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Max Kruse im Interview: „Einstein hat recht“

Max Kruse hat die Bundesliga verlassen und sucht nun mit Fenerbahçe in der Türkei eine neue Herausforderung. Ein Gespräch über Verantwortung, Perspektiven und die wichtigsten Sachen im Leben.

Max Kruse, was bedeutet Ihnen Verantwortung?

Vorneweg zu gehen und auch andere Menschen zu unterstützen. Aber Verantwortung ist keine Art von Perfektion.

Wie meinen Sie das?

Niemand ist perfekt. Wichtig ist es, authentisch und sich selbst treu zu bleiben. Für den Fußball bedeutet das, dass man versucht, durch die Art und Weise, wie man veranlagt ist, eine Mannschaft nach vorne zu bringen.

Sie spielen bei Fenerbahçe in einer ziemlich neu zusammengestellten Mannschaft, müssen sich aber selbst erst integrieren. Verantwortung und Eingewöhnung: Geht beides?

Meiner Meinung nach geht schon beides. Ich habe genug Erfahrung, um Verantwortung zu übernehmen, auch wenn ich neu bin. Klar ist es ein anderes Land und die Art und Weise, wie Fußball gespielt wird, ist etwas anders. Aber letztlich ist es immer noch Fußball, also 11 gegen 11. Ich habe mich bei meiner Mannschaft schnell eingewöhnt, so dass ich sicher bin, dass ich mich schnell auf die Verantwortung konzentrieren und meine Leistung direkt abrufen kann.

Sie haben immer wieder neue Herausforderungen bei sehr verschiedenen Klubs gesucht: FC St. Pauli, SC Freiburg, Borussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg, Werder Bremen und nun Fenerbahçe – all diese Klubs sind schwer in ihrer Art und Weise zu vergleichen. Spornt Sie das Neue, das Unbekannte an?

Ehrlich gesagt gehe ich nicht nach bestimmten Kriterien, wenn ich mich um die Vereinswahl kümmere. Für mich muss der Eindruck passen, für mich muss das Gesamtpaket passen. Ich muss das Gefühl haben, dass das der richtige Weg ist. Ich würde nicht sagen, dass das Unbekannte mich anspornt, aber klar bin ich dafür, meinen Horizont zu erweitern.

Wie entsteht dieses Gefühl?

Wenn ich mich mit den Leuten unterhalte, muss ich denken: „Wow, darauf hast du Lust.“ Das war bei Fenerbahçe der Fall, genauso wie bei allen anderen Vereinen in meiner Karriere.

Haben Sie bewusst die Komfortzone Bundesliga verlassen?

Ja, die Entscheidung fiel bewusst. Ich würde aber nicht von Komfortzone sprechen. Ich habe eine lange Zeit in Deutschland gespielt und gelebt und hatte eine sehr schöne Zeit, aber mich hätte in der Bundesliga ehrlich gesagt nicht viel mehr gereizt. Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, dass ich auf jeden Fall noch Erfahrung im Ausland sammeln will.

Das Interview erschien in Ausgabe #36: Jetzt nachbestellen

Fenerbahçe zeigt Interesse, hinterlegt das bei Ihrem Berater, der Sie dann davon informiert. Hand aufs Herz: Was war die erste Reaktion?

Sie war: „Wow, Istanbul! In der Stadt zu leben, das wäre schon geil.“

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich bei Nuri Şahin informiert, der ja bekanntlich Türke ist und mit dem ich bei Werder Bremen zusammengespielt habe. Wir haben darüber gesprochen, wie man in der Türkei Fußball spielt. Dann habe ich mit einem meiner Berater gesprochen, der Deutsch-Türke ist, und mit Fenerbahçes Sportdirektor Damien Comolli. Letztendlich habe ich Mehmet Ekici kontaktiert, der schon länger bei Fenerbahçe spielt. Bei allen habe ich mich über die Stadt, den Verein, die Kultur und die Liga informiert.

Es gibt inzwischen sicherlich viele Fußball-Länder, in denen man mehr verdienen kann als in der Türkei. Ist die Süper Lig dennoch lukrativ, weil man eine sportliche Herausforderung geboten bekommt und dennoch ordentlich entlohnt wird?

Man macht sich natürlich über alles Gedanken. Wenn man die Entscheidung trifft, den Verein zu verlassen, bei dem man spielt und eine neue Herausforderung sucht, denkt man über alles nach, was auf dem Tisch liegt. Für mich waren aber gewisse Vereine keine Option, egal wie viel Geld auf dem Tisch lag. Die Türkei, vor allem wenn man in Istanbul lebt, ist sehr europäisch, mit verschiedenen Kulturen, die dort zusammenkommen. Und natürlich hat mich auch ein Verein wie Fenerbahçe mit solchen Fans gereizt. Das Stadion ist immer ausverkauft, die Stimmung ist überragend und das ist natürlich eine Motivation, diesen Verein wieder nach vorne zu bringen. Ich glaube auch, dass die türkische Liga unterbewertet wird. Ich glaube, sie ist besser, als sie medial dargestellt wird. Die Liga ist körperlich hart und der Druck ist enorm, wenn man für einen Verein mit 25 Millionen Anhängern spielt.

Oscar Wilde sagte mal: „Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt.“ Wie ist es bei Ihnen?

Geld ist definitiv wichtig, weil man sich das Leben dadurch erleichtern kann und vielleicht ein paar Sorgen weniger hat. Ich stimme aber nicht zu, dass es das Wichtigste im Leben ist. Das geht mir etwas zu weit.

Dann halten Sie es wie Albert Einstein, der sagt: „Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt.“

Ja, da hat er recht. Ich habe ein gutes Beispiel dafür: meinen Sohn. Den könnte ich mir für kein Geld der Welt kaufen. Von daher gilt auch für mich: Die besten Dinge des Lebens gibt’s nicht für Geld.

Viele Fußballer hört man immer wieder sagen, dass sie an die Zukunft und an die Familie denken müssen, wenn es um ihre Planungen geht. Hört irgendwann tatsächlich die Romantik auf, wenn man sich woanders finanziell besser absichern kann?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich finde diesen Ansatz gar nicht so verwerflich. Dass man dorthin geht, wo man am meisten Geld verdient. Egal ob man Fußballer ist oder einen anderen Job auf der Welt macht, versucht man am Ende des Tages das meiste für die Familie und für sich selbst herauszuholen. Vielleicht nicht für eine 1,50 Mark mehr, aber wenn es in andere Sphären geht, dann schon. Ich glaube, dass dann die Romantik aufhört. Vielleicht nicht mit 24, 25 Jahren, aber wenn man irgendwann weiß, dass man nicht mehr ein Leben lang Fußball spielen wird, denkt man ans Absichern. Das ist doch normal.

Das sind die Spitzenverdiener des Sports 2019

Machen Sie sich schon Gedanken über das Leben nach der Karriere?

Gedanken machen würde ich nicht sagen. Ich habe noch einige Jahre vor mir als Profi und will vor allem Akzente setzen für Fener in der Türkei: Meister werden, Champions League mit Fenerbahçe spielen. Diese ganzen Ziele kommen noch. Bis zum Ende meiner Karriere werde ich wahrscheinlich noch einige Menschen kennenlernen und weitere Interesse entwickeln. Nur eine Sache weiß ich sicher…

…wir sind gespannt.

Ich steige in ein Rennauto.

Immer mehr Fußballer werden Business Manager. Oliver Kahn hat Firmen aufgebaut, René Adler hat ein Start-up für Torwart-Handschuhe, Philipp Lahm ging Richtung Pharmaunternehmen. Jonas Hofmann aus Mönchengladbach hat Fastfood-Filialen. Wäre das etwas für Sie?

Über solche Dinge habe ich mir tatsächlich schon mal Gedanken gemacht. Eine App habe ich schon mal probiert, das hat aber leider nicht funktioniert. Ich weiß nicht, ob genau diese Sachen etwas für mich wären, aber natürlich bin ich offen für interessante Businessideen und die werden auch kommen. Der Fokus liegt aber erst mal absolut auf Fußball.

Ihr Präsident bei Fenerbahçe, Ali Koç, ist einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner der Welt. Haben Sie mal überlegt, ein Praktikum bei ihm zu machen?

Tatsächlich jetzt, nachdem ich die Frage gestellt bekommen habe: Ja, ich kann es mir durchaus vorstellen. Und nicht nur bei ihm. Ich war positiv überrascht, wie viele Möglichkeiten Istanbul bietet im Bereich Events, Design oder Medien und ich habe schon einige interessante Geschäftsleute kennengelernt. Ich kann mir schon vorstellen, mir einiges in den Bereichen anzugucken und anzuhören.

Max Kruse, sind Sie zufrieden mit dem bisher Erreichten Ihrer Karriere?

Ja, ich bin sehr, sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Es hätte sicherlich noch etwas dazukommen können, was aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hat, aber ich habe mich bei allen meiner Karriereschritte immer gut gefühlt und habe nie etwas bereut. Vielleicht bin ich nicht einer der besten Fußballer der Welt geworden, aber ich habe meine Qualität und meine Persönlichkeit bis jetzt unter Beweis gestellt. Ich habe auch noch einiges vor, von daher heißt es: Gas geben, es geht immer weiter.

Interview: Fatih Demireli

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Kenan Kocak im Interview: „Ich bin kein Träumer!“

Kenan Kocak gehört mit 38 Jahren zu der jungen Trainergeneration Deutschlands. Ein einfaches Leben hatte der neue Trainer von Hannover 96 aber nie. Ein Gespräch über Träume und Arbeit.

Kenan Kocak, können Sie sich daran erinnern, wovon Sie als Kind geträumt haben?

Es war der Traum einer großen Fußballerkarriere. Ein Traum, der meine Kindheit getragen und geprägt hat.

Wer waren Sie auf dem Bolzplatz?

Diego Maradona war ein großes Thema in meiner Kindheit. Ronaldo oder Zinédine Zidane später ebenfalls. Aber auch Lothar Matthäus war ein Spieler, zu dem man aufgeschaut und versucht hat, Dinge zu machen, so wie er sie tat. Das waren besondere Spieler.

Sie sind in Kayseri, in der Türkei, geboren, kamen aber schon als Zweijähriger nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Mein Opa war schon als Gastarbeiter in Deutschland. Und so wie es damals war, kamen die Familienangehörigen peu à peu nach. Erst mein Onkel, dann mein Vater, der meine Mutter und mich nachgeholt hat. Ich war noch sehr klein, habe von alldem nichts mitbekommen. Ich hatte keine Kindheit, in der ich mich neu integrieren musste. Ich begann dann in der F Jugend mit dem Fußballspielen.

Das ist die Altersgruppe der 7- bis 8-Jährigen.

Richtig. Ich wurde bei Phoenix Mannheim angemeldet, weil der Verein gleich in der Nähe unserer damaligen Wohnung war. Ich war schon immer sehr ehrgeizig, ich wollte meinen Traum erfüllen und habe viel investiert, um den Sprung zu schaffen.

Das Interview erschien in Ausgabe #18: Jetzt nachbestellen

Oliver Kahn hat mal bei SOCRATES gesagt, dass er auf dem Weg zum Erfolg deutlich mehr Emotionen verspürte als beim erreichten Erfolg selbst. Wie war es bei Ihnen, als Sie Fußballer wurden?

Ich hatte natürlich nicht die große Karriere eines Oliver Kahn, sodass ich das vergleichen könnte, aber als mich damals Uwe Rapolder zum ersten Mal zum Training der ersten Mannschaft eingeladen hat, war das für mich ein Highlight. Da habe ich registriert: „Hey Kenan, was läuft denn da?“ Ich bin stolz darauf, behaupten zu können, dass ich mein Ziel habe. Aber eine Woche nach meinem ersten Profivertrag lernte ich die negativen# Seiten des Profilebens kennen.

Sie haben Ihren ersten Kreuzbandriss erlitten.

Das war 1998. Die Medizin war noch nicht so fortgeschritten wie heute. Das war natürlich ein großes Handicap, wenn man als junger Profi so zurückgeworfen wird. Mir blieb letztlich die große Karriere aufgrund einiger Verletzungen und auch vieler falscher Entscheidungen verwehrt.

Sie mussten nach dem zweiten Kreuzbandriss Ihre aktive Karriere beenden. Entstehen da Existenzängste, weil Sie nichts anderes außer Fußball hatten?

Ich habe keine Angst vor Sachen, die ich sehen kann. Auch nicht vor etwas, das kommen kann.

Demnach konnten Sie das Karriereende auch einfacher verarbeiten?

Es war ja leider nicht so, dass bis zu meinem 27. Lebensjahr alles glatt gelaufen ist. Ich war oft verletzt, hatte viele Ausfallzeiten. Durch die vielen Rückschl.ge konnte ich mich darauf vorbereiten. Natürlich war ich im ersten Moment enttäuscht, aber mir blieb ja keine andere Wahl, als die Situation anzunehmen. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.

Wie lange haben Sie gebraucht, entscheiden zu können, was Sie danach machen wollen?

Fußballer denken selten darüber nach, was danach kommen könnte. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir der Trainerjob Spaß macht und dass ich mich in diese Richtung entwickeln möchte.

Sie haben direkt nach Ihrem Karriereende aber erst einmal bei der Stadt Mannheim ein Projekt mit schwer erziehbaren Jugendlichen geleitet und versucht, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hat sich Ihr eigenes Unglück relativiert, als Sie diese jungen Menschen gesehen haben?

Ich bin ein großer Verfechter von Bescheidenheit und Demut. Grundsätzlich müssen wir, die mit Fußball ihren Lebensunterhalt verdienen, wissen, dass wir einen privilegierten Beruf haben und auf einem hohen Niveau jammern. Wenn man sieht, welche sozialen Fälle und Probleme es gibt, sollten wir dankbar sein, dass wir von diesen Dingen verschont geblieben sind.

Hilft Ihnen die Erfahrung von damals in Ihrem Trainerjob?

Menschenführung ist ein schwieriges Thema. Es ist schwer zu lernen, denn es liegt im Naturell und im Charakter eines Menschen, wie er Führungsaufgaben und Positionen definiert und ausführt.

Menschenführung war auch ein Teil des Unterrichts in der DFB-Trainerausbildung. Sie gehörten 2015/16 zum auserwählten Kreis der 25 Trainer, die teilnehmen durften. Sie kamen mit einer anderen Lebensgeschichte als die übrigen Teilnehmer. Haben Sie das gespürt?

Schon. Der Kurs war voller Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten, mit Domenico Tedesco oder Julian Nagelsmann waren Trainer dabei, die heute bundesweit bekannt sind. Da waren Teilnehmer dabei, die ein abgeschlossenes Studium hatten. Sie kamen direkt von der Uni und taten sich leichter. Ich musste erst einmal das Lernen lernen.

Inwiefern?

Ich musste erst einmal wieder herausfinden, welche Optionen es beim Lernen gibt, herausfinden, was für ein Lerntyp ich bin. Ich musste mich regelrecht reinkämpfen. Mithilfe der Dozenten, aber auch der anderen Teilnehmer, ist mir das aber gelungen. Es gab keine Ausgrenzung.

Und Sie konnten sich nicht einmal aufs Lernen konzentrieren. Sie waren Trainer bei Waldhof Mannheim, mussten im Zuge der Ausbildung auch eine Hospitanz beim SV Darmstadt 98 machen…

…und ich war noch Sportlicher Leiter bei Waldhof – als einzig hauptamtlicher Angestellter.

Wie haben Sie das durchgehalten?

Es war eine große Verantwortung. Waldhof ist ein großer Traditionsverein, der versucht, in den Profifußball zurückzukommen. Es war eine sehr intensive Zeit. Der Dank gilt meiner damaligen Mannschaft, dem Trainerteam, den Führungsspielern um Hanno Balitsch oder Michael Fink, die mir das Leben einfach gemacht haben. Wir haben das gemeinsam geschafft.

Hat Sie der Traum, es als Profitrainer zu schaffen, – salopp gesagt – am Leben gehalten?

Ich bin kein Träumer. Es bringt mir nichts, davon zu träumen, in ein paar Jahren irgendwo sein zu wollen oder sein zu müssen. Die wichtigste Zeit ist die Gegenwart. Ich versuche, das Beste aus ihr herauszuholen und zu arbeiten, dass gewisse Dinge passieren. Träume machen nur Sinn, wenn man täglich an ihnen arbeitet.

Der Socrates Newsletter

Ihr Name wurde immer wieder mit Bundesliga gehandelt. Wie reagieren die Kinder? Schreien sie: „Papa, schau mal, Stuttgart will dich haben. Wann unterschreibst du?“

Meine Kinder sind noch zu klein, um das zu registrieren, daher bleiben mir diese Situationen zum Glück noch erspart, aber das kann sich mit der Zeit ja noch ändern (lacht).

Was ist Ihre Maxime als Trainer?

Meine Aufgabe als Trainer ist es nicht, mich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern die Mannschaft. Ich bin ein Teil des Klubs. Ich möchte, dass meine Spieler eines Tages über mich sagen, dass ich sie inhaltlich, aber auch persönlich weitergebracht habe. Das ist meine Maxime. Ich weiß, dass ich sehr fordernd bin, aber ich unterstütze meine Spieler auch.

Dann ist es eine große Freude für Sie, wenn Ihr früherer Spieler Denis Linsmayer vom SV Sandhausen sagt, dass er seit Ihrer Ankunft ein besserer Fußballer geworden ist…

Das liegt vor allem erst einmal daran, dass Denis hervorragend arbeitet und selbst diesen Weg geht. Ich kann meinen Spielern meine Hilfe anbieten, meine Ideen weitergeben und Ihnen die Tür öffnen. Sie müssen durch diese Tür gehen.

Einer, der für Sie die Tür geöffnet hat, ist Frank Wormuth, Ihr Ausbilder beim DFB. Er hat bei uns im Interview gesagt, dass Taktik, insbesondere eine Systemdiskussion, überbewertet wird, weil es primär um den Menschen geht und es der Mensch ist, der die Taktik überträgt. Das klingt sehr nach Ihnen.

Wenn ein Trainer vor der Mannschaft steht, aber die Fachkompetenz nicht mitbringt, kann er noch so ein guter Typ sein, wie er will – es wird nicht helfen. Es braucht eine gewisse Fachkompetenz, um den Spielern erklären zu können, für welchen Fußball man steht. Aber Frank Wormuth hat recht. Wenn man die beste Fachkompetenz hat, aber keinen Zugang zu den Spielern findet, dann bringen dir die Inhalte auch nichts. Die Vermittlungskompetenz ist extrem wichtig und wird in Zukunft noch wichtiger.

Warum?

Wir Trainer haben heutzutage nur eine bestimmte Zeit, um gewisse Details am Spiel und am Spieler zu verbessern. Da gilt es, mit höchster Konzentration und mit Besessenheit daran zu arbeiten und es schnellstmöglich zu entwickeln.

Merken Sie eigentlich, wenn mal Ihre Ansprache zur Mannschaft nicht fruchtet?

Das merkt man schon. Aber ich denke, dass passiert jedem Mal. Ich bin keiner, der Ansprachen nach Schema F macht oder sie irgendwo abliest. Ich verlange von mir und meiner Mannschaft Authentizität. Wenn ich mal schlecht gelaunt bin, dann bin ich es. Ich werde niemals schauspielern. Und ich will auch nicht, dass das meine Spieler tun. Sie sollen offen sein. Ehrlichkeit ist ein wichtiger Faktor.

Haben Sie Trainervorbilder?

Es gibt Kollegen, die ich bewundere und deren Spiele ich mir ansehe. Irgendwer hat mal gesagt, dass Stillstand Rückschritt ist. Das stimmt. Ich darf nicht den Fehler machen, dass ich denke, dass ich alles besser weiß. Ich bin offen und neugierig auf neue Sachen.

Wer sind die Trainer, die Sie bewundern?

Pep Guardiola spricht für sich. Marcelo Bielsa ist ein fantastischer Trainer aus Argentinien. Johan Cruyff habe ich bewundert. Joachim Löw beeindruckt mich mit seiner Art. Er ist Weltmeister geworden und ist dennoch Mensch geblieben. Auch Thomas Tuchel darf nicht vergessen werden. Er war der Wegbereiter für junge Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren. Er hat die Türen geöffnet, sodass heute zahlreiche junge Trainer in der Bundesliga arbeiten.

Sie kennen Thomas Tuchel gut. Wie bewerten Sie es, dass er in der Öffentlichkeit oft auf seine zwischenmenschlichen Fähigkeiten reduziert wird?

Ich habe Thomas als wunderbaren Menschen kennengelernt. Und zu was er als Trainer im Stande zu leisten ist, steht außer Frage. Natürlich fragt man sich schon, wie so ein Image, das Thomas bei manchen gerade leider hat, entstehen kann, wenn man persönlich ganz andere Erfahrungen gesammelt hat. Das finde ich sehr schade.

Bei der Trainerausbildung ist es die erste Aufgabe, auf einem DIN-A4-Blatt den Fußball zu erklären. Was stand bei Ihnen darauf?

Der Mensch im Mittelpunkt. Fertig.

Interview: Fatih Demireli

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Bekir Refet: Der erste „Bomber“ Deutschlands

Bekir Refet war der erste türkische Fußballer in Deutschland. Doch seine Wahlheimat bescherte ihm mehr Schicksalsschläge als ein paar Tore. Er starb sogar zwei Mal. Ein Porträt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Es waren die letzten Augusttage. Istanbul hatte die drückend heißen Temperaturen hinter sich gelassen und war so windig und kühl wie in einem gewöhnlichen Herbsttag. Die Zugzeit der Störche war längst gekommen. Eine Gruppe junger Männer hatte sich am Hauptbahnhof in Sirkeci getroffen und wartete auf ihren Zug. Das Leben in Anatolien war damals, um das Jahr 1920, durch den schmerzhaften Befreiungskrieg geprägt. Diese jungen Männer aus Istanbul sollten sich aber vom Krieg noch mehr entfernen und in anderen Ländern einen weiteren Kampf führen. Vor der Reise herrschte gute Stimmung. Die letzten Fotos, die letzten Gelächter…

Einer von ihnen schob seinen Holzkoffer mit seinem Fuß in die Nähe des Zuges. Er stellte sich darauf und schrieb mit der Kreide, die er aus seiner Tasche hervorholte, an das Äußere eines der Waggons auf Französisch: „Footballistes de Galatasaray“. Ein anderer füllte das strohgelbe Telegrammformular aus, das er am Rücken eines Freundes fixiert hielt: „Wir machen uns auf den Weg nach Lausanne. Hochachtungsvoll, Bekir.“

Bekir Refet: Wie wurde er zum Star?

Bekir spielte nicht bei Galatasaray. Damals war er im Kader von İttihatspor, dem Nachfolger von Altınordu, der als der Verein des Komitees für Einheit und Fortschritt, der mächtigsten Partei der Jungtürken, bekannt war. Im Istanbul der Besatzungsjahre gewann Altınordu alle Meistertitel. Diesen Erfolg verdankte der Verein den Stars, die mit verschiedensten Versprechungen von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş geholt wurden. Auch Bekir war einer dieser Spieler. Er war bereits mit 13 Jahren, als er noch zur Numune Mittelschule in Kadıköy ging, entdeckt worden, und hatte drei Jahre in der Jugend von Fenerbahçe gespielt, bevor er im Kader der ersten Mannschaft spielen durfte.

Nachdem er es dort schnell zu Ruhm gebracht hatte, wechselte Bekir ein Jahr später zu Altınordu. Und nun wurde er auf Bitten der Verantwortlichen für die Spiele in Europa in den Kader von Galatasaray aufgenommen. Was machte ihn im jungen Alter zu einem Star? Der kleinwüchsige, untersetzte, dunkelhäutige Junge hatte das Fußballspielen in Kadıköy, wo er geboren und aufgewachsen war, von Engländern gelernt. Aus späteren Interviews mit ihm geht hervor, dass er sich glücklich schätzte, weil er das Spiel von „Erfindern des Fußballs“ lernen konnte.

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Bekir bezauberte die Zuschauer vor allem mit seinem Talent. Er war so ein flinker Fußballer, dass er sogar sich selbst umspielen könnte. Seine Ballbeherrschung war beispiellos. Seine scharfen Augen schenkten seinen Schüssen Treffsicherheit und seine breiten, muskulösen Beine eine hohe Geschwindigkeit.

Als Fenerbahçe gegen die Besatzung des in Istanbul geankerten berühmten Schlachtkreuzers Goeben spielte, wurde er von den deutschen Matrosen „roter Teufel“ genannt. Und es wird erzählt, dass er in einem Spiel gegen die Mannschaft der französischen Besatzungsmacht einen alten Schuhputzer mit einem Schuss ins Krankenhaus beförderte. Er war eine Fußballlegende, die mit ihren Schüssen einen Büffel umlegen, den Holzzaun neben dem Spielfeld demolieren, die Torpfosten ins Netz jagen konnte. Er könnte als Urgroßvater Gerd Müllers gelten, denn er war der erste Träger des Spitznamens „Bomber“.

Der Besuch von Emil Oberle

Die Europatour im Jahre 1921 war ein Wendepunkt in Bekirs Leben. Nach den Spielen in der Schweiz kam die Mannschaft nach Deutschland. Ihre erste Station war Karlsruhe. Dort brillierte Bekir im Spiel gegen den FC Phönix. Danach waren Frankfurt, Ludwigshafen und Köln an der Reihe. Die Mannschaft kehrte nach einer ermüdenden Tour, bei der sie in 45 Tagen 17 Städte besucht hatte, schließlich in die Heimat zurück. Aber in dem Zug, der nach Sirkeci fuhr, war der von Altınordu ausgeliehene Bekir nicht dabei. Er hatte sich bei einem Spiel in Hamburg verletzt und war für die medizinische Behandlung in Deutschland geblieben.

Im Krankenhaus besuchte ihn Emil Oberle, ein Spieler des FC Phönix, der in der Vergangenheit auch bei Galatasaray gespielt hatte. Der FC Phönix wollte Bekir verpflichten. Emil sagte zu ihm: „Beiß zwei Jahre lang die Zähne zusammen, danach kannst du nach Istanbul zurückkehren und dort mit dem Geld dein eigenes Geschäft eröffnen.“ Als Bekir Refet im Oktober 1921 den Vertrag unterschrieb, ging er nicht nur als der erste türkische Fußballspieler in Deutschland, sondern ebenfalls als der erste türkische Fußballprofi überhaupt in die Geschichte ein.

Bekir war vielleicht der erste der türkischen „Gastarbeiter“, die sich später mit einem unaufhörlichen Traum von der Heimkehr an ihrem Leben in Deutschland festhielten und dieses im Schatten des Traums in Deutschland fristeten. Zunächst heiratete er und bekam ein Kind. Seinem Sohn gab er den Namen seines Vaters sowie seines besten Freundes, mit dem er Jahre lang bei Fenerbahçe und Altınordu zusammengespielt hatte: Nuri. Später ließ sich Bekir von seiner Frau scheiden; Nuri blieb bei seiner Mutter. Bekirs Heimweh vermengte sich mit der Sehnsucht nach seinem Sohn, die letztendlich überwog. So blieb Bekir in Deutschland, während sein Sohn aufwuchs, um ihn wenigstens ein Mal die Woche sehen zu können, und seine Heimkehr musste für einige Zeit aufgeschoben werden.

Bekir besuchte 1924 und 1927 auf Einladung seines ehemaligen Vereins Fenerbahçe hin Istanbul, um gegen Slavia Prag zu spielen. Als er am 3. Juni 1927 seinen Fuß auf den Boden des Hauptbahnhofs in Sirkeci setzte, wurde er von seinen Freunden empfangen und direkt zum Taksim-Stadion gebracht. Als er auf der Ehrentribüne gesichtet wurde, brach in der Menge, die dem Spiel zwischen Galatasaray und Slavia beiwohnte – fast 5000 Zuschauer –, für die Fußballlegende ein stürmischer Beifall los. Bekir war nicht vergessen.

Die Gelb-Blauen gewannen gegen Slavia Prag, die damals unbesiegbare Mannschaft Europas, mit einem Kopfballtor Bekirs. Ein Sieg, der damals als eines der größten Ereignisse im türkischen Fußball angesehen wurde. Bei seinem vorerst letzten Besuch blieb Bekir fünf Monate in Istanbul und spielte in weiteren Freundschaftsspielen für Fenerbahçe. Bekir hatte Istanbul vermisst und wollte bleiben. Aber: In der Türkei war professioneller Fußball verboten. Als ihm die Erlaubnis, in seiner Heimat zu spielen, verweigert wurde, kehrte Bekir verbittert nach Deutschland zurück. Er war sauer auf die verantwortlichen des türkischen Fußballbunds. Fast 25 Jahre kehrte er nicht in sein Heimatland zurück.

Allerdings widerstand er aber auch den beharrlichen Bitten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er lebte weiter als ein einsamer Türke in Karlsruhe. Vielleicht entschied er sich auch deswegen für den Nachnamen Teker (Anm. d. Red. Einsamer Soldat auf Türkisch). Als er 1951 als Ehrengast des Türkischen Fußballbunds in sein Land kam, um dem Länderspiel zwischen der Türkei und Deutschland beizuwohnen, sprach er mit einem gebrochenen Türkisch zu den Zeitungen und erklärte sich mit dem Interesse der Jugendlichen zufrieden, die ihn zum ersten Mal gesehen hatten.

Der Fußballmigrant, der seine Karriere nach dem FC Phönix beim Karlsruher FV und dem FC Pforzheim fortsetzte, schaffte es, überall Publikumsliebling zu werden. Die Presse sprach davon, dass ein Türke in Deutschland Geschichte schrieb. Der Kicker machte den „Bomber“ sogar zur Titelstory. Er besaß alle Eigenschaften, die ein guter Fußballspieler brauchte. Wenn er den Ball am Fuß hatte, dribbelte er großer Geschwindigkeit, brachte die gegnerische Abwehr durcheinander, raubte mit seinen Toren den Zuschauern den Atem.

Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris schoss er im Spiel gegen die Tschechoslowakei als Kapitän die beiden Tore der türkischen Nationalmannschaft. Bei Olympia 1928 in Amsterdam, als die Türkei gegen Ägypten sieben Tore kassierte, kam der Ehrentreffer ebenfalls von Bekir. Nach seinem letzten Auftritt im Taksim-Stadion hatte Bekir in Karlsruhe ein Zeitungs- und Tabakgeschäft eröffnet, das seinen Namen trug.

Nachdem er mit dem Ende seiner Fußballkarriere im Alter von 38 Jahren als Einzelhändler ins Zeitungsgeschäft eingestiegen war, wurde er zum Zeitungsgroßhändler. Seine Geschäfte liefen bis zum Kriegsausbruch gut. Aber die Bombardierung Karlsruhes brachte sein Leben wieder durcheinander. Sein Kiosk war niedergebrannt und geplündert, die Kommunikation mit seiner Heimat völlig zusammengebrochen.

Zu dem Zeitpunkt berichteten türkische Medien sogar über Bekirs Tod. Der berühmte Sportmoderator Sait Çelebi brach sogar in Tränen aus, als er von Bekir erzählte, und es wurde berichtet, dass der damalige Außenminister, Şükrü Saraçoğlu, sich mit Deutschland in Verbindung setzte, um den Leichnam des legendären Fußballers abholen zu lassen. Nach der einwöchigen Trauer in der Sportwelt kam jedoch heraus, dass es sich um einen anderen Türken namens Bekir handelte, der in Deutschland gestorben war.

Der falsche Tod

Der „Bomber“ hatte Glück, er lebte. Aber unter den Verwundeten waren Freunde von ihm. Als er sie im Krankenhaus besuchte, konfrontierte das Leben ihn mit einer neuen Überraschung. Oberschwester Else und Bekir verliebten sich. Nach zwei Jahren Partnerschaft heirateten sie 1945. Else an seiner Seite zu haben, half Bekir dabei, über seine Einsamkeit hinwegzukommen.

Bekir, der finanziell schwer angeschlagen war, klammerte sich durch materielle sowie moralische Unterstützung seiner deutschen Frau wieder am Leben fest. Nach dem Kriegsende konnte er nach intensiven bürokratischen Auseinandersetzungen zusammen mit seiner Frau seinen Laden wieder eröffnen. Obwohl er sich danach sehnte, konnte er nach 1951 die Türkei nie wieder sehen.

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1959 beendete er seine Karriere als Inhaber eines Ladens, in dem neben Tabak und Zeitungen auch Magazine, Bücher und Sportartikel verkauft wurden, und ging in Rente. Danach führte er zusammen mit seiner Frau ein asketisches Leben in einer Wohnung in Ettlingen, nahm aber regelmäßig türkische Migranten auf, die allmählich nach Deutschland kamen.

Als er 1977 in einem Krankenhauszimmer seine letzte Reise antrat, stand die Frau an seinem Bett, mit der er die letzten 32 Jahre seines Lebens geteilt hatte. Sein Tod, diesmal handelte es sich um den „richtigen“ Bekir, löste in der Türkei wieder große Trauer aus. Selbst Jahre nach seiner Karriere noch wurde in türkischen Medien an Bekir Refet erinnert wie an einen Märchenhelden: „Wer war nun dieser Bekir? Hatte er wirklich gelebt? Ist es wahr, dass man sein linkes Bein festkettete, damit er die Torhüter nicht mit seinen erbarmungslosen Schüssen verletzte? Sind die Gerüchte, dass einer seiner Schüsse die Rippen eines Ochsen, ein anderer den Torpfosten brach, nur Märchen gewesen? (…) Für diejenigen, die jene Tage miterlebten, war Bekir ein legendärer Mann, der aus einer mythologischen Welt gekommen war.“

Bekir Refet war ein Held, um den zwei Mal getrauert wurde…

Sevecen Tunç

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Galatasaray – Fenerbahce: Ich hasse und ich liebe

Galatasaray und Fenerbahce haben keine Klassen-Unterschiede. Auch Religion oder Politik trennt sie nicht. Doch warum sind beide Lager verfeindet? Autor Bülent Timurlenk geht für Socrates der Sache auf der Grund.

Am liebsten würde ich eine ganz einfache Erklärung abliefern, doch im Gegensatz zu vielen anderen Derbys irgendwo auf der Welt lässt sich im Fall von Fenerbahçe und Galatasaray leider nicht so problemlos dingfest machen, woher all die Rivalität, der Hass und die Leidenschaft eigentlich rühren. Wo sich bei Boca Juniors und River Plate ein Gegensatz zwischen reich und arm definieren lässt, bei Real und Atlético zwischen Monarchisten und Republikanern, bei Celtic und Rangers zwischen Katholiken und Protestanten, bei Torino und Juventus zwischen Städtern und Zugewanderten, bei Panathinaikos und Olympiakos zwischen alteingesessenen Familien und Hafenbewohnern, fehlt es bei Fenerbahçe und Galatasaray an einem historischen oder soziologischen Faktor, aus dem heraus sich der scharfe Schnitt erläutern ließe, der gleichsam einen Laib Brot in zwei Hälften teilt.

Der manchmal herangezogene Erklärungsversuch, Galatasaray sei eher der aristokratische Verein und Fenerbahçe der bürgerliche, fällt alleine deswegen schon flach, weil es in der Türkei kaum eine Bevölkerungsgruppe gibt, die sich als aristokratisch bezeichnen ließe. Ist mit Aristokratie lediglich gemeint, dass die Schüler des Galatasaray-Gymnasiums um Ali Sami Yen, die den Verein 1905 gründeten, nicht aus der anatolischen Provinz stammten, sondern aus Istanbul beziehungsweise dem Balkan, so mag Galatasaray meinetwegen aristokratisch sein, wenn auch fünf Meter im Abseits. Die Mitglieder von Galatasaray wurden wegen der Unterrichtssprache ihres Gymnasiums stets als „Franzosen“ verhöhnt, doch als man auf der anderen Seite des Bosporus als Konkurrenzverein Fenerbahçe gründete, ging die Initiative dazu wiederum von Schülern eines französischen Gymnasiums aus, nämlich Saint Joseph.

Mit nur zwei Jahren Abstand erfolgte die Gründung der beiden Vereine zu einer Zeit, als das Osmanische Reich allmählich zerfiel und in den Balkankriegen unter die Räder geriet. Als nach dem Ersten Weltkrieg Istanbul von den Alliierten besetzt war und Spieler von Galatasaray und Fenerbahçe gegen englische Mannschaften antraten, waren sie natürlich „Brüder“. Das Osmanische Reich musste ja nicht nur den Fußball erst entdecken, sondern überhaupt den Sport, und Fußballplätze wurden noch nicht Stadion genannt, sondern „Wiese“, wie etwa der Platz, an dem später das Fenerbahçe-Stadion entstehen sollte und zu dieser Zeit „Wiese des Pastors“ hieß.

Zu Galatasaray und Fenerbahçe gesellte sich später noch ein dritter großer Istanbuler Verein, nämlich Beşiktaş, und die Urbanisierung, die im Gefolge der von Atatürk gegründeten modernen türkischen Republik einsetzte, bescherte dem Istanbuler Trio zunächst Hunderttausende und später dann, als die Bevölkerung allmählich an die 80 Millionen heranreichte, gar Millionen von Fans. Vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechziger Jahre hatte dabei Fenerbahçe stets mehr Anhänger als Galatasaray.

Warum aber laufen die Türken heute vor allem diesen drei Großen hinterher und leben ihre Fußballleidenschaft nicht lieber dort aus, wo sie geboren oder zugezogen sind? Angeblich gibt es heute 25 Millionen Anhänger von Fenerbahçe, 25 Millionen von Galatasaray und 20 Millionen von Beşiktaş. Wer bleibt da noch für die Hunderte von anderen Vereinen übrig? Oder ist man auch oft für mehr als einen Verein? Eine der Antworten darauf ist in der türkischen Familienstruktur zu finden. Vereinsanhängerschaft gilt dort (wie vieles andere) als eine Art Erbe, das – auch wenn es mal zu Abweichungen kommt – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein türkisches Kind wird sich für den Verein entscheiden, dem sein Vater anhängt. Eine Frau kann, wenn es denn sein muss, dem Mann zuliebe, den sie heiratet, die Mannschaft wechseln, doch an allem Anfang steht zumeist ein Vater, der mit dem Kind an der Hand ins Stadion geht oder sich im Vereinstrikot mit ihm vor das Radio oder den Fernseher setzt, es in die Vereinshistorie einführt und ihm die ersten Schlachtrufe beibringt.

Wie wohlhabend oder gebildet man ist, in welchem Viertel man wohnt oder die Weltanschauung, spielt bei der Entscheidung für Galatasaray oder Fenerbahçe keine Rolle. Aber wie es halt im Leben ist, führen oft auch Umwege ans Ziel. Kinder aus einer Fenerbahçe-Familie werden durch einen fußballbegeisterten Onkel ins Lager von Galatasaray entführt. Zwillingsmädchen aus einer Beşiktaş-Familie finden nur deshalb, weil sie neben den Trainingsanlagen von Galatasaray wohnen, an deren Gelb und Rot auf einmal mehr Gefallen als am klassischen Schwarz-Weiß. Und während Rahmi Koç, der Gründer des größten türkischen Industriekonzerns, Fan von Beşiktaş war, ist sein Sohn Ali Koç Präsident von Fenerbahçe. Dessen Liebe zu Fener begann, als er als Kind von einem Chauffeur seines Vaters zur Schule gebracht wurde, der leidenschaftlicher Fenerbahçe-Anhänger war…Was ist nun eigentlich das Besondere am Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahçe, das gewiss zu den zehn heißesten Derbys weltweit zählt, aber nicht wie die berühmten europäischen Derbys in zig Ländern übertragen wird und es auch nie zu einem eigenständigen Namen gebracht hat, weil alle dahingehenden Versuche (Bosporus-Derby, Interkontinental-Derby, DerbIstanbul) an der Sache abgeglitten sind wie an einer Teflonpfanne?

Die Antwort ist ganz einfach. Da wäre einmal Leidenschaft, dann Liebe, und schließlich Hass. So wie man sich von anderen Menschen nur dadurch unterscheidet, dass man eben nicht die gleiche Sprache spricht, nicht im Körper des anderen steckt, in einer anderen Zeitzone oder nach einem anderen Kalender lebt, so ist man eben für Fenerbahçe oder für Galatasaray. Und so wie bei allen Derbys auf der Welt am Derby-Morgen die Menschen beim Aufwachen schon eine Anspannung spüren, eine Aufregung, einen Adrenalinstoß, so ist es eben auch in Istanbul.

Während man im Leben sein Herz oft mehr als einmal verschenkt, kann man wenigstens in der Liebe zu Galatasaray oder Fenerbahçe so etwas Heiliges wie ewige Treue ausleben. Woanders mögen Namen und Gesichter wechseln und nur die Formel „Ich liebe dich“ stets die Gleiche bleiben, doch zu Galatasaray oder Fenerbahçe lässt sich aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe nie jemanden anderen geliebt als dich.“ Und wenn einem auch im Grund die Farbkombination des Vereins nicht wirklich steht, füllt man dennoch den Kleiderschrank mit T-Shirts, Trikots und Jacken in Gelb-Rot oder eben Gelb-Blau. Das Derby lässt sich auch damit vergleichen, dass man als Jugendlicher für ein Musikidol schwärmt und sein Zimmer mit Postern von Madonna oder Pink Floyd zupflastert und als Erwachsener dann einen anderen Musikgeschmack entwickelt, sich an jene Poster von damals aber noch immer gern zurückerinnert.

Wer beim Derby den heutigen Spielern zujubelt, hat auch immer noch die alten Legenden der beiden Klubs in Erinnerung, Spieler wie Metin Oktay, Lefter Kü.ükandonyadis, Rıdvan Dilmen, Tanju Çolak, Aykut Kocaman oder Bülent Korkmaz, von denen es damals zahllose Poster gab. Das allererste Derby fand am 17.Januar 1909 statt, und zwar auf dem Platz des Union Club. Mit dem damaligen 2:0-Sieg Galatasarays wurde eine Tradition begründet, die den Zusammenbruch eines Reiches überlebte, der Gründung einer Republik beiwohnte, und die fortgeführt wurde, ob nun politisch gerade die Rechten oder die Linken am Ruder waren, ob es regnete oder schneite, ob es mit der Literatur gerade abwärts oder aufwärts ging, und im Gegensatz zu jeglicher Mode veränderte diese Tradition sich nie. Und einmal selbst aus der Mode kommen wird sie nie.

Ein Spruch, den Eduardo Galeano wohl in erster Linie über die Menschen seines Heimatkontinents Südamerika getan hat, passt auch recht gut zum Derby Fenerbahçe Galatasaray: „Ein Mann kann sich eine neue Frau suchen, eine neue Religion oder eine neue Partei, aber niemals einen neuen Lieblingsverein.“ Ein Tor, das man beim Derby hinnehmen muss, ist wie eine geliebte Frau, die einen verlässt… Ein verlorenes Derby dagegen ist absolute Verlassenheit. Steht man in der Tabelle hinter dem ewigen Rivalen, fühlt man sich betrogen. Denn dieses Derby zieht sich ja durchs ganze Leben. Der Nachbar ist für Fenerbahçe, der Kollege für Galatasaray, der Friseur für Fenerbahçe, der alte Schulfreund für Galatasaray, der Direktor für Fenerbahçe, und da wird eben andauernd gestichelt und gespöttelt und gewitzelt und verhöhnt.

So braucht man eben, um dieses Derby zu erklären, keine Begriffe wie katholisch/protestantisch, arm/reich oder städtisch/provinziell zu bemühen, denn so etwas braucht der Mensch nicht, um zu lieben und zu hassen. Wie heißt es doch schon beim römischen Dichter Catull: „Odi et amo“ (Ich liebe und ich hasse). In einer Welt, in der die Menschen noch immer nicht begreifen, wie sie jemanden, den sie einst geliebt haben,

nun derart hassen können, blickt das Derby Fenerbahçe-Galatasaray auf 108 Jahre Liebe und Hass zurück, die man überall zugleich spüren kann: zu Hause, auf der Straße, in der Schule, im Büro, im Stadion… Um das zu erfassen, braucht man kein Türkisch zu können, es genügt, so ein Derby einmal in Istanbul anzusehen. Dann werden Sie „Odi et amo“ erleben, zur Genüge.

Bülent Timurlenk