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Timo Werner im Interview: „Jetzt atmest du mal schnell in die Tüte“

Timo Werner jubelte einst Mario Gomez zu und glaubte nicht an eine große Fußballer-Karriere. Doch dann kam alles anders. Werner spricht im Exklusiv-Interview im Socrates Magazin darüber, warum er typisch ist und warum er sich erlaubt, immer noch ein junger Mann zu sein. 

Timo Werner, sind Sie typisch deutsch?

Das würde ich schon von mir behaupten.

Sie sind also ordentlich.

Ich bin sicherlich auch mal schludrig, aber in der Regel bin ich schon ordentlich, ja.

Bedeutet das, Sie räumen zuhause auf?

Meistens schon. Obwohl manchmal macht es auch meine Freundin. Okay, vielleicht doch eher sie. (lacht) Aber wenn es sein muss, dann mache ich es.

Welche klischeehaften, deutschen Eigenschaften machen Sie denn sonst noch aus?

Ich bin eigentlich immer pünktlich. Und ich würde von mir sagen, dass ich bei der Arbeit, also in jedem Training, arbeitseifrig bin. Ich bin keiner, der sich auf die faule Haut legt, sondern jemand, der sich anstrengt und immer besser werden möchte. Ich nehme das auch in anderen Berufsbereichen wahr: Die Deutschen sind schon sehr konsequent beim Aufstehen in der Früh und bei der Einhaltung der Arbeitszeiten – selbst wenn man möglicherweise einen Job hat, der einem nicht wirklich Freude bereitet. Die Arbeit wird immer erledigt. In dieser Hinsicht sind wir Weltmeister.

Das Interview mit Timo Werner erschien in der Ausgabe #20 im Juni 2018.

Timo Werner: „Keine schlechte Zeit für einen Stürmer“

Wie beim Fußball, der unsere Gesellschaft ebenfalls prägt. Welches deutsche Stürmer-Trikot hat Sie als Kind am meisten fasziniert?

Das Trikot von Mario Gómez. Er war mein Vorbild. Und ist Teil der deutschen Stürmer- Geschichte, die durchaus beeindruckend ist. Und aus der für mich Gerd Müller mit seinen zahlreichen Rekorden und Toren herausragt. Er ist für mich nach wie vor das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Natürlich folgen dahinter auch noch viele andere große Namen, die auf einem ähnlich überragenden Niveau waren und zu denen man als junger Stürmer aufschaut. Aber Gerd Müller kennt bis heute jedes Kind. Selbst die Kinder, die in diesem Jahrhundert geboren worden sind und ihn nie haben spielen sehen.

Speziell in den vergangenen Jahren wurde öffentlich bemängelt, dass es in Deutschland keine Stürmer mehr gebe. Hatten Sie dabei gelegentlich gedacht: Wartet ab, ich komme bald und löse das Problem?

Als ich nach Leipzig kam, war der Klub gerade erst aufgestiegen. Da war die Champions League noch sehr weit weg – genauso wie die Nationalmannschaft. Da hatte ich völlig andere Gedanken. Aber natürlich wusste ich, dass ich auf einer Position spiele, auf der in Deutschland Bedarf besteht und auf der man vielleicht ganz gut und schnell irgendwo reinstoßen kann. Es ist sicherlich keine schlechte Zeit für einen Stürmer. Als Zehner oder Außenbahnspieler hätte ich den Sprung in die Nationalmannschaft möglicherweise nicht so schnell gepackt. Vielleicht hatte ich da etwas Glück, aber im Endeffekt habe ich mir meinen Platz erarbeitet. Meine Torquote war zuletzt ja auch nicht so schlecht.

Problem gelöst.

Ich weiß gar nicht, ob es ein Problem gab. Man hat ja 2014 gesehen, dass Deutschland auch ohne echten Stürmer spielen und Weltmeister werden kann. Vor einigen Jahren haben viele nach einem zentralen Mittelfeldspieler gerufen. Zuvor wünschte man sich mehr Sechser oder Flügelspieler. Wir meckern ja alle gerne meistens an der Stelle, an der es scheinbar ein bisschen hapert.

Timo Werner: „Werde mich niemals Völler und Co. vergleichen“

Ist es als Stürmer in Deutschland aufgrund der großen Vorgängernamen besonders schwierig zu bestehen?

Es ist schon was anderes, Stürmer zu sein als Verteidiger. Wenn du den Ball reinschießt, bist du der große Held, der 80 Millionen Deutsche ins Viertelfinale, Halbfinale oder sogar Finale schießt. Und wenn du den entscheidenden Ball verschießt und Deutschland aus dem Turnier fliegt, bist du möglicherweise für vier Jahre der Depp. Das ist ein schmaler Grat, auf dem man als Stürmer wandelt. Aber ich habe mir genau diese Position ausgesucht. Ich wusste: Wenn ich irgendwann mal so weit kommen möchte, dann muss ich mit diesen Schwierigkeiten umgehen können. Und dabei macht es keinen Sinn, sich mit Spielern zu vergleichen, die vor 50, 60 Jahren aktiv waren und mittlerweile Legenden sind. Das wäre auch viel zu viel Druck. Wenn überhaupt, dann sollte man sich mit Spielern vergleichen, die aktuell auf dem Platz sind. Und dann kann man sagen: Es fehlt noch ein ganzes Stück zu einem Cavani oder Lewandowski.

Fehlt da bei Ihnen noch etwas?

Auf jeden Fall. Und deshalb liegt auch noch genug Arbeit vor mir. Aber nochmals: Ich werde mich selbst niemals mit einem Müller, Völler oder Rummenigge messen.

Um Vergleiche mit Gómez kommen Sie jedoch nicht herum. Früher Vorbild, jetzt Konkurrent. Wie nehmen Sie selbst dieses Duell wahr?

Einerseits ist es eine komische Situation. Ich saß im Alter von zehn, elf, zwölf Jahren früher im Stadion beim VfB Stuttgart und habe ihm zugejubelt, wenn er ein Tor geschossen hat. Jetzt sitze ich in der Kabine neben ihm, spiele manchmal sogar für ihn. Anderseits freue ich mich einfach riesig, dass ich es dorthin geschafft habe und dass ich den Weg meines Vorbildes nachahmen konnte. Es gibt viele junge Stürmer, die das gleiche Ziel haben wie wir. Aber es gibt wenige, die dieses dann auch erreichen.

Timo Werner: „Ich soll die Karriere genießen“

Vor allem in dieser rasanten Geschwindigkeit. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, unterschrieben Sie kurz zuvor in Stuttgart gerade Ihren ersten Profivertrag. Vier Jahre später mit Gomez im WM-Kader.

Wir haben 2014 mit dem VfB gegen den Abstieg gespielt, da war so ein Thema unrealistisch. Selbst wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich sehr bald in der Bundesliga, Champions League und Europa League viele Tore mache, dann auch noch Nationalspieler werde und ebenfalls treffe, dann hätte ich zu der Person gesagt: ‚Komm, wir gehen mal um die Ecke, du atmest mal schnell in die Tüte und dann ist alles wieder gut.‘ (lacht)

Dieser Person wären Sie jetzt etwas schuldig.

Absolut. Und ich freue mich natürlich, dass es so gekommen ist. Es ist schon Wahnsinn: Einst habe ich die WM teilweise beim Public Viewing als Fan verfolgt. Der Gedanke, dass ich selbst mal für die Nationalmannschaft spielen könnte, war ganz weit weg. Natürlich war mir bewusst, dass ich ein gewisses Talent besitze. Jedoch muss schon viel zusammenkommen, dass du da dann auch wirklich hinkommst.

Wünschen Sie sich gelegentlich nicht mal Zeit zum Durchatmen?

Es stimmt schon: Manchmal ist es schwer, alles zu realisieren und zu verarbeiten. Erst vor kurzem ging mit durch den Kopf: ‚Das ist jetzt schon deine fünfte Bundesliga-Saison. Jetzt sind auch schon wieder zwei Jahre RB Leipzig vorbei, du hast Champions League gespielt, bist Nationalspieler, stehst vor deiner ersten WM. Und du bist mittlerweile 22 Jahre alt, denkst aber, dass du eigentlich noch 19 oder 20 bist.‘ Die Zeit geht so schnell rum. Viele Personen von außen sagen immer, man solle die Karriere genießen, weil sie schnell vorbeigehe. Dass da was dran ist, habe ich in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gemerkt. Weil wir Menschen ja nicht in der Vergangenheit leben können, müssen wir alles im Hier und Jetzt betrachten. Und wenn man dann am Wochenende ein Spiel verliert, ist man die kommenden drei Tage sauer und kann sich eben nicht damit trösten, was man in den vergangenen Jahren alles geleistet hat.

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Timo Werner: „Ich kann noch viel lernen“

Fällt es da wirklich so leicht, sich keinen Kopf zu machen, wie Sie häufig betonen?

Wenn man gewinnt, ist es deutlich einfacher. Dann läuft vieles von alleine. Wenn man verliert, dann jedoch nicht. Dann kommt der Kopf ins Spiel. Erstens, weil man beginnt, sich selbst zu hinterfragen. Zweitens, weil man darüber nachdenkt, was mit der Mannschaft los ist, was gerade möglicherweise nicht so gut funktioniert. Natürlich mache auch ich mir dann Gedanken, warum man verliert, warum man selbst keine Top-Leistung erreicht hat. Nach Niederlagen hängen auch vergebene Chancen länger nach. Es gibt Phasen im Fußballgeschäft, die schwer sind – gerade wenn man aus einem Wettbewerb wie der Champions League oder der Europa League rausfliegt. Aber auch damit umzugehen, muss man lernen. Und ich denke, das habe ich ganz gut hinbekommen.

Was tun Sie, um die jugendliche Lockerheit beizubehalten?

Ich erlaube mir einfach, 22 zu sein. In meinem Alter ist es nicht so schwer, den Kopf frei zu bekommen. Dann muss man abends halt einfach auch Sachen machen, die man als normaler 22-jähriger Junge macht: sich vor die PlayStation hocken, ins Kino gehen, vielleicht auch abends mal mit der Freundin oder den Freunden weggehen. Und nicht versuchen, sich aufgrund des Jobs und des öffentlichen Interesses plötzlich anders zu verhalten. Man sollte als 22-jähriger Profi neben dem Fußball auch normal leben dürfen. Das erlaube ich mir.

Weshalb Sie in Fußball-Deutschland bereits als echter Typ mit klarer Haltung wahrgenommen werden. Empfinden Sie das als Kompliment?

Wenn damit Charakterstärke gemeint ist, freue ich mich durchaus darüber. Aber trotzdem bin ich in einem Alter, in dem ich mich noch nicht als riesigen Typen bezeichnen würde. In der Nationalmannschaft habe ich viele gestandene Personen um mich herum: einen Müller, einen Hummels, einen Kroos. Das sind alles Spieler, an denen ich mich orientiere. Das sind Spieler, die mit ihrer Willensstärke vorangehen und von denen ich noch viel lernen kann.

Spiegelt das öffentliche Bild des Fußballers Timo Werner, der auch mal aneckt, den privaten Timo Werner korrekt wider?

Ich bin schon jemand, der deutlich zeigt, dass ihm etwas nicht gefällt, wenn er unzufrieden ist. Und trotzdem bin ich eigentlich ein lieber Junge, der niemandem etwas Böses will. Besonders in den vergangenen Jahren habe ich einige Dinge erlebt, die mich haben reifen lassen. Als Fußballer und als Mensch. Ich habe auch kein Problem damit, in diesem Zusammenhang nochmal meine Schwalbe 2016 gegen Schalke zu erwähnen, für die ich viel Kritik einstecken musste, vor der ich mich aber nie verkrochen habe. Jeder hat ja so eine innere Stimme. Meine sagt mir, dass ich wirklich gut mit der Situation umgegangen bin und dass ich es durchaus verdient habe, nach allen Schwierigkeiten nun auch weiterhin Erfolg auf dem Platz zu haben.

Sie streben mehr danach, erfolgreich anstatt everybody’s darling zu sein?

Everybody’s darling – ich weiß gar nicht, ob das geht. Natürlich strebe ich nach Erfolg, ich bin schließlich Leistungssportler. Aber dennoch bin ich keiner, der es sich dabei mit allen Menschen verscherzen oder der da draußen der große Buhmann sein möchte. Ich will keine Show abziehen oder den großen Macker raushängen lassen. Ich will einfach meinen Traum leben, Fußball spielen und meine Leistung bringen. Für meinen Verein. Und für mein Land.

Welchen Anteil hat RB Leipzig an Ihrem Erfolg?

Ich habe RB sehr viel zu verdanken. Der VfB Stuttgart war mein Ausbildungsverein. Aber hier in Leipzig bin ich zu dem Profi geworden, der ich jetzt bin. Hier habe ich viel Neues im taktischen Bereich, aber auch bei der Arbeit mit dem Ball gelernt. Für mich steht fest: Ohne RB wäre ich nicht Nationalspieler geworden. Aber im Turnier hilft einem der Verein leider nichts. Da müssen mir meine persönlichen Stärken Flügel verleihen. Und die müssen mich auch durch meine Karriere tragen, selbst wenn ich RB irgendwann einmal verlassen sollte.

Der Socrates Newsletter

Wie wertvoll ist für dieses große Ziel der Austausch mit Trainer-Assistent und Ex-Stürmer Miro Klose?

Miro ist gerade für einen jungen Stürmer ein wichtiges Detail im Trainerstab. Er ist eine Persönlichkeit, die aufgrund ihrer großen Turniererfahrung wertvolle Tipps geben kann. Er kommt viel auf mich zu, weil er weiß, dass ich sehr viel zu lernen habe. Er gibt mir seine Empfehlungen weiter. Dabei waren auch schon zwei, drei Tipps, die sich in Länderspielen dann auch tatsächlich in Tore umgemünzt haben.

Dürfen Sie diese Tipps verraten oder sind diese so geheim, dass dadurch auch Ihre Sturm Konkurrenz umgehend besser trifft?

Es handelt sich dabei vor allem um Laufwege vor dem Tor und Gedanken, die man vor dem Torabschluss entwickelt. Das trainiere ich dann einfach zwei-, dreimal mit Miro und übernehme es dann eher instinktiv. Das geht bei mir relativ schnell. Miro ist daher sehr wichtig für mich.

Andere Frage: Wie froh sind Sie, dass Sie Werner heißen und nicht Schuh wie Ihr Vater, der selbst Fußballprofi war?

(lacht) Mein Papa ist darüber nicht froh, auch wenn er sich mittlerweile damit abgefunden hat. Für mich ist das kein Problem. Man gewöhnt sich an den Namen, den man trägt. Es wäre komisch, jetzt Schuh zu heißen.

Haben Sie mal über die möglichen Schlagzeilen im Boulevard nachgedacht?

Da hätten sich wahrscheinlich einige angeboten. Wahrscheinlich sollte ich also froh sein, Werner zu heißen. Der Name klingt ja auch typisch deutsch.

Interview: Felix Seidel

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Kevin Kuranyi im Interview: „Ich war der Schlechteste“

Es gibt Fehler, die Kevin Kuranyi bereut, aber ansonsten ist der ehemalige Stürmer sehr zufrieden mit einer Karriere mit weit über 500 Spielen für den VfB Stuttgart, Schalke 04 und Co. Im Interview erzählt er, wie er aus wenig Talent viel machte und warum Julian Nagelsmann eine Universität ist.

Kevin Kuranyi, wie sieht heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, bereite die Kinder für die Schule vor und fahre sie um viertel vor acht dort hin. Danach gehe ich ins Fitnessstudio, um fit in den Tag zu starten. Dann beginnen schon die Termine. Da kann es um meine Immobilien gehen oder um die Spieler, die ich betreue. Da steht viel an. Als Rentner hat man viel zu tun (lacht).

War das Leben als Fußballer entspannter?

Es war einfacher. Man wusste ganz genau: Am Morgen wird mit der Mannschaft gefrühstückt, dann gibt es Training und mittags ist man schon fertig. Und jetzt muss man genau planen, den Tag oder die Woche vorbereiten. Treffe ich heute den Stadtrat oder erst # morgen? Wann kommt der Projektplaner? Am Wochenende schaut man sich dann weiter die Fußballspiele an, aber das muss alles gut vorbereitet werden.

Sie sagen es: Als Spieler war ein Training oder ein Spiel immer ein Ziel. Was passiert, wenn dieser Ankerpunkt plötzlich weg ist? Wie kompensiert man diesen?

Ich musste mir Zeit geben. Ich musste das tatsächlich erst einmal verarbeiten und verstehen, wie mein Leben nun weitergeht. Ich war nicht mehr der Fußballer. Ich musste mir neue Ziele setzen, um neue Orientierungspunkte im Leben zu haben. Es war aber nicht so, dass es nur Nachteile hatte. Der Fußball ist auch mit viel Stress und Druck verbunden. Diesen nicht mehr zu haben und die Freizeit zu genießen, war sehr wichtig. Daher war es mir auch wichtig, nicht direkt irgendwo einzusteigen und den nächsten Schritt zu machen.

Wie viel Zeit haben Sie gebraucht?

Ein paar Monate. Es kann sein, dass ich etwas länger gebraucht habe als der eine oder andere. Aber es hat mir und meiner Familie gutgetan.

Ist die Familie von Ihnen eigentlich schon genervt?

Anfangs war sie das, ja. Da bin ich auch schon mal rausgeworfen worden (lacht). Spaß beiseite: Man gewöhnt sich an alles. Jetzt bin ich öfters und zu anderen Uhrzeiten zu Hause und kann viel mit meinen Kindern reden. Das kam ja in den Jahren als Profi oft zu kurz. Jetzt kann ich zum Beispiel auch öfter zum Training meines Sohnes gehen oder ihn den ganzen Tag begleiten, wenn er bei einem Turnier ist. Oder Dinge mit meiner Tochter unternehmen, die früher schwierig waren, als ich permanent unterwegs war.

Fänden Sie es okay, wenn Ihr Sohn Fußballprofi werden will?

Ja, natürlich. Jeder muss seinen Traum leben. Wenn es sein Traum ist, Profifußballer zu werden, werde ich ihm das nicht ausreden. Aber ich werde ihm auch sagen, dass er hart arbeiten muss, weil Millionen von Kindern den gleichen Traum haben. Träumen kann jeder, den Traum verwirklichen nicht.

Fragt er schon, wie Sie es geschafft haben?

Ja.

Und was sagen Sie ihm?

Schauen Sie … Ich hatte nicht viel Talent als Kind, aber das, was da war, habe ich gut ausgeschöpft. Als ich zehn Jahre alt war, war ich der Schlechteste. Ich dachte mir: Nein, das muss besser werden und ich habe mich Jahr für Jahr verbessert, bis ich es geschafft habe.

Jetzt müssen Sie aber allen schlechten Fußballern den ultimativen Tipp geben, wie Sie das geschafft haben.

Natürlich gehört da auch Glück dazu. Zu meiner Jugendzeit hatte der VfB Stuttgart nicht viel Geld, um teure Spieler zu holen und musste auf die Jugend setzen. Das war meine Chance. Ich habe sie genutzt. Ich war ein Kämpfertyp. Ich wollte immer besser werden. Ich wollte immer Neues lernen. Ich habe immer zugehört und ich habe den Personen, die mich besser machen wollten und mir das Fußballspielen beigebracht haben, immer Respekt gezeigt.

Weil Sie diese Respektspersonen auch gebraucht haben?

Ja. Ich war alleine in Deutschland. Es gab keinen Papa oder keine Mama, die mir den Kopf streicheln oder mir helfen konnten. Es gab nur mich und ich musste es schaffen – auch um meine Familie irgendwann nach Deutschland holen zu können, um sie in meiner Nähe zu haben. Gott sei Dank habe ich es geschafft.

Als jemand, der sich schon als Kind über Ziele definiert hat, müssen Ihnen Ziele nach wie vor wichtig sein.

Das stimmt. Ob ich jetzt Fußballer oder Frührentner bin, spielt keine Rolle. Es gibt immer etwas zu erreichen.

Gibt es Ziele, die Sie nicht mehr verfolgen?

Ich will nicht mehr Profifußballer werden.

Sind Sie zufrieden, wie Ihre Karriere verlaufen ist?

Eigentlich ja. Aber ich habe auch Fehler gemacht, obwohl sie vielleicht wichtig waren, um aus ihnen zu lernen. Eine Karriere ohne Fehler schafft kaum einer. Die, die es schaffen, werden zu Weltstars. Aber ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, denn es hätte auch schlechter laufen können.

Was war der größte Fehler?

Die Stadionflucht damals bei der Nationalmannschaf in Dortmund. Sie hat meine Karriere markiert. Eine andere Entscheidung wäre da wohl besser gewesen.

Glauben Sie, dass der Typ Kevin Kuranyi durch diese Aktion in Deutschland fortan anders gesehen wurde?

Es entstand dadurch sicherlich ein etwas anderes Bild von mir. Es entstand eine Figur, die ich nicht bin, sondern eine, die von den Schlagzeilen in den Zeitungen geformt wurde. Aber da bin ich selbst schuld.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass Sie nie eine Nebenrolle innehatten, sondern immer auffielen. Hat das mehr geholfen oder gestört?

Ich denke, es hat meinen Klubs geholfen. Klar habe ich immer polarisiert, aber ich habe immer für meine Mannschaften gekämpft, ging immer vorneweg und habe ab und zu meine Meinung gesagt, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Ich habe nur bei vier Klubs gespielt, bei drei Klubs sogar sehr lange. Wäre ich ein Problemfall gewesen, hätte ich nicht so lange bei diesen Klubs gespielt. Ich habe mich immer mit meinen Vereinen identifiziert und hatte immer viele Freunde innerhalb der Klubs. Das war das Wichtigste für mich.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Sie haben 212 Tore in Ihrer Laufbahn geschossen. Nur bei 1899 Hoffenheim gingen Sie komplett leer aus. Ist das ein Makel Ihrer Karriere, ohne Tor für Ihren letzten Klub abgetreten zu sein?

Oh ja! Das nervt mich immer noch. Ich habe leider nicht die Leistung zeigen können, die ich selbst von mir erwartet habe. Aber natürlich auch nicht die Erwartungen des Klubs erfüllt.

Dabei hatten Sie mit Julian Nagelsmann einen Trainer, der seine Offensivspieler fördert. Wie war die Zusammenarbeit?

Es gab Trainer in meiner Jugendzeit, die nicht so viel Ahnung von Fußball hatten. Das war wie an der Hauptschule. Julian Nagelsmann ist wie eine Universität.

Interessanter Vergleich. Inwiefern?

Er denkt vierundzwanzig Stunden Fußball. Darüber, was man besser machen kann und wie man eine Mannschaft taktisch so klug schult, dass sie innerhalb einer Minute die komplette Vorgehensweise ändern kann. Die Basis dafür ist sein Training, das einen Spieler zwingt, über Fußball nachzudenken. Du musst konzentriert sein und die Übung verstehen. Wenn du sie nicht verstehst, machst du sie falsch und bist raus. Dies entwickelt auch einen Spieler weiter, weil er automatisch mitdenkt und verstehen muss.

Was haben Sie gedacht, als der Klub ihn als Cheftrainer installiert hat?

Ich habe gedacht: „Oh, da kommt ja ein ganz Junger. Was will der mir sagen?“ (lacht). Ich war Nationalspieler, spielte bei Top-Vereinen, hatte viel Erfahrung. Ich überlegte, was er mir vormachen kann.

Und dann?

Dann kam seine Antrittsrede und all diese Gedanken waren weg. Ich war sofort überzeugt von ihm.

Warum?

Seine Rede war so intelligent und inhaltlich stark, dass alle wussten, was für ein Kaliber vor uns steht. Er hatte eine klare Idee davon, wie er Fußball spielen lassen will, was er von uns erwartet und was er für ein Typ ist. Ich wusste von da an, dass das Alter keine Rolle spielt und dass auch ein 30-Jähriger einem arrivierten Profi zeigen kann, wie Fußball geht.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Ich hatte viele Top-Trainer wie Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Rudi Völler oder Joachim Löw, um nur einige zu nennen. Aber Felix Magath hat mich am meisten geprägt. Er hat sich damals getraut, einem jungen Spieler die Chance zu geben, in der Bundesliga von Anfang an zu spielen. Ich weiß noch, dass ich damals ein Top-Trainingslager unter ihm absolviert hatte. Er hat das honoriert und dafür bin ich dankbar.

Gab es einen Trainer, bei dem es gar nicht gepasst hat?

Nein. Ich bin mit jedem Trainer zurechtgekommen und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass mich einer nicht weiterbringen kann. Wenn es in einer Mannschaft nicht läuft und die Ergebnisse nicht stimmen, werden die Fehler meistens beim Trainer gesucht. Aber oft ist es eigentlich die Mannschaft, bei der gesucht werden muss.

Werden wir einen Trainer Kevin Kuranyi erleben?

Nein, ich werde kein Trainer. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand eine Trainerkarriere startet oder es noch werden will, weil ich weiß, wie viel Arbeit das ist, eine Mannschaft erfolgreich zu trainieren und welchem Druck man dabei ausgesetzt ist. So eine Fußballmannschaft ist eigentlich wie ein Kindergarten mit 20-25 Kindern, die man zu einer Einheit formen soll. Es ist immer jemand unzufrieden. Es gibt immer Probleme, die man lösen muss. Diesen Stress will ich mir ehrlich gesagt nicht geben.

Der Socrates Newsletter

Sie haben sich für eine Zukunft als Spielerberater entschieden.

Ja, das stimmt. Hier kann ich meine Zeit selbst einteilen und meine Erfahrung, als einstiger Jugendspieler, der es in die Bundesliga geschafft hat, weitergeben. Ich glaube, dass ich es jungen Spielern einfacher machen kann, sich schneller zu entwickeln, weil ich weiß, wie sie ticken und welchen Gedankengängen sie haben. Ich bin zwar 35 Jahre alt, kann mich aber immer noch in einen jungen Menschen hineinversetzen.

Die Beraterszene ist umkämpft. Sind Sie dort willkommen?

Es ist ein Haifischbecken. Für einen Neuankömmling ist es nicht einfach, hineinzutreten. Aber mit Seriosität, Zuverlässigkeit und guten Kontakten kann man nach wie vor punkten. Ich weiß, dass es viele Rückschläge geben kann und viele Schwierigkeiten kommen werden. Es wird Neider geben, man wird mich als Konkurrent sehen. Ich weiß um die Hindernisse, aber wenn ich so bleibe wie ich bin und wie ich immer war, dann kann ich diesen Weg gehen und erfolgreich sein.

Wie war das erste Gespräch als Berater mit einem Klub?

Es war gut. Es war ein englischer Klub und auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist, kam ich ganz gut durch und habe es geschafft, die Verantwortlichen zu überzeugen (lacht). Letztlich sprechen wir über Fußball. Ein Element meines Lebens. Klar hat man verschiedene Ansichtsweisen, man diskutiert über die Stärken und Schwächen eines Spielers, über die Zukunftsplanung. Aber es ist eben alles, was ich selbst schon mal erlebt habe.

Kevin Kuranyi, wo ist eigentlich Ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. Die stelle ich mir manchmal selbst. Ich bin in Brasilien aufgewachsen, habe zwei Jahre in Panama gelebt, danach bin ich nach Deutschland gekommen. Ich fühle mich in allen drei Ländern zu Hause, fühle mich überall sehr wohl, aber Heimat ist, wo meine Familie ist, und das ist Stuttgart.

Interview: Fatih Demireli

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Armin Klümper: Gott in Weiß

Jahrzehntelang dosierte, rezeptierte und verabreichte der Sportmediziner Armin Klümper Dopingmittel für Sportler der Bundesrepublik. Sein Ruf als loyaler Wunderheiler machte ihn alsbald für den Fußball interessant. Jetzt ist Klümper verstorben.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich John Hoberman mit der Soziologie des Dopings. Der renommierte Germanist und Dopingforscher publizierte in der Szene bahnbrechende Bücher, wie 2005 Testosterone Dreams – über synthetisches Testosteron als Alltagsdroge im Sport und der Gesellschaft in den USA.

Sein älteres Buch Mortal Engines (1994 in Deutschland erschienen) avancierte zu einem Standardwerk der Anti-Doping-Literatur. Ausgerechnet er, einer der größten Provakteure des über Jahrzehnte zu laschen amerikanischen Anti-Doping-Kampfes, hievte einst zwei deutsche Sportmediziner auf ein noch höheres, wenn auch aus Ironie erbautes Podest: „Deutschland ist das einzige Land, das nicht nur berühmte Sportler, sondern auch berühmte Sportärzte kreiert hat.“

Der Artikel erschien in Ausgabe #11: Jetzt nachbestellen

Die Doyens der Sportärzteschaft

Gemeint hat er Josef Keul und Armin Klümper, lange bevor eine unabhängige Kommission begann, die beängstigend ausgeprägte Dopingvergangenheit der Freiburger Universität im Auftrag der Uni selbst zu beleuchten.

Eben dort waren Keul und Klümper, wie sie die Süddeutsche Zeitung und deren Dopingexperte Thomas Kistner eins treffend taufte, die Doyens einer Doping praktizierenden Sportärzteschaft in der Bundesrepublik. Von Freiburg aus präparierten sie deutlich über die Grenzen des Erlaubten hinaus Athleten. Auch Minderjährigen wurden nachweislich verbotene Präparate verabreicht.

Mitverantwortlich für Weltrekorde und Medaillen

Schließlich war auch der Fußball irgendwann involviert. Zeitzeugen-Aussagen, Gerüchte, der Fall Birgit Dressel – Ansatzpunkte für das verbotene Handeln Klümpers gab es bereits lange. Seit Juni 2017 ist es aber amtlich, der letzte Bericht der längst nach ständigen Querelen aufgelösten Kommission wurde veröffentlicht. Jedoch publizierten nicht der von der Kommission übriggebliebene Sportwissenschaftler Andreas Singler und dessen Co-Autor Gerhard Treutlein, sondern die Uni Freiburg selbst. Singler befindet sich deswegen im rechtlichen Urheberstreit.

„Klümper hat dopingtaugliche Mittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg rezeptiert und verabreicht“, heißt es. „Er habe sich damit für Weltrekorde, Medaillen und viele Spitzenleistungen mitverantwortlich gezeichnet, die ohne Dopingmaßnahmen vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Leistungsentwicklung in der Regel nicht denkbar waren.“

Klümper, der Menschenfänger

Keuls größtes negatives Vermächtnis, dies wurde in einer älteren Veröffentlichung Singers deutlich, bestand aus dem Imagemanagement beim bundesdeutschen Doping. „Keul hat sich über Jahre hinweg durch seine wissentliche Duldung ums Doping verdient gemacht“, erklärte einst die Dopingaufklärerin Brigitte Berendonk. 2016 und 2017 dann lieferten die Gutachter Belege dafür, dass Keul, seit 1960 deutscher Olympiaarzt (ab 1980 Chefarzt), nachweislich vereinzelte Athleten dopte.

Dennoch war der aktivere der Beiden nicht der Internist Keul, sondern der Orthopäde Klümper. Ein Menschenfänger, ein Sportlerfänger. Der gebürtige Münsteraner (Jahrgang 1935) verstand es, nach Medizinstudium und Anfängen an der Uni, enge Bindungen zu seinen Sportler-Patienten aufzubauen. Bereits in den 1960er Jahren wurde er Verbandsarzt mehrerer Nationalverbände.

„Ich bin Helfer des Menschen“

Bis zum Ende des darauffolgenden Jahrzehnts war er einer der lautstärksten Befürworter der offiziellen Freigabe von Anabolika im Leistungssport – und verordnete auch anabole Steroide. Dennoch galt Klümper alsbald sportartübergreifend als Ausnahme-Arzt. „Aber“, so stellte Brigitte Berendonk damals fest, der „Verlust der professionellen Distanz des Arztes zum Patienten scheint Ursache seiner zunehmend aktiven Rolle auch beim Anabolikadoping vieler Athleten zu sein.“

„Ich bin als Arzt Helfer des Menschen, aber bevor ich einen Athleten in die Grauzone der Selbstmedikation entlasse, gebe ich ihm, ohne was er nicht auszukommen glaubt. Dann habe ich wenigstens die Dosierung der Muskelpille unter Kontrolle, was ein geringeres Risiko für negative Wirkungen bedeutet“, erklärte der Doktor 1977 gegenüber der Stuttgarter Zeitung.

Die Elite stand hinter ihm

Doch Klümper beugte sich Ende 1977 der gesellschaftlichen Diskussion. Der Deutsche Sportbund (DSB) und alle weiteren Entscheidungsträger lehnten Anabolika ab. Gleichzeitig soll Klümper die explizite Regeländerung durch das Parlament des Bundesverbandes verlangt haben. Klümper wurde Professor, er erhielt eine vom Staat und Land und der Stadt Freiburg finanzierte Sporttraumatologie.

Von dort aus machte er deutsche Olympioniken zu Medaillengewinnern – und wenn es mit der Finanzierung von leistungsspezifischen Maßnahmen mal hakte, verfasste die Leichtathletik-Elite einen bösen Brief, den Forderungen Klümpers nachzukommen, wie 1979. Damals unterschrieben unter anderen von den Hochsprung-Assen Ulrike Meyfarth und Carlo Trähnhardt.

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Vettel, Gerrard und viele mehr im Exklusiv-Interview: Die Ausgabe #33 ist im Handel
Der Hexer

Für manche war der Arzt Hexer. Manche wussten nicht genau, was er ihnen alles verabreichte – oder wollten es nicht genau wissen. Mit manchen Athleten besprach er auf Nachfrage alles bis ins kleinste Detail. „Er war für mich schon einer, der beeindrucken konnte. Er hatte so einen Nimbus, nicht als Zauberer, aber so als sehr fähiger Sportarzt. Er hat ja morgens als Röntgenologe bis zwölf Uhr und dann bis abends um halb zwölf durchgearbeitet“, erklärte der ehemalige Diskuswerfer Hein-Direck Neu im dokumentierten Zeitzeugengespräch mit Singler.

Neu war einer der wenigen positiven Dopingfälle seiner Zeit. „Der war für uns nicht ein Magier, aber zumindest einer, der sich sehr ins Zeug gelegt hat für die Athleten. Man hat auch Vertrauen zu ihm gehabt, was er gemacht hat, hat man eigentlich erduldet und hat gehofft, dass es funktionierte. Und er hat auch, glaube ich, viele Leute wieder hingekriegt.“ Neu verstarb im April 2017.

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Es gab kein Rezept

Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Singler. Dokumente zeigen, wie fließend der Übergang zwischen sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping war. Ein Rezept oder eine Spritze erhielt er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfing, ist nicht bekannt.

Auf weiteren 24 Seiten ist systematische Manipulation beim VfB Stuttgart dokumentiert. 1979 sollte es um den Titel gehen. Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß und Hansi Müller bildeten dafür ein gutes Fundament. Und Anabolika, besorgt bei Klümper. Einem Singler- Gutachten zufolge bestellte ein VfB-Masseur damals Medikamente an der Uni Freiburg. Die Lieferung wurde über eine von Klümpers Stammapotheken abgewickelt.

Medikamentenlieferungen nach Stuttgart

Eine Sonderkommission des badenwürttembergischen Landeskriminalamtes hatte ab 1984 für zwei Strafverfahren besonderes Interesse an jenen Abrechnungen. Dort tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit. Bekannt ist mittlerweile, dass Müller und Förster Geld für Klümper sammelten.

Als es in diesem Verfahren um Abrechnungsbetrug ging, flossen auf das Spendenkonto übereinstimmenden Berichten zufolge auch Gelder von Uli Hoeneß, Paul Breitner und Karl Heinz Rummenigge. Der Arzt wurde zu 160.000 D-Mark Strafe verurteilt. Die Akten waren bis 2014 verschwunden. Die Zusammenhänge erschlossen sich erst in den vergangenen Jahren.

Der Tod der Birgit Dressel

Die Verwicklung des Bundesliga-Fußballs löste 2016 nachträglich ein heftiges Medienecho aus. Die Aufregung darüber und über Klümper ist heute längst vergangen. Im Radsport blieb der Aufschrei gegen jenen Klümper gänzlich aus. Obwohl ihm heute nachgewiesen werden kann, den kompletten Aufbau der deutschen Radfahrer etwa vor den olympischen Spielen 1976 mit Doping organisiert zu haben.

Die Angaben wurden dank der Freiburger Evaluierungskommission und weiterer Presserecherchen präzisiert. Dabei geht es sogar um Minderjährigen-Doping im Radsport. Tragischer Höhepunkt der Ära Klümper war der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987.

Laut einem Ermittlungsergebnis hat Klümper der damaligen EM-Vierten in den zwei Jahren vor ihrem Tod 400 Injektionen verabreicht. Rund 100 verschiedene Medikamente habe die Leichtathletin verwendet. Allein in der Wohnung von Dressel und Thomas Kohlbacher, ihrem Verlobten und Trainer, stellten Ermittler Dutzende Mittel sicher. Die „im höchsten Maße gesunde“ Birgit Dressel, wie sie Klümper gegenüber der Kripo bezeichnete, war laut Spiegel „in Wahrheit eine chronisch kranke, mit Hunderten von Arzneimitteln vollgepumpte junge Frau“. Sie starb nach tagelangem Martyrium an Multiorganversagen. Kohlbacher blieb unbehelligt, trainiert heute Mehrkampf-Juniorinnen in Mainz. Klümper schwieg.

Bis zu seinem Tod

Gefordert von vielen Athleten, stand er zwei Jahre nach Dressels Tod bereits wieder auf den Ärztelisten der Kaderathleten. 1990 verließ er die Universität Freiburg und leitete bis zu ihrer Insolvenz 1992 die Mooswald- Klinik. Anschließend überließ die Stadt Freiburg ihm erneut Räume, in denen er seine sporttraumatologische Spezialambulanz privat betreiben konnte.

2000 ging er mit Ehefrau und Tochter nach Südafrika. Durch eine Todesanzeige wurde nun bekannt, dass er am 23. Juni dort auch gestorben ist. Am Ende war er nicht mehr berühmt, nur noch berüchtigt.

Jannik Schneider

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Mario Gómez: Ein Mann mit sich im Reinen

Mario Gómez kehrt VfB Stuttgart zurück. Im Mai 2017 sprach der Stürmer mit Socrates über seine bewegten Jahre und die Erfahrungen, die ihn als Menschen verändert haben. Ein Interview über einen Mann, der die Welt noch erobern will.

Mario Gómez, hoffen Sie, dass Andries Jonker nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël Ihr letzter Trainer beim VfL Wolfsburg ist?

Ja, das hoffe ich tatsächlich. Wenn die Situation sich weiter so gut entwickelt, wie sie angefangen hat, dann wäre es ja auch unabhängig von meiner Person für Wolfsburg schön, wenn Andries Jonker die nächste Epoche des Vereins prägen würde. Ich würde es ihm wünschen. Die Chemie stimmt zwischen Mannschaft und Trainer.

Reicht die Chemie für ein Saisonende ohne Relegationsstress?

Wir dürfen die Situation nicht schönreden. Wir kämpfen um den Klassenerhalt, brauchen in jedem Spiel unbedingt Punkte. Aber positiv festzuhalten ist: Die Ergebnisse unter Andries Jonker kommen nicht glücklich zustande. Was wir auf dem Platz abliefern, hat Hand und Fuß. Er hat es in kürzester Zeit geschafft, dass wir Spieler verstehen, was er von der Mannschaft will, dass wir auch in dieser schwierigen Situation Fußball spielen können. Auch wenn wir spielerisch noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen und auch hinkönnen.

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Eine Holland-Hilfe zur richtigen Zeit?

Man unterstellt den Holländern ja immer dieses positiv Arrogante. Ich finde nicht, dass es Arroganz ist. Eher Selbstbewusstsein. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl: Andries Jonker geht es einzig und allein darum, uns unabhängig vom Tabellenplatz seine Philosophie und Taktik zu vermitteln. Das große Ganze zu sehen, das ist für mich das A und O. Es gibt immer wieder Beispiele, bei denen sich alle die Augen reiben und sich wundern, warum es so läuft, wie es läuft. Leipzig ist so ein Beispiel. Die haben 15 oder mehr Spieler im Kader, die vergangene Saison noch in der Zweiten Liga gespielt haben. Und diese Saison zählen sie in der Ersten Liga zu den Besten. Warum? Weil sie eine ganz klare Philosophie haben, diesen Plan schon seit Jahren verfolgen und jeder weiß, was zu tun ist. Das ist Fußball 2017.

Ist Wolfsburg in den kommenden Jahren in der Lage, auch wieder oben mitzumischen?

Langfristig ist das die Vision und auch das Ziel dieses Vereins. Wir müssen da auch gar nicht drum herum reden: Wenn man sich die Qualität unseres Kaders und die Investitionen des Vereins anschaut, dann kann der Anspruch hier nicht der Kampf um den Klassenerhalt sein. Aber es gibt immer mal wieder Situationen, die sich komplett anders darstellen, mit denen man sich dann auseinandersetzen muss. Nehmen wir Dortmund. Die waren vor zwei Jahren zur Winterpause Zweitletzter – mit einer Wahnsinnsqualität in der Mannschaft. Keiner hat verstanden, warum das so war. Man muss dann nach den Ursachen forschen, diese intern aufarbeiten. Genau das wurde und wird hier in Wolfsburg gemacht. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt einen Trainer haben, der perfekt zu dieser Mannschaft passt.

Der Wolfsburg auch wieder zu Titeln führen kann?

Ob es selbst bei der besten Arbeit zu Pokalen und Titeln reicht, sei mal dahingestellt. Es gibt mit Bayern und Dortmund zwei Mannschaften in der Liga, die den anderen Teams so sehr überlegen sind, dass es verdammt schwer wird für die anderen Klubs, in den kommenden Jahren etwas zu gewinnen. Ich befürchte auch, dass sich diese Situation nur schwer ändern wird, solange die 50-plus-1-Regel gilt.

Sie sind gegen 50 plus 1?

Ich kann die Fans der Traditionsteams verstehen. In meinen Augen besteht jedoch die Chance, die Bundesliga an der Spitze wieder spannender zu machen, darin, diese Regel zu überdenken. Ansonsten wird die nächsten zehn Jahre zehnmal Bayern Meister. Wenn sie schwächeln, vielleicht mal Dortmund oder früher oder später Leipzig. Man sieht das doch beispielsweise in England, wo es viel mehr Mannschaften gibt, die um den Titel spielen, die echte Chancen auf Pokale haben. Ich glaube zwar, dass in Wolfsburg wie auch in Leipzig das Potenzial aufgrund der besonderen finanziellen Möglichkeiten vorhanden ist, aber der Vorsprung von Bayern und Dortmund auch für diese Klubs in den kommenden Jahren nicht aufzuholen sein wird. Der Vorsprung ist zu riesig. Das wird viele Jahre dauern. Aber besser ein paar Jahre als nie.

Heißt im Umkehrschluss: Der Abstiegskampf wird in Zukunft immer spannender als das Meisterschaftsrennen sein?

Ja, und das finde ich wahnsinnig schade. Gefühlt sind 14 Mannschaften jede Woche gestresst, sind jede Woche unter Druck. Diese Mannschaften spielen überhaupt nicht den Fußball, den sie eigentlich können, weil es immer nur um den Moment geht. Man kann fast sagen: Nervosität beherrscht die Bundesliga. Ich würde mir wünschen, dass wir bei aller sportlichen Brisanz wieder mehr dahinkommen, dass Vereine ihrer Grundausrichtung und Idee folgen und nicht immer nur das Aktuelle gesehen wird. Und die Trainer nur ums Überleben kämpfen und gar nicht mehr ihre Philosophie einer Mannschaft einimpfen können, weil sie nach jeder Niederlage in Frage gestellt werden.

Haben Sie Lösungsansätze?

Vielleicht müssen viele Vereine die Erwartungen ein bisschen runterschrauben. Nehmen wir Stuttgart. Die haben jahrelang gegen den Abstieg gespielt, hatten überhaupt keine schöne Zeit. Als sie vergangene Saison abgestiegen sind, haben alle geschrien: „Um Gottes willen, das ist eine Katastrophe.“ Doch für die Gesamtstimmung im Verein hatte die Situation vielleicht sogar eine positive Wirkung, indem sich der Verein auch von innen ein Stück weiter erneuern konnte und musste. Es wurde vieles hinterfragt, mit Mut aufgeräumt und neu ausgerichtet. Nun haben sie in Stuttgart aktuell wieder ein Jahr mit Erfolg. Das gibt dem ganzen Verein Ruhe, ein breiteres Kreuz und auch wieder strahlende Gesichter. Das kann für den Verein ein super Neustart sein. Noch schöner wäre es doch aber, wenn sie diesen Mut ohne Abstieg gehabt hätten. Diese Freude, wie beispielsweise aktuell in Stuttgart, vermisse ich derzeit so ein bisschen in der Bundesliga.

In Wolfsburg endet Ihr Vertrag 2019. Dann sind sie 33 Jahre alt. 33, die Zahl, die sie seit Beginn Ihrer Profikarriere auf dem Rücken tragen. Schöner kann sich der Kreis doch eigentlich nicht schließen.

Lustigerweise hatte ich von Anfang bis Ende 20 genau diesen Gedanken im Kopf: ‚Mit 33 Jahren höre ich auf.‘ Genau deswegen: Weil die 33 eben immer eine so besondere Rolle in meiner Karriere gespielt hat. Ich war früher extrem abergläubisch, bin davon aber in den vergangenen Jahren ein bisschen weggekommen. Okay, ich habe immer noch meine Macken vor jedem Spiel: Erst linker Schuh, dann rechter Schuh und diese Dinge. Aber so einen großen Schritt wie ein Karriereende mache ich sicherlich nicht vom Aberglauben abhängig. Ich entscheide das nach Empfinden. So lange ich das Gefühl habe, dass ich mich noch durchsetzen kann und Spaß daran habe, so lange werde ich auch spielen.

Könnten Sie sich nach Wolfsburg noch einen weiteren Verein in der Bundesliga vorstellen?

Schwer. Aber ich gebe ungern endgültige Statements ab, weil man einfach nie weiß was kommt. Ich habe in der Vergangenheit auch schlechte Erfahrungen gemacht mit Plänen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Ich versuche jetzt einfach nur noch, den Moment zu leben und zu nutzen. Das entspannt mich wahnsinnig. Was sportlich als nächstes kommt, interessiert mich gerade nicht.

Eine finale Station im Ausland reizt auch nicht?

Ich bin happy mit der Situation, wie sie ist, zurück in Deutschland zu sein, zurück in der Bundesliga. Die Stadien sind voll, es herrscht dort eine gute Atmosphäre. Außerdem bin ich viel näher an meiner Familie, die es umgekehrt auch viel einfacher hat, mich und meine Frau zu besuchen. Wir haben in der Familie mittlerweile viele Kleinkinder, die wir auch erleben möchten. Und nicht erst das nächste Mal sehen, wenn die dann auf einmal schon fünf sind.

Eine Rückkehr zu Beşiktaş nach Istanbul wird trotz der Gerüchte in den türkischen Medien also kein Thema sein?

Wenn ich die Berichterstattung in der Türkei richtig überliefert bekommen habe, war ich ja schon drei Mal wieder da und habe auch schon drei Mal unterschrieben. Aber im Ernst: Die Türkei-Zeit war für mich total hilfreich. Es war einfach alles mega. Die Leute waren unheimlich nett, ich hatte ein Wahnsinnsjahr dort. Allerdings sind die Medien dort schon extrem. Ich konnte zum Glück nicht verstehen, was in der Zeitung steht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da viele Geschichten auf den Tisch kamen, die so nie passiert sind und auch viele Aussagen von mir völlig falsch wiedergegeben wurden.

Ihre Reaktion darauf?

Gar keine. Ich habe das nie revidiert, habe mich nie auf diesen Schlagabtausch eingelassen. Ich habe die Dinge einfach laufen lassen und mich nur auf das Sportliche konzentriert. Daher war ich auch zu allen Journalisten immer nett (lacht). Im Nachhinein war das schon irgendwie lustig. Diejenigen, die eine schlechte Story über mich veröffentlicht hatten, waren über mein freundliches Verhalten beim nächsten Wiedersehen ganz schön irritiert. Aber ich wusste ja gar nicht: Ist das jetzt der Böse oder der Gute? Und das habe ich übernommen. Irgendwie fahre ich gut damit, weil es für mich keine Rolle mehr spielt, wie ich von anderen oder von Journalisten gesehen werde. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Und dabei allen Leuten freundlich gegenüberzutreten. Deshalb war die Türkei sehr entscheidend für mich. Aber jetzt bin ich mit beiden Beinen in Wolfsburg. Und um es nochmal klarzustellen: Was in der Türkei geschrieben wird – nach dem Motto, ich würde mich in Deutschland nicht wohlfühlen und zurück wollen –, das sind alles Märchen.

Sind denn Gedanken über die Zeit nach Ihrem Karriereende bereits wahrhaftig?

Natürlich trage ich diese Gedanken in mir. Und ich muss sagen, es sind sogar schöne Gedanken. Ich habe überhaupt keine Torschlusspanik. Ich denke überhaupt nicht: Oh je, vielleicht sind es nur noch zwei Jahre. Es sind eher Gedanken wie: Was habe ich in meinem Leben alles verpasst wegen des Fußballs? Was für Dinge habe ich versäumt, was will ich noch sehen? Das sind Reisen, Sportarten, Adventures, die ich erleben möchte.

Abenteuer wie Bungee-Jumping?

Um Gottes willen. Ich denke eher an so Dinge wie Skifahren im Winter. Ich liebe München und bin da mittlerweile auch heimisch. Dort haben wir so grandiose Möglichkeiten mit den Bergen und den Seen. Im Sommer möchte ich nach der Karriere zum Beispiel einfach mal Wasserski fahren. Es sind diese kleinen Dinge, die für andere ganz normal sind. Für mich waren sie bisher nicht möglich. Weil ich immer daran gedacht habe: Mario, du hast lange Haxen. Das heißt: Man verdreht sich schnell das Bein, und dann sitzt man da im Profifußball und schaut eine Weile zu. Deshalb habe ich das nie getan.

Aber reisen können Sie doch.

Es geht für mich vielmehr darum, Länder zu bereisen, wann immer man darauf Lust hat. Als Profifußballer kann ich nur wenige Wochen im Sommer oder Winter tun und lassen, was ich will. Und selbst da achtet man darauf, dass man nicht in zu vielen Zeitzonen unterwegs ist, dass man nicht komplett raus aus seinem Rhythmus kommt. Ich freue mich wahnsinnig auf das Spontane. Zu sagen: Morgen möchte ich das machen. Und es dann auch zu tun. Dafür werde ich mir viel Zeit nehmen. Diese Spontanität habe ich seit 20 Jahren nicht mehr. Ich werde mich auch auf keinen Fall sofort in eine nächste Aufgabe stürzen. Ich werde erstmal durchatmen, runterkommen und Dinge verwirklichen, die ich schon lange im Kopf habe, aber nie gemacht habe.

Das klingt wie eine persönliche Befreiung.

Nein, gar nicht. Ich liebe den Fußball und mein aktuelles Leben. Und ich hoffe auch auf noch viele gute Jahre. Aber wenn Sie mich auf die Zeit danach ansprechen, sind das meine Gedanken. Ich möchte einfach einiges noch ausprobieren. Vielleicht macht mir auch vieles davon gar keinen Spaß. Das werde ich dann sehen. Ich möchte auch viel mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Freunde im Ausland besuchen, die ich über all die Jahre kennengelernt habe. Es sind rundum positive Gefühle, wenn ich an die Zeit danach denke. Ich bin mit mir total im Reinen. Selbst wenn es morgen vorbei wäre, könnte ich sagen: Ich hatte eine wunderschöne Karriere.

Sind auch die Gedanken da: Endlich mal sesshaft werden, endlich keine Umzüge mehr?

Ja, wobei ich jetzt schon zwei, drei Heimaten für die Zeit nach dem Fußball habe. Ich bin durch meinen Vater sehr mit Spanien verbunden, werde sicherlich auch immer einige Zeit in Spanien sein. Dann eben München als Familienstandpunkt. Dazu kommt meine ursprüngliche Heimat im Schwabenland, wo ich immer noch sehr gerne bin. So fix an einem Punkt werde ich also sicher nicht leben. Der Fußball hat mich zu einem offeneren Menschen gemacht.

Inwiefern?

Weil ich während meiner Karriere so viele verschiedene Kulturen kennenlernen durfte. Dementsprechend werde ich wahrscheinlich immer ein Globetrotter sein. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch mal froh sein werde, zu sagen: So, jetzt bin ich mal drei Monate in Folge in München, gehe in den Englischen Garten, danach in der Stadt einen Kaffee trinken und dann vielleicht noch abends ins Kino. Und sonst bin ich eben einfach nur daheim und genieße es, Zeit zu Hause und Zeit für meine Freunde zu haben. Zeit, die man selten hatte.

Ist ein Leben komplett ohne Fußball für Sie vorstellbar?

Ja. Vorstellbar auf jeden Fall. Ich möchte mich da aber heute noch gar nicht festlegen. Wer weiß schon, was in ein paar Jahren ist. Außerdem werde ich mir auch nach meinem Karriereende noch einige Spiele, beispielsweise von Bayern oder Barcelona, anschauen. Ich werde auch oft in Barcelona im Stadion sein. Das habe ich schon als kleines Kind getan, und das werde ich auch nach meiner Zeit als Profifußballer wieder tun, weil ich dafür einfach zu sehr diesen Klub und diese Stadt liebe. So werde ich dem Fußball auf jeden Fall schon mal verbunden bleiben. Aber eben als Fan statt in irgendeiner Funktion für einen Verein oder einen Verband.

Den Konkurrenten Gómez muss Miro Klose als Trainer nicht fürchten?

Trainer oder Manager kommt für mich, Stand heute, definitiv nicht in Frage. Weil ich diese Spontanität, von der ich eben sprach, in meinem Leben haben möchte. Ich kann es mir nach meinem Karriereende nicht vorstellen, dass ich freitagabends in irgendeinem Hotel sitze und mir über den anstehenden Spieltag Gedanken machen muss. Das ist nicht das, was ich mir für meine Karriere danach vorstelle.

Haben Sie zu Klose deshalb mal gesagt: ‚Miro, bist du bescheuert, dir das anzutun? Da spielst du bis 38 – und dann kannst du immer noch nicht aufhören mit dem Fußball.‘

Nein, nein. Noch ist sein Trainer-Dasein ja relativ entspannt. Die Sachen, die er jetzt gerade macht, machen Spaß. So könnte ich mir es auch noch vorstellen, Trainer zu sein: Da mal ein Lehrgang und da nochmal ein Lehrgang. Begleitet von einem schönen Länderspiel (lacht). Der Traineralltag wird dann allerdings schon ein anderer sein.

Können Sie sich Klose als Bundesliga- oder Bundestrainer vorstellen?

Natürlich, absolut. Er war ja auch als Spieler immer schon wahnsinnig intelligent. Er hat es auch immer geschafft, auf den Punkt da zu sein. Das ist eine große Qualität. Es muss ja irgendwas in ihm stecken, das diese mentale Stärke bekräftigt. Ihm ist das Talent nicht nur in die Füße, sondern auch in den Charakter gelegt worden. Und auch dieses Talent kann er an junge Spieler weitergeben. Ich glaube, Miro kann ein sehr, sehr guter Trainer werden.

Deutschland wird Weltmeister 2018 mit Klose als Co-Trainer und Gómez als Stürmer.

Eine schöne Geschichte.

Traum oder realistisches Ziel?

Mit Deutschland ist es immer realistisch, Weltmeister zu werden. Vor allem mit der Mannschaft, die wir aktuell zur Verfügung haben. Aber ob es dann auch so kommt, hängt von so vielen Faktoren ab – unter anderem der Tagesform, die auf allerhöchstem Niveau einfach oftmals entscheidend ist. Für mich ist aber schon jetzt klar: Wir reisen als einer der üblichen Favoriten 2018 nach Russland.

Eine Reise, die dann womöglich Ihre letzte Reise als aktiver Fußballer ist.

Voraussichtlich wird es mein letztes Turnier werden. Irgendwie ist das auch so ein rundes Ding: Als ich 2014 verletzt zu Hause saß und nicht in Brasilien dabei sein konnte, habe ich mir immer gesagt: Eine EM und eine WM kommen noch für mich. Die lasse ich mir nicht mehr nehmen. Das war und ist auch weiterhin mein täglicher Antrieb. Bei der EM war ich schon mal dabei. Nun trage ich im Hinblick auf die WM eine große Zuversicht und auch Hoffnung in mir.

Wissen Sie noch, was Hoffnung auf Türkisch heißt?

Das wusste ich noch nie.

Umut.

Umut? Ich glaube, das Wort haben sie mir in der Türkei doch mal gesagt. Wollen Sie mit mir jetzt über meine Hoffnung für die Türkei sprechen?

Gerne.

Ich möchte mich an den großen politischen Diskussionen nicht beteiligen. Ich wünsche mir einfach für die Menschen in der Türkei, dass nach all den Unruhen jetzt wieder Normalität einkehrt. Ich wünsche mir Frieden. Nicht nur in der Türkei, weltweit!

Bereitet Ihnen die weltpolitische Lage generell Sorgen?

Es gibt ja immer so Zyklen. Es wurden irgendwann die Gemeinschaften gegründet: EU, NATO und so weiter. Sogar ganze Nationen haben sich zusammengeschlossen, weil man gemerkt hat: Zusammen ist man stark. Dann hat es lange ganz gut funktioniert. Jetzt hat man das Gefühl: Alle müssen sich mal austesten, reiben und streiten. Um dann zu merken, dass es doch nur zusammen geht. Ich hoffe, dass wir uns jetzt in dieser Phase befinden, die dann zu einem guten und friedlichen Abschluss kommt. Das ist mein großer Wunsch für die Zukunft.

Sie tragen also auch hier viel Hoffnung in sich?

Ich bin von Hause aus ein positiver Mensch. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Respekt natürlich, weil man die genaue Entwicklung momentan nicht abschätzen kann. Aber ich glaube, dass wir alle unter dem Strich erkennen, dass es eben nur zusammen geht und wir alle eins sind.

Lassen Sie uns den Fokus nochmal auf den Fußball richten. Warum ist Paris für Julian Draxler so viel besser als Wolfsburg?

Weil er dort befreit aufspielen kann. Ich glaube, dass er irgendwann in seinem Kopf hatte, dass er hier aus Wolfsburg weg muss. Ab dem Moment ist es dann schwierig, gut Fußball zu spielen. Das hat nichts mit  Wolfsburg zu tun. Wenn sich ein Spieler im Verein nicht wohlfühlt – egal, wo auf der Welt –, wenn er mit dem Kopf nicht mehr da ist, dann kann er nicht die Leistung bringen, zu der er eigentlich im Stande ist. Dass  Julian ein begnadeter Fußballer ist, wissen wir alle. Dass er große Dinge leisten kann, wissen wir auch. Für mich hat das auch gar nichts mit Paris zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass er jetzt da ist, wo er hin wollte und deswegen da auch gut Fußball spielen kann.

Ein anderer Nationalspieler, der auch einen Wechsel in der Hoffnung auf persönliche Verbesserung vollzogen hat, ist Mario Götze.

Ich wünsche ihm einfach nur, dass er schnell wieder zu 100 Prozent gesund und fit wird. Weil er einer der besten Spieler ist, die wir in Deutschland jemals hatten. Und von diesem Satz bin ich wirklich ganz, ganz tief überzeugt. Ich muss ganz oft an seine Trainingseinheiten im Vorfeld seines ersten Länderspiels 2010 in Schweden denken. Ich habe damals nur gedacht: ‚Leck mich am Arsch, was ist das denn?‘ Wo kommt der denn her? Der hatte mit 18 Jahren eine Selbstverständlichkeit in seinem Spiel, bei der ich mir dachte: ‚Hut ab. Da haben wir einen!‘

Im Basketball haben wir mit Dirk Nowitzki ebenfalls einen. Wie eng sind Sie wirklich mit ihm befreundet?

Freundschaft würde ich es nicht nennen, denn ich habe ihn erst einmal getroffen. Wir haben denselben Sponsor. Aus diesem Grund hatten wir 2015 auch das Champions-League-Finale zusammen gesehen, hatten ein tolles Wochenende in Berlin. Dirk ist ein lustiger, aufgeschlossener Typ. Er ist wahnsinnig interessiert an allem im Fußball, hat Miro Klose und mich während des Finales mit Fragen gelöchert. Manchmal saß ich da, habe ihn einfach nur angeschaut und musste schmunzeln. Dirk ist ein Unikat. Eine Erscheinung. Alle sagen über ihn, er sei so bodenständig. Und wenn man ihn dann erlebt, sagt man sich: Der ist wirklich so bodenständig. So normal, als ob er noch kein einziges NBA-Spiel gemacht hätte. Beeindruckend und ein Vorbild für jeden Sportler.

Und wer beendet als erster seine Karriere: Dirk Nowitzki oder Mario Gómez?

Ich weiß nicht, was der Lange vorhat. Lassen wir uns überraschen. Anscheinend wird er nie älter. Aber gefühlt mache ich noch länger.

Felix Seidel / Fatih Demireli