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Yannick Noah: „Mir war langweilig“

Yannick Noah (Imago)

Yannick Noah (60) denkt auch heute noch fast täglich an seinen Triumph in Paris 1983. Warum er den gegen die Stars von heute niemals gefeiert hätte, warum er sich über Nadal Triumphe nicht freuen kann und warum er sich damals einen Psychologen an seiner Seite gewünscht hätte, erzählt er im Interview mit SOCRATES.

Monsieur Noah, seit Ihrem Triumph 1983 wartet ein ganzes Land vergeblich auf einen französischen Sieger in Paris. Woran liegt das?

Das werde ich oft gefragt. Zunächst mal ist es unglaublich, wie viele Jahre inzwischen vergangen sind. Die Zeit vergeht so schnell. Bis heute bekomme ich jedes Mal Gänsehaut, wenn ich darüber spreche – und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an damals zurückdenke. Wenn mich Leute auf der Straße ansprechen, geht es fast immer um meinen Sieg bei den French Open. Es war ein unglaublicher Moment und das ganze Land hat sich damals mit mir gefreut.

Was empfinden Sie, wenn Sie darüber sprechen?

Dieser Moment war einer der glücklichsten in meinem Leben. Ich habe alle Erinnerungen daran wie einen Film in meinem Gedächtnis gespeichert. Das ist mein Luxus.

Wussten Sie damals sofort, was Sie „angerichtet“ hatten?

Das hat ein paar Tage gedauert. Es war damals eine Art historischer Moment, weil zuvor 37 Jahre lang kein Franzose in Paris gewonnen hatte. Diesen Moment mit meinem Vater zu teilen, war extrem emotional für mich. Plötzlich war ich einer der populärsten Menschen des Landes. Leute haben meinetwegen geweint. Anderen eine solche Freude zu bereiten, war für mich definitiv das Schönste überhaupt.

Ihr Leben hat sich vermutlich von heute auf morgen komplett geändert?

Stimmt. Mats Wilander, mein Gegner im Finale damals, sagte vor ein paar Jahren mal: „Weißt du eigentlich, was du mir schuldig bist? Ein Bier für jeden Tag seit damals.“ Ich habe ihn gefragt, wie er das meine. „Hätte ich 1983 gegen dich gewonnen“, sagte er, „dafür aber 1988 gegen Henri Leconte verloren, was denkst du, wie dein Leben dann ausgesehen hätte?“ Mats hat völlig recht. Es ist oft eine Frage von Kleinigkeiten. Ich hatte das große Glück, vor meinem Publikum und den wichtigsten Menschen in meinem Leben zu gewinnen. Das war perfekt.

Zurück zum Anfang: Wie lange muss Frankreich noch warten?

So wie ich es sehe, ist der Druck auf einen Franzosen in Paris unglaublich groß. Für manche ist das zu viel, das machen die Nervennicht mit. Wenn ich ehrlich bin – und ich weiß, dass das sehr egoistisch klingt –, ist es mir ziemlich egal, wann der nächste Franzose die French Open gewinnt. Aber wenn es doch mal einer schafft, überreiche ich ihm mit größtem Vergnügen den Pokal.

Hand aufs Herz: Wären Nadal und Co. zu Ihrer Zeit aktiv gewesen, hätten Sie dann auch den Titel geholt?

Nie im Leben! Keine Chance. Damals waren die Umstände nicht schlecht. Ich habe die Chance gewittert und zum Glück genutzt. In den 1990er Jahren gab es ein paar Spieler, die es auch hätten schaffen können, aber sie hatten Pech. Heute ist es aussichtslos. Darf ich ehrlich sein?

Bitte.

Als Björn Borg fünfmal hintereinander den Titel gewann, ging das Interesse am Tennis zurück. Das erleben wir heute mit der Ära Nadal ebenso. Für mich sind die Emotionen das Wichtigste in dieser Branche – und bei ihm empfinde ich gar nichts. Es gibt mir nichts mehr, wenn ich ihm dabei zusehe, wie er das Finale gewinnt, auf dem Boden liegt, seinen Pokal nimmt und sich bei den Sponsoren bedankt.

Woran haben Sie Spaß?

Wenn ich Zeit habe, gehe ich in den Prinzenpark und schaue mir ein Heimspiel von Paris Saint-Germain an. Daran habe ich wirklich Spaß. Wir haben in Paris sehr lange darauf gewartet, eine Truppe mit richtigen Stars zu erleben. Auch wenn es in der Champions League noch nicht klappt, ist dieses Team ein Traum.

Kürzlich erzählten Sie, Jimmy Connors sei der böseste Spieler auf der Tour gewesen. Wie meinten Sie das?

Das war er ganz sicher. Zunächst mal war es sehr unangenehm, gegen ihn zu spielen, weil er den Ball nur zurückgeschlagen hat und darauf wartete, dass ich den ersten Fehler mache. Außerdem war er immer übellaunig, irgendwie knurrig und unhöflich. Aber ich war nicht der einzige, der ihn kritisch gesehen hat. Er hatte keine Freunde auf der Tour. Er war irgendwie link und unberechenbar. John McEnroe war genau das Gegenteil von Connors. Der ist auf dem Platz zwar manchmal ausgerastet, dafür war er immer loyal und ehrlich.

Haben Sie also gegen Connors am liebsten gewonnen?

Absolut. Aber auch gegen Ivan Lendl zu gewinnen, war etwas Besonderes. Mit seiner Professionalität und Akribie war er so etwas wie ein Vorbild. Er überließ nichts dem Zufall. Ich war genau das Gegenteil von ihm. Um ihn zu besiegen, musste ich seinen Rhythmus stören, was mir ein paar Mal gelungen ist. Gegen Borg hatte ich nie eine Chance, weil er einfach zu stark war. Ich werde nie die Lehrstunde vergessen, die er mir bei den US Open 1980 erteilte.

3:6, 3:6, 0:6.

Danke für die Erinnerung. Schon im ersten Satz wechselte ich dreimal mein Shirt, weil ich so schwitzte. Er dagegen sah aus, als müsste er sich gar nicht anstrengen. Gegen Borg war es für mich immer eine „mission impossible“. Er machte so gut wie keine Fehler und spielte nahe an der Perfektion.

An Borgs Landsmann Wilander haben Sie da bessere Erinnerungen.

Ich denke gerne an das Viertelfinale in Key Biscayne 1987 gegen ihn zurück. Ich gewann im Tie-Break des fünften Satzes. Wir haben beide richtig stark gespielt. Das Match war ganz großes Kino und hatte eine unglaubliche Intensität. Die Zuschauer hatten jede Menge Spaß.

Hatten Sie Freunde auf der Tour?

Ich habe mich mit meinem Landsmann Guy Forget immer gut verstanden; wir bildeten auch ein starkes Duo im Doppel. Mit Mats Wilander verbinde ich nur tolle Momente. Wir waren gute Freunde und haben oft zusammen bis in den frühen Morgen gefeiert.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?

Ich hätte mit Sicherheit noch erfolgreicher sein können, wenn ich einen Mentalcoach gehabt hätte. Heute ist das modern und fast Standard, damals gab es so gut wie keinen. Ich hörte bereits mit 30 auf, weil ich das Gefühl hatte, mich nicht weiterzuentwickeln. Ich sah keinen Sinn mehr darin, weiter auf dieser Tour mitzuspielen. Mir war langweilig. Ein Psychologe hätte mir womöglich gutgetan und, wer weiß, vielleicht hätte ich noch ein paar Jahre drangehängt.

Inwieweit haben Sie Einfluss auf Ihren Sohn Joakim genommen?

Wie ein ganz normaler Vater. Joakim hat sich schon sehr früh für Sport und insbesondere Basketball begeistert und erwies sich als sehr talentiert. Ich habe ihm nur geraten, seinem Herzen zu folgen und alles in die Waagschale zu werfen, was er hat, um seine Träume zu erfüllen. Es ist ihm ziemlich gut gelungen.

Sind Sie stolz auf ihn?

Natürlich, er ist ein Star in der NBA. Wenn ich ihn in den Staaten besuche und sehe, wie populär er dort ist, dann macht mich das wahnsinnig stolz.

Was braucht man, um sich im Sport durchzusetzen?

Man muss die richtigen Menschen um sich haben, man braucht Einsatzwillen, die Bereitschaft zu leiden und die Fähigkeit, mit der Enttäuschung zu leben, auf vieles verzichten zu müssen, was für andere Menschen ganz normal ist. Aber ich bereue nichts. Ich hatte ein tolles Leben als Profi, habe viel gesehen und erlebt. Es war wunderbar.

Interview: Alexis Menuge

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