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Zlatan Ibrahimović: Ich

Zlatan Ibrahimović ist wieder beim AC Milan

Zlatan Ibrahimović ist eine Marke, kein Fußballstar. Weil er so gut funktioniert und als Sportler erfolgreich ist, funktioniert die Masche. Und sie hat großen Einfluss auf die neue Generation Fußballer und Fan.

Man kann jetzt hier anfangen, alle Geschichten zu erzählen, die über Zlatan Ibrahimović schon mal erzählt wurden. Die Geschichten über seine Begegnungen mit Pep Guardiola, den er so sehr verachtet wie Abstaubertore, die eigentlich seines nicht würdig sind. Ein Zlatan Ibrahimović schießt nur schöne und spektakuläre Tore, die weltweit zigfach viral, wie es heutzutage heißt, verbreitet werden.

Die Geschichte, wie er – in seinem Buch geschrieben – Louis van Gaal und dessen Bleistift zurückwies, als Zlatan selbst noch ein junger Hüpfer bei Ajax Amsterdam war. Wer van Gaal später erlebte, konnte sich das kaum vorstellen, dass sich der Niederländer dies gefallen ließ.

Die Geschichte über den Eiffelturm, den er durch seine Statue ersetzt haben wollte, um doch bei Paris Saint-Germain zu bleiben. Wobei Letzteres, wenn auch nicht klar als Witz gekennzeichnet, als solcher verstanden werden sollte. Wobei…

Bei Ibrahimović weiß man nie so genau. „95 Prozent sind aufgebauscht, zweieinhalb Prozent fast falsch und der Rest ist die Wahrheit“, sagte Ibrahimović mal über die unzähligen Episoden aus seinem Leben, die erzählt werden. Ob das mit der Statue ein Witz war oder nicht; dass man überhaupt kurz überlegt, wie es der Schwede genau gemeint haben könnte, ist der Beweis dafür, welches Image er über die Jahre nachhaltig aufgebaut hat.

Jede Aussage ist ein Teil des Plans

Als Ibrahimović 2018 nach Los Angeles wechselte, schaltete er in der auflagenstärksten Zeitung der Stadt, der Los Angeles Times, eine ganzseitige Anzeige. Dear Los Angeles, You’re welcome. Liebes Los Angeles, gern geschehen. Welch Gönnerhaftigkeit, dass Gott höchstpersönlich bei den Galaktischen spielen wird. Ach was, dass er überhaupt in die Stadt kommt und dort leben wird, schließlich sprach er ja die Stadt selbst an und nicht den Klub.

Ibrahimović baute über Jahre ein Image auf, das erst zur Masche und später zur Marke wurde. Wenn Zlatan drauf ist, ist auch Zlatan drin. Noch so jedes beliebige Interview, jede Publikation in den sozialen Medien, jeder Auftritt ist ein Teil des Plans und ist genau konzipiert. Eine gewöhnliche Aussage wird nicht getroffen, alles muss zum Image des bösen, stolzen und unschlagbaren Superstars passen.

Die besten Zlatan-Sprüche in der Galerie
Der Erfolg ist das Fundament der Masche

Und selbst bei Misserfolg wissen er und seine Crew, wie man es am besten so verkauft, dass Ibrahimović nicht mit Schaden aus der Sache herauskommt. Als er nach seiner sportlich erfolgreichen, aber wenig herausfordernden Zeit in der MLS seinen Abschied verkündete, sagte er in seiner Abschiedsverkündung, dass die Amerikaner doch jetzt wieder Baseball gucken können. US-Fußball wurde mit Zlatan erfunden, mit Zlatan wieder abgeschafft. Das ist die Message.

Weltweit genießen Zlatans Äußerungen große Aufmerksamkeit und auch wenn wir heutzutage in einer ausgeprägten Neid-Gesellschaft leben, viel Zustimmung. Liest man die Kommentare unter den Publikationen, wird er gefeiert wie ein Volksheld. Für jeden fiesen Spruch wird er gelobt. Doch die Masche funktioniert nur, weil Zlatan Ibrahimović auf dem Platz so außergewöhnlich erfolgreich ist. Die Anzahl seiner Tore übertrifft die Anzahl seiner Sprüche um ein Vielfaches. Er gehört zweifellos zu einem der besten Stürmer der Geschichte, dank seiner Tore feierte er mit seinen Klubs zahlreiche Titel, ganz zu schweigen von seinen persönlichen Titeln, die er serienmäßig sammelte. Die Klubs, für die er spielte, sind eine spezielle Auslese. Nur das Beste, in jedem Land, in dem er kickte.

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe #41: Hier klicken und nachbestellen
Milan wirft Konzept über Bord

Diese Erfolge sind das Fundament der zlatanischen Legendenbildung, sie waren und sind elementar für den Aufbau des „Ich“, der zentralen Figur des Zlatan-Universums. Sie hat eine so große Wirkungskraft, das selbst Klubs wie der AC Milan ein Heilmittel für die eigene Erfolgslosigkeit darin sehen. Italiens größter Klub verschrieb sich eigentlich einer Verjüngungskur, baute auf die Zukunft der Spieler anstatt auf ihre Vergangenheit. Der Prozess, der seit fast drei Jahren andauert, machte Milan in dieser Saison zum zweitjüngsten Team der Serie A. Doch eine sportliche Talfahrt später war die Idee dahin.

Während Juventus ohnehin seit Jahren das Nonplusultra der Serie A ist, der SSC Neapel sich zur Nummer zwei aufschwingt und sich Milan-Lokalrivale Inter unter Antonio Conte zur Maschine entwickelt, fällt Milan stark ab. Selbst Atalanta Bergamo ist längst vorbeigezogen, ganz zu schwiegen von den Römer Klubs. Man will wieder groß sein, aber mit der Idee, Ibrahimović zurückzuholen, sieht man, warum sie es – zumindest sportlich – nicht mehr sind. Anstatt auf den eingeschlagenen Kurs zu setzen, schmeißen sie alles über Bord.

Bitte noch einmal Europa

Dass mit Krzysztof Piątek (24), den man erst letztes Jahr aus Genua holte, ein vielversprechender Stürmer verheizt wird und inzwischen nach Berlin verscherbelt wurde, ist da fast der kleinste Schaden, der angerichtet wird. Dass Milan-Sportchef Zvonimir Boban, der inzwischen gegangen wurde, sagen musste, dass man von Zlatan nicht abhängig sein wird, ist fast noch schlimmer. Wahrscheinlich werden sie über kurz oder lang vom 38-Jährigen sogar abhängig.

Zlatan selbst kann es nur recht sein. Er findet eine sehr prominente Plattform, um sich der Welt weiter als Gottgestalt zu präsentieren. Als er sich entschieden hatte, Los Angeles und die MLS zu verlassen, um nach Europa zurückzukehren, war noch sehr fraglich, ob es einen Abnehmer für den alten und immer noch recht teuren Mann geben würde. Ibrahimović machte Napoli seine Aufwartung, bot sich bei Bologna-Trainer Siniša Mihajlović an. Auch mit Adriano Galliani, früher Chef beim AC Milan, jetzt Sportdirektor des Drittligisten Monza, sprach er. Dann rief der Ex-Klub der beiden bei Mino Raiola, Zlatans exzentrischem Berater, an und machte den Transfer fix. Nicht bis Saisonende, sondern noch ein weiteres Jahr dazu.

Zlatan findet Nachahmer

Schon am zweiten Tag nach der Unterschrift organisierte Milan kurzerhand ein Testspiel, um Zlatan eine schnelle Möglichkeit der Eingewöhnung zu geben. Die ersten Tore in der Serie A folgten dann auch schnell. Der Plan scheint – zumindest kurzfristig – aufzugehen. Ob Milan tatsächlich nur dank Zlatan den Titelkampf aufnimmt, ist mehr als fraglich, aber der Schwede selbst muss nicht mit dem Makel leben, die Karriere in einer Standfußball-Liga zu beenden, sondern bei einem – zumindest auf dem Papier – sehr großen Klub, dessen Name die Massen immer noch mobilisiert.

Diese Art und Weise der Karriereplanung bzw. des Wirkens hinterlässt Eindruck. Nicht nur bei Klubs, die von Ibrahimovićs Fähigkeiten profitieren wollen, sondern auch andere Spieler sind im Bann. In einer Zeit, in der Fußballspieler zu vermarkteten Produkten geworden sind, ist Zlatan das Premiumprodukt auf dem Markt. Er ist eine Inszenierung par excellence. Eine, die – wie bereits erwähnt – auf der anderen Seite Anklang findet.

Die Spitzenverdiener des Sports
Die Generation FIFA

Die Sportwelt hat eine FIFA-Generation herangezüchtet, die sehr auf Individuen fokussiert ist. Fragen Sie heute Sieben- bis Zwölfjährige nach ihren Lieblingsklubs, werden Sie vermehrt keine sofortige Antwort mehr bekommen. Dann fallen Namen wie Neymar, Mbappé, natürlich Messi oder Ronaldo. Und natürlich auch immer noch Zlatan. Fan von Klubs zu sein gerät allmählich außer Mode. Da, wo Ronaldo spielt, für den Klub ist man. Oder man ist nur für Ronaldo. Oder mehr Messi. Oder Zlatan.

Dass junge Spieler, die diese Entwicklung aus eigener Erfahrung miterleben, selbst einen ähnlichen Weg gehen wollen, überrascht nicht. Die Interviewführung von Dortmunds Neuzugang Erling Haaland sieht schon extrem nach Ibrahimović aus, die kurzen, frechen Antworten, die teils herablassenden Blicke, die Tonalität. Alles erinnert sehr an Zlatan. Die hochauflösenden Instagram-Fotos in Bling-Bling-Manier bei fast jedem Youngster ebenso. Schwächen zeigt ohnehin keiner mehr, stattdessen sehr viel „Not-In- My-House“-Kulturgut. Aufhalten wird man diese Entwicklung nicht mehr.

Auch Zlatan wird nach Ende seiner Karriere nicht damit aufhören, weiter den Helden zu spielen. Wer weiß, welche Türen ihm diese Masche noch öffnen wird. Warum keine Rolle in einem Actionfilm? Warum keine zweite Karriere als YouTube-Star oder Entertainer? Zlatan Ibrahimović hat viele Möglichkeiten. Nur eines ist klar, im Zentrum wird immer bleiben: sein Ich.

Fatih Demireli

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