch für unser Davis-Cup-Team.

Davis Cup ist ein gutes Stichwort. Wie gefällt Ihnen die Reform?

Der Davis Cup hat eine Geschichte und ein Prestige, das seinesgleichen sucht. Der neue Modus wird wohl dafür sorgen, dass alle Topspieler daran teilnehmen und dann wird der neue Wettbewerb schnell Fuß fassen. Auf der anderen Seite gehen natürlich viel Charme und der typische Charakter verloren, den der Modus mit Heim- und Auswärtsspielen mitgebracht hat. Eine gesunde Mischung aus alt und neu wäre sicherlich optimal.

Sie werden Ende des Jahres 28. Wie fällt Ihre Karriere-Zwischenbilanz aus?

Sollte ich morgen den Schläger an den Nagel hängen, würde eine leichte Enttäuschung zurückbleiben. Gott sei Dank habe ich noch ein paar Jahre vor mir. Als ich 18 war, wollte ich in die Top 50 kommen. Aber es ist das alte Lied: Je erfolgreicher man wird, desto größer wird der Appetit auf mehr. Ich habe mir noch große Ziele gesteckt.

Interview: Alexis Menuge

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Stan Wawrinka: „Ich habe an Rücktritt gedacht“

Stan Wawrinka gewann im Vorjahr die French Open – zuletzt zwang ihn eine Knieverletzung aber zu einer Pause über mehrere Monate. Nun kehrt der Schweizer in Roland Garros wieder zurück. Bei Socrates spricht er über seine Ziele, Alex Zverev und seinen Lieblingsklub.

Interview: Alexis Menuge

Herr Wawrinka, Sie sind von Juli 2017 bis Januar 2018 aufgrund einer Knie-Operation außer Gefecht gewesen. Das war Ihr längster Ausfall in Ihrer Laufbahn. Was war dabei das Schwierigste?

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

Nach der OP einfach nichts tun zu können, fiel mir unheimlich schwer. Da ist man gezwungen, sich in Geduld zu üben, was nicht immer einfach ist. Mental war es in den ersten Wochen schwer. Zum Beispiel auf die US Open verzichten zu müssen, fiel mir echt schwer, vor allem, weil ich ja in New York der Titelverteidiger war. In New York hätte ich wahnsinnig gern meinen Titel verteidigen wollen. Dann kamen gewisse Zweifel auf: Wann werde ich wieder fit? Werde ich die Operation gut verdauen? Werde ich mein Leistungspotenzial zu 100 Prozent wieder erreichen? Dann beginnt man die Reha, und man hat dabei das Gefühl, dass man wieder bei null anfängt. Wochenlang konnte ich mich nur mit der Hilfe von Krücken bewegen. Dadurch habe ich viel an Muskulatur verloren. Ich wollte ja sofort wieder alles geben, aber ich musste mich selbst bremsen, weil mein Körper dazu noch nicht bereit war.

Wie geht man damit um, wenn man zum Nichtstun gezwungen ist?

Psychisch war es sicher anstrengend. Sobald ich etwas tun wollte, sah ich die Krücken. Es war nicht leicht, sich damit abzufinden. Die OP verlief gut, aber sie war schwerwiegend, so dass ich eigentlich, so oft es ging, mein Bein ruhigstellen musste. Ich musste mein Knie stets schonen, aber gar nichts tun fiel mir schwer, das machte mich nervös, weil es etliche Wochen dauerte, bis ich die Krücken wieder loshatte.

Haben Sie an einen Rücktritt gedacht?

Diese Idee spielte sich in meinem Kopf immer wieder ab, auch als ich mit der Reha begann, weil ich ja praktisch bei null wieder anfing. Das war eine sehr schwere Erfahrung. Um mich herum hatte ich aber rund um die Uhr ein tolles Team, das mir jederzeit die nötige Unterstützung gab und mir geholfen hat, das richtige Programm zu absolvieren. Es war mental sehr wichtig, dass sie für mich da waren.

Sie sind aber nicht der einzige Star, der in den vergangenen Monaten monatelang ausfiel. Auch Novak Djoković, Andy Murray und Rafael Nadal fielen mehrere Monate aus. Ist es nur Zufall, oder hat es in Ihren Augen mit dem Spielplan zu tun, der vielleicht die Spieler zu sehr belastet?

Ich glaube eher, dass es mit dem Alter der jeweiligen Spieler zu tun hat. Schauen Sie sich diese absoluten Top-Spieler an: Sie sind alle 30 oder älter. Sie spielen seit bereits 15 Jahren auf dem höchsten Niveau, sie haben vieles erlebt und sie sind immer wieder in Grand-Slam-Finals. Sie sind auch ganz oben in der ATP-Rangliste, so dass sie extrem viele Spiele in den Beinen haben. Irgendwann bekommt man dafür die Quittung. Auch der Druck spielt dabei eine wesentliche Rolle.

War es früher anders?

Vor 10, 15 Jahren hörten die meisten Spieler mit 30 Jahren auf. Mittlerweile spielen viele bis 35, siehe Roger.

Sind Sie stolz, zu dieser Generation zu gehören, die ja ein paar Ausnahme-Spieler hat, wie Roger Federer oder Rafa Nadal?

Mit Roger, Rafa, Novak und Andy haben wir ein magisches Viereck. Sie bilden definitiv ein unglaubliches Quartett. Man braucht sich nur ihre Ergebnisse bei den Grand-Slam-Turnieren in den letzten Jahren anzuschauen. In den vergangenen Jahren haben sie alles gewonnen.

Wer ist denn der Größte der vier?

Ich glaube, dass es keine besondere Überraschung ist, wenn ich Roger als besten Spieler aller Zeiten nenne. Gleich dahinter kommt für mich Nadal, der auch eine unglaubliche Konstanz zeigt. Alle vier haben sich auch oft heiße Duelle geliefert. Sie schreiben die Geschichte dieser Sportart. Sie sind einzigartig.

Was ist denn für Sie persönlich das Wichtigste in Ihrer Karriere?

Mich ständig weiter zu entwickeln und meine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Natürlich bin ich besonders stolz auf meine Ergebnisse, vor allem mit Triumphen bei drei verschiedenen Grand-Slam-Turnieren und das in der Zeit, wo vier solche Ausnahme-Spieler aktiv sind. Es gibt keine anderen Spieler, die in den letzten Jahren einen Grand Slam gewinnen konnten, bis auf wir fünf. Das ist schon überragend.

Was ist das für ein Gefühl, zu dieser besonderen Generation zu gehören?

An erster Stelle ist es mir bewusst, dass ich ein Privilegierter bin, der seinen Traumjob ausüben darf. Dazu zu dieser Generation zu gehören, ist mein großes Glück. Wir pushen uns auch immer gegenseitig nach vorne, so dass jeder von dem anderen jederzeit profitiert. Wir sorgen dafür, dass sich das Tennis stetig in die richtige Richtung weiterentwickelt.

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Welche Ziele haben Sie sich nun für die kommenden Monate gesteckt?

Ich will wieder an mein Leistungsvermögen von vor der OP kommen. Das ist meine Priorität. Sobald ich spüre, dass ich mental und körperlich wieder bei 100 Prozent bin, werde ich mir dann konkretere Ziele setzen und mich dann hoffentlich wieder mit den Besten messen können.

Welches Grand-Slam-Turnier ist am schwierigsten zu gewinnen?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich könnte man meinen, dass Wimbledon das Härteste ist, weil es das Einzige ist, das ich noch nie gewinnen konnte. Aber alle vier sind gleich schwer, jedes mit seinen Besonderheiten. Wenn man bei einem solchen Turnier triumphiert, ist das ein herrliches Gefühl, weil man ja zwei Wochen lang sein Bestes mit Drei-Satz-Siegen geben muss, und dadurch muss man irgendwie seinen Schweinehund auf dem höchsten Niveau überwinden, egal, ob in Australien, in Paris, in Wimbledon oder bei den US Open.

Wimbledon zu gewinnen, ist also Ihr größtes Ziel, vor allem wenn man bedenkt, dass wenige Spieler alle vier Grand Slams gewinnen konnten, wie Boris Becker, der nie in Paris triumphierte oder Ivan Lendl, der auch in Wimbledon nie den Titel holen konnte?

Es wäre zwar schön, aber mir ist auch bewusst, dass ich ein großes Stück davon entfernt bin. Nicht nur, weil ich erst wieder die absolute Top-Fitness zurückholen muss, sondern auch, weil ich in Wimbledon nie wirklich weit kommen konnte. Jedes Jahr gebe ich mein Bestes, um dort weit zu kommen, aber ich weiß auch, dass ich drei Grand Slams gewonnen habe, was bereits unglaublich ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich soweit kommen würde. Ich wollte immer hart an mir arbeiten, um mich kontinuierlich zu verbessern, was mir auch gelungen ist, aber man kann auch nicht immer alles kontrollieren.

Warum haben Sie so große Schwierigkeiten auf Rasen?

Meine Spielweise passt sich dem Rasen nicht so gut an. Ich komme nicht oft ans Netz und ich bin kein typischer Serve-and-Volley-Spieler. Ich mag es lieber, von der Grundlinie zu spielen, mehr Zeit zu haben. Auf Rasen ist es komplett anders, aber es gab zwei Jahre, wo ich sehr gut gespielt habe mit jeweils einer Viertelfinal-Teilnahme. Ich hatte auch Pech, dass ich bisher in Wimbledon nicht oft mein bestes Tennis zeigen konnte.

Was war der bisher größte Moment Ihrer Karriere?

Natürlich die drei Triumphe bei den Grand Slams, die eine besondere Bedeutung haben. Auch der Sieg im Davis Cup war sensationell. Es handelt sich um verschiedene Emotionen, die schwer zu vergleichen sind. Auch der Olympia-Sieg 2008 im Doppel in Peking gehört zu den größten Momenten. Das waren definitiv die fünf wichtigsten Momente.

Wurden Sie mit einem Tennisschläger quasi geboren?

Nein, eigentlich habe ich kaum Sport getrieben, bis ich acht war, was eher spät ist. Aber es war die einzige Sportart, die ich dann ausüben wollte.

Welche Idole hatten Sie, als Sie noch in der Jugend waren?

Drei komplett verschiedene Spieler: Pete Sampras, Àlex Corretja und Patrick Rafter. Drei Spieler, denen ich richtig gern zugeschaut habe. Es geht dabei nicht um den Stil, sondern um die Persönlichkeit, die Ausstrahlung sowie auch die Einstellung.

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Gibt es einen Spieler aus der neuen Generation, der das Potenzial besitzt, künftig für ein paar Jahre die Nummer eins der Welt zu werden?

Es sind mehrere große Talente, die vor einer großen Zukunft stehen. Mir gefällt Dominic Thiem ganz gut. Er ist trotz seines jungen Alters bereits sehr abgeklärt und er ist ein kompletter Spieler. Auch Alexander Zverev und Nick Kyrgios sind sehr interessant. Also sehe ich nicht einen besonderen Spieler, sondern mehrere, die in der Lage sein werden, mehrere Grand-Slam-Turniere zu gewinnen.

Kann Zverev irgendwann mal die Nummer eins der Weltrangliste werden?

Zweifelsohne. Er ist jetzt bereits die Nummer vier. Gegen ihn ist es schwer zu spielen, weil er unberechenbar ist. Ich habe bereits mehrfach gegen ihn gespielt und verloren. Er arbeitet hart und diszipliniert. Außerdem ist er elegant auf dem Court. Das Potenzial ist definitiv vorhanden.

Sie sind nun 33. Ist es noch möglich nach so vielen Jahren auf der Tour gewisse Aspekte in Ihrem Spiel zu verbessern?

Um auf dem höchsten Niveau mehrere Jahre zu bestehen, darf man bloß nicht anfangen, nachzulassen. Man muss immer hart an sich arbeiten und eine große Portion Disziplin an den Tag legen. In den vergangenen Jahren habe ich viel mehr Akzente auf mein Offensiv-Spiel bei den Trainingseinheiten gelegt. Konkreter gesagt: früher zum Abschluss kommen, manchmal auch ans Netz stürmen und die Punkte schneller abschließen.

Was ist in Ihren Augen das Wichtigste, um jahrelang auf dem höchsten Level erfolgreich zu sein? Der mentale oder der physische Aspekt?

Das Eine kann man eigentlich nicht vom Anderen trennen, aber um mittel- bis langfristig zu bestehen, muss man über sich hinauswachsen, und die Basis ist und bleibt der Körper. Dann kommt das Psychische, um sich noch mehr zu pushen. Der mentale Aspekt hängt im Prinzip mit dem körperlichen Aspekt zusammen. Das heißt, wenn man nicht genug motiviert ist, wird man automatisch physisch nachlassen. Dementsprechend ist es umso wichtiger, stets frisch im Kopf zu bleiben, aber auch körperlich fit zu sein, damit der Wille immer noch vorhanden ist, sich weiterentwickeln zu wollen.

Wie erklären Sie, dass die Spieler von heute länger auf dem höchsten Niveau spielen können als noch vor 15, 20 Jahren?

Ich habe das Gefühl, je mehr die Zeit vergeht, desto länger werden die Top-Spieler auf der Tour spielen können. Man braucht sich nur die Beispiele Roger und Rafa zu nehmen. Sie sind nach wie vor in Top-Form und sie hören nicht auf, diverse Rekorde zu brechen. Sie sind mehr als beeindruckend. Persönlich bin ich 33 und ich will noch ein paar Jahre spielen.

Was glauben Sie: Wie wird das Tennis im Jahr 2050 aussehen?

Man sieht ja, dass diese Sportart immer schneller und athletischer wird. Auch das Material hat sich verändert. Also kann man davon ausgehen, dass sich das Tennis so weiterentwickeln wird.

Sie gehören zu den wenigen Spielern, die ihre Emotionen auf dem Court zeigen. Ist es Ihnen wichtig, dass die Leute sehen, wie Sie wirklich sind?

Absolut. Ich halte es für wichtig, normal zu sein und zu spielen, wie ich im Leben wirklich bin: leidenschaftlich, emotional und kämpferisch. So werde ich auch immer bleiben. Authentisch zu sein, ist mir ein wichtiger Begriff.

Welche anderen Sportarten verfolgen Sie?

Ich liebe Fußball sowie auch Eishockey, in der Schweiz ja ein Volkssport. Auch zuletzt fand ich es cool, mit anderen Schweizer Sportlern die Olympischen Spiele von PyeongChang zu verfolgen. Wir entdecken immer neue Sportarten und drücken dabei unseren Landsleuten die Daumen.

Bald startet ja die Fußball-WM in Russland.

Ich freue mich schon drauf. Das wird echt spannend. Sie wird erneut stattfinden, wenn wir in Wimbledon sind. Es ist immer eine Art Tradition, dort ein Haus zu mieten und die WM-Spiele mit anderen Spielern zu verfolgen. Das macht immer Spaß. Ich werde natürlich der Schweiz die Daumen drücken.

Was trauen Sie Ihrem Team zu, vor allem in der Vorrunde gegen Brasilien?

Es ist immer alles möglich, in die eine wie in die andere Richtung. Aber klar hat die Schweiz das Potenzial, erneut ins Achtelfinale einzuziehen. Gegen Brasilien wird es mit Sicherheit eine Herkules- Aufgabe.

Und dann könnte der Gegner im Achtelfinale Deutschland heißen. Ihr Vater ist ja Deutscher. Wem drücken Sie dann die Daumen?

Da gibt es gar keine Diskussionen: Ich werde die Schweiz unterstützen. Ich bin kein großer Fan der DFB-Elf, aber egal, wo und wann, die Deutschen gewinnen fast immer. Diese Konstanz ist atemberaubend.

Haben Sie einen Lieblingsklub?

Real Madrid. Dort spielen immer die Besten. Und mit Zinédine Zidane hat Real einen unglaublichen Trainer.